“Karl Bühlers Sprachtheorie aus linguistischer Sicht”

 

 

Dr. Frank Vonk

HAN University of Professional Education

Faculty of Economics and Management

Arnhem, the Netherlands

 

 

Abstract

In seiner Sprachtheorie (1934) bietet Karl Bühler dem Leser eine systematische Erörterung seiner immer wieder anders gestalteten Leitfäden der Sprachforschung. Es geht ihm um die wissenschaftstheoretische Darlegung von Leit- oder Hauptsätzen, die jeder Sprachforschung zugrunde liegen. Selbstverständlich muss Bühler Beweise dafür erbringen, dass sein Verfahren ein fruchtbares ist, das dem Phänomen der Sprache gerecht wird. Die abstraktiv verschiedenen Beziehungen zwischen der menschlichen Wirklichkeitsauffassung einerseits und ihrer sprachtheoretischen Erfassung andererseits führen den an Sprache interessierten Psychologen und Philosophen Bühler zu Erkenntnissen, die sowohl den damaligen als auch den heutigen Sprachforschern in Fragen der Methodologie und der Gegenstandsbestimmung der Linguistik neue Einsichten bieten. Auf diese Problematik möchte ich anhand der zwischen 1918 und 1938 veröffentlichten Texte näher eingehen. Außerdem geht es mir darum, die Rolle der damaligen linguistischen Erkenntnisse (vor allem der Phonologie) und der psychologischen Theoriegebäude, die ein diffuses aber konzeptuell und methodologisch wichtiges Modell für Bühlers sprachtheoretisches Verfahren bildeten, im Umriss vorzulegen und zu diskutieren.

 

1.         Einleitung

 

Eigentlich ist die Aufgabe, die Bühler sich in seinen sprachtheoretischen Untersuchungen gestellt hat recht einfach. Das Ziel geht aus seinem Umriss der Sprachtheorie im Kongressbeitrag zum XII. Psychologiekongress 1931 in Hamburg hervor:  „Auf der ganzen Linie ist eine  erneute und vertiefte theoretische Besinnung auf den Gegenstand und die Prinzipien der Sprachforschung in Gang gebracht [...], wenn ich mich nicht täusche“  (Bühler 1932, 95). Was er also erreichen möchte, ist eine fachübergreifende, theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Sprache. Dazu sind zu diesem Psychologenkongress nicht nur Psychologen, sondern auch Soziologen und Sprachwissenschaftler eingeladen worden, um sich zu den theoretischen Grundlagen des sprachlichen Zeichengebrauchs zu äußern.

So einfach wie dies sich auch anhören lässt, so lang und schwierig war der Weg, den Bühler gegangen ist, bis er 1934 seine Sprachtheorie, in der er seine Erkenntnisse im Bereich der Grundlagen der Sprachforschung systematisch dargestellt hat, veröffentlichte. Und dann noch: aus dem Nachlass Bühlers, der sich unter anderem im Besitz des Grazer Forschungsinstituts für österreichische Philosophie befindet und aus den zwischen 1934 und 1938 veröffentlichten Aufsätzen geht hervor, dass ihm immer wieder neue Anordnungen der Prinzipien der Sprachforschung vor Augen gestanden haben als die, die er in der Sprachtheorie veröffentlicht hat. Auch in den veröffentlichten Werken in den Jahren, die er gezwungenermaßen in Amerika verbrachte, also ab 1939, zeigt sich eine Akzentverschiebung, die man zwar, wie verschiedene Bühler-Interpreten nachgewiesen haben, auf die Probleme während seines Amerika-Aufenthalts zurückführen kann,[1] die aber auch auf Ansätze in der Vorkriegszeit, zum Beispiel in Die Krise der Psychologie (1927) und auf die Aufsätze zu den verschiedenen Hauptsätzen der Sprachtheorie  zurückzuführen sind. So gibt es in der Zeit nach der Sprachtheorie  eine Verschiebung des Interesses auf das dritte Axiom der Sprachtheorie („Sprechhandlung und Sprachwerk; Sprechakt und Sprachgebilde“) und werden „Hauptsätze“, also abgeleitete Befunde aus der Axiomatik, ausführlich dargestellt. Diese Darstellung bedeutet aber auch eine „Neuordnung“ der Axiomatik. So geht es Bühler 1937 im 3. Hauptsatz um den Sprechverkehr, dem in der Sprachtheorie kein eigenständiges Axiom eingeräumt wurde, sondern aus den einzelnen Axiomen herausgelesen werden könnte. 1937/38 integriert er einzelne Axiome in Hauptsätze, die er dann später aus wissenschaftstheoretischen Gründen wieder als einzelne Axiome darstellt (vgl. im Ansatz Ueda o.J. und ausführlich Eschbach 1984).  Man vergleich folgendes Zitat:

 

Ich kenne vier Hauptsätze der Sprachtheorie. Mit den Funktionen der Sprechhandlung (la parole) befasst sich der erste, das Organonmodell der Sprache; mit dem Aufbau der Sprachgebilde (la langue) befasst sich der zweite Hauptsatz, das Strukturmodell der Sprache. Das Begriffspaar Funktion und Bau ist der Wissenschaft vertraut und bedarf hier keiner Erklärung.

Der dritte Hauptsatz behandelt den Sprechverkehr und der vierte das Sprachwerk. Dies neue Begriffspaar (Spr[ech].-V[erkehr]. u[nd]. Spr[ach].-W[erk].) bietet sich in dem Augenblick, wo man die Frage nach den wichtigsten Verwendungsarten der Sprache erhebt.                       (Bühler 1938, 196)

 

Bühler unterscheidet hier also Funktionen und Strukturen von Sprache einerseits und Sprachgebrauch anderseits. Die Zweifelderlehre, die in der Sprachtheorie  aus dem Strukturmodell, das heißt aus der Darstellung von Wort und Satz, hervorging, wird im Sprechverkehr als wesentliches Moment der „Kommunikation“, der sprachlichen Vermittlung von Bedeutung, betrachtet. [2]

„Zeigen“ und „Symbolisieren“ sind nach Bühler „zwei engverflochtene Grundprozesse, die man unterscheiden und auseinander halten muss, um die Dinge zu begreifen“ (Bühler 1938, 196). Das heißt, dass das Darstellungsproblem der Sprachtheorie erst in der Analyse von Sprachgebrauchsprozessen und nicht in den Induktionsideen der Sprachforschung gelöst werden kann. Wie Sprache vermittelt und verstanden wird, setzt eine „andere“ Axiomatik voraus und eine genauere, detailliertere Betrachtung von Mitteilungsvorgängen zwischen Menschen als psychophysischen Systemen. Eine eingehendere Betrachtung von Sprechhandlungen, die nach Bühler Thema der Psychologie sind, könnte und müsste zu dieser anderen Axiomatik führen. Die Sprachrealität und ihre sematologische oder zeichentheoretische Bestimmung geht von individuellen Sprechhandlungen aus, die als solche die Mehrdimensionalität und Mehrstufigkeit des Sprechvorgangs in sich vereinen (vgl. Bühler 1934, 33). Das Prinzip der abstraktiven Relevanz ermöglicht es dem Sprachforscher genauso wie dem Sprachgebraucher, eben die Aspekte hervorzuheben, die ein Verstehen der Spracherzeugnisse ermöglichen. Man vergleiche in diesem Zusammenhang die Darstellung von Knobloch und Schallenberger:

 

Zum sprachlich-kommunikativen Problemlösen aus dem Augenblick heraus (Praxis) kommen dann im entfalteten Sprechen weitere Steuergrößen hinzu, z.B. der Werk- und Gebildeaspekt, dem auf der Ebene der Handlungsorganisation eine  Verschiebung der Steuerinstanz von der praktischen Situation hin zum vorweggenommenen Resultat der sprachlichen Handlung entspricht, das ‚schon prospektiv die Betätigung am Material zu steuern beginnt’ (Bühler 1934, 53). Das Programm der Sprachtheorie fasst den Darstellungsaspekt konsequent aktional und problematisiert daher die Sprechererfahrung, wonach sich bei ‚entbundenen’ Sätzen der Darstellungswert von der Handlung abzulösen und den Sprachgebilden selbst innezuwohnen scheint.                                 (Knobloch/Schallenberger 1993, 84)

 

Es handelt sich bei Bühler immer um eine Sprach- oder Sprechpraxis, in der bestimmte Steuerungsmechanismen die Darstellungsebene bestimmen. So treten beim Verstehen von Onomatopöien oder lautmalenden Ausdrücken andere Mechanismen auf als bei mathematischen oder literarischen Sätzen. Der „aktionale Darstellungsaspekt“ setzt also ‚zeigen’ und ‚symbolisieren’ als „Vorgänge“ voraus, die Gegenwärtiges und Nichtgegenwärtiges auf jeweils unterschiedliche Weisen, auf unterschiedlichen Darstellungsstufen und mit unterschiedlichen Mitteln bereit stellen. So ist das Zeigen beim Hinweis auf die rote Ampel vor mir als Zeichen ausreichend um dem Fahrer deutlich zu machen, dass er halten soll (demonstratio ad oculos), das Symbolisieren setzt Sprachzeichen voraus, die zum Beispiel einen Unfall vor Augen führen können (Deixis am Phantasma) oder aus dem Satzzusammenhang eine Ableitung der Bedeutung von Begriffen ermöglichen (Anaphora) wie die Reihenfolge im Englischen bestimmt welche Bedeutung parents, love, children hat („children love parents“ oder „parents love children“) .

 

2.         Bühlers Sprachtheorie

 

Wie nun ist Bühlers sprachtheoretisches Interesse und sein Bemühen, die Probleme in der Grundlagenforschung in den Sprachwissenschaften zu lösen, zu erklären? Ob er überhaupt daran dachte, auf aktuelle Fragen der Linguistik einzugehen, bezweifle ich. Er hat für seine Sprachtheorie in den Werkstätten der Linguisten geblickt und sich herausgenommen, was seine „Theorie“ unterstützte und damit natürlich den empirischen Gehalt seiner Theorie sichergestellt. In der Einleitung zur Axiomatik in der Sprachtheorie sieht er mit dieser Axiomatik zwei Aufgaben erfüllt: die Bestimmung der spezifisch linguistischen Beobachtungsdaten – damit meint er vor allem die Forschungsmethoden und Forschungsgegenstände der Phonologie, Lexikologie und Syntax – und der systematische Nachweis der „höchsten regulativen Forschungsideen“ (Bühler 1934, 12). Diese Ideen und Beobachtungsdaten gab es aber bereits in den einzelnen Aufsätzen, die Bühler ab 1918 etwa zur Sprache und Sprachtheorie veröffentlicht hat. Das hieße dann in diesem Fall, dass der Systemzwang Bühlers, die höchsten regulativen Forschungsideen mit den konkreten Beobachtungsdaten in Zusammenhang zu bringen, bereits mehr oder weniger festlag. Bühler äußert sich zu den einzelnen sprachwissenschaftlichen Tätigkeiten und Forschungsgegenstände aus der Sicht der Philologen (das Verstehen von klassischen Texten und Schriften), Phonetiker (die physische Seite der Sprachlaute), Phonologen, der Grammatiker und der vergleichenden oder allgemeinen Sprachwissenschaft (der Zeichencharakter der Sprache und ihre historische Entwicklung).

Zunächst ist einmal festzuhalten, dass Bühler vor allem interessiert war an den theoretischen Grundlagen der Geisteswissenschaften. Die empirische Psychologie eines Wundt zum Beispiel lag ihm fern, obwohl er in der Werkstätte der Psychologen viel herumgekommen ist, sich aber vor allem auf die sogenannten „höhere Denkvorgänge“ spezialisiert hat. Sein eigentliches Interesse galt dem Intellekt, dem Denken, der Sprache, kurz: der objektivierten Kulturleistungen des Menschen.[3] Dies geht aus seinen denk-, entwicklungspsychologischen, allgemein psychologischen und sprachtheoretischen Veröffentlichungen deutlich hervor. Er benutzt zwar empirische Forschungsergebnisse, diese aber dienen vor allem der Unterstützung seiner sprachtheoretisch und psychologisch motivierten Systemansätze. Das heißt zum Beispiel, dass er sich, wie Hetzer (1984, 18f.) es beschreibt, kaum um die alltäglich Praxis im Wiener Institut kümmerte. Nach Hetzer bemühte sich Bühler vor allem um „die Sicherung der Psychologie als eine exakte Wissenschaft nach dem Vorbild der Naturwissenschaften“ (Hetzer 1988, 19), obwohl seine theoretischen Einsichten, zum Beispiel zur geistigen Entwicklung des Kindes, die empirischen Studien in Wien wesentlich beeinflusst haben, auch wenn von der psychologischen Methodologie her, große Unterschiede zwischen dem eher geisteswissenschaftlich motivierten Ansatz Bühlers und dem behavioristisch gefärbten Vorgehen im Wiener Institut bestanden.

 Bühler hat sich vor der Emigration eigentlich immer kritisch über den Behaviorismus als psychologische Methode geäußert, wenn es um menschliches Verhalten geht. Im Bereich der Tierpsychologie, also bei der Psychologie des äußeren Verhaltens, könnte er seinen Nutzen haben (vgl. Bühler 1927, § 3). Aber jede Psychologie, die den Funktionszusammenhang der methodologischen Verfahren einseitig auf äußeres Verhalten, inneres Erleben oder objektives Werk reduziert, trägt nur Verstümmeltes bei zur Entwicklung der Psychologie. Methodenvielfalt ist also ihr eigentliches Ziel:

 

Zu Karl Bühlers entscheidender Erfahrung gehörte auch die Einsicht, daß es bei der Erfassung des Psychischen keinesfalls nur auf die inhaltlichen Elemente wie Empfindung, Vorstellung, sinnliche Gefühle u.a. ankam, sondern auch aus die Funktion, ‚die Art und Weise, wie der psychische Organismus arbeitet’ (Stumpf, zit. von Karl Bühler, 1927: 14).                                                                                                         (Hetzer 1988, 19f.)

 

Bühler kam es nicht in erster Linie auf die Gegenstände der psychologischen Forschung an, sondern auf den Zusammenhang psychischer Funktionen und die Beschreibung dieser Funktionen auf einer Meta-Ebene. Die Betonung der psychischen Funktionen heißt auch eine Betonung der aktiven, tätigen Seite des psychischen Apparates. Dass hier, im Sinne Kants, mehr im Spiel ist als nur die Anschauungen, die unsere Begriffsbildung steuern, mag daraus hervorgehen. Kants Spontaneität des Verstands, der Vorstellungen selbst hervorbringen kann, Anschauliches begrifflich erfassen kann, ist eine Einsicht, die in Bühlers Werk immer wieder auftaucht. Die Funktionalität des Psychischen wie Bühler sie verstand, hat bereits Carl Stumpf (1848-1936) in seiner programmatischen Schrift von 1906 dargestellt:

 

Als psychische Funktionen (Akte, Zustände. Erlebnisse) bezeichnen wir das Bemerken von Erscheinungen und ihren Verhältnissen, das Zusammenfassen von Erscheinungen zu Komplexen, die Begriffsbildung, das Auffassen und Urteilen, die Gemütsbewegungen, das Begehren und Wollen. [....]. ‚Funktion’ ist also hier nicht im Sinn einer durch einen Vorgang erzielten Folge verstanden, so wie man etwa die Blutzirkulation als Funktion der Herzbewegung bezeichnet: sondern im Sinne der Tätigkeit, des Vorganges oder Erlebnisses selbst, so wie die Herzkontraktion selbst als eine organische Funktion bezeichnet wird.

(Stumpf 1906: 105f.)

 

Für Bühler, der sich intensiv mit den philosophischen Begriffen und Theorie-Ansätze der Brentano-Schule  (Brentano, Husserl, Marty, Stumpf, Von Ehrenfels und Meinong; vgl. die Korrespondenz mit Meinong in Vonk 1992, 273-292) auseinandergesetzt hat, war diese Ansicht Stumpfs – bei dem er 1905 ein halbes Jahr studiert haben sollte – eine willkommene Unterstützung seines Funktionsmodells der Sprache. Nicht nur ist die Gleichzeitigkeit der drei Sprachfunktionen mit linguistischen Gebilden gegeben, sondern auch im konkreten Sprechereignis, wo Zeig- und Symbolfeld zusammen Ausdruck (Kundgabe), Auslösung (Kundnahme) und Darstellung ermöglichen. Diese Mehrseitigkeit ist also nicht logisch aus Sprachzeichen abzuleiten, sondern ist bereits im Sprachzeichen auf verschiedenen Abstraktionsstufen enthalten.

            Die Bedeutung der Ansichten der Brentano-Schule nun bestand darin, dass die Psyche des erkennenden Subjekts nicht nur durch schwer zugängliche innere Vorgänge bestimmt wird – die man sich eigentlich nur durch Introspektion vergegenwärtigen kann --, sondern immer auf einen aktimmanenten Gegenstand oder Sachverhalt bezogen ist. daraus kann man schließen, dass die psychischen Vorgänge immer von objektiven, sinnlich oder sprachlich erfassbaren Nebenerscheinungen begleitet werden und folglich einen wissenschaftlichen Status erhalten. Die immanenten Objekte oder Sachverhalte sind nicht extensional, sondern denk-, vorstellungs- oder urteilsabhängig. In diesem Sinne ist auch das Prinzip der abstraktiven Relevanz, auf das noch näher eingegangen wird, die Bindung von Sprachzeichen an einen Funktionszusammenhang, bei Bühler nicht nur als Ergebnis seiner Phonologiestudien Ende der 1920er Jahre zu verstehen, sondern auch und vor allem als Ergebnis seines phänomenologisch geschulten Blickes; wenn ich sein Verfahren so charakterisieren darf. Ich verlasse mich dabei auf die Einleitung zur Axiomatik, in dem es zum Verfahren heißt:

 

Man kann sich, [...], den Inbegriff dessen, was die Sinne  der Sprachforscher zu rühren vermag, als den Ausgangsgegenstand der Linguistik bezeichnen. Selbstverständlich wird nur ein verschwindendes Minimum von all dem, was beobachtet werden könnte, im Interesse der Sprachforschung auch wirklich beobachtet und geht in die Protokollsätze der Linguistik ein. Denn darin sind alle Erfahrungswissenschaften einander gleich, daß jede von ihnen einen Ausgangsgegenstand, der unerschöpflich reich ist an bestimmbaren konkreten Daten, zum Vorwurf nimmt und aus dem Meere dieses Reichtums wie mit einem Löffel nur geeignete Proben schöpft, um sie allein der subtilen wissenschaftlichen Bestimmung und Analyse zuzuführen.

(Bühler 1934, 15f.)

 

Der Sprachtheoretiker bestimmt also selbst, was er als geeignete Probe für die wissenschaftliche Bestimmung braucht. Damit wird natürlich das Induktionsproblem der empirischen Wissenschaften zum teil umgangen: was sich in der Linguistik als regulative „Forschungsidee“ bewährt hat. Das sind natürlich für Phonologen und Phonetiker unterschiedliche Aspekte am Sprachzeichen. Jenen geht es um den Zeichencharakter der Laute und deren Bedeutungszusammenhang (das Lautsystem einer bestimmten Sprache), diesen um die physischen Merkmale der Einzellaute und ihrer Realisierungen in Sprachäußerungen..

 

3.         Gegenstand und Prinzipien der Sprachforschung. Linguistische und psychologische Erkenntnisse

 

Um die Gedanken um den Zeichencharakter der Sprache, wie sie zum Beispiel in der Phonologie zum Ausdruck kommt, weiter zu spinnen, kann man sich fragen, worin nun die zeichentheoretische Besinnung Bühlers auf die Prinzipien der Sprachforschung besteht? In immer wieder neuen Ordnungsversuchen hat Bühler versucht, diesen Prinzipien gerecht zu werden. Wie ist er dabei vorgegangen? Wie ist es ihm also gelungen, eine „Axiomatik der Sprachwissenschaften “ aufzubauen, die als Leitfaden für die Erforschung der Sprachphänomene dienen kann?

Hier muss man bereits zweierlei im Auge behalten. Zuerst das Verfahren, das Vorgehen der Sprachwissenschaftler selbst, und zweitens die Hervorhebung entscheidender Begriffe und Einsichten dieser Sprachwissenschaftler. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass Bühler sich vor allem auf Erkenntnisse von Sprachtheoretikern und Sprachphilosophen wie beispielsweise Ferdinand de Saussure (1857-1913) und Wilhelm von Humboldt (1767-1835), um nur zwei zu nennen, bezieht und weniger auf die konkrete empirische Sprachforschung, die es zu der Zeit auch in den unterschiedlichsten Gegenstandsbereichen gab (Grammatik, gesprochene Sprache, Sprachvergleich, Morphologie, Phonologie usw.).  Das heißt übrigens nicht, dass Bühler nicht Kontakte hatte zu damaligen Forschern wie z.B. Hermann Jellinek (1868-1938) oder Nikolai Trubetzkoy (1890-1938) oder nicht Bescheid wusste in Sachen der neuesten Forschungsergebnisse. So schreibt er in seinem Beitrag zur Diskussion über Phonetik und Phonologie (Bühler 1931: 32f.):

 

Vor mir steht eine kleine Sammlung der bestbekannten von Linguisten und für Linguisten geschriebenen Handbücher und Lehrbücher der ‚Phonetik’: Sweet und Trautmann, Paay und Bremer, Jespersen und Sievers, Viëtor und Luick sind darunter.

 

Aber bereits im zweiten Satz dieses Beitrags zum Prager Phonologenkongress im Dezember 1930 wird deutlich, dass es Bühler nicht um diese linguistischen Erkenntnisse zu tun ist, sondern, dass er im Bereich der linguistischen Gebildelehre die Aufteilung in Phonetik und Phonologie sematologisch verstehen möchte. Warum gibt es diese beiden Bereiche und welche Unterschiede gibt es zwischen beiden und wie können diese Unterschiede in einer Prinzipienlehre der Sprachforschung zum Ausdruck gebracht werden?

 

3.1.      Der Laut: der Zeichencharakter des Lautsystems

 

Die Phonetik benutzt naturwissenschaftliche Begriffe wie „Schallwellen“ oder „Frequenz“ und findet ihren Ursprung in einem empirischen Vorgehen, das naturwissenschaftliche Methoden benutzt (Messgeräte, Tonbandaufnahmen, usw.). Die Phonologie dagegen findet ihren Ursprung in der Auffassung der Sprache als „Zeichensystem“. Die Zeichenlehre oder Sematologie hat zu erklären, was die Grundlagen der Phonologie als Sprach- oder vielleicht allgemeiner als Geisteswissenschaft sind. Die Sprache als rein physikalisches Phänomen zu betrachten geht von einer Eindimensionalität aus, die die Material- oder Stoffbetrachtung umfasst, sie als geisteswissenschaftliches oder zeichentheoretisches Objekt zu erfassen und zu beschreiben geht von einer Zweidimensionalität aus, die erstens das Objekt, den Laut, zum Gegenstand hat und weiterhin den Funktionszusammenhang, der zugleich einen Bedeutungszusammenhang bildet. So beschreibt Bühler das Phonem als Gegenstand der Phonologie nicht als isolierten Laut sondern als ein in einen Lautzusammenhang eingebettetes Phänomen. Erst dieser Zusammenhang oder dieses Ganze bestimmt den einzelnen Lautwert und dessen „Bedeutung“ oder bedeutungsunterscheidender Platz im Lautordnungssystem.  So weist Bühler darauf hin, dass verschiedene Sinnkriterien nachzuweisen sind, die einen Laut zu einem bedeutungsunterscheidenden Sprachphänomen in einer bestimmten Sprache machen. So ist es im Deutschen möglich, zwischen ‚Tusche’ und ‚Tische’ zu unterscheiden, weil der Helligkeitsgrad als bedeutungsunterscheidend  gilt. In anderen Sprachen und Sprachfamilien wie zum Beispiel im Adyghischen, einer westkaukasischen Sprache, ist der Unterschied zwischen –i- und –u- nicht bedeutungsunterscheidend, also kein diakritisches Phänomen. Man könnte sie gleichsam als Allophone betrachten; im Deutschen wird das –r- hinten oder vorn im Munde gesprochen und nicht als bedeutungsunterscheidend betrachtet, so dass „rund“ und „rund“ dieselbe Bedeutung haben. Die theoretische Konsequenz, die Bühler aus dieser Einsicht gewinnt, ist folgende:

 

Um die Sache kurz zu machen, der Unterschied liegt nur darin, daß das Deutsche Sättigungs-, Helligkeits- und Dauerunterschiede (lang-kurz), das Adyghische dagegen gar nichts anderes als drei Sättigungsstufen (von der u-i-Linie nach a hin gerechnet) diakritisch verwertet. Das Deutsche besitzt ein dreidimensionales, das Adyghische dagegen nur ein eindimensionales System von Vokalphonemen. Und folgendes ist die allgemeine theoretische Konsequenz, die man daraus zu ziehen hat: daß schon die Einzellaute im Klangbild des Wortes einen exakt definierbaren Zeichenberuf erfüllen. Sie fungieren dort wie notae, Kennzeichen, an denen die praktisch unentbehrliche Diakrise einen Anhalt findet.                                      (Bühler 1932, 109)

 

Betont wird hier das „Klangbild des Wortes“, worauf Bühler in der Sprachtheorie (1934, 271-290) näher eingeht. Er bestimmt das „phonematische Signalement“ als eine Art von Steckbrief, aus dem hervorgeht, wer gesucht wird. Hier nicht der Verbrecher, sondern die Bedeutung der Wörter, die vom „phonematischen Signalement“ abhängig ist. Vorausgesetzt werden dann „Detektoren“, die sogenannten „psychophysischen Systeme“, die Zeichenbedeutungen vermittelt bekommen über die bedeutungsunterscheidenden Merkmale oder Kennzeichen, die die Wortbedeutung jeweils übertragen und verständlich machen. Diese Detektoren suchen gleichsam die Bedeutung heraus. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das „Prinzip der abstraktiven Relevanz“, das bestimmte Merkmale als relevant und andere als irrelevant erscheinen lässt: so im Deutschen Sättigung, Helligkeit und Dauer, Im Adyghischen nur Sättigung.  Dass dies Folgen hat für das Klangbild der Wörter ist klar. Die Phoneme, also bedeutungsbestimmende und –unterscheidende Laute, werden „Lautmale am Klangbild des Wortes“ (Bühler 1934, 278) genannt. Dazu ist es wichtig, dass bestimmte erkennbare Eigenschaften als Konstanten am Klanggesicht herausstechen. Die Möglichkeit zur Differenzierung der zig-Tausende von Wörtern und Wortbedeutungen im Sprechverkehr hängt mit diesen Konstanten zusammen. Bühler vergleicht dies mit zwei wahrnehmungspsychologischen Befunden: „die Grössenkonstanz der Sehdinge im Entfernungswechsel“ und „die Lautheitskonstanz der Hörereignisse im Entfernungswechsel“. Dabei geht es Bühler darum, psychologische Erkenntnisse fruchtbar zu machen für die Sprachforschung, indem in der Orientierung im Wahrnehmungsraum Variablen zwar wahrgenommen werden, diese aber nicht zu jeweils verschiedenen Interpretationen oder Verstehensleistungen führen:

 

Dass wir die Dinge und Ereignisse wiedererkennen, wenn sie uns teilweise verwandelt und unter wechselnden äusseren Umständen begegnen, ist eine triviale Lebenserfahrung. Wir erkennen Örtlichkeiten, Menschen, Tiere, Dinge, Ereignisse unter oft extrem verschiedenen Wahrnehmungsbedingungen wieder.                                                                         (Bühler 1936, 163)

 

Selbstverständlich gelten mehr oder weniger ideale Umstände, unter denen das Signalement des Wahrgenommenen noch gegeben werden kann. Es kommt dabei auf den Reiz an, der zu mehr oder weniger angemessenen Wahrnehmungen führt. So gibt Bühler für die Lautheitskonstanz  das Beispiel der Stimmgabel, die, obwohl nahe ans Ohr gerückt, immer noch weniger laut zu sein scheint als die Lautheit eines Orchesters in 50 m Entfernung.  Die jeweilige „Senderstärke“ bestimmt die konstante Lautheit, nicht die Empfangsstärke der Lautwellen, die im Fall der Stimmgabel erheblich größer ist als die des Orchesters. Diese experimentell unterstützten Erkenntnisse  haben Bühler auch davon überzeugt, dass trotz der Variabilität der Reize im Bereich des Wortverstehens, das Klanggesicht der Wörter sich nicht ändert. Die Phoneme, verstanden als Signalemente der Wörter, bestimmen jeweils ihre Interpretationsmöglichkeit. Das Wort ist in diesem Sinne als eine Gestalt zu verstehen, deren konstituierende Elemente die unterscheidenden Merkmale oder Kennzeichen, kurz: die Phoneme, bilden. Bühlers Analyse der Phoneme basiert also einerseits auf Abstraktion, Hervorhebung von bedeutungskonstituierenden Merkmalen, auf der anderen Seite sieht er Wörter in den  Strom des Sprechverkehrs  eingebettet, die als solche Gestalten bilden, deren Struktur nur mittels des Prinzips der abstraktiven Relevanz entdeckt werden kann. So ist es irrelevant, ob eine Frau oder ein Mann ‚Star’ oder ‚starr’ ausspricht, die Vokallänge dagegen ist bedeutungsunterscheidend. Diese Systemeinsichten bilden den Ausgangsgegenstand des Sematologen,  der sich als Zeichentheoretiker die Frage stellt, warum nur eine beschränkte Zahl von Phonemen systematisch benutzt wird im Klanggesicht der Wörter.

            In seiner Erörterung der „sprachlichen Begriffszeichen“ in der Sprachtheorie (1934, 216-236) versucht er diese Erkenntnisse bildlich darzustellen. Dabei unterscheidet er zwei miteinander verbundene Bereiche, den des Begriffs oder des Repräsentans, und den des Gegenstandes oder des Repräsentatums des Begriffszeichens (vgl. auch Gutterer 1984, 116). Der Kreis repräsentiert den Ausdruck, das sprachliche Zeichen,  dasjenige, was repräsentiert wird, ist das Viereck. Nun hat der Begriff als Abstraktum, das also weniger relevante Merkmale hat als jedes individuelle Pferd, bestimmte Merkmale, die es zum Zeichen für eben das Pferd berufen.  In das Viereck wird also ein kleines Viereck eingezeichnet, das die relevanten Merkmale enthält. Das individuelle Pferd füllt gleichsam „die große Leerform“.  Der Kreis, der flatus vocis, ist keine große Leerform, sondern enthält, wie es die Phonologie fordert, auch relevante Merkmale, die /Pferd/ phonologisch verständlich machen. Das Phonem /e/ ist hier also als Diakritikon zu verstehen, das das Wort ‚Pferd’ von anderen Wörtern unterscheidet:

  

  

 

 

 

 

 

Denn nicht die ganze konkrete Klangmaterie (flatus vocis), sondern nur ein Inbegriff relevanter Momente an ihr ist maßgebend für die Nennfunktion des Sprachzeichens. Es ist ein allgemeiner Satz der Sematologie, daß alle Dinge oder Vorgänge in der Welt, die wir als Zeichen verwenden, verwendet werden nach dem Prinzip der abstraktiven Relevanz.                                   (Bühler 1934, 224)

 

Vorausgesetzt ist also eine gewisse Verstehensstruktur, die phonologisch, lexikalisch und syntaktisch Verstehen ermöglicht.

Man könnte dies als Bühlers Kantianismus in der Sprachtheorie deuten: Sowohl sinnlich als geistig arbeiten nicht realisierte, transzendentale Konzepte zusammen um letzten Endes in der konkreten Praxis des Sprechverkehrs Verstehensleistungen zu ermöglichen. Wie auch der Begriff relevante Merkmale aufweist, gilt dies für sprachliche Zeichen aus der Sicht der Phonologie, der Lexik und der Syntax auch: hier geht es nicht um die realisierten Laut-, Wort- oder Satzäußerungen als Schallwellen, sondern um ihre jeweils für das Verstehen relevanten Momente.

 

3.2.      Das Lexikon: Das Wort als Zeichen

 

Ein entscheidender Funktionszusammenhang gilt auch im Bereich der Lexik. So ist der von Anton Marty (1847-1914) in seiner deskriptiven Semaseologie ausgearbeitete Unterschied zwischen autosemantischen und synsemantischen  Wörtern zwar eine wesentliche Struktureinsicht, obwohl Bühler sich im Detail kritisch dazu äußert.[4]

Nun fragt sich Bühler im Anschluss an diese Zweiteilung, ob sie nicht nur auf die germanischen Sprachen bezogen ist und somit eine linguistische Grundeinsicht vermittelt? Bühler geht nun so vor, dass er nicht sagt, dass diese Zweiteilung falsch ist oder den empirischen Sprachwahrnehmungen nicht gerecht wird. Es geht ihm darum, nachzuweisen, dass diese Zweiteilung von der Sprachstruktur abhängig ist, also eine Reduktion auf  eine bestimmte Sprachfamilie ist. Folglich muss man dann feststellen, dass der Wortbestand in den einzelnen Sprachfamilien mehr oder weniger auto- beziehungsweise synsemantisch sind:

 

[M]uß in jeder Menschensprache beides, autosemantische neben synsemantischen Wörtern, resp. Wortbestandteilen vorkommen? Antwort: dafür liegt nicht der mindeste Grund vor. Vielmehr könnte man sich von Bekanntem aus einfach durch Steigerung oder Vereinfachung der Verhältnisse beide konstruierten Grenzfälle realisiert denken, nämlich, daß es schlechthin nur autosemantische oder schlechthin nur synsemantische lexikalische Sinngebilde gäbe. Das Chinesische mit seiner bekannten Armut an synsemantischen Wörtern oder Wortbestandteilen wäre wohl ein geeignetes Ausgangsmodell zur Konstruktion des ersten Grenzfalls und den zweiten könnte man sogar sofort in zwei Modifikationen ausmalen. Angenommen, es ist richtig, was die Kenner von den Eskimosprachen berichten, daß deren Sinnsilben, die in der rede fast immer zu langen Silbenschlangen zusammengefügt vorkommen, überwiegend als synsemantische Einheiten zu betrachten sind und ihrer Bedeutung nach dem, was die nackten Sinnesdaten von der Welt berichten, außerordentlich nahe stehen.                                                                        (Bühler 1932, 114)

 

Die jeweiligen Wortbedeutungen in den Eskimosprachen und im Chinesischen sind somit auch mehr oder weniger wahrnehmungsabhängig und bilden aufgrund des eher synsemantischen bzw. autosemantischen Charakters der Worteinheiten auch von der Wortbildung, von der Morphologie, her unvergleichbare Sprachfamilien. Bühler unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen  „impressionistisch darstellenden“, also vor allem empirisch vorgehenden,  und „kategorial darstellenden“ oder vor allem logisch vorgehenden Sprachen. Übrigens kann man diesen Unterschied sowohl im synsemantischen als im autosemantischen Bereich feststellen.

Ich will hier nicht den historischen Entwicklungsgang dieser lexikalischen Zweiteilung und der berechtigten oder unberechtigten psychologistischen Entgleisung Martys darstellen[5] oder der Frage nachgehen, ob Bühler mit dieser Analyse Martys Absichten gerecht wird, es geht mir vor allem darum nachzuweisen, dass Bühlers Axiomatik im Bereich der linguistischen Gebildelehre, vor allem das Axiom der Zeichenfunktion der Sprache, eine empirisch zu überprüfende Darstellung  der linguistischen Forschungsergebnisse erlaubt, auf der anderen Seite wissenschaftstheoretischen Ansprüchen genügt, nämlich denen der Eleganz, der Einheit, aber auch der Falsifizierbarkeit:

 

Ein Vorblick auf das Folgende [heißt es in der Einleitung zu den einzelnen Axiomen – fv] zeigt dem Leser, daß es vier Sätze sind, die wir formulieren, erläutern, empfehlen. Sollte ein Kritiker bemerken, sie seien (um ein Wort von KANT zu wiederholen) aufgerafft, es gäbe vermutlich noch mehr [oder weniger? – fv] derartiger axiomatischer oder axiomnaher Sätze über die menschliche Sprache, dann findet er in diesem Punkt unseren vollen Beifall; die Sätze sind in der Tat nur aufgelesen aus dem Konzepte der erfolgreichen Sprachforschung und lassen, wie sie dastehen, Raum frei für andere

(meine  Hervorhebung – fv; Bühler 1934, 21f.)

 

Tatsächlich sind diese Axiome aus „der erfolgreichen Sprachforschung“ aufgerafft, was zur Schlussfolgerung führen könnte, dass im Rahmen der Forschungsmethode und des Forschungsgegenstands andere Axiome relevant sind oder werden. Es hat sich aber in den letzten Jahrzehnten herausgestellt, dass viele Grundeinsichten Bühlers immer noch in den einzelnen linguistischen Forschungsbereichen ihre Gültigkeit besitzen. Interessant wäre es auch mal, die amerikanische Linguistik seit Noam Chomsky mit diesen Prinzipien zu konfrontieren. Würde diese Konfrontation zu einer andere Axiomatik führen?

 

3.3.      Der Satz: sematologische Aspekte des Satzbegriffs

 

Auch in seiner Darstellung der Syntax als sprachfeldabhängiges Gebilde sieht Bühler Zusammenhänge zwischen einerseits der empirischen Satzforschung und andererseits den wissenschaftstheoretischen Ansprüchen, denen diese Untersuchungen entsprechen. Außer der Tatsache, dass Bühler den überholten aristotelischen Form-Begriff durch einen vor allem naturwissenschaftlich und psychologisch geprägten Feld-Begriff in der Sprachtheorie ersetzen möchte, geht es ihm darum, vergleichend festzustellen, dass die Syntax in den verschiedenen Sprachen mehr oder weniger von der Platzordnung der einzelnen Wörter bestimmt wird. So ist die Wortfolge im Englischen wichtiger für die Erfassung der Satzbedeutung und der Bedeutung der einzelnen eingesetzten Wörter als im Lateinischen. Die Bedeutung von Caius amavit Camillam  ist im Lateinischen ziemlich unabhängig von der Stelle von Caius oder Camillam im Satz. Im Englischen dagegen ist es schon ein beträchtlicher Unterschied, wo im Satz Jim loved Jill Jill oder Jim eingesetzt wird. Das heißt für Bühler, dass syntaktische Felder zusammen mit der Wortbedeutung zu sinnvollen Ausdrücken führen. Das Gewicht der Wortbedeutung im Lateinischen ist somit größer oder entscheidender als im Englischen, wo das syntaktische Feld, welches das Verb „to love“ eröffnet, ein anderes ist als das Verb „amare “ im Lateinischen. Dieser Struktureinsicht kann also auch weltweit in den einzelnen Sprachfamilien nachgegangen werden.

 

3.3.1. Das sprachliche Feld

 

Warum kümmert sich Bühler in diesem Zusammenhang um den Feld-Begriff und will er diesen „in der Psychologie unentbehrlichen“ Begriff (vgl. Bühler 1936, 10) nun in die Sprachtheorie einführen? Denn man könnte sagen, dass die Sprachtheorie andere Konzepte verlangt als die Psychologie und die Einführung dieses Begriffs zu einem Psychologismus in der Sprachtheorie führen könnte. Und im Anschluss an Husserl  und dessen Antipsychologismus im Bereich der Logik oder Mathematik und für Bühler der Linguistik heißt es, dass es keine psychischen Akte gibt, die zur Erklärung von z.B. Wortbedeutungen herangezogen werden können. Bühler möchte eben diesen Psychologismus in der Linguistik vermeiden. Er wirft zum Beispiel Trubetzkoy mit seinem Begriff der „Lautvorstellungen“ und De Saussure mit seiner Einordnung der langue-Linguistik in die allgemeine Psychologie diesen Psychologismus  vor. Übrigens sind es vor allem die Theoretiker, denen die psychologistische Entgleisung vorgeworfen werden kann und kaum die empirischen Sprachforschern (vgl. Bühler 1934, 9). Mit dieser Entgleisung verkannte man die Rolle der Zeichenfunktion der Sprache. Zurück aber zum Feld-Begriff: Warum plädiert Bühler nach der Sprachtheorie, in der er unumwunden sagt, dass „schon in den Ausgangsdaten der Linguistik nicht Physik, Physiologie, Psychologie, sondern linguistische Fakta und gar nichts anderes vorliegen“ (Bühler 1934, 9), dennoch für die Einführung eines psychologischen Begriffs in die Sprachtheorie? Der Form-Begriff, der im 19. Jahrhundert im Begriff der „Sprachform“ zu einem „einbalsamierten Leichnam“ (Bühler 1936, 10) geworden ist, hat sich allmählich im sprachpsychologischen Denken eines Wilhelm Wundt oder Heymann Steinthal festgesetzt, so dass seine theoretische Prägnanz auf fast Null reduziert worden ist: „Das Wort ‚Form’ stellte sich noch den Zeitgenossen Wundts ungefähr so häufig ein, wie uns in der Alltagssprache das Hilfsverbum sein“ (Bühler 1936, 10).  Das Aha-Erlebnis, das zu der Einsicht führt, dass der Feldbegriff in der Linguistik seinen rechten Platz hat, führt Bühler auf den Unterschied zwischen Phonetik und Phonologie zurück.  Es ist ihm in der Phonologie klar geworden, dass es einen Funktionszusammenhang gibt, ein Umfeld, das dem einzelnen Laut eine Bedeutung verleiht, genauso wie das Wort seine Bedeutung im Umfeld des Satzes erhält, usw.:

 

 „ [...]: das Einzelzeichen findet einen Halt und seine Sinnerfüllung im Gefüge mit andern seinesgleichen. Dann ist die physische Umgebung, in der es immer noch steht, zurückgewichen und irrelevant geworden so wie regelmäßig die Papierfläche zurückweicht, wenn wir Bücher lesen. Auch die Lebenspraxis des Erzeugers, in der es immer noch einen Standort hat, schwindet; sie wird z.B. unerkennbar, wenn das Zeichen seinen Weg nimmt durch die Setzmaschine  einer Druckerei. Aber gewahrt bleibt und sorgfältig gepflegt erscheint dafür der synsemantische Halt des Zeichens; es will dann aus dem Kontext erdeutet und feinverstanden sein. Im Extremfall ist das synsemantische sein einzig relevantes Umfeld.                   (Bühler 1936: 11)

 

„Synsemantisch“ taucht hier in einem anderen Argumentationszusammenhang auf als der Begriff bei Marty. „Synsemantisch“ gehört zusammen mit „symphysisch“ und „em- oder sympraktisch“ zu möglichen „Umfeldern“ von Zeichen im Allgemeinen – es geht Bühler hier also nicht nur um das Verständnis von Sprachzeichen, sondern von sämtlichen Symbolen, die als Zeichen auftreten können. Das Umfeld ist gleichsam mitbestimmend für die Bedeutung des Einzelzeichens. So bestimmt der Satzzusammenhang, ob Bank bald als Möbel zu verstehen bald als Geldinstitut. In der Sprache selbst unterscheidet Bühler dann zwischen zwei Feldbegriffen: dem Zeigfeld und dem Symbolfeld. Das Zeigen liegt im Bereich des An- und Abwesenden: Das Anwesende wird symphysisch in der gemeinsamen Wahrnehmungssituation „ad oculos“ gezeigt, das Abwesende kann sympraktisch „am Phantasma“, durch das innere Auge, gesehen werden und darauf kann verwiesen werden. Dann bleibt im Symbolfeld der Sprache das kontextuelle Nennen, das Symbolisieren mit Hilfe von Namen übrig, die auf abstraktem, kontextuellem Niveau synsemantisch erschlossen, das heißt: verstanden und konstruiert  werden können:

 

Das Zeigfeld der Sprache im direkten Sprechverkehr ist das hier-jetzt-ich-System der subjektiven Orientierung; Sender und Empfänger leben wachend stets in dieser Orientierung und verstehen aus ihr die Gesten und Leithilfen der demonstratio ad oculos. Un die Deixis am Phantasma, [...], nützt, wenn nennend Versetzungen mobilisiert sind, dasselbe Zeigfeld und dieselben Zeigwörter wie die demonstratio ad oculos. Das sprachliche Symbolfeld im zusammengesetzten Sprachwerk stellt eine zweite Klasse von Konstruktions- und Verständnishilfen bereit, die man unter den Namen Kontext zusammenfassen kann; Situation und Kontext sind also ganz grob gesagt die zwei Quellen, aus denen in jedem Fall die präzise Interpretation sprachlicher Äußerungen gespeist wird.                                                                                                                                                       (Bühler 1934, 149)

 

Und vor allem Letzteres ist natürlich in diesem Zusammenhang, nämlich des Verstehens von Sprache im Sprech-Verkehr, nicht unwichtig. Und, wie bereits angedeutet, ist hier von einer ganz anderen -Sprachbetrechtung die Rede als die in den gängigen linguistisch-psychologischen Analysen. Die „Feld-Umfeld-Betrachtung“ Bühlers stellt das linguistische Gebilde in seinen Kontext und eröffnet in der Orientierung Verstehensleistungen, die rein kontextunabhängig nicht zustande  kämen.

            Zu den Grundeinsichten der Syntax gehört auch die dreifache Leistung der Sprache: sie ist als sinnvolles Zeichensystem abhängig vom Sprecher (als Kundgabe), vom Hörer (als Auslösung) und von den Sachverhalten, die die Wahrheit oder Unwahrheit von Sätzen bestimmen. Die Beziehung zwischen Subjekt und Prädikat ist für Bühler satzabhängig, das heißt keine psychologische Beziehung, zum Beispiel im Sinne von Vorstellungen, sondern ist eine logische Beziehung, die zum Beispiel unabhängig ist von der Wortfolge im Lateinischen, die, wie bereits gesagt, freier ist als die englische. Die Wortfolge und deren Bedeutung für den Sinn des Satzes ist Gegenstand der Rhetorik, die sich vielmehr im Bereich der Wirkung oder der Auslösung von Ausdrücken aufhält.  Hier dürften auch die musikalischen Modulationen (Intonation) eine entscheidende Rolle spielen. Also: Dasjenige was man zum Ausdruck bringt oder meint mit „amavit patrem filius“ oder „patrem amavit filius“ oder noch anders ist unabhängig von der Darstellung des zugrundeliegenden Sachverhalts, nämlich dass der Sohn seinen Vater liebte. Die sprachlichen Zeichen sind weder ausschließlich als Abbildung der Dinge weder als Abbild der Gedanken zu verstehen, nur Darstellung oder Kundgabe), sie sind von der Rhetorik her auch als soziale Phänomene zu verstehen, die mit beitragen zum Verstehen der Sprachzeichen.

 

3.3.2.   Die Darstellungsfelder der Sprache

 

In diesem Zusammenhang spielt auch die Diskussion der „Darstellungsfelder der Sprache “ (vgl. Wolf 1932) eine entscheidende Rolle. Diese Darstellungsfelder, die der Zeichenfunktion des Symbols, der sprachlichen Darstellung entsprechen, beziehen sich auf die unterschiedlichen Ordnungsstufen der darstellenden Zeichen, ob nun vom Wort oder vom Satz die Rede ist. Das Darstellungsfeld bezieht sich auf das Lexikon und auf die Syntax, auf die Darstellungsfunktion der Wörter und Sätze. Es geht Bühler also um die Art und Weise der Darstellung und um den Gebrauch der Darstellungsmittel, als der Wörter und der syntaktischen Schemata. Wie Bühler bereits in der Sprachtheorie gezeigt hat, geht es bei der Darstellung um die „Zuordnung zu Gegenständen und Sachverhalten“ (Bühler 1934, 28). Diese Zuordnung erfolgt nach bestimmten Regeln, die Wörter und Sätze als Symbole eben jener Gegenstände und Sachverhalte bestimmen. Die Realisierung erfolgt nach dem Dogma vom Lexikon und von der Syntax (vgl. Bühler 1934, 75), in dem die beiden komplementären Sprachgebilde „Wort“ und „Satz“ produktiv zusammenarbeiten, um die im Prinzip unbegrenzte Anzahl auszudrückender Gegenstände und Sachverhalte  mit Hilfe einer begrenzten Anzahl von Regeln oder Gesetzen zu ermöglichen:

 

Die Fruchtbarkeit ihres darstellenden Verhaltens erreicht die Sprache dadurch, daß sie ihre Zeichen kombiniert und diesen Kombinationen Darstellungswert verleiht, wozu allerdings eine Kombinationsbasis, eine Ordnung oder ein Feld vonnöten ist, dessen Gesetze bekannt sein müssen, um dadurch alle darauf ausgeführten Kombinationen ablesbar und verstehbar zu machen.

(Wolf 1932, 452)

 

Auf diesem Darstellungsfeld oder durch syntaktische Schemata ist es möglich auf verschiedenen Arten und Weisen Sachverhalte zum Ausdruck zu bringen. So kann ich wie bei einer geographischen Karte „relationstreu“ Symbole einsetzen: ich bestimme ein Symbol † zum Beispiel als Kirche und setze es auf der Karte nach den Längen- und Breitengrade lagegerecht ein. Das gilt natürlich auch für die syntaktischen Schemata, die bestimmen wo ein Wort eingesetzt werden kann oder nicht. So ist es bei intransitiven Verben unmöglich ein direktes Objekt einzusetzen, was also eine syntaktische Unmöglichkeit in den indogermanischen Sprachen ist. Dasjenige, was dargestellt werden soll, ist nicht nur abhängig vom Lexikon, von unseren sprachlichen Begriffszeichen, sondern auch von der syntaktischen Struktur. Auch in diesem Zusammenhang kann einem den Kantianismus bei Bühler nicht entgehen. Das Anschauliche setzt grammatikalische und syntaktische Strukturen  voraus, die kooperativ die begriffliche Erfassung von Sachverhalten ermöglichen.

 

5. Abschließende Fragen

 

Welches "Verfahren der Sprache", welche Methodologie, hat Bühler vor Augen gestanden als er bereits kurz nach der medizinischen und philosophischen Promotion sich auf die Rolle der Sprache für das Denken besann; so in seinen denkpsychologischen Studien, in denen er vor allem den Satzbegriff als Forschungsobjekt in seinen Ausfrageexperimenten zu Gesicht bekam und sich damit auseinander zu setzen hatte. Warum führte psychologische, philosophische und linguistische Studien ihn zu gerade der Sprachaxiomatik, die Anfang der dreißiger Jahre in übrigens unterschiedlichen Formen vorlag? Welche Rolle(n) spielte(n) dabei die Axiomensysteme der Kinderpsychologie (Instinkt-Dressur-Intellekt als die drei Dimensionen sinnvollen Verhaltens von Tier und Mensch; vgl. Bühler 1927, § 3), der Psychologie[6] und der Sprachtheorie (Funktions- und Aufbaumodell der sprachlichen Sinngebilde)? Welche methodologischen Ausgangspunkte gab es bei der Erstellung dieses Schemas, das Sprache in ihrer Vielfalt zu einem "einheitlichen System" machte? Welche Konstruktionsvorschriften gab es für ihn? Welche Bausteine hat er benutzt? Die Linguistik, die Germanistik und Komparatistik des 19. Jahrhunderts, aber auch die zeitgenössischen Psychologien und Naturwissenschaften gaben Bühler die Begriffe und Theorien in die Hand, die ihn davon überzeugten, dass  eine  systematische Darstellung (sprach-)wissenschaftlicher Erkenntnisse möglich sei. Dass er dazu auch psychologische und philosophische Einsichten benutzte, lag in seiner Auffassung von Sprache als semantisches und soziologisches und vor allem als Zeichen-Phänomen beschlossen.

 

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[1] So hat er nicht über seine Handbibliothek verfügen können, die unter merkwürdigen Umständen verschollen ist (vgl. Eschbach 1987) und war das psychologische Klima in den Vereinigten Staaten ein ganz anderes als das in Europa (vgl. bereits Bühler 1929 und seine durchgehende Kritik am Behaviorismus).

[2] Man vergleiche hier auch den Überblick von Ueda:
Hauptsätze Sprachphänomen Wissenschaft
l . Hauptsatz : Das Organon-Modell der Sprache 3-stufig sinnvoll Sprechhandlung Psychologie
II. Hauptsatz : Das Strukturmodell der Sprache 4-stufig aufgebaut (Phonem, Wort, Satz, Satzgefüge) Zeichennatur der Sprache (Prinzip der abstraktiven Relevanz) Sprachgebilde Linguistik
III. Hauptsatz : Zweifelderlehre (Die Kooperation von D und S, S-F-System) Sprechverkehr Soziologie
IV. Hauptsatz: Gattungslehre Für Deixis am Phantasma, so dass epische und dramatische Darstellung im Sprachwerk möglich ist. Doppelfiltersystem Sprachwerk Literaturwissenschaft

(In: Ueda o.J.)

[3] In Die geistige Entwicklung des Kindes (1918) geht er ausführlich auf die Leistungen des Intellekts ein. In einem zusammenfassenden Aufsatz fasst er die spezifisch menschliche “Natureinrichtung” des Intellekts noch einmal zusammen:

 

Faßt man die Ergebnisse der modernen Psychologie des Denkens, die ausgedehnten Untersuchungen an Schulkindern, Beobachtungen am Kinde der ersten Lebensjahre und die Experimente mit menschenähnlichen Affen zusammen, so ergibt sich die Formel: Erfindungen machen ist die spezifische Leistung des Intellektes. […]. Dem beobachter drängt sich hier die Deutung auf, es handle sich um die Einsicht in bestimmte einfache Zusammenhänge, Abhängigkeitsrelationen, und im Grunde wird dem auch so sein. Nur wäre der rasche Schluß von dem sichtbaren Geschehen auf den Bewußtseinsvorgang der Einsicht, den man am anderen niemals direkt zu beobachten vermag, methodisch nicht ganz einwandfrei.                                                                                                                        (Bühler 1921, 148)

 

Denn Letzteres hieße ja, dass man auch bei bestimmten Verhaltensweisen von Schimpansen zum Beispiel auf diese Bewußtseinsvorgänge schließen könnte und eben das scheint nicht der Fall zu sein. Bühler spricht in diesem Zusammenhang von “einsichtigen ‘Einfällen’”. Der Unterschied zum Menschen bestünde dann darin, dass wir zweckmäßiges Verhalten in neuen Situationen zeigen, Lösungen treten wie ein Aha-Erlebnis plötzlich ein. das Probieren ist nicht länger ein äußeres Verhalten, ein herumprobieren, sondern ein innerer Vorgang, der zu einem gewünschten Ergebnis führt.

[4] Bei Marty liest man „selbstbedeutend“ und „mitbedeutend“ oder „Ausdruck eines für sich mitteilbaren psychischen Phänomens“ und „solche, von denen dies nicht  gilt“ (vgl. Egidi 1984-85, 62).

[5] Vgl. dazu ausführlich die historische und systematisch Darstellung von Kusch (1995). Hier wird Marty aufgeführt als Psychologist, aber aus gutem Grund: Er hat sich selbst in den Untersuchen zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosophie (1908) als solchen bezeichnet:

 

They [Meinong, Marty und Höfler] accepted the label ‘psychologism’ in the pre-Husserlian sense of Ueberweg and Heinze’s Grundriß der Geschichte der Philosophie, but denied it in the Husserlian sense. In other words, they were willing to be called psychologicists, provided psychologism merely meant that psychology was the basis of, or central to, all of philosophy. But they denied that this position implied that logic and epistemology were mere parts of psychology, or that psychology was able to answer normative questions.                                                                                        (Kusch 1995, 113)

 

[6] Bühler verbindet diese Axiomatik mit der der Sprachtheorie in Die Krise der Psychologie (§ 6: Die Darstellungsfunktion der Sprache). Auffallend ist, dass hier die Darstellungsfunktion, das für Menschen artspezifische Unterscheidungsmerkmal an Sprache, einzeln axiomatisiert wird und in Zusammenhang gebracht wird mit den einzelnen Darstellungsfeldern, die aus psychologischer Sicht mit der Orientierung der Lebewesen in ihrer Umwelt (im Umfeld) zusammenhängen. Diese drei Axiome menschlichen Verhaltens lauten:

 

I.                     Wo immer ein echtes Gemeinschaftsleben besteht, muß es eine gegenseitige Steuerung des sinnvollen Benehmens der Gemeinschaftsglieder geben.

Wo die Richtpunkte der Steuerung nicht in der gemeinsamen Wahrnehmungssituation gegeben sind, müssen sie durch einen Kontakt höherer Ordnung, durch spezifisch semantische Einrichtungen vermittelt werden.

II.                   Soll der Eigenbedarf und die Eigenstimmung der an einem Gemeinschaftsakt beteiligten Individuen bei der gegenseitigen Steuerung zur Geltung gelangen, so müssen sie zur Kundgabe und Kundnahme gelangen.

III.                 Durch Zuordnung der Ausdruckszeichen zu den Gegenständen und Sachverhalten gewinnen sie eine neue Sinndimension. Damit eine unabsehbare Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit als Kommunikationsmittel. Das eine durch das andere.

(Bühler 1927, 71)

 

Man sieht also in dieser Axiomatik die drei “Tatsachen der Psychologie”: ‘Erleben’ (u.a. Assoziationspsychologie), ‘Benehmen’ (Behaviorismus) und ‘Werk’ (geisteswissenschaftliche Psychologie) wieder, obwohl Bühler diese Axiomatik für die Sprachtheorie reserviert. Die Sprachtheorie selbst ist in ihrer Axiomatik weniger psychologisch gefasst; um so bemerkenswerter ist, dass diese Axiomatik mit der Darstellungsfunktion verknüpft wird, die in der Bezogenheit von Sprachzeichen auf Gegenstände und Sachverhalte alles andere als psychologisch gefärbt ist.

                 Wie man von dem Systematiker und Synthetiker Bühler erwarten darf, “[…] ist jeder der drei Grundaspekte […] möglich und keiner von ihnen ist schlechthin unentbehrlich in der Psychologie. Wer einen äusserst verwickelten Gegenstand von drei Seiten her betrachten kann, wäre unklug und ginge unzweckmässig vor, wenn er auf den Vorteil, alle drei auszunützen, verzichten wollte” (vgl. Bühler 1930, 103)