Gerlach Royens (1880-1955) Beitrag zur Entwicklung der allgemeinen Sprachwissenschaft in den Niederlanden. Das frühe Werk.

 

                                                                       Frank Vonk

                                                              (Universiteit Utrecht)

 

Vortrag im Rahmen des VII. Treffens des Studienkreises ,Geschichte der Sprachwissenschaft' in Trento

(7-8 Oktober 1993)

 

 

0. Einführung. Der Kontext von Royens frühem Werk

 

P. Gerlach oder Gerlacus[1] Royen O.F.M. (Ordo Fratrum Minorum), der Franziskaner Name für den Limburger Nikolaus Jakobus Hubertus Royen, war von 1932 bis zu seiner Emeretierung im Jahre 1951 Professor für vergleichende und allgemeine Sprachwissenschaft an der Staatsuniversität Utrecht. Er war einer der beiden Nachfolger von Willem Caland (1859-1932), der seit 1903 in Utrecht einen Lehrauftrag hatte, der in etwa dreißig Jahren erheblich erweitert wurde - 1929 emeritierte Caland hat aber noch bis 1931 gelehrt.[2] Royen übernahm also die allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft - allgemeine Sprachwissenschaft war seit 1921 Teil des Curriculums eines jeden Sprachstudiums, obwohl sie nur für Altphilologen ohne Rücksicht auf eine schriftliche Frühform, z.B. gotisch oder vulgärlateinisch unterrichtet wurde. Der andere Nachfolger Calands war Jan Gonda (1905-1989), der vielmehr die philologische Komponente von Calands Lehrauftrag übernommen hat.[3] Rückwirkend wurde Royen 1943 nach dem Zweiten Weltkrieg Ordinarius für vergleichende und allgemeine Sprachwissenschaft. Nach längerem Krankenlager stirbt er 1955 (an Krebs).


 

A. Weijnen (b1908; 1955/6) nennt Royen einen "reinen Vertreter der antiklassizistischen, grundsätzlich von der Volkssprache ausgehenden, individualistischen, sich auf Pauls Prinzipien der Sprachgeschichte (1880)[4] basierenden Richtung der Taal en Letteren-Bewegung, d.h. einen Vertreter einer Gruppe von Sprachmännern die in einer eigenen Zeitschrift Taal en Letteren versucht haben, die gesprochene Sprache wieder zu Wort kommen zu lassen. Dieses Ideal hat auch Royen vertreten, was u.a. aus seiner umfangreichen Materialiensammlung sprachlicher Tatsachen hervorgeht, die er in seinen Aufsätzen und Büchern zu niederländischen grammatischen Erscheinungen verwendet und analysiert hat. Einer der entscheidenden Gründe für eine Zeitschrift war u.a. die von Roeland A. Kollewijn (1857-1942) 1891 vorgeschlagene und verteidigte Vereinfachung der niederländischen Rechtschreibung. Die meisten Vorstandsmitglieder des "Vereins für die Vereinfachung der Rechtschreibung und Beugung" bildeten auch die Redaktion der Zeitschrift Taal en Letteren.

Royens Utrechter Kollege Jan Gonda weist in seiner Lebensbeschreibung in dem Jahrbuch der Universität Utrecht darauf hin, daß Royen (im nachhinein) vielleicht nicht sehr glücklich gewesen sein muß, wo er vor allem Altphilologen allgemeine Sprachwissenschaft beibringen sollte. Ihm, dem energischen Meister, der immer für die Rechte der gesprochenen Muttersprache [eingetreten ist]" (vgl. Gonda 1954/5:35), war die altphilologische Tradition, Sprachen zu lehren und zu lernen, ein Dorn im Auge. Diese Art, Sprache zu unterrichten, ist einer der Gründe dafür gewesen, daß die niederländische Grammatik seit Jahrhunderten so verzerrt dargestellt, gelehrt und gelernt worden ist. Altphilologen haben die vergleichende und allgemeine Sprachwissenschaft einerseits und die Unterrichtspraxis, die Didaktik der gesprochenen Sprachen andererseits bei ihrer philologischen Arbeit kaum berücksichtigt.

In diesem Vortrag, die zunächst einmal einen Überblick über ein noch zu bearbeitendes Problemfeld verschafft, möchte ich versuchen, auf zwei Fragen einzugehen, die die Lektüre von Royens Werk und das wissenschaftshistorische Studium der Entwicklung der vergleichenden und allgemeinen Sprachwissenschaft in den Niederlanden in der ersten Jahrhunderthälfte aufwerfen. Erstens die Frage, weshalb ausgerechnet Gerlach Royen 1932 nach Utrecht berufen wurde, um allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft zu lehren. Ich werde diese Frage vor allem zu beantworten versuchen im Rahmen von Royens umfangreicher Dissertation Die nominalen Klassifikations-Systeme in den Sprachen der Erde. Historisch-kritische Studie, mit besonderer Berücksichtigung des Indogermanischen (1925/29). Auch Royens Werk nach seiner Berufung wirft einige Fragen auf hinsichtlich dieser Professur. Die späteren Schriften kreisen eigentlich nur um die gesprochene und geschriebene Sprache in den nördlichen und südlichen Niederlanden, obwohl er sich dennoch mit Themen beschäftigt, die seiner früheren Arbeit nahekommen. Der Utrechter Kollege Van Haeringen schreibt, Royens Veröffentlichungen über die Genusfrage beziehen sich unmittelbar auf die Schreibweise der niederländischen Sprache und nach seiner Berufung "ist er hauptsächlich ,Niederlandist' [gewesen]" (Van Haeringen 1962:220).

Zum ,Fach' allgemeine Sprachwissenschaft in den Niederlanden muß übrigens zusätzlich noch folgendes gesagt werden: Seit 1921 gibt es im Curriculum der universitären Sprachstudien in der sogenannten ,kandidaats'-Phase Vorlesungen über die Prinzipien der allgemeinen Sprachwissenschaft, die für Altphilologen ohne Rücksicht auf ältere Sprachstufen gelehrt wird. Für Studenten der Romanistik, Germanistik oder der slawischen Sprachen zum Beispiel werden die Prinzipien der allgemeinen Sprachwissenschaft im Rahmen des Studiums des Vulgärlateins, des Gotischen bzw. der altbulgarischen oder kirchenslawischen Sprache gelehrt. Allgemeine Sprachwissenschaft ist in letzterem Fall, wo man sich mit bestimmten grammatischen Erscheinungen im Gotischen oder Vulgärlateins beschäftigt, also vor allem historische Sprachwissenschaft.


 

Die zweite Frage bezieht sich vor allem auf den Beitrag Royens zur Entwicklung der allgemeinen Sprachwissenschaft in den Niederlanden. Diese Frage kann nur beantwortet werden, indem man sich ausführlich mit den frühen systematischen Interessen Royens beschäftigt, die wohl zu seiner Berufung geführt haben. Man sollte in diesem Zusammenhang auch die vor allem kulturhistorisch und ethnologisch oder völkerkundlich arbeitenden Vorgänger Royens, Jos Schrijnen (1869-1938), der von 1921 bis 1923 gelehrt hat, und Willem Caland, der von 1923 bis 1931/2 über allgemeine Sprachwissenschaft gelesen hat. Die kontrastive Analyse von grammatische, literarischen und folkloristischen Besonderheiten findet man nämlich auch in Royens Dissertation wieder. In dem späteren Werk hat sich Royen vor allem auf Probleme der Niederlandistik beziehen. Royen hat sich, wenn man das frühe Werk vor Augen hält, nach seiner Berufung kaum noch über allgemein-sprachwissenschaftliche Themen geäußert. Sein späteres Werk umfaßt u.a. Probleme einer neuen Rechtschreibung (eine Polemik mit u.a. Jac. van Ginneken (1877-1945) über die Vereinfachung des Niederländischen) und auf die Lage des Unterrichts in der Muttersprache. Wenn man die Besprechungen von Royens Veröffentlichungen in (nur) niederländischen Zeitschriften liest, so fällt direkt auf, daß man Royens Sammelwut würdigt, Royen unterstützt seine Argumentation mit Beispielen, die er dem niederländischen schriftlichen und mündlichen Sprachgebrauch entnimmt, daß man aber die Ergebnisse seiner Untersuchungen für recht mager hält. Das heißt: Detailfragen überlagern die theoretische Tragweite seiner Untersuchungen. In dem Sinne ist Gondas oben zitierte Ansicht über Royens Wirkung als allgemeinen Sprachwissenschaftler wohl nicht ganz ohne guten Grund.

 

1.  Die Dissertation über die nominale Klassifikations-Systeme im Indogermanischen

 

Royen hat in Leiden Niederländisch studiert, war im Ersten Weltkrieg, nach seinem ,kandidaatsexamen' Niederländischlehrer an der Höheren Bürgerschule (H.B.S.) in Heerlen, konnte aber 1920 sein Studium wieder aufnehmen. Er hörte u.a. Vorlesungen bei Christianus Cornelius Uhlenbeck (1866-1951), der sich vor allem als Ethnolinguist ausgezeichnet hat und vor allem mit Veröffentlichungen über verschiedene indogermanische und nordamerikanische (Indianer-) Sprachen bekannt geworden ist. In der "Vorrede" zur niederländischen Dissertation nennt Royen Uhlenbecks Vorlesungen in Leiden im akademischen Jahre 1921/2 über Fragen der nominalen Gruppierung, die für ihn entscheidend gewesen sind:

 

Die Grundgedanken und Hauptvoraussetzungen dieses Werkes bewegen sich ganz in der Gedankensphäre Uhlenbeck's, was jedoch nicht besagen soll, daß ich nur sklavisch gefolgt sei, ,sicut calamus scribentis' [De grondideeeën en kernbeschouwingen van het genoemde werk bewegen zich geheel in de gedachtensfeer van mijn hooggeëerde Leermeester, wat evenwel niet zeggen wil dat ik slechts slaafs volgde ‘sicut calamus scribentis'.

                                                                                                                                    (Royen 1926:VI)

 


 

Uhlenbecks vergleichende und typologische Studien kreisten um das Phänomen der lexikalischen Übereinstimmung in verschiedenen Sprachen. Er hat sich mit der möglichen genetischen Verwandtschaft von Sprachen aus verschiedenen Sprachfamilien beschäftigt, wie z.B. der baskischen und kaukasischen Sprache. Außerdem hat Uhlenbeck darauf hingewiesen, daß Archäologie und Ethnologie einen wichtigen Beitrag zur Sprachwissenschaft leisten können.  (vgl. Pisani 1952:86; Winters 1991:713). Uhlenbeck hat sich als Nachfolger Grimms verstanden,[5] indem er sich hinsichtlich der (pro-)nominalen Klassifikation in den indogermanischen Sprachen, in erster Linie für eine semantische Darstellung entschieden hat. Für das Indogermanische gibt er "eine Unzahl sprachlicher Tatsachen, zuerst nach der Bedeutung und dann nach der Form (Royen 1929:242). Diese sprachlichen Tatsachen sind der Reihe nach:

 

sexuale Wesen (Menschen, Tiere), Bäume-Früchte, Körperteile, Himmel-Erde, Sonne-Mond-Sterne, die wichtigsten Naturerscheinungen (Wind, Donner, Blitz, Regenbogen, Wolke, Regen, Schnee-Eis), Wasser-Feuer, Meer-See-Flüsse, Steine. [...].                                                              (Royen 1929:242)

 

Diese Gruppen, so schließt Uhlenbeck, werden in einer umfangreichen Untersuchung "vom semasiologischen Gesichtspunkt noch bedeutsame Ergebnisse liefern können", bleibt aber als solche in vielen Hinsichten recht problematisch.[6] Die formale Seite der nominalen Klassifikation ist vor allem von den Junggrammatikern vorbereitet worden. Sie haben

 

auf rein formalem Gebiete sehr viel geleistet. Sie, deren Denken ein rein materialistisches sei, hätten doch dadurch, daß sie den Zwang des Systems in den Vordergrund stellten, den Weg bereitet für die nicht-materialistische Sprachbetrachtung.                                                                (Royen 1929:243)

 

Die Dissertation, De jongere veranderingen van het indogermaanse nominale drieklassensysteem, mit der Royen 1926 in Leiden promovierte, zählt 166 Seiten und ist eine Synopsis der wichtigsten Teile der 1030 Seiten starken Fassung aus dem Jahre 1929. In dieser Studie beschäftigt sich Royen mit zwei Aspekten des Genussystems in den indogermanischen Sprachen, der Synkretisierung der indogermanischen Dreiteilung und der Bildung von neuen Systemen. In dieser kurzen Fassung des von Dominik Wölfel (1888-1963), Mitarbeiter P. Wilhelm Schmidts S.V.D. (1868-1954) in Mödling bei Wien, ins Deutsche übersetzten Werkes vertritt Royen eine induktive Methode. Nur aus der Auswertung von Beispielen aus den verschiedenen Sprachen und ,Sprachenkreisen der Erde' können allgemeine Aussagen über das grammatische Genus hervorgehen. Jede Sprachbetrachtung muß stets mit den wahrgenommenen Sprachdaten anfangen, deren Ordnung oder Systematisierung eine spätere Aufgabe des Sprachwissenschaftlers ist: "Eine Sprachwissenschaft, die nicht von genau festgestellten Daten ausgeht, muß letzten Endes in leeren Phantasien [ijdele fantasterij] enden" (Royen 1926:152).

Diese genauen Beobachtungen werden in einer kritischen Auseinandersetzung mit 2000 Jahren von Genusforschung durchgeführt. Royen versucht in seiner Darstellung des indogermanischen nominalen Dreiklassensystems nicht, dieses System auf den Grund zu gehen, sondern Entwicklungstendenzen, nach dem Modell des Genussynkretismus und der Neugruppierung von Genussystemen, festzustellen. Was er zeigen möchte, ist, daß "die nominale Klassifikation andauernd fluktuiert" (Royen 1929:587), wenn auch nicht überall gleichmäßig. So weicht die Erscheinungsform der formalen Unterschiede des Genus manchmal erheblich von der pronominalen Bezeichnung ab. Es verwundert Royen zum Beispiel nicht,

 

daß vor allem bei Personen verschiedene Formen des anaphorischen Pronomens die beiden Sexus auch dann noch unterscheiden, wenn bei den adnominalen Wörtern dieser Unterschied nicht mehr formal reflektiert wird. Bilden doch Personen mit ihrem Sexusgegensatz psychisch zwei deutlich umgrenzte Gruppen, deren Unterscheidung sich bei pronominaler Andeutung länger erhält als jene der Begriffe und Dingnamen.                                                                                                        (Royen 1929:587)

 

Es geht Royen in der niederländischen Fassung der Dissertation also vor allem um eine historische Untersuchung eben dieser Entwicklungen und Tendenzen und keineswegs um eine Ursprungsfrage, die sich zum Beispiel auf das Entstehen einer Klasse Animatum:Inanimatum oder Personale:Impersonale im indogermanischen Genussystems (vgl. Royen 1929:588).

 

Die mühsame und zeitraubende Übersetzung des niederländischen Manuskripts der Endfassung - die ursprüngliche, niederländische Fassung dieses Textes, die es offenbar gibt, habe ich leider noch nicht habe auftreiben können - ist einer der Gründe des verspäteten Erscheinungstermins dieser Arbeit gewesen.[7] Royen hat drei Jahre an den Nominalen Klassifikations-Systemen gearbeitet, hat es 1925 zu Ende geschrieben, wie er im Vorwort schreibt, konnte aber wegen Uhlenbecks Emeritierung aus gesundheitlichen Gründen, nicht länger warten mit der Promotionsfeier. Deshalb ist die niederländische Dissertation, die der Struktur der größeren Studie folgt, beträchtlich kürzer. Die beiden Hauptfragen in Royens Dissertation sind nicht nur aus Uhlenbecks Ansichten über Nominalgruppierung hervorgegangen, sondern ebenfalls aus eigenen historisch-kritischen Forschungen zum grammatischen Genus[8] hervorgegangen. Diese Fragen beziehen sich im systematischen dritten Teil, wie gesagt, auf die sogenannte Synkretisierung oder Verschmelzung der indogermanischen Dreiteilung des Genus und zweitens auf die Neugruppierung oder Reinterpretation der Wertunterscheidungen (also lebend:leblos, männlich:weiblich:neutrum u.dgl.). Eben diese Faktoren mahnen zur Vorsicht, wenn es um Ursprungsfragen der nominalen Klassifikation und besonders um die Klassifikation der natürlichen Dinge nach bestimmten Wertunterscheidungen geht. Royen gibt also keine Erklärungen für die Entwicklung verschiedener Genus-Systeme, versucht aber bestimmte formale und semantische Merkmale der Gruppierung von Nomina in verschiedenen Sprachfamilien historisch und kritisch, das heißt: nach bestimmten klassifikatorischen Prinzipien, zu analysieren. Diesem kritischen Teil gehen zwei Kapitel voran, in denen sich Royen, wie er selbst sagt: nach Vollständigkeit strebend, mit der Geschichte der Nominalklassifikation beschäftigt (Royen 1929:1-270; eine Synopsis findet man in Royen 1926:1-26). In diesen beiden Kapiteln werden übrigens nur längere Zitate aus Werken von oder Ansichten über Protagoras bis Josselin de Jong, einem niederländischen Ethnolinguisten, gegeben mit einer kurzen Darstellung einiger hervorstechender Besonderheiten der Nominalklassifikation bei den besprochenen Sprachforschern, z.B. der Kongruenz von Satzteilen.

Royen faßt in seiner historischen Darstellung die Ansichten über das Genus bei verschiedenen Grammatiker jeweils lapidar zusammen, aus dem übrigens bereits sein starkes systematisches und systematisierendes Interesse an diesem Problem hervorgeht. So heißt es über die griechischen und lateinischen Grammatiker und deren Bestimmung der Nominalklassifikation:

 

Wenn wir die Theorien der griechischen und lateinischen Grammatiker untereinander vergleichen, dann sehen wir in ihnen zwei von Grund aus verschiedene Auffassungen eine um die andere in den Vordergrund treten: 1. Das Genus ist etwas Formales, das vor allem in der Kongruenz zum Ausdruck kommt; 2. das genus steht in Beziehung zum Sexus. Die Ausdehnung von Männlich-Weiblich auf die Dingnamen ist entweder nach Analogie des Sexus oder bloß willkürlich-künstlich. Somit könnte man eine morphologische Theorie einer sexualistischen gegenüberstellen.                                             (Royen 1929:15)

 


 

Diese Auffassung, so Royen, wird bei den Scholastikern und Humanisten fortgesetzt. Sie alle "betrachten das Genus der Dingnamen als etwas in der Realität Begründetes: einerseits [geht es] auf ein aktives männliches, andererseits auf ein passives weibliches Prinzip [zurück]" (Royen 1929:24). Übrigens versucht Royen in den beiden ersten Kapiteln "eine objektive chronologische Übersicht der Ideenentwicklung zu geben", die erst im systematischen dritten Kapitel kritisch, im Zusammenhang allgemeiner Fragestellungen hinsichtlich der Genusproblematik, überprüft wird. Eine Ausnahme bilden Meillets Auffassungen über "le genre grammatical", die im 2. Kapitel bereits kritisiert werden (vgl. Royen 1929: 93 und 194). Royen stellt fest, daß ab Grimm die Genusfrage mehr und mehr in einen glottogonischen und völkerpsychologischen Zusammenhang besprochen werden, und daß die Anthropologie und Ethnologie mit Untersuchungen zur Mythologie, Religion, zu Familienbeziehungen und Folklore neue Erkenntnisse bringen.

Wichtig scheint mir Royens Versuch, in einer chronologischen - und nicht rein thematischen - Darstellung die wichtigsten Theorien zur Entwicklung der nominalen Klassifikation vorzuführen. So gelingt es ihm, die formalistischen und die realistischen Theorien mit ihren jeweils anderen Akzenten in ihrer Wechselwirkung und Aufeinanderfolge vorzustellen, ohne daß er übrigens in einen Entweder-Oder-Simplismus verfällt. Trotz dieser detaillierten und ,objektiven' Darstellung hat Royens Werk in der (inter-)nationalen Fachwelt einige Reaktionen ausgelöst.

 

2.  Einige Reaktionen auf Royens Werk

 

Einer der ersten, die auf Royens Nominale Klassifikations-Systeme reagierte, war der Leidener Doktorvater Uhlenbeck selbst. In der Zeitschrift Anthropos bedauert Uhlenbeck erstens, daß dem umfangreiche Werk keine Synthese beigegeben ist, in der Royen seine Auffassungen kurz hätte zusammenfassen können und zweitens wäre es für das Verständnis der Arbeit besser gewesen, wenn Royen das dritte, 670 Seiten zählende Kapitel in mehrere Kapitel unterteilt hätte. So wären die disparaten, mit dem Klassifikationsproblem zusammenhängenden Fragen über "Männer- und Frauensprache, Mythologie und Personifikation, Genus im Gegensatz zum Sexus, Kollektivität und Pluralisierung, Movierung und Kongruenz, Lautsymbolik und Akzent, konsonantische und vokalische Intermutation" (Uhlenbeck 1929:650) besser zu ihrem Recht gekommen. Außer einigen Seiten mit Randbemerkungen zu Royens Nominalen Klassifikations-Systemen gibt Uhlenbeck eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse, die er Royens Werk entnommen hat:

 

1.  Der Gegensatz Maskulinum + Femininum einerseits, Neutrum anderseits, läßt sich nicht aus einem ursprünglichen Gegensatze Belebt:Unbelebt erklären, obwohl sekundäre Assoziationen mit Belebtheit und Leblosigkeit wahrscheinlich nicht vorhanden sind.

2.  Die nicht ganz wenigen Neutra, die belebte Wesen bezeichnen, sind als Überbleibsel eines vorindogermanischen Klassifikationsprinzips aufzufassen.

3.  Mit der Annahme eines ursprünglichen (oder besser gesagt: älteren) Gegensatzes Mehrwertig:Minderwertig, oder Energetisch:Inert, kommt man zwar etwas weiter als mit Belebt:Unbelebt, und es ist sehr glaubhaft, daß die Mehrwertigkeit und Minderwertigkeit bzw. die Energie und Untätigkeit, eine bedeutende Rolle im vorindogermanischen Klassifikationssystem gespielt haben, aber auch diese Prinzipien reichen bei weitem nicht aus, um alles aufzuhellen, denn Mehrwertiges und Tätiges wird nur zu oft durch Wörter des Genus Neutrum ausgedrückt.

4.  Der Umstand, daß im kollektiven Sprachbewußtsein der indogermanisch redenden Völker mit Maskulinum und Femininum Sexualvorstellungen einhergingen, wie aus den zahlreichen Übereinstimmungen zwischen Mythus und Genus klar zutage tritt, beweist nicht, daß solche Vorstellungen von Anfang an mit den beiden genannten Genera verbunden gewesen seien.

5.  Die Epicoena [epikoinos = etwas Gemeinschaftliches, mit jemandem Geteiltem] sind eine altertümliche Gruppe, die als solche in eine Periode, wo sich mit den Genera, die wir Maskulinum und Femininum nennen, noch keine Sexualvorstellungen assoziiert hatten, hinaufreicht.

                                                                                                                          (Uhlenbeck 1929:655)

 


 

Uhlenbeck sieht Royens Leistung als einen wichtigen Beitrag zu den ethnolinguistischen Studien, mit denen seit etwa 1900 P. Wilhelm Schmidt und dessen Mitarbeiter in Mödling bei Wien angefangen hatten - u.a. mit der Gründung der internationalen ethnologischen und linguistischen Zeitschrift Anthropos. "Royen", so Uhlenbeck, "steht geistig den Mödlinger Forschern und Forschungsreisenden sehr nahe" (Uhlenbeck 1929:649).

Nicht nur in den Niederlanden wurde auf Royens Werk eingegangen. Antonius Weijnen weist in seiner Lebensbeschreibung auf eine Besprechung der niederländischen und deutschen Fassung der Dissertation von Antoine Meillet in dem Bulletin de la Société de Linguistique de Paris hin. Dieser Hinweis geht aus Weijnens Ansicht hervor, daß Royens letzte, fünfbändige Werk über Beugungserscheinungen im Niederländischen sein magnum opus sei, weil hier eine positive Tendenz zu spüren ist, eine vollständige Darstellung eines bestimmten grammatikalischen Phänomens, gegenüber der negativen der Nominalen Klassifikations-Systeme. Meillet hat sich mit folgenden Worten gegen das Verfahren Royens gekehrt:

 

[O]n ne peut s'empêcher de croire que le P. Royen, qui a exécuté un grand travail, aurait fait œuvre plus utile s'il avait présenté avec rigueur l'état de langue indo-européen avec ces curieux développements, s'il avait décrit, avec l'exactitude que permettent les données, chacun des systèmes de classes nominales observés ailleurs et s'il avait ainsi éclairé les faits les uns par les autres. Mais son objet n'était pas de simplifier ou de vérifier. C'était de faire apparaître des complexités même là où il semble qu'il y ait vraiment simplicité et des obscurités là où il y a réellement de la clarté.   (Meillet 1931:14)

 

Dies hat er dann, nach Weijnens Auffassung in seinem späteren Werk im Bereich der Niederlandistik gemacht. Meillet übrigens hatte bereits 1927 Royens Synopsis, die Leidener Dissertation, besprochen (Meillet 1927:40), in dem er an dem Titel bereits das nominale Dreiklassensystem des Indogermanischen kritisiert hat, was übrigens implizite das traditionelle Problem einer rekonstruierten indogermanischen Grundsprache anspricht:

 

La formule que l'indoeuropéen à trois genres n'exprime qu'un fait brut, non la réalité profonde des choses. En réalité, il y a une opposition du neutre (qui est nettement un genre inanimé) et d'un ensemble de formes de genre animé, opposition qui se manifeste seulement au nominatif at à l'accusatif des noms masculins et féminins et qui s'y exprime par la flexion. Et il y a, d'autre part, à l'intérieur des formes du genre 'animé', une opposition de masculin et de féminin, qui se manifeste par ceci que les adjectifs se rapportant à des substantifs indiquant des femelles (ou des notions conçues comme telles) reçoivent une forme particulière, dérivée de la forme du masculin. Tel est le système qui a évolué par la suite, d'où il faut partir, et qu'il faut, par exemple, opposer au système sémitique, radicalement autre au point de vue de la forme comme à celui du sens.                                                                                     (Meillet 1927:40)

 


 

Übrigens weist diese semantische Betrachtung, die von Meillet mit großer Entschiedenheit vorgefüht wird, auf das eben von Royen dargestellte Problem einer (un-)bestimmten Zahl von Genera hin, das für Meillet also weniger problematisch ist. Meillet selbst wird in Royens Dissertation wegen seines Optimismus kritisiert, daß es eine mögliche semantische Bestimmung der Genera und der Wertunterscheidungen gebe. Royen unterzieht Meillets Auffassungen über das Genus einer eingehenden Kritik (Royen 1929:210-228), die auch in Meillets ausführlicher Rezension der Nominalen Klassifikations-Systeme berücksichtigt worden ist. Wenn Royen sagt, die Stärke Meillets liegt in seiner formalen Behandlung der Genusfrage, so hält er vor allem "Meillets bedeutenden Namen [, die] für viele eine absolute Bürgschaft für die Richtigkeit und Wahrheit seiner kristallklaren Auseinandersetzungen [ist]" (Royen 1929: 218), für eine Gefahr. Denn gerade im Rahmen der Genusfrage sind Meillets Ideen als "eine voreilige, unzureichend begründete Verallgemeinerung zu [betrachten]" (Royen 1929:218). So zum Beispiel wenn man die Wertunterscheidung leblos:lebend für eine semantische Universalkategorie hält:

 

Beginnen wir vorerst einmal mit den Namen der Körperteile, die nach Maßgabe ihrer Aktivität oder Nichtaktivität zur lebenden oder leblosen Klasse gehören sollten. Die Zunge ist ,particulièrement active', so sagt Meillet. Und doch ist im Blackfoot matsiní ,Zunge' leblos; ebenso gehören moχkαtsis ,Fuß', motsís ,Hand', moχtsiminan ,Fuß' [sic; Arm, vgl. Uhlenbeck 1929:651 - fv] zur leblosen Klasse. Nun sagt zwar Meillet, daß nicht alle Fälle so deutlich seien, aber nach unserer Meinung will Meillet mehr erklären als sich erklären läßt, und er hätte vielmehr sagen müssen, daß alle Fälle gleichmäßig unklar seien: darum konnten Blackfoot opposita angeführt werden.                                           (Royen 1929:218f.)

 

Nach Meillet hat Royen mit diesem Werk ein Monstrum geschaffen, das nur eine kritische, das heißt negative Darstellung bereits existierender Theorien zum Thema Genus gibt. Er kritisiert nur "et il pousse le souci critique jusqu'à la puérilité [zum Infantilen]" (Meillet 1931:5). So weit ein kurzer Überblick über einige Stimmen aus der Fachwelt, die Royens Werk kritisiert haben.

 

Es ist in dieser Darstellung von Royens Werk um 1930 herum und im Zusammenhang mit der Bedeutung von Royens Werk für die allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft in den Niederlanden von Bedeutung, noch auf zwei kleinere Arbeiten einzugehen, die Royens Position hinsichtlich der Saussureschen ,langue-parole'-Dichotomie und hinsichtlich des wissenschaftlichen Sprachstudiums klarmachen.

 

3.  Die Utrechter Antrittsvorlesung

 

1932 hält Royen seine Antrittsrede Simplismus und Dilettantismus (Royen 1932), in der er ein Sprachstudium von der Sprachwissenschaft abhebt. Der Linguist erforscht nicht in erster Linie die Sprachpraxis, das konkrete hic et nunc des Sprachgebrauchs, sondern das Wesen der Sprache, das heißt: das Werden und die Veränderung von Sprache und Sprachen. Sprache ist aber nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, sondern ebenfalls eine Sache von Dilettanten, weil ja die Sprache als menschliche Tätigkeit tagaus tagein in allen Lebensumständen zur verfügung stehen soll. Sprachliebhaber, die sich kaum für die mühsame und zeitraubende Forschungstätigkeit von Linguisten interessieren, bilden also einen wichtigen Faktor in der Entwicklung der Sprache, obwohl die Linguistik von großer Bedeutung ist für die Analyse von sprachlichen Phänomenen und für die Entwicklung einer adäquaten Terminologie zur Beschreibung dieser Sprachtatsachen. Was Royen in seiner Antrittsrede kritisiert, ist eben das Problem, das Sprachwissenschaftler oder Linguisten sich manchmal zu wenig kümmern um die empirischen Tatsachen der Sprache und sich die komplexe Sprachwirklichkeit manchmal zu einfach vorstellen. So ist im Falle des griechischen und lateinischen Kasussystems und seine Übernahme in die niederländische Grammatiken des 15. und 16. Jahrhunderts ein Problem entstanden, das wohl aus der Überbewertung des griechisch-lateinischen Paradigmas hervorgegangen ist. Außerdem hat diese Übernahme zu einer Form-Funktionsverwischung geführt. Wenn also der Autor der Twe-spraack van de Nederduitsche Letterkunst ófte Vant spellen ende eyghenscap des Nederduitschen taals (1584), Hendrik Laurenszoon Spieghel (1549-1612; vgl. Van der Wal/Van Bree 1992:186-199), darauf hinweist, daß die niederländischen Substantive im allgemeinen nicht dekliniert werden, aber trotzdem sechs Kasus unterschieden werden "'om daar deur tót grondlyker Naspuering der eighenschappen onses taals te komen'" (Royen 1932:9), so ist die Sprachwissenschaft in ein exotisches Fahrwasser geraten, das eben Form-Funktionsunterschiede verwischt - übrigens wird dieses Kasussystem in anderen Grammatiken aus dieser Zeit kaum noch benutzt. Royen vertritt hier also die Ansicht, daß es eigentlich keine sprachliche Einheit gibt, aus der die einzelsprachlichen Merkmale wie der Umfang des Kasussystems verstanden werden können. Eine Annahme einer einheitlichen, rekonstruierten Ursprache hilft uns in linguistischen Untersuchungen nicht weiter, denn es gibt nach dem Prinzip des uniformitarianism (mein Begriff für Royens Position, vgl. Christy 1983:ix) keinen Grund, jene vorauszusetzen, um dennoch grammatische Phänomene adäquat zu beschreiben und analysieren.

 

4.  Sprechen und Sprache. Der Übergang zum späteren Werk

 

Diese Gedanken führt Royen weiter aus in einer ein Jahr später veröffentlichten Mitteilung der Königlichen Niederländischen Akademie der Wissenschaften, einem Beitrag zur internationalen Diskussion über die Saussuresche Dichotomie langue-parole oder im Niederländischen taal-spraak. Royen versucht die gegenseitige Bestimmung von konkretem, individuellem Sprechen und abstrakter Sprache anhand verschiedener Argumentationen und Beispiele deutlich zu machen. Die Sprache ist für Royen ein zusammenhängendes System von Phonemen, Wörtern, Wortformen und Wortverbindungen, die ideal im menschlichen Geist vorausgesetzt wird, aber nur im konkreten Sprechen realisiert oder aktualisiert werden. Der sprechende Mensch oder homo loquens steht im Zentrum von Royens Überlegungen. Royens Methode gemäß gibt er eine Unzahl von Beispielen, in denen Sprache, taal, und Sprechen, spraak, vorkommen. Obwohl Royen so etwas wie eine erbliche, potentielle Sprache annimmt, läuft seine manchmal sophistische Argumentation darauf hinaus, daß nur das Sprechen, der Sprachgebrauch, für jede Sprachentwicklung verantwortlich ist. Das Studium der Muttersprache, der ,lebenden' Sprachen, kann dagegen nicht von einem abstrakten Sprachsystem ausgehen, gewiß nicht wenn man Royens eigentliches Interesse an dem Sprachunterricht berücksichtigt. Hören und Sprechen sind hier die wesentlichen Voraussetzungen für den sprachlichen Lernprozeß, für Erst- und Zweitspracherwerb. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen und nur in der Gemeinschaft verändert und erweitert das Individuum den Sprachschatz der eigenen Sprache. Das Sprechen geht immer in Führung, wie Royen es plastisch zum Ausdruck bringt, obwohl das Sprachsystem eine Sprachgemeinschaft konstituiert, die in ihrer äußeren Form aber sehr heterogen ist. Nur das Sprachvermögen wird ererbt, das Sprechen wird erlernt durch Generalisierung und Abstraktion von der Vielheit und der Launen (Tücken, ndl. grilligheden) der idiolektischen sprachlichen Erscheinungen. Die Sprache ist ein Gattungsname für eine raumzeitlich abgegrenzte Gemeinschaft von individuellen Sprachen, die irgendwie als gleichartig betrachtet werden. Sprachveränderungen gehen nur vom Individuum aus, obwohl Sprache sich nur dann verändert, wenn die Gemeinschaft die individuellen Veränderungen übernimmt und generalisiert. Das Sprechen des Individuums und die Sprache der Gemeinschaft unterscheiden sich also nur in dieser gegenseitigen Bedingtheit. Der abstrakte Sprach- und Wortschatz ist also nicht etwas Bleibendes und potentiell Unveränderliches, einfach weil das Sprechen des Individuums mit allen seinen Möglichkeiten zur Innovation das eigentliche Fundament einer Idealsprache bildet. Übrigens bemerkt ein Individuum diese Entwicklung der Sprache selber kaum, weil sie von den Sprechern einer Sprache für gleichförmig und konstant gehalten wird. Die ,type-token'-Beziehung von Sprache und Sprechen kommt auch in der modernen Phonologie, die zur Abfassung von Royens Arbeit noch in den Kinderschuhen steckte, zum Ausdruck. Diese hebe sich von der Phonetik oder Lautphysiologie ab, indem sie die abstrakten Lautvorstellungen von den Lauten als natürlichen Phänomenen unterscheidet: "ein Phonem ist somit die Sprachabstraktion aller gleich anmutenden oder gleich intendierten konkreten Laute" (Royen 1933:19), faßt Royen zusammen. Nach einem Überblick über das Phonemsystem des Niederländischen betont er noch einmal die hervorstechende Bedeutung des Sprechens gegenüber der Sprache, beider Abhängigkeit, den dynamis-Charakter der Sprache und energeia-Charakter des individuellen Sprechens. Sprache und Sprechen entwickeln sich also nur, wenn beide, ein Individuum und eine Gemeinschaft, vorausgesetzt werden.

Es ist klar, daß Royens Darstellung kritisch auf damalige Ansichten über die langue-parole-Dichotomie eingeht, daß er die moderne Phonologie für einen äußerst wichtigen Beitrag zur modernen Linguistik hält, und daß er sich von einem Sprachstudium ohne Rücksicht auf den sprechenden Menschen, wie dieser u.a. Wilhelm von Humboldt (1767-1835) und Hermann Paul vor Augen schwebte, wenig verspricht, trotz der abendländischen kulturellen Überbewertung der Sprachsystemforschung und der Schriftsprache.

 

5.Schlußfolgerungen

 

In den Niederlanden, und auf das Niederländische zugespitzt, wurden Royens Untersuchungen zum Problem des grammatischen Geschlechts u.a. von Coenraad B. van Haeringen (1892-1983), seit 1946 Professor für niederländische Sprachwissenschaft in Utrecht. Dieser veröffentlichte 1954 eine populärwissenschaftliche Studie über genus und Geschlecht, in der eine "klare, objektive Beschreibung des pronominalen Gebrauchs [gegeben wird], wie man diesen in der gesprochenen Sprache - das heißt also der wirklich ,lebendigen' Sprache - von Millionen von Niederländern nördlich der großen Flüsse angewandt wird. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das gesprochene, sogenannte Nordniederländische erheblich von der Schriftsprache (und vom Südniederländischen); es gilt sogar als eine andere Sprache. Eine drückende Frage, die eine Lösung herausfordert", wie es auf dem Titelblatt heißt. In demselben Jahr erscheint von Van Haeringen eine Übersicht über Netherlandic Language Research. Men and Works in the Study of Dutch, in dem das Problem der Morphologie des grammatischen Geschlechts im Niederländischen in der Tradition Royens wie folgt umrissen wird:

 

As a point of morphology may be regarded the peculiar conflicts, occurring especially in Northern Netherlandic written language, with old case-endings and personal and possessive pronouns like hij, zij, haar, zijn. These conflicts arise from the fact that the written language maintains, or at any rate tries to maintain the tradition of three genders and the corresponding use of personal and possessive pronouns, whereas civilized Common Northern Netherlandic in reality possesses no more than two genders, viz. the old neuter and a ,common' gender, the latter having resulted from the mixing of the former masculine and feminine genders. The pronominal difficulties become still more complicated by the fact that in reference to names of persons the difference of sex is very distinctly observed in the use of personal and possessive pronouns. The layman, confounding the notions of ,gender' and ,sex', falls victim to curious derailments in writing.                                                                                                   (Van Haeringen 1954:57)

 

Royens Betonung der Sprachpraxis, des Sprechens oder der ,parole', als Ausgangspunkt einer adäquaten Beschreibung dieser nominalen und pronominalen Klassifikations-Probleme hat also in der niederländischen akademischen Welt der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre ihren Widerhall.


 

 Die Frage ist und bleibt aber, ob vor allem Royens frühe Arbeit über die nominale Klassifikation etwas zur Entwicklung der allgemeinen Sprachwissenschaft in den Niederlanden beigetragen hat; das heißt auch: rezipiert worden ist in der späteren Entwicklung einer autonomen Sprachwissenschaft, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Obwohl ich Ihnen die Antwort vorläufig schuldig bleiben muß, könnte man diese Fortsetzung anzweifeln. Einerseits, weil nicht Royen, sondern andere Sprachforscher wie Anton Reichling (1898-1986) und Albert Willem de Groot (1892-1963) die Institutionalisierung kurz vor und nach dem Zweiten Weltkrieg in Gang gesetzt haben, andererseits weil Royen später nicht mehr sprachübergreifend, mehrere indogermanische Sprachen vergleichend, mit einer allgemeinen Theorie, zum Beispiel zum grammatischen Geschlecht, auseinandergesetzt hat.

     Nichtsdestoweniger hat sich die internationale Fachwelt, die Forscher um Wilhelm Schmidt in Mödling, Antoine Meillet in Frankreich und die niederländischen Sprachwissenschaftlern von C.C. Uhlenbeck bis  C.B. van Haeringen mit Royens Werk auseinandergesetzt. Man findet sogar einen Überblick über einige Werke von Royen und die (inter-)nationalen Rezensionen in Teil I, Band IV des von Helmut Gipper und Hans Schwarz herausgegebenen Bibliographischen Handbuchs zur Sprachinhaltsforschung. In dem vor kurzem erschienenen Buch Gender von Greville Corbett (1991) wird Royens magnum opus einige Male im Zusammenhang mit "gender agreement", "the number of gender distinctions in several languages" und "the discussions of Indo-European grammatical gender" erwähnt. Letztere Diskussion, die Karl Brugmann (1949-1919) mit Jacob Grimms (1785-1963) Auffassungen führt, findet im Rahmen des semantischen bzw. des formalen Charakters des grammatischen Geschlechts statt, mit dem auch Royen sich ausführlich beschäftigt hat:

 

Grimm, who acknowledged the influence of Humboldt, started from the semantic link of gender to sex; gender was extended to inanimate nouns by the working of human imagination. Brugmann rejected this view; he took the origin of gender to be formal, the starting point being particular suffixes which were used for sex-differentiable nouns; other nouns with these suffixes were treated identically for adjectival agreement purposes; this account relies heavily on the working of analogy. Again in this discussion we recognize the themes of meaning and form.                                                 (Corbett 1991:309)

 


 

Es würde in diesem Zusammenhang zu weit führen, auf alle Einzelheiten von Royens Auffassungen über die erwähnten Themen einzugehen. Es reicht vorläufig, festzustellen, daß Royens Arbeit im Bereich der vergleichenden und allgemeinen Genusforschung wichtige Aspekte neuerer Genusforschungen vorwegnimmt, vor allem auch, wenn Corbetts Behauptung stimmt, daß das Studium des Genus als grammatischer Kategorie von Bedeutung ist für viele Kernbereiche der Linguistik, so zum Beispiel für den Zweitspracherwerb. Außerdem, "research into gender will be important for at least two other areas: first, it can shed light on the way in which linguistic information is stored in the brain; and second, it has implications for natural language processing, notably for the elimination of local ambiguities in parsing" (Corbett 1991:1).[9] Das würde also bedeuten, daß es sich nicht nur aus historischen Gründen lohnt, sich mit Royens frühen Ansichten und Veröffentlichungen über nominale Klassifikations-Systeme auseinanderzusetzen.

 

Bibliographie

 

Anthropos

1903-     Revue Internationale d'Ethnologie et de Linguistique Anthropos. Internationale Zeitschrift für Völker- und Sprachenkunde. Fundator: P.W. Schmidt S.V.D. Mödling bei Wien: ,,Anthropos''-Administration.

Bausch, Karl-Richard et al.

1991      Handbuch Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Francke.

Burgmann, Arnold

1954      "P.W. Schmidt als Linguist". In: Sebeok, Thomas A. ed. (1966): Portraits of Linguists. A Biographical Sourcebook. The Hague: Mouton: 287-328.

Christy, T. Craig

1983      Uniformitarianism in Linguistics. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins

Cloeren, Hermann J.

1988      Language and Thought: German Approaches to Analytic Philosophy in the 18th and 19th Centuries. Berlin, New York: Walter de Gruyter.

Corbett, Greville

1991      Gender. Cambridge etc.: University Press.

Daman, J.A.

1941      Vijftig Jaren van Strijd, 1891-1941. Purmerend: J. Muusses.

Driel, Lodewijk van

1988      De zin van de vorm. Roorda's logische analyse en de algemene grammatica. Amsterdam: VU Uitgeverij.

Duden

19844     Die Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Mannheim etc.: Duden Verlag.

Einhauser, Eveline

1989      Die Junggrammatiker: Ein Problem für die Sprachwissenschaftsgeschichtsschreibung. Trier: WVT.

Elffers, Els

1991      The Historiography of Grammatical Concepts. 19th and 20th-century changes in teh subject-predicate conception and the problem of their historical reconstruction. Amsterdam, Atlanta: Rodopi.

Essen, Arthur J. van

1983      E. Kruisinga. A Chapter in the History of Linguistics in the Netherlands. Leiden: M. Nijhoff.

Gonda, Jan

1954/5   "In Memoriam. Nicolaus Jacobus Hubertus Gerlach Royen 1880-1955". Jaarboek der Rijksuniversiteit te Utrecht 1954/5: 31-36.

Haeringen, Coenraad B. van

1927      [Bespr. van N.J.H. Royen (1926)]. De Nieuwe Taalgids 21: 50-57.

1954a     Genus en Geslacht. Het voornaamwoordelijk gebruik in de gesproken taal. Amsterdam: J.M. Meulenhoff

1954b    Netherlandic Language Research. Men and Works in the Study of Dutch. Leiden: E.J. Brill.

1954/5   "Herdenking van Gerlach Royen O.F.M. (18 Oktober 1880 - 4 Februari 1955)". Jaarboek van de Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen  1954/5. Wieder in: --- (ed.), 21976: Gramarie. Keur uit het werk van zijn hoogleraarstijd. Utrecht: HES:217-225.

Humboldt, Wilhelm von

1963-

1985      Werke in fünf Bänden. Herausgegeben von Andreas Flitner und Klaus Giel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Jankowsky, Kurt R.

1972      The Neogrammarians. A Re-Evaluation of Their Place in the Development of Linguistic Science. The Hague, Paris: Mouton.

Josselin de Jong, Jan Petrus Benjamin de

1952/3   "In Memoriam: Christianus Cornelius Uhlenbeck (18 October 1866-12 Augustus 1951)". Jaarboek van de Koninklijke Nederlandse Academie van Wetenschappen 1952/3. Englische Übersetzung in: Thomas A. Sebeok [ed.], 1966: Portraits of Linguists. Band 2. Bloomington, London: Indiana University Press:253-266.

Lubbe O.F.M., Henricus F.A. van der

19652     Woordvolgorde in het nederlands. Een synchrone structurele beschouwing. Assen: Van Gorcum.

Meillet, Antoine

1927      [Bespr. van N.J.H. Royen (1926)]. BSL 27: 40.

1931      [Bespr. van Gerlach Royen (1929)]. BSL 31: 4-14.

Noordegraaf, Jan

1985      Norm, geest en geschiedenis. Nederlandse taalkunde in de negentiende eeuw. Dordrecht, Cinnaminson: Foris Publications.

1990      "Pos als geschiedschrijver van de taalwetenschap. In: Saskia Daalder & Jan Noordegraaf [eds.]: H.J. Pos (1898-1955), taalkundige en geëngageerd filosoof. Amsterdam: Huis aan de drie grachten:153-175.

Noordegraaf, Jan et al.

1992      The History of Linguistics in the Low Countries. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins.

Oosterse Talen

1981      ‘een bescheiden onderkomen'. Historisch overzicht van de studie van de Oosterse talen en kulturen aan de Rijksuniversiteit te Utrecht. Utrecht [interne Veröffentlichung].

Paul, Hermann

1880      Principien der Sprachgeschichte. Tübingen: Niemeyer [81968].

Rombouts, Fr. Sigebertus

1937      Waarheen met ons vreemde-talenonderwijs. Historisch-psychologisch-didactische beschouwing. Tilburg: Drukkerij van het R.K. Jongensweeshuis.

Royen O.F.M., P. Gerlach

1926      De jongere veranderingen van het indogermaanse drieklassensysteem. 's-Hertogenbosch, Antwerpen: L.C.G. Malmberg.

1929      Die nominalen Klassifikations-Systeme in den Sprachen der Erde. Historisch-kritische Studie, mit besonderer Berücksichtigung des Indogermanischen. Mödling bei Wien: Anthropos.

1932      Simplisme en Dilettantisme. Utrecht, Nijmegen: Dekker & Van de Vegt [Rede uitgesproken bij de aanvaarding van het buitengewoon hoogleraarsambt aan de Rijksuniversiteit te Utrecht op 6 junie 1932].

1933      "Spraak en Taal". Mededeelingen KNAW, Deel 75, Serie A, No. 5: 157-182.

1935      Pronominale problemen in het Nederlands. Tilburg: Drukkerij van het R.K. Jongensweeshuis.

1936a     "Grammatische kategorieën bij het naamwoord". Mededeelingen der KNAW: 91-167.

1936b    "Reichling: Langeveld". De Nieuwe Taalgids 30:351-362.

1939      Bijgedachten en botsingen in taal. 's-Hertogenbosch: Teulings' Uitgevers-Maatschappij.

1947      Taalkundig inzicht voor school en leven. Tilburg: Drukkerij van het R.K. Jongensweeshuis.

1948      Taalpanoptikum. Utrecht, Brussel: Het Spectrum.

1949      Romantiek uit het Spellingtoernooi. Utrecht, Nijmegen: Dekker & Van de Vegt.

1953      Taalrapsodie. Taalkundige en didaktische varia van her en der. Bussum: Paul Brand.

Sapir, Edward

1921      Language. An Introduction to the Study of Speech. San Diego etc. : Harvest/HBJ.

Schmidt, P. Wilhelm

1926a     Die Sprachfamilien und Sprachenkreise der Erde. Heidelberg: Carl Winter.

1926b    Die Sprachfamilien und Sprachenkreise der Erde. Atlas von 14 Karten. Heidelberg: Carl Winter.

Schmitz, H. Walter

1990      De Hollandse Significa. Een reconstructie van de geschiedenis van 1892 tot 1926. Assen, Maastricht: Van Gorcum.

Schrijnen, Jos.

1905      Inleiding tot de studie der vergelijkende indogermaansche taalwetenschap. Leiden: A.W. Sijthoff.

1917      Handleiding bij de studie der vergelijkende indogermaansche taalwetenschap vooral met betrekking tot de klassieke en germaansche talen. Leiden: A.W. Sijthoff's Uitgevers-Maatschappij.

Stutterheim, Cornelis F.P.

1950      [Bespr. van: Dr. Gerlach Royen (19490]. Levende Talen 157: 431-434.

Uhlenbeck, Christianus Cornelis

1917      "Johan Hendrik Caspar Kern 6 april 1833-4 juli 1917". Jaarboek van de Koninklijke Akademie van Wetenschappen 1917: 15-47.

1929      "Die nominalen Klassifikations-Systeme in den Sprachen der Erde". Anthropos 25: 649-656.

Uhlenbeck, Eugenius Marius

1956      "De studie der zgn. exotische talen in verband met de algemene taalwetenschap". Museum 61: 65-80.

Vendryes, Joseph

1921      Le langage. Introduction linguistique à l'histoire. Paris: Éditions Albin Michel [11939; avec un nouvel appendice bibliographique et un avant-propos de Henri Berr].

Vonk, Frank

1990      "H.J. Pos en het taaltheoretisch denken van Karl Bühler". In: Saskia Daalder & Jan Noordegraaf [eds.]: H.J. Pos (1898-1955), taalkundige en geëngageerd filosoof. Amsterdam: Huis aan de drie grachten:177-191.

1992      Gestaltprinzip und abstraktive Relevanz. Eine wissenschaftshistorische Untersuchung zur Sprachaxiomatik Karl Bühlers. Münster: Nodus.

1993a     Vergleichende und historische Sprachwissenschaft in Deutschland. Eine thematisch-bibliographische Übersicht über Komparatistik und Germanistik im 19. Jahrhundert. Utrecht: Chapters in Linguistics.

1993b    "Vergelijkende en algemene taalwetenschap in Nederland. Een historiografisch-methodologische benadering". Utrecht [ongepubliceerd manuscript].

1993c     "The Study of High German in Utrecht, 1876-1921. Between School and University". In: Noordegraaf/Vonk eds. (1993).

1993d    "De studie van de moderne vreemde talen in Nederland, in het bijzonder het Duits. Tussen theorie en praktijk". In: Handelingen van het Nederlands Filologencongres 1993 (Groningen).

Wal, Marijke J. van der / Cor van Bree

1992      Geschiedenis van het Nederlands. Utrecht: Aula.

Weijnen, Antonius Angelus

1955/6   "Nikolaus Jakobus Hubertus Royen (Valkenburg, 18 oktober 1880 - Utrecht, 4 februari 1955)". Jaarboek Maatschappij der Nederlandse Letterkunde 1955/6: 115-119.

Winters, Christopher [ed.]

1991      International Dictionary of Anthropologists. New York, London: Garland Publishing.

Wölfel, Dominik Josef

1927      [Bespr. van P. W. Schmidt (1926)]. Anthropos 22: 636-645.

1928      [Bespr. van Gerlacus Royen (1926)]. Anthropos 23: 362-364.

Wundt, Wilhelm

1900      Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte. I. Die Sprache. 2 Teilbände. Aalen: Scientia [Neudruck 1975 der dritten Auflage].

Yule, George

1985      The Study of Language. Cambridge etc.: Cambridge University Press.


 

[1]        Gerlacus ist der Name eines niederländischen Heiligen (etwa 1100-1177), eines ehemaligen Ritters, der sich nach dem Tod seiner Frau bekehrt hat, und als Einsiedler in Houthem, Limburg, gelebt hat.

[2]        Willem Caland war seit 1903 an der Universität Utrecht als Lektor für Sanskrit tätig. 1906 wurde er außerordentlicher Professor für Sanskrit und vergleichende indogermanische Sprachwissenschaft. 1917 wurde er Ordinarius und wurde der Lehrauftrag erweitert: Sanskrit, vergleichende indogermanische Sprachwissenschaft, Altpersisch und Avestisch. Nachdem Jos. Schrijnen 1923 die Universität Utrecht für Nijmegen gewechselt hatte, lehrte Caland außerdem noch allgemeine Sprachwissenschaft mit Rücksicht auf die Altphilologie (klassieke letteren).

[3]        Gonda hatte 1929 beim Altphilologen Carl Wilhelm Vollgraf (1876-1967) promoviert mit einer Arbeit Deiknumi. Semantische studie over den Indo-Germaansche wortel *deik-. Er hat Altjavanisch und indonesische Sprachen in Leiden studiert. Am 1. April 1932 wurde Gonda außerordentlicher Professor für Sanskrit, Avestisch, Altpersisch und Prinzipien der indogermanischen Sprachwissenschaft. Nach Royens Emeritierung übernahm Gonda einen Teil von dessen Lehrauftrag, die allgemeinen Sprachwissenschaft mit Rücksicht auf die

Altphilologie. Den anderen Teil übernahm 1951 Andries Teeuw (*1921) und ab 1956 Albert Willem de Groot (1892-1963; Ordinarius für vergleichende und allgemeine Sprachwissenschaft mit Rücksicht auf das Studium der modernen (lebenden) Sprachen). Gonda hat bis 1976 in Utrecht gelehrt (vgl. Oosterse Talen 1981:98ff.).

[4]        Pauls Prinzipien und Le Langage (1923; 21939) von Joseph Vendryes (1875-1960) sind zwei Klassiker der allgemeinen Sprachwissenschaft als akademischer Disziplin. Paul beschäftigt sich in Kapitel XV seiner Prinzipien mit psychologischen und grammatischen Kategorien, insbesondere auch dem Geschlecht. Paul setzt die psychologische Kategorie voraus, deren Erstarrung die grammatische ist. Eine psychologische Analyse der Zuordnung von Genera zu Dingen wird zeigen, daß die psychologische und grammatische Entwicklung des nominalen Systems öfters nicht gleichen Schritt halten. Wenn sich dann "wieder eine Tendenz zur Ausgleichung sich geltend macht, vollzieht sich eine Verschiebung der grammatischen Kategorie, wobei auch eigentümliche Zwitterverhältnisse entstehen können, die keine einfache Einordnung in die bis dahin vorhandenen Kategorieen zulassen" (Paul 1880:263). Vendryes beschäftigt sich im Kapitel über grammatische Kategorien ebenfalls mit dem Genus, insbesondere im Französischen, Deutschen und Englischen. Nach einer vergleichenden Analyse des Genus von bestimmten Nomina in den genannten Sprachen kommt er zu folgenden Einsichten, die mehr oder weniger im Sinne Meillets, auf dessen Ansichten ich noch eingehen werde (vgl. 2.), sind: "dans les langues indo-européennes ou sémitiques, [...], la catégorie du genre s'impose avec une rigueur telle que dès qu'un substantif se présente à l'esprit, il apparaît toujours pourvu d'un genre, qui le caractérise éminemment, qui souvent même est la seule caractéristique qu'il possède [vgl. le livre und la livre]" (Vendryes 1923:108). Die Unterscheidung von Genera aber "ne répond à rien de rationel: on ne saurait dire pourquoi la table, la chaise sont féminins et le tabouret, le fauteuil masculins". Auch stellt Vendryes fest, das die genera "se modifient au cours des âges" (109), und daß es kaum "le genre naturel" zum Ausdruck bringt. So gibt es im Französischen kein Mittel "d'exprimer par le genre grammatical la différences des sexes" (109). Im Sinne Royens, aber interdisziplinär weitaus optimistischer, sieht Vendryes das Problems der Ursprungsfrage nach dem grammatischen Geschlecht: "Plusiers linguistes l'ont tenté, sans aboutir à aucune solution satisfaisante. La question dépasse les cadres de la grammaire indo-européenne; c'est une question de linguistique générale, qui se pose dans d'autres groupes de langues" (112). Es ist zu einfach im Indogermanischen das Männliche und Weibliche als die beiden ursprünglichen Genera zu betrachten, denn "les genres ne consistent pas seulement dans l'opposition d'un masculin et d'un féminin, puisque l'indo-européen possédait un neutre" (112). Zum Schluß weist Vendryes noch auf die semasiologische Dimension der Genera hin, die jede nominale Klassifikation bestimmt haben wird: "[Le genre] représente une tentative faite par l'esprit pour classer les notions si variées qui s'expriment au moyen des noms. Le principe de ce classement répond sans doute à la conception que nos lointains ancêtres se faisaient du monde; des motifs mystiques et religieux ont contribué  à le fixer. La

tradition s'en est maintenue même après qu'on a cessé d'en comprendre la raison d'être" (114).

[5]        Vergleiche in diesem Zusammenhang auch die Bemerkungen Jan Petrus Benjamin de Josselin de Jongs (1886-1964; 1951/2:256) über die von Uhlenbecks selbst bestätigte Verwandtschaft mit Jacob Grimms Ansichten über Grimm: "He spoke of 'a reaction against the scholastic aridity [Trockenheit] which was characteristic of a part of our century', of ,the new ways [...] made passable by ethnologists and archeologists'. He ven went so far as to mention ,the glorious and unforgettable days of romanticism and the spirit of Jacob Grimm', which he saw revived ,in the work of posterity [der Nachwelt]'".

In seiner Inauguralrede De onderlinge verhouding der oudgermaansche tongvallen en hunne plaats in den indo-germaanschen taalstam, über die gegenseitige Beziehung der altgermanischen Dialekte und ihren Standort innerhalb des indogermanischen Sprachstammes, Uhlenbecks "effusion, [...], was due to an intuitive rather than a reasoned opposition to the simplistic approach to linguistics of the neo-grammarian school, from which even he had not yet been able entirely to divest himself at the time".

[6]        Das grammatische Genus ist nach Uhlenbeck "die Gruppierung der Nomina jeder beliebigen Sprache in einer gewissen Anzahl Klassen" (Royen 1929:233). Diese Klassifikation ist aus einer vorläufigen Klassifikation der Dinge in der Welt hervorgegangen, die, so Royen, voraussetzt, daß nicht nur eine formale, morphologische Analyse der nominalen Gruppen Einsichten in die Zuordnungsprinzipien verschaffen, sondern auch die ,Klassifikationsprinzipien' selbst, obwohl, wie Ethnologen nachgewiesen haben, Klassifikationen nach Himmelsstrichen, religiösen Auffassungen u.dgl. recht problematisch sind, d.h. zum Hineininterpretieren führen können. Royen interessiert sich, wie auch Uhlenbeck, nicht für Ursprungsfragen des grammatischen Genus: "Was aus früheren Zeiten überliefert sei, das sei nicht nur zahlreichen Änderungen unterworfen worden, sondern auch das, was vielleicht wenig oder gar nicht geändert wurde, sei doch undurchdringlich und unerkennbar für uns, da es immer wieder und wieder mit jeder Veränderung des Kulturzustandes im kollektiven Sprachbewußtsein einer neuen Reinterpretation unterworfen sei. Es sei mit grammatischen Erscheinungen nichts anderes der fall als mit Sitten und Gebräuchen, mit Riten und Zeremonien. Bestenfalls können man auf völkerpsychologischem Wege der Bedeutung z.B. des grammatischen Genus [...] oder einer totemistischen Zeremonie bei einem bestimmten Volke oder zu einer bestimmten Zeit näherkommen. Aber nur Simplisten [wie Freud, Taylor oder Bachofen] könnten sich der Illusion hingeben, daß sie die Kulturphänomena wirklich in ihrem Ursprung aufspüren können (Royen 1929:237f.). Daß aber eine ursprüngliche Klassifikation der Entwicklung des grammatischen Genus vorangegangen ist, ist für Uhlenbeck und Royen eine Tatsache, die nichts mit Klassifikationsprinzipien oder Wertunterscheidungen wie der Gegenüberstellung von energisch:inert, männlich:weiblich:neutrum oder lebend:leblos zu tun hat.

[7]        Royen schreibt in der  "Vorrede" der niederländischen Dissertation: "Dat slechts dit fragment ener grotere studie - die reeds vóór het einde van 1925 voltooid werd, maar waarvan het ter perse gaan op onverhoopte moeilikheden stuitte - als proefschrift wordt aangeboden, is aan omstandigheden te wijten die geheel onafhankelijk waren van eigen wil" (Royen 1926:V). Royen wollte ausdrücklich bei Uhlenbeck promovieren, hat sich also für diese Lösung entschieden. Nähere Auskünfte über Wilhelm Schmidt und Dominik Wölfel bietet Winters (1991:619f. und 764f.). Ausführlich zu Schmidt: Burgmann (1954).

[8]        Untersuchungen zur Morphologie und Semantik des deutschen Systems von Genera findet man im Grammatikband des Duden (19844:199-212). Hier heißt es zum Beispiel hinsichtlich der Frage nach dem Zusammenhang von Genus und Sexus oder von grammatischem und natürlichem Geschlecht: "Eine Parallelität [...] besteht nicht, was sich bereits an dem Vorhandensein einer dritten Gruppe mit Neutra ablesen läßt. Beispielen wie der Mann, die Frau steht eine Fülle von Substantiven ohne Übereinstimmung von genus und Sexus gegenüber. Und auch sonst gibt es kein System von Regeln, nach dem man das Genus der Substantive bestimmen kann. Nur bei Substantiven bestimmter Sachgruppen [...] sowie bei Substantiven mit bestimmten Endungen [...] kann man allgemeinere Aussagen zum Genus machen" (Duden 19844:199).

[9]        ,Parsing' bezieht sich auf die künstliche Analyse von Sätzen nach bestimmten formalen oder semantischen Merkmalen van Satzteilen. Das Genus hilft aufgrund einer formalen Übereinstimmung von z.B. Artikel, Kasus und Flektion des Verbs bei der Vorhersage von möglichen Satzteilen in einer linearen Analyse von Sätzen. Yule (1985:117) gibt das Beispiel für den englischen Satz The boy kicked the ball:

 

The parser begins by assigning ,sentence' status to the incoming string of linguistic forms and predicts that the first major constituent will be a ,noun phrase'. The first element encountered is The, which is checked in the dictionary to see if it fits the category ,article' (i.e. the predicted first element in a noun phrase). Since it does, it is assigned the description and the parser predicts that the next element may fit the category ,adjective' [etc.]