REVIEWS

Achim Eschbach (ed.), 1988: Karl Bühler's Theory of Language. Proceedings of the Conferences Held at Kirchberg, August 26, 1984 and Essen, November 21-24, 1984. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins Publishing Company, xix, 433 pp.

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1934 erschien im Verlag von Gustav Fischer in Jena 'endlich' Karl Bühler’s sprachtheoretisches Hauptwerk "Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache". In den 20er und 30er Jahren hat Bühler eine Theorie der Sprache' öfters angekündigt (vgl. Bühler 1923, 294; Bühler 1927, 29 und Bühler 1933, 20), aber er hat offenbar so lange an dem Werk gefeilt - wenigstens an dessen
'Grundsätzen' -, daß eine Veröffentlichung erst 1934 erfolgen konnte. Die "Sprachtheorie" ist denn auch ein dichtes Werk trotz des scheinbar lockeren Vorlesungsstils; dies weist übrigens darauf hin, daß das Konzept einer 'Sprachtheorie' zum Teil in Vorlesungen und Vorlesungsreihen entwickelt worden ist (vgl. Fadrus 1959, 5 ff.) und Vorlesungsmanuskripte als Unterlagen der Sprachtheorie"
benutzt worden sind. Im Vorwerk der "Sprachtheorie" weist Bühler außerdem auf internationale Kontakte hin (Edward C. Tolman, Eino Kaila, u.a.) und auf Kontakte mit Mitarbeitern, die die interdisziplinäre und intersubjektive Gestalt(-ung) des Werks nicht nur gefordert, sondern erst ermöglicht haben:

"Meinen Mitarbeitern zu danken ist mir ein tief gefühltes Bedürfnis. Da das Buch auf ausgedehnten linguistischen Studien ruht, hatte ich es ohne sachverständige Mitarbeit nicht schreiben können" (Bühler 1934, xxix).

In diesem Sinne ist die "Sprachtheorie" eine kollektive Arbeit, nicht wie Ludwik Fleck (1896-1961) sie versteht: "(ein Werk) einer sozialen Einheit der Gemeinschaft der Wissenschaftler eines Faches" (Fleck 1935,xxv), sondern eins einer fachübergreifenden Gemeinschaft von Wissenschaftlern — Grundlagenforschern. Die "Sprachtheorie" ist trotzdem kein Sammelsurium von Ein- und Ausblicken sprachwissenschaftlicher Forschungen und Forschungsergebnisse, sogar kein sprachwissenschaftliches Werk; sie versucht vielmehr, einige wissenschaftstheoretische
Forschungsprinzipien (sprach-)psychologisch und logisch zu verifizieren, d.h.: das konkrete menschliche (Sprech-)Handeln — Bühlers eigentliches "Handwerk" ist ja die Psychologie — wird zum empirisch verifizierbaren Gegenstand wissenschaftsmethodologischer Fragestellungen. Das heißt nicht wie aus den 'ausgedehnten linguistischen Studien' hervorgeht, daß Bühler sich nicht auch mit der „Sprach“wissenschaft und mit „Sprach“Wissenschaftlern des 19. und 20. Jahrhunderts auseinandersetzt (u.a. spielen Berthold Delbrück, Wilhelm von Humboldt, Hermann Paul und Ferdinand de Saussure eine prominente Rolle in Bühlers Ausarbeitung der Forschungsprinzipien der Sprachwissenschaften). Bekanntlich hat Nikolai Trubetzkoys „Allgemeine Theorie phonologischer Vokalsysteme“ Bühler zur Entdeckung des zeichentheoretisch wichtigen 'Prinzips der abstraktiven Relevanz' geführt (siehe unten,
S. 370f.), und hat es gegenseitig stimulierende Diskussionen zwischen Bühler und den Mitgliedern des Prager Strukturalistenkreises (Jakobson, Trubetzkoy (!), Mukařovský, um nur einige zu nennen) gegeben (Bühler 1931).

 

Wie gesagt ist Bühlers "Sprachtheorie" kein sprachwissenschaftliches Werk, sondern eine logisch orientierte Reflexion auf die zeichentheoretischen (bei Bühler: sematologischen) Voraussetzungen (Grundsätze oder Prinzipien) des gesamten sinnvollen menschlichen Verhaltens — das  sprachliche Verhalten ist für Bühler 'lediglich' ein Beispiel, obwohl ein Beispiel par excellence, für dieses sinnvolle Verhalten (Bühler 1927, 51). Der Ausgangspunkt seiner Reflexionen ist der
methodologische Einstieg in die Voraussetzungsproblematik, die Aufarbeitung der Axiome und/oder der Axiomatik (als System) einer Wissenschaft. Dieser Einstieg hängt jeweils vom Wissenschaftsparadigma ab, das als konzeptuelle und methodologische Folie fungiert. Folglich wird sich der psychologische Grundlagenforscher vor allem für die Handlungskomponente (Bühler spricht von 'Handlungsaspekt') des gesamten menschlichen (Zeichen-)Verhaltens interessieren, der Soziologe für den Verkehrsaspekt und der Linguist für den Gebilde- oder Strukturcharakter (vgl. Bühler 1932, 96). Ein Musterbeispiel für die Entwicklung einer Axiomatik gibt Bühler 1927, 29-62 selbst, und zwar für die Grundsätze der Psychologie.

 

Es wäre naher zu untersuchen, ob Bühler in seiner  'wissenschaftsinternen' Axiomatik nicht eine diese 'beschrankte' Grundlagenforschung überschreitende logische Fundierung aller möglichen Verhaltenswissenschaften zu realisieren versuchte. Jede spezifisch wissenschaftliche Betrachtung des Bühlerschen Forschungsprojektes wäre dann auch als Aspektforschung (diese kann im Rahmen einer umfassenden Theorie — und nur in diesem Sinne — sinnvoll sein!) Oder als Reduzierung von Bühlers eigentlichem Forschungsprogramm zu betrachten.

 

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1984 "jährte sich die Publikation von Karl Bühlers Sprachtheorie zum fünfzigsten Male" (xix'); so Achim Eschbach, Mitherausgeber der Reihe "Viennese Heritage/Wiener Erbe", in der der vorliegende 2. Band "Karl Bühler's Theory of Language", herausgegeben von Achim Eschbach, Anfang 1988 erschien. Er enthält 25 Beiträge von international anerkannten Bühler-Spezialisten zu den unterschiedlichsten Forschungsbereichen in Bühlers Denk- und Lebensweg. Leider führt der Titel des Sammelbandes hier in die Irre. Denn nicht nur werden andere, nicht unbedingt sprachlich orientierte Aspekte aus Bühlers Leben, Werk und Wirken ausführlich dargestellt - wie üblich fallt auch hier das gestalt- und steuerungstheoretische Denken Bühlers aus der Zeit der Emigration unter den Tisch, wahrend man doch annehmen darf, daß hier eine Weiterentwicklung des 'Vorkriegsdenkens' vorliegt -, auch wird die paradigmatische Bestimmtheit des Sprachbegriffs, die Funktion der Sprache als besonderer Forschungsgegenstand "der" Soziologie, Psychologie, Linguistik usw. ausgeklammert. Außerdem bestätigt der Titel wiederum die vorherrschende Meinung, Bühler habe vor allem als Sprachtheoretiker Bedeutung erlangt. Dies ist um so bemerkenswerter, wenn der Herausgeber im Vorwort schreibt, daß die beiden Bühler-Konferenzen in Kirchberg am Wechsel und Essen, die zum vorliegenden Band Anlaß waren,

"sich zum Ziel setzten, das komplexe Bühlersche Theoriegebäude unter biographischer, sprachpsychologischer, -philosophischer, -soziologischer, linguistischer und semiotischer Perspektive zu rekonstruieren, um vor diesem Hintergrund interdisziplinäre Anschlußstellen und
mögliche Weiterentwicklungen des Bühlerschen Ansatzes ins Auge zu fassen" (xiii).

Um aber auf "Karl Bühler's Theory of Language" zurückzukommen: Der Sammelband ist in vier Teile gegliedert2, enthält sechs englischsprachige und neunzehn deutschsprachige Texte — der englische Titel wurde wohl aus marktwirtschaftlichen Gründen gewählt - nebst einem Vorwort des Herausgebers und elf Seiten mit Bildern von Konferenzteilnehmern. Zusammen mit den 1984 er-
schienenden zweibändigen "Bühler-Studien", auch herausgegeben von Achim Eschbach, und dem ebenfalls 1984 veröffentlichten Sammelband "Karl Bühlers Axiomatik. Fünfzig Jahre Axiomatik der Sprachwissenschaften", herausgegeben von Carl F. Graumann und Theo Herrmann, bildet dieses Werk ein wichtiges Dokument in der immer lebhafter werdenden Auseinandersetzung mit Karl Bühlers Leben, Werk und Wirken.

 

Eschbach weist auf einige Gründe für das wachsende Interesse am Denken und Leben Bühlers hin:

1. die Neubewertung von Bühlers Werk in Wissenschaftspolitik und -ideologie (xiv);

2. eine Aufbau- und Methodenkrise der Sprachwissenschaften [!] und eine daraus resultierende Möglichkeit grundlagenkritischer Reflexion aller mit Sprache befaßten Wissenschaften (xiv);

3. ein wissenschaftliches Interesse an der Psychologie und ihrer Entwicklung am Anfang dieses Jahrhunderts; ein Interesse an Wissenschaftsgeschichte im allgemeinen — d.h.: eine Rückkehr 'zu den Sachen [Texten, Briefen und anderen Dokumenten] selbst'. Diese Rückkehr nun ermöglicht erst "ein tieferes Verständnis des genuin Bühlerschen Ansatzes im Kontext seines zeitgenössischen Lebens- und Denkzusammenhanges [...]" (xv; Hervorhebung von mir - Ref. ».

Gerade diese Rekonstruktion des Bühlerschen 'Lebens- und Denkzusammenhanges' und der interdisziplinäre Charakter desselben finden wir in den meisten Beiträgen, auch den eher systematisch orientierten Beiträgen wieder3. Vor allem die (auto-)biographischen 'Mitteilungen' von Eckstein, Hetzer und Kardos im I. Teil und die vergleichenden Untersuchungen im IV. Teil (u.a. von Wetterstein, Kiesow, Knobeloch, Eschbach und Pléh) liefern wichtige Einblicke in die eigentlichen Leitmotive des Bühlerschen Denkens.

 

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Ein in der Bühler-Literatur aber kaum berücksichtigter Aspekt ist die 'logische Besessenheit' Bühlers — das Nachweisen von Strukturgesetzen, Denkzusammenhängen und logischen Prinzipien in den Einzelwissenschaften. Obwohl Bühler die empirische Forschung, vor allem ihre Ergebnisse, in der Theoriebildung für unumgänglich hielt, ging es ihm stets um den einen synthetischen Endgegenstand, z.B. um die strukturelle Einheit, das Ganze, der 'getrennt marschierenden' psychologischen Richtungen. In der Psychologie ging es Bühler also nicht um die
empirischen Gesetzmäßigkeiten, die die einzelnen experimentellen Psychologien (die Denkpsychologie, Gestaltpsychologie, Assoziationspsychologie, Psychoanalyse usw. (vgl. Bühler 1927, 1-28 über die "Charakteristik der Lage" der Psychologie in den 20er Jahren) zu beschreiben versuchten, sondern vielmehr um die 'Struktureinsichten', die als logische, d.h. objektive Gesetze das theoretische Gebäude der Psychologie bestimmen. Das heißt also, daß die Bühlersche 'Logik' sich auf die Strukturierung der Ergebnisse der Einzelforschung bezieht im Rahmen einer zu entwickelnden Einheitswissenschaft. Wenn Bühler 1927 drei Richtungen in der 'neueren' Psychologie unterscheidet, so geht es ihm um die Verhältnisse zwischen diesen drei Richtungen in einer Einheit, die von ihnen konstituiert wird:

"Zum Ausgangsgegenstand der Psychologie gehören also die Ergebnisse, das sinnvolle Benehmen der Lebewesen und ihre Korrelationen mit den Gebilden des objektiven Geistes. Zum philosophischen Problem wird dann die Frage, ob und zu welcher noch unbenannten Einheit diese drei Ausgangsgegenstände als konstitutive Momente gehören oder hinführen" (Bühler 1927, 29).

Die in dieser "Einheitswissenschaft" zu formulierenden logischen Prinzipien, deren Wesens- oder Strukturgesetze, hat Bühler exemplarisch nachzuweisen versucht in den ihm bekannten Wissenschaften (z.B. der Biologie, der Physiologie, der Kultur und der Sprache).

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Im Zusammenhang mit den logischen Interessen Bühlers ist vor allem der Beitrag von Kardos von Bedeutung. Er äußert sich, u.a. aufgrund seiner persönlichen Erinnerungen an Bühlers Logik-Vorlesungen in Wien (siehe unten), im besonderen zur Bedeutung der Logik für Bühlers wahrnehmungstheoretische Untersuchungen. In dieser farbwahrnehmungstheoretischen Logik der Forschung ging es Bühler um eine streng logische Begründung des so genannten 'Duplizitätsprinzips', daß er 1922, in "Die Erscheinungsweisen der Farben", ausgearbeitet hat. Dieses Prinzip besagt, daß es zwei (und nur zwei) Faktoren in der menschlichen Dingfarbwahrnehmung gibt, nämlich das "von der Dingoberfläche kommende Licht" (37) und "die zwischen uns und den Dingoberflächen befindlichen  Luft" (39). Diese farbwahrnehmungstheoretisch orientierte Logik — welche die "richtige [...] und totale [...] Reizgrundlage der Dingfarbwahrnehmung" (39) sei — ist ihrer Form nach in fast allen anderen Veröffentlichungen Bühlers nachzuweisen, wurde aber wie gesagt kaum berucksichtigt4. Zu
Bühlers persönlicher Beziehung zur Logik schreibt Kardos:

"Diese [logische - Ref.] 'Besessenheit', wenn ich es so nennen darf, versteht man erst, wenn man das Verhältnis Bühlers zur Logik kennen lernt. Ich erlaube mir hier, über ein persönliches Erlebnis zu berichten. Als Bühler an die Wiener Universität berufen wurde, gab es dort wie an vielen anderen deutschen Universitäten keinen gesonderten Lehrstuhl für Psychologie; Bühler erhielt eine der philosophischen Lehrkanzeln. Somit war es halbwegs seine Pflicht, Vorlesungen auch über persönliche Themen zu halten. Er wählte die Logik. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, daß diese die interessantesten und fesselndsten Vorlesungen waren, die ich je an einer Universität gehört habe. Bühler hat diesen scheinbar trockenen Gegenstand mit solcher Begeisterung an lebendigen Beispielen demonstriert und mit so beispielloser Klarheit dargestellt, daß er wahrhaftig ein unvergeßliches intellektuelles Erlebnis bot. Daß dies nicht bloß meine individuelle Beurteilung war, bewies die Tatsache, daß das Auditorium jedesmal voll besetzt war; viele fanden nicht einmal einen Sitzplatz".

Aufgrund dieser Äußerungen könnte man versucht sein, eine Ausgabe der Bühlerschen Logik-Vorlesungen, wenn schon so viele diesen beigewohnt haben, als wichtiges Desiderat der Bühler-Forschung zu betrachten — vorausgesetzt, diese Vorlesungen seien auffindbar. Dasselbe gelte aber nicht nur den Wiener Logik-Vorlesungen: auch in seiner Münchener Periode hat Bühler über Logik gelesen (Bühler 1972, 21). Bemerkenswert ist übrigens, daß bis jetzt noch keine Vorlesungen Bühlers bekannt sind, es sei denn, daß Bühler selbst — wie oben angenommen —
seine Vorlesungen in Buchveröffentlichungen und Zeitschriftartikeln verarbeitet hat — dennoch wird es Mitschriften gegeben haben; unwahrscheinlich ist, daß diese alle seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen sind (vgl. dazu den Bericht von Eschbach 1987, 162 ff.)).

In seinem (veröffentlichten) Werk hat sich Bühler öfters für eine logische Betrachtung, z.B. des Gegenstands der Phonologie, ausgesprochen. Die Phonologie ist keine psychologisch fundierte "Lehre von den 'Lautvorstellungen'" (Bühler 1931, 26), wie Trubetzkoy sie 1929 noch präsentiert hat, sondern ist vielmehr eine Lehre von Abhängigkeitsbeziehungen relevanter, d.i. bedeutungsunterscheidender Merkmale; diese Abhängigkeitsbeziehungen hatte bereits Edmund Husserl in der dritten "Logischen Untersuchung', 'Zur Lehre von den Ganzen und den Teilen', ausführlich analysiert; sie wurden u.a. Roman Jakobson zum Ausgangspunkt seiner Lehre von den 'distinktiven Merkmalen' (wohl auch im Anschluß an Trubetzkoy und Bühler). Das Bühlersche 'Prinzip der abstraktiven Relevanz' (vgl. dazu den Beitrag von Daneš, 193-201), das er Trubetzkoys phonologischem Systemansatz verdankt (Bühler 1933, 32 und Bühler 1934, 44 f.), dient nun der systematischen Darstellung der Phoneme, des Systems der kleinsten  bedeutungsunterscheidenden Elemente einer Sprache aufgrund bedeutungsunterscheidender Merk-
male (z.B. 'Helligkeit' und 'Sättigung'). Phoneme sind also systemgebundene und verschieden realisierbare abstrakte Momente einer Sprache, die von ihnen abhängige Momente konstituieren. Jeder raum-zeitliche(punktuelle) Laut (im allgemeinen: jedes konkrete Sprechereignis) erhalt seine Bedeutung aufgrund bestimmter realisierbarer abstrakter Momente und bestimmter nicht-realisierter Momente.

Diese (onto-)logische Thematik wird u. von Smith, 125-152, und Mulligan, 203-226, ausgearbeitet, u.a. anhand der grundlegenden Ausgangspunkte ihrer 1984 erschienenen Studie 'Truth-Makers' (vgl. Mulligan/Simons/Smith 1984), in der sie vor allem den Begriff 'moment' als ontologische (= reale) Wahrheitsbedingung von Aussagen thematisieren. Bühler 1932, 113, habe, so Mulligan (221), bereits den von Husserl stammenden Begriff 'Moment' prägnant dargestellt:

"[...] in jedem konkreten Sprechereignis [wird ...] etwas von der überindividuellen Struktur der Sprache, die der Linguist mit seinen wissenschaftlichen Mitteln erfaßt und bestimmt [, Phoneme und andere Sprachgebilde], 'realisiert' [.. .]. Das sinnlich Wahrnehmbare des konkreten Sprechereignisses wird vom Sprecher so produziert und gestaltet, vom Hörer so aufgefaßt und entgegengenommen, daß bestimmte Momente an diesem Konkretum dem ideellen Schema 'der' gegebenen Sprache, jenem Schema, welches der Linguist zeichnet, entsprechen. [... Dl er überindividuelle Charakter und Beruf der Sprache [ist] an die Erfüllung dieses Entsprechens innerhalb eines bald mehr bald minder breiten unschädlichen Variationsbereichs geknüpft."

Diese Theorie der Abhängigkeitsbeziehungen wird nun von Smith auch der Theorie der 'sozialen  Akte' von Adolf Reinach zugrundegelegt. Der Münchener Jurist und Phänomenologe Reinach hatte bereits 1913, also lange vor Austins "How to Do Things with Words" und Searles "Speech Acts", in einer phänomenologisch orientierten Studie - "Die apriorischen Grundlagen des bürgerlichen Rechts" — eine "Sprechakttheorie entwickelt, in der er den Handlungs- und Aktcharakter der Sprache und die Modifikationen von Sprechakten (u.a. die sogenannten 'Unglücksfälle') in den Mittelpunkt seiner Analyse der 'sozialen Akte' rückte. Nach Reinach handle es sich bei der Äußerung (dem Vollzug) eines sozialen Aktes, z.B. eines Versprechens, um die Herstellung eines konkreten gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisses zwischen einem, der verspricht und das Versprechen einlosen soll und einem, der das Versprechen entgegennimmt. Im Zusammenhang der Äußerung des Versprechens, als Handlung, heißt es: "wherever an action of promising occurs there occurs also an action of registering, [...] (Smith, 141):

"Social acts, then, involve 'activities of mind which do not merely find in words their accidental, supplement expression, but which come to expression in the act of speaking itself and of which it is characteristic that they announce themselves to another by means of this or some similar external appearance I...]’“ (ebda.)

Obwohl nun jeder soziale Akt ebenfalls eine innere ('self-directable' und 'internal') Dimension hat, tritt erst aufgrund des Aussprechens des Versprechens, dessen Realisierung, "'etwas Neues ein in die Welt. Es erwächst ein Anspruch auf der einen, eine Verbindlichkeit auf der anderen Seite'" (Burkhardt 1986, 19). Die Reinachsche Lehre der sozialen Akte bietet in der Perspektive von  Smith nicht nur eine wissenschaftshistorisch interessante Gelegenheit, die angelsächsische
Sprechakttheorie in ein prinzipiell anderes 'neues' Licht zu stellen — es sei hier auf die spezifisch Husserlsche Abhängigkeits-, Fundierungs- und Konstitutionsverhältnisse hingewiesen —, auch die sprechakt- und sprechhandlungstheoretischen Ansätze Bühlers und deren logische Voraussetzungen können in eine Tradition eingeordnet werden, aus der gerade diese Ansätze verständlich werden dürften. Mögliche konkrete Beziehungen von Bühler zur Münchener Tradition der Sprechakttheorie werden von Smith, 143-146 kurz angedeutet — Bühler kam ja 1913 mit Külpe nach München und lehrte dort bis zum Herbst 1918. Vor allem scheint Otto Selz hier eine wichtige Rolle gespielt zu haben — Selz war wie u.a. auch Johannes Daubert und Adolf Reinach Student bei Theodor Lipps (er promovierte 1909 mit einer Dissertation über "Die psychologische Erkenntnistheorie und das Transzendenzproblem") und hat, wie Reinach, in München Jura studiert. Weitere Hinweise auf Hermann Paul und Kontakte zu Phänomenologen wie Moritz Geiger und Alexander Pfänder werden angedeutet, müssen aber vorläufig offen bleiben.

 

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Die anderen Beiträge zu "Karl Bühler's Theory of Language" sind, auch wenn der Ref. sich auf die eher logisch orientierten beschränkt hat, nicht weniger bedeutend für die weitere Bühler-Forschung. Aus wissenschaftshistorischer Sicht können hier z.B. die wichtigen Beiträge von Hetzer und Ash genannt werden. Hetzer beschäftigt sich mit der Methodendiskussion in der Psychologie der 20er Jahre und Bühlers Bemühungen um den Aufbau einer Axiomatik der Psychologie; Ash berichtet über die institutionelle Situation der experimentellen Psychologie im deutschsprachigen Raum, über die Etablierung der experimentellen Psychologie in Wien und die Rolle Karl Bühlers im Auf- und Ausbau des Wiener Psychologischen Instituts; außerdem wird eine hervorragend dokumentierte Darstellung des (wissenschafts-)politischen und pädagogischen Rahmens dieses Instituts gegeben. Die Forschungsansätze, die in den Beiträgen von Wettersten, Kiesow, Knobeloch, Eschbach und Pléh gegeben sind, werden weitere Studien im Bereich des Bühlerschen Forschungskontextes anregen. Vor allem die Bedeutung Külpes für Bühlers Forschungsweg und die 'methodologischen' Unterschiede zwischen Külpe und Bühler, auf die Wettersten recht ausführlich eingeht, können nicht genug hervorgehoben werden. Dasselbe gilt für Richard Gätschenbergers Zeichenlehre (Knobeloch) und Heinrich Gomperz' Semasiologie (Kiesow), auf die Bühler 1934, 40 ff., in der Bestimmung des wichtigen 'Prinzips der abstraktiven Relevanz' naher eingeht. Sachliche und persönliche Beziehungen zwischen Wittgenstein, Vygotsky (dessen Schrift zur historischen Bedeutung der Krise der Psychologie) und Bühler werden von Eschbach respektive Pléh dargestellt. Eine Würdigung der Beiträge zu Bühlers 'Zeigfeld der Sprache', zur Deixis also, die den dritten Teil des Bandes ausmachen, würde den Rahmen einer Rezension sprengen, und würde eine igenständige Arbeit verlangen. Daß dieses Thema in Bühlers Denken unumgänglich ist, zeigt sich in dem Aufbau der Axiomatik der Psychologie (Bühler 1927, 50 f.), in dem Bühler die "gemeinsame Wahrnehmungssituation" zum Ausgangspunkt gewählt hat.

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Wie gesagt, bedarf aber eine gebührende Würdigung aller Aspekte des vorliegenden Bandes einer selbständigen Veröffentlichung. Außerdem übersteigt die Breite und die Vielfalt der Themen, Anregungen und naher auszuarbeitenden Hypothesen die Kompetenz eines 'einsamen Referenten'. Klar ist auf jeden Fall, daß es sich hier um ein wichtiges, wenn nicht unumgängliches Werk in der neueren Bühler-Forschung handelt, nicht nur für den an Bühler interessierten Wissenschaftler, sondern für alle, die an der Entwicklung der Psychologie, Philosophie und Sprachwissenschaften als akademische Wissenschaftstraditionen (vgl. dazu vor allem den wissenschaftspolitisch erhellenden Beitrag von Ash, 303 ff.) interessiert sind.

 

Anmerkungen

* Der Referent dankt Prof. Dr. W. Herrlitz (Utrecht) für stilistische und inhaltliche Verbesserungsvorschläge. Diese Rezension entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts in der Arbeitsgemeinschaft für Geschichte der Linguistik der Niederländischen Organisation für wissenschaftliche Forschung (NWO).

1 Die in Klammern stehenden römischen und arabischen Ziffern (eventuell mit dem Namen des
Verfassers) stehen, wenn nicht anders verzeichnet, für Seitenzahlen des vorliegenden Bandes.

2 Diese Gliederung wird vom Herausgeber nicht begründet, obwohl sie doch motiviert sein
dürfte. Eine 'sachliche' Motivierung wäre z.B.:

I. Beiträge und Zeugnisse von Studenten, Assistenten und Mitarbeitern Karl Bühlers in Wien: 1) Rudolf Ekstein: 'Karl Bühler's Sprachtheorie in psychoanalytic perspective: from monologue to dialogue to pluralogue' (13 pp.); 2) Hildegard Hetzer: "Karl Bühlers Anteil an der kinder- und jugendpsychologischen Forschung im Wiener Institut' (16 pp.); 3) Lajos Kardos:  Bühlers 'mißlungene' Theorie der Farbenkonstanz' (9 pp.).

II. Allgemeine und spezifische Untersuchungen zu Bühlers Sprachtheorie und zu Beziehungen der 'Sprachtheorie' zu Nachbardisziplinen {vor allem Psychologie und Philosophie): 4) Hermann Olberg: 'Ein unveröffentlichtes Manuskript von Hermann Ammann über Karl Bühler' (8 pp.); 5) Hermann Ammann: "Die drei Sinndimensionen der Sprache. Ein kritisches Referat über die Sprachtheorie Karl Bühlers' (24 pp.); 6) Robert E. Innis: The thread of subjectivity: philosophical remarks on Bühler's language theory' (30 pp.); 7) Carl F. Graumann: "Aspektmodell und Organonmodell. Die Problematik des Verhältnisses zwischen Sprachwissenschaft und Psychologie bei Karl Bühler' (18 pp.); 8) Barry Smith: 'Materials towards a history of speech act theory' (28 pp.); 9) Hanspeter Ortner: 'Bühler und die Syntaxforschung: Konsequenzen aus einer Axiomatik' (20 pp.); 10) Herbert E. Brekle: ‚Bühlers "Gesetz der Abdeckung" — ein Ansatz für eine dynamische Stereotypsemantik' (10 pp.); 11) Klaus Heger: 'Karl Bühlers Sprachtheorie und die Sprachwissenschaft der letzten
fünfzig Jahre' (9 pp.); 12) Frantisek Daneš: Voraussetzungen und Konsequenzen von Bühlers Prinzip der abstraktiven Relevanz' (9 pp.); 13) Kevin Mulligan: 'On Structure: Bühler's linguistic and psychological examples' (24 pp.).

III. Beiträge zu und Erweiterungen von Bühlers deiktischen Studien (hier gibt es thematisch Überlappungen mit II. vor allem bei SchnelIe (14) und Cattaruzza Derossi (17): 14) Helmut Schnelle: 'Von der situationsgebundenen zur situationsentbundenen Rede', (9 pp.); 15) Maria-Elisabeth Conte: 'Zeigzeichen' (17 pp.); 16) Jürgen Weissenborn: 'Von der demonstratio ad oculos zur Deixis am Phantasma' (20 pp.); 17) Serena Cattaruzza Derossi: 'Tausend und eine Nacht: Rötelstriche und Eigennamen' (9 pp.); 18) Axel Bühler: 'Karl Bühlers Theorie der Deixis' (13pp.).

IV. Beiträge zum wissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Umfeld: zu Lehrern, Kollegen, Zeitgenossen und 'symphilosophierenden' Wissenschaftlern: 19) Mitchell G. Ash: 'Die Entwicklung des Wiener Psychologischen Instituts 1922-1938' (23 pp.); 20) John Wettersten: 'Külpe, Bühler, Popper' (21 pp.); 21) Karl-Friedrich Kiesow: 'Aussageinhalt bei Gomperz, Bühler und Popper' (19 pp.); 22) Heinz Knobeloch: '"Sprachabfalle und Wortgesindel". Zur
Sprachkritik Richard Gätschenbergers' (15 pp.); 23) Achim Eschbach: 'Karl Bühler und Ludwig Wittgenstein' (22 pp.); 24) Csaba Pléh: 'Two conceptions on the crisis of psychology: Vygotsky and Bühler' (7 pp.); 25) Clemens Knobloch: 'Die Bedeutung von Bühlers 'Axiomatik' für die Psycholinguistik' (19 pp.).

3. Leider fehlt auch hier - das gleiche gilt für Graumann/Herrmann 1984 — das für Wissenschaftshistoriker so wichtige Namensregister; für ein derart wichtiges Werk ist ein solches einfach unentbehrlich.

4.Diese strenge Logik finden wir z.B. auch in "Die Krise der Psychologie", wo es auf S. 57f. im Zusammenhang mit der Ableitung der drei psychologischen Aspekt Aspekte — Erlebnis, Benehmen und Werk — aus den Aufgaben und Untersuchungsmitteln der Psychologie heißt:

"Die vorgelegte Deduktion ist formal, logisch betrachtet, in Syllogismus mit Obersatz, Untersatz und Konklusio. Der Obersatz stellt fest, daß alle drei Aspekte zur Begründung einer Theorie der Sprache notwendig sind. Der Untersatz subsumiert das Phänomen der Sprache unter die Gegenstände der Psychologie. Woraus dann zu schließen ist, daß einiges, was zur Psychologie gehört, die drei Aspekte fordert."

Graumann, 107 ff., versucht dagegen in seinen Reflexionen zum Verhältnis zwischen Linguistik und Psychologie bei Bühler herauszufinden, ob dessen

"Versuch, der Psychologie aus der von ihm selbst rekonstruierten Krise mit den Mitteln der Sprachtheorie zu helfen, deswegen scheitern mußte, weil er zwischen dem die Psychologie abbildenden Organon-Modell der Sprache eine Parallelität konstruierte, die sich bei genauerer Prüfung nicht halten läßt."

Graumanns Kritik betrifft vor allem das Problem, wie "regelartige Gebilde denn nun genauer in einzelnen Akten 'realisiert' werden" (122) und führt dies darauf zurück, daß die Psychologie bis jetzt noch nicht über eine Theorie des Handelns verfügt, "die in befriedigender Weise die Gebilde berücksichtigt, die als Bedingungen wie als Konsequenzen des Handelns von psychologischem Interesse sind" (ebd.), wie eigentlich das Umgekehrte galt für die Sprache!


 

 

 

Bibliographie

Bühler, Karl, 1923: „Über den Begriff der sprachlichen Darstellung“. Psychologische Forschung 3,
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Bühler, Karl, 1927: Die Krise der Psychologie. Frankfurt/M., 21929, 1978.

Bühler, Karl, 1931: Phonetik und Phonologie. Travaux du Cercle Linguistique de Prague 4,
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Bühler, Karl, 1932: „Das Ganze der Sprachtheorie, ihr Aufbau und ihre Teile“. In: Kafka, G. (ed.): Bericht über den XII. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Jena, 95-122.

Bühler, Karl, 1933: „Die Axiomatik der Sprachwissenschaften“. Kant-Studien 38, 19-90.

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Graumann, Carl F., Theo Hermann (eds.), 1984: Karl Bühlers Axiomatik. Fünfzig Jahre Axiomatik der Sprachwissenschaften. Frankfurt/M.

Mulligan, Kevin, Peter Simons, Barry Smith, 1984: „Truth-Makers“. Philosophy and Phenomenological Research 44, 287-321.

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