Zur Geschichtsschreibung der Sprechakttheorie: der Fall Reinach



Frank J.M. Vonk M.A., Ph.D.
State University Utrecht
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ABSTRACT

For a linguist interested in the history of pragmatics, it is a remarkable fact that before J.L. Austin and John R. Searle began their theoretical approach towards speech acts, not linguists but rather philosophers, students of law and jurisprudence, psychologists - and, recently sociologists - studied the role of language in situative contexts. Therefore a linguist could ask himself whether the specific object of theoretical research into speech acts is in fact language, or how speech act theory can be the object of linguistic investigations and whether it should be object of linguistic research at all? If one supposes that speech act theory can be such an object, what legalizes this functional approach towards language?
The referent believes that a historiography of pragmatics as part of a historiography of linguistics in a more general sense may contribute to a better understanding of language-system oriented historical research, because it is not only interested in the system of language as such but also in contextual and situational based functions of language, and in interdisciplinary founded methods to describe language.


1. Methodologische Vorüberlegungen zum Thema Sprechhandlungstheorie

In diesem Vortrag möchte ich anhand eines Beispiels aus der "Geschichte der Sprechakttheorie", der sogenannten Theorie der sozialen Akte von Adolf Reinach(1), zeigen, daß erstens eine bereichsspezifische, fast traditionell subjektiv-sprachtheoretische Bestimmung der Sprechakttheorien Austins und Searles den Blick auf bereichsüberschreitende Ansätze in der Geschichte der (Sprech-)Akttheorien von vornherein ausschalten muß und tatsächlich auch ausgeschaltet hat. Zweitens setzt die Objektivierung von Sprechakten logische Strukturen voraus, die gerade nicht bereichsspezifisch, das heißt zum Beispiel nicht nur sprach- oder rechtswissenschaftlich konstituiert, wohl aber grundlegend sind für eine allgemeine Theorie der Sprechakte und, so meine ich, in den Gegenstandsbereich der Geschichtsschreibung der Sprechakttheorie gehören.


In seiner philosophischen Dissertation schreibt Rudolf Kamp (1977: 77ff.), daß die Sprachwissenschaftler methodisch, im Anschluß an die Dreiteilung des Sprachbegriffs bei Ferdinand de Saussure (1859-1913) und Karl Bühler (1879-1963), einen allgemeinen, einen subjektiven und einen objektiven Begriff unterscheiden. Für die Sprachbetrachtung, den bereichsspezifischen Einstieg, bedeutet diese methodische Einteilung, daß Sprache im engeren Sinne (vgl. Kamp 1977: 68ff.), der nur die natürliche menschliche Lautsprache betreffende Sprachbegriff, ebenfalls allgemein, subjektiv und objektiv betrachtet werden kann.


Für unsere Darstellung ist vor allem die objektive Sprachbetrachtung, Sprachtheoriebegriff bei Kamp, von Bedeutung. Dieses das "spezifische[..] Gesamt bzw. System theoretischer Aussagen über Sprache" thematisierende Betrachtungskonzept erlaubt ebenfalls eine Ausdifferenzierung nach den "verschiedenen Konzeptionsmöglichkeiten von `Sprache' im engeren Sinne" (Kamp 1977: 78), und zwar nach der "Bedeutungsvariation" von Sprache (in engerem Sinne). Kamp (1977: 77ff.) unterscheidet demnach eine "Sprachwesenstheorie", der "der allgemeine Sprachbegriff zugrunde[liegt]", "subjektive Sprachtheorien", die man als "Sprechtheorien", die "auf irgendeinen Modus des Sprechens als subjektiven Tuns" bezogen ist und schließlich eine "objektive Sprachtheorie", die sich "auf Sprache qua Objektivgebilde, qua System" bezieht.


Für die Sprechhandlungs- oder Sprechakttheorie reserviert Kamp (1977: 81ff.) in seiner Einteilung einen Platz im Bereich der subjektiven Sprachtheorien, neben unter anderen biologischen, soziologischen und psychologischen Sprechtheorien. Der von ihm "pragmatisch-analytische Sprechtheorie" genannte Teilbereich der subjektiven Sprachtheorie wird durch "Ergebnisse der modernen Linguistik, die pragmatische Denktradition des englischsprachigen Kulturraums und die neuere Strömung der Analytischen Philosophie" (Kamp 1977: 83) charakterisiert. Sie wird dann mit der "Theorie der Sprechakte" von John L. Austin (1911-1960) und John R. Searle in Zusammenhang gebracht, die zunächst ganz unproblematisch in Kamps Charakterisierung untergebracht werden kann.


Probleme tauchen dann auf, wenn man die bereichsspezifische Abgrenzung der pragmatisch-analytischen Sprachtheorie von anderen in Kamps Darstellung besprochenen Sprechtheorien wie zum Beispiel "linguistischen-" oder "Sprechsituationstheorien" näher betrachtet. So zum Beispiel wenn man die logische Struktur von Sprechakten im Sinne Reinachs thematisiert. Meine Kritik gilt hier also dem Seziermesserverfahren Kamps, das in bestehenden bereichsspezifischen Einsichten in die "pragmatisch-analytische", sprachwissenschaftlich orientierte Forschungstradition begründet ist.
 


2. Zur Geschichtsschreibung der Sprechhandlungstheorie: Reinachs Theorie der
sozialen Akte(2)


Reinach, ausgebildeter Jurist, Philosoph und Psychologe, veröffentlichte seine Theorie der sozialen Akte im Jahre 1913 in dem ersten Band des von Edmund Husserl herausgegebenen Jahrbuchs für Philosophie und phänomenologische Forschung, und zwar als erstes Kapitel einer umfangreicheren Studie zu "Die apriorischen Grundlagen des bürgerlichen Rechtes" mit dem Titel "Anspruch, Verbindlichkeit und Versprechen". Diese Theorie hatte er bereits 1911 in zwei Vorlesungen in Göttingen vorgetragen. In diesen 1989 aus Nachschriften von Studenten rekonstruierten und veröffentlichten Vorlesungen entwickelt Reinach im Anschluß an die intentionale Aktlehre von Franz Brentano (1838-1917) und die Leib-Seele-Lehre von René Descartes (1596-1650) einen Aktbegriff ganz eigener Art: den auf ein anderes Subjekt gerichteten (sozialen) Akt(3). Bereits in diesen Vorlesungen weist Reinach darauf hin, daß "[f]ür soziale Akte wesentlich ist die Voraussetzung eines anderen Subjekts, dem sie sich kundgeben wollen. Die Person, an die sie gerichtet sind, soll Kenntnis davon erhalten. Eine Verbindung zwischen Menschen ist aber nicht direkt möglich. Ausdrücke sind hier also nötig; die sozialen Akte müssen Ausdruck finden zur Mitteilung an den andern. Verschiedene Formen stehen hier zur Verfügung: Worte, Gesten usw. Ein Adressat ist also bei den sozialen Akten nötig. Die Richtung auf den Adressaten liegt im Wesen dieser Akte, ist ihre Seele. Ein Zweites, die Erscheinungsform, liegt nicht in ihrem Wesen und ist ihr Leib. Sie gibt es nur, weil es unter uns Menschen so ist, daß wir unsere inneren Akte nur an ihren Erscheinungsformen erkennen können" (Reinach 1911: 357).

2.1. Das Versprechen

Das Musterbeispiel eines sozialen Akts ist für Reinach das Versprechen als "ein Einzelproblem aus dem großen Gebiete der apriorischen Rechtslehre"2) (Reinach 1913:147). Dieses Einzelproblem wird nach Husserls formalontologi-schem Strukturmodell der 3. logischen Untersuchung ausgearbeitet. Das Versprechen hat demnach verschiedene selbständige und unselbständige Teile und Momente, die unterschiedliche ein- oder zweiseitig fundierte Abhängigkeitsbeziehungen (vgl. das Versprechensmodell unten) aufweisen. Auf jeden Fall hat es mehrere Träger, von denen einer "der phänomenale Urheber des Aktes" (op.cit.:158) ist. Das ist deshalb von Bedeutung, weil jeder soziale Akt ein einseitig fundiertes Wollen eines Subjekts oder Ichs als Quelle der Spontaneität braucht. Wäre dies nicht der Fall, so könnten die weiteren Aktmomente, die Folge(n) oder das Produkt (op.cit.:147) keinen Bestand haben. So zum Beispiel, wenn ich von jemandem dazu gezwungen worden bin, einem etwas zu versprechen, und faktisch nicht mehr selber das Versprechen erteile. Der Sachverhalt oder die Sachverhältnisse, auf die sich der eine Träger des Versprechens bezieht, besteht in der Verbindlichkeit (obligation), das Versprechen zu einer bestimmten Zeit einzulösen. Der Wille, das innere oder nicht soziale Erlebnis des Verbindlichkeitsträgers, etwas selbst auszuführen oder zu tun und es nicht den Andern, dem man etwas versprechen will, tun zu lassen, ist nur eins der Strukturmomente des Versprechens, nicht selber schon, wie vor Reinach u.a. David Hume und Theodor Lipps (vgl. Burkhardt 1986: 91f.) behauptet haben, das Versprechen als sozialer Akt. Zu diesem Akt gehört notwendig eine äußere Seite (signs, gestures). Der Originalitätsanspruch Reinachs in bezug auf die Analyse des Versprechens besteht, Hume und Lipps gegenüber, gerade in der Berücksichtigung und Betonung dieser äußeren Seite3). Denn nur sie ermöglicht es einem Versprechensempfänger, einen Anspruch (claim) auf die Leistung dessen zu erheben, was vom Versprechenden versprochen worden ist: der Versprechensinhalt (meaning). Irrelevant ist hier, in welcher Form soziale Akte erscheinen, nur daß sie "von [einem zweiten Subjekt] vernommen [grasped] werden müssen" (Schuhmann 1988:159). Die verschiedenen Strukturmomente des Versprechens bilden ein einfaches Ganzes, das in zwei existentiell unabhängigen Trägern, dem Versprechensträger (promiser) und -empfänger (promisee), fundiert ist.


Obwohl es sich hier um ein "Musterbeispiel" handelt, ist es möglich, modifizierte Strukturen und Abhängigkeitsbeziehungen darzustellen, die dann zum Beispiel als "Unglücksfälle" im Sinne Austins (1962:40) betrachtet werden können - z.B. stellvertretendes Versprechen.
Reinach faßt diese Struktur des Versprechens wie folgt zusammen:


"Das Versprechen ist weder Wille, noch Äußerung des Willens, sondern es ist ein selbständiger spontaner Akt, der, nach außen sich wendend, in äußere Erscheinung tritt" (Reinach 1913:166).
"Anspruch und Verbindlichkeit setzen allgemein und notwendig einen Träger voraus, eine Person, deren Ansprüche und Verbindlichkeiten sie sind. Und ebenso ist ihnen ein bestimmter Inhalt wesentlich, auf den sie sich beziehen und dessen Verschiedenheit verschiedenartige Ansprüche und Verbindlichkeiten voneinander unterscheidet" (Reinach:150f.).
"Der gleiche Anspruch und die gleiche Verbindlichkeit können aus sehr verschiedenen Quellen [Reinach nennt diese Sachverhalte oder Sachverhaltsgruppen - fv] entspringen. So kann ich meinen Anspruch auf die Rückgabe einer mir gehörigen Sache einmal ableiten aus dem Versprechen der Rückgabe, welches der gegenwärtige Inhaber der Sache mir gemacht hat. Oder ich kann ihn ableiten aus dem eigenartigen Verhältnisse, in dem ich zu der Sache stehe, daraus, daß die Sache mir gehört" (Reinach 1913:156).
"Es genügt [...] nicht, daß der Adressat die äußeren Erscheinungen wahrnimmt, daß er z.B. die Worte hört, ohne sie zu verstehen. Er muß durch sie hindurch das erfassen, dessen Erscheinung sie sind, er muß Kenntnis nehmen von dem Versprechen selbst, er muß, wie wir etwas genauer sagen wollen, des Versprechens innewerden" (Reinach 1913:169).

2.2. Die Wesensmerkmale sozialer Akte

Aus diesen Überlegungen zur Aktstruktur des Versprechens entwickelt Reinach einen Katalog von Wesensmerkmalen, die jeweils eigene Aktstrukturen konstituieren. Für soziale Akte sind absolut wesentlich "Spontaneität", "Intentionalität", "Fremdpersonalität" und "Vernehmungsbedürftigkeit". Beispielsweise ist dem Akt des "Sich-Entschließens" wesentlich, daß er spontan und intentional ist, nicht aber die Vernehmungsbedürftigkeit; für das "Verzeihen", daß er spontan, intentional und fremdpersonal ist, nicht aber vernehmungsbedürftig; für das "Befehlen" ist dann wieder die Vernehmungsbedürftigkeit notwendig, sind aber auch bestimmte soziale Akte vorausgesetzt, zum Beispiel der der Unterwerfung. Bei sozialen Akten ermöglichen also erst die genannten vier Wesensmerkmale Anspruch und Verbindlichkeit, denn ohne das Vernehmen des Versprechens und des Versprechensinhalts gibt es keine Ansprüche und ohne vernommen worden zu sein, gibt es keine Verbindlichkeiten - beide, Anspruch und Verbindlichkeit, sind korrelativ oder zweiseitig fundiert. Weiter ist bei sozialen Akten jeweils eine Gemeinschaft von Personen als möglichen Trägern von Ansprüchen und Verbindlichkeiten vorausgesetzt und, für die meisten sozialen Akte, eine "physische Grundlage", aufgrund derer die psychischen, nicht sozialen Erlebnisse erfaßt werden können (Reinach 1913:161).


Reinach faßt seine Theorie der sozialen Akte schließlich wie folgt zusammen:


"Bitten, Ermahnen, Fragen, Mitteilen, Antworten und noch vieles andere [...] sind [alle] soziale Akte, welche von dem, der sie vollzieht, im Vollzuge selbst einem anderen zugeworfen werden, um sich in seine Seele einzuhaken" (Reinach 1913:160).

3. Schlußbemerkungen

Aus diesem Beitrag ist, hoffe ich, klar geworden, daß die bereichsüberschreitende Beschäftigung mit Akt- und Handlungsaspekten von Sprache keineswegs bereichsspezifische Betrachtungen ausschließt, daß aber eine prinzipiell bereichsneutrale, vorwissenschaftliche Strukturanalyse von Konzepten wie "Versprechen", "Befehlen" u.dgl. bestimmten "pragmatisch-analystischen" Selbstverständlichkeiten eine neue Dimension verleiht, neue Fragestellungen hervorruft, die aus dem klassifikatorischen Blickfeld pragmatisch-analytischer Verfahren verschwunden waren. Ich weise hier auf das Handlungsmoment hin, das meistens (aber nicht immer) sprachlich zum Ausdruck gebracht wird, und das nicht unbedingt bereichsspezifisch ist. Die Handlung eröffnet ein eigenes Gegenstandsgebiet, das je nach sozialem Akt eigene Strukturmerkmale aufweist, die zunächst unabhängig von gesellschaftlichen (auch: wissenschaftlichen) Konventionen und Regeln einer Analyse unterzogen werden können. Auch wenn Armin Burkhardt (1987:159) in seinem Beitrag zu Mulligans Speech Act and Sachverhalt (1987) glaubt, daß die Begründung für die verbindliche Kraft des Versprechens darin liegt, "daß die Verwendung einer konventionellen Versprechensform [die Reinach also auch vorfindet - fv] nicht nur den Willen zu seiner Erfüllung, sondern auch den zur Selbstverbindlichung des Sprechers impliziert", und diese konventionelle Versprechensform der Grund dafür ist, daß "sich der Adressat auf die Erfüllung [des Versprechens] verlassen [kann]", so interessiert dieses Problem doch vor allem Burkhardt, wie er selber feststellt - "Uns mag [...] diese weitergehende Frage erlaubt sein" (Burkhardt 1987:160) -, nicht aber Reinach, der sich als Phänomenologe nicht mit Erklärungen, sondern mit "in sich selbst einsichtlichen Wesensgesetzlichkeiten" beschäftigt.


Außerdem glaube ich, daß in einer Zeit, in der die Sprechakttheorie Austins und Searles zum eisernen Bestand der sprachwissenschaftlichen Ausbildung gehört, auch die historische Seite, ihre konzeptuelle Entwicklung, innerhalb dieses eng begrenzten Bereichs inter- oder vielleicht besser: vordisziplinär zugänglich gemacht werden soll. Denn es muß den "linguistischen Sprechakttheoretiker" wohl stutzig machen, wenn Reinach (1911:360) behauptet, daß es für "das, was im Wesen des sozialen Aktes liegt, [...] gleichgültig [ist], wie man ihn gewahr wird" - wenn auch mancher Reinach-Forscher, wie Burkhardt, darauf hinweist, daß die Abgrenzung der Sachverhältnisse sozialer Akte von denen anderer (intentionaler Akte) und das "Warum", der Grund der Verbindlichkeit (Konventionalität oder Handlungsstruktur) bei Reinach nicht ausführlich genug ausgearbeitet worden sind (vgl. Burkhardt 1987:159).
Auf meine letzte Frage, ob nicht doch die ontologischen Strukturen Reinachs durch einen bestimmten Bereich, hier: die Rechtswissenschaften, konstituiert werden, kann ich nur antworten, daß ich vermute, daß sie rhetorisch gemeint ist.

4. Anmerkungen


* Diese Studie entstand im Rahmen eines Forschungsprojektes (Projekt 300-162-011) in der durch die Niederländische Organisation für wissenschaftliche Forschung (NWO) unterstützte "Stichting Taalwetenschap".

(1) Adolf Bernhard Philipp Reinach wurde am 23.12.1883 in Mainz geboren und starb im Ersten Weltkrieg, am 16.11.1917, an der Front in Flandern. Reinach studierte Philosophie (E. Husserl, Th. Lipps), Psychologie (G.E. Müller) und Jura (H. Kantorowicz, E. Beling). 1904 promovierte er mit der Arbeit Über den Ursachenbegriff im geltenden Strafrecht zum Dr.phil. Zwischen 1905 und 1909 studierte er u.a. bei Husserl in Göttingen, und Reinach habilitierte sich 1909 u.a. mit der Arbeit Wesen und Systematic des Urteils (Probevorlesung: "Probleme und Methoden der Ethik"). Von 1909 bis 1914 war Reinach Privatdozent für Philosophie in Göttingen. Er las u.a. über Themen aus der Geschichte der Philosophie (Platon, Descartes' Meditationes, Kants Kritik der reinen Vernunft, Humes Kausalitätsbegriff), über Rechtsphilosophie und Ethik. Seit September 1914 war Reinach als Kriegsfreiwilliger an der Westfront. Während des Krieges arbeitete Reinach vor allem an religionsphilosophischen Themen. Diese Fragmente wurden erst 1989 in der textkritischen Ausgabe herausgegeben.

(2) Vgl. Reinach (1989b:669), wo die Herausgeber die juridischen Kenntnisse Reinachs als eine der Grundlagen der Theorie der sozialen Akte ausarbeiten:
"Reinachs spezifischer Beitrag [zur] Münchener Sprechakttheorie dürfte u.a. von seinen juridischen Kenntnissen, insbesondere vom römischen Recht inspiriert gewesen sein. Neben den entsprechenden Teilen der Institutiones (3,13ff. und 4,1ff.) sind hier vor allem die Bücher 44-46 der Digesten mit ihrer reichen Materialsammlung zu erwähnen. D44,7 handelt von Obligationen und Aktionen, d.h. den juridischen Schritten zur Eintreibung von Verbindlichkeiten, D45,1 von den Obligationen durch Worte (mündlich zustande gekommene Verbindlichkeiten), D46,1 und 2 von der Stellvertretung (durch Fideiussor, Mandat und Delegation). Noch im Rechtsbuch bezieht Reinach sich ausdrücklich auf Inst. 3,13 und auf D46,2. Im römischen Recht nehmen zwar die durch Delikt entstandenen Verbindlichkeiten - z.B. die aus der Wegnahme einer Sache erwachsen - einen relativ breiten Raum ein. Aber es wird z.B. auch festgestellt, daß keine Verbindlichkeit entsteht, wofern die Worte `ich verspreche' ohne den Willen sich zu verpflichten ausgesprochen werden (Paulus D44,7,3,2; vgl. die Lehre von Täuschungsvorbehalt, der doli mali clausula, Paulus D45,1,22). Dies erinnert an Reinachs Darstellung des Scheinversprechens. Weiter ist von Verbindlichkeit keine Rede bei Abwesenheit einer Person, `denn sie müssen einander hören' (Ulpian D45,1,1 princ.), da sonst das Versprechen nicht trifft".

(3) Vgl. aber Thomas Reid, 1788. Essays on the Active Powers of the Human Mind. Cambridge/Mass., London: The M.I.T. Press (1969; repr.).438:
"Between the operations of the mind, which, for want of a more proper name, I have called solitary, and those I have called social, there is this very remarkable distinction, that, in the solitary, the expression of them by words, or any other sensible sign, is accidental. They ma exist, and be complete, without being expressed, without being known to any other person. But, in the social operations, the expression is essential. They cannot exist without being expressed by words or signs, and known to the other party".

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Frank J.M. Vonk

(State University Utrecht 1990)