Komparatistik und Germanistik in Deutschland

Das 19. Jahrhundert

 

 

Frank Vonk

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

0.             Einleitung

 

1.              Warum Historiographie der Linguistik?

                1.1            Historiographie der Linguistik: ein Metabei­spiel

                1.2.           Und die Sprach­wissenschaft nimmt keinen Anfang......

 

2.             Indogermanistik und Germani­stik als Wissenschaft. Das 19. Jahrhun­dert

 

3.             Die Entdeckung des Sanskrit: die Genese der ver­gleichen­den Sprach­forschung

 

4.             Vergleichende und historische Sprach­wissenschaft: Wilhelm von Hum­boldt und Jacob Grimm

                4.1.          Wilhelm von Humboldts Sprachden­ken

                4.2           Die wissenschaftliche Axiomatik der Ger­manistik im 19. Jahrhun­dert: Grimms "Deutsche Gramma­tik" (1819; 21822)

 

5.             Philologie und Sprachwissen­schaft: Georg Curtius

 

6.             Biologie, Geologie und andere Na­turwissenschaften als Para­digma für eine objektive Sprachbetrachtung

 

7.             Die Rolle des Sprachlebens in der Entwicklung der Sprach­wissen­schaft: die Jung­gramma­tiker

 

8.             Eine frühe Kritik am For­schungs­konzept der Junggram­mati­ker: Hugo Schuchardt

 

9.             Bio-Bibliographien der besprochenen Sprachforscher.

 

Anmerkungen

 

Bibliographie

 

 

0. Einleitung

 

In diesem Überblick über die verglei­chende und historische Sprachfor­schung in Deutsch­land im 19. Jahrhundert soll versucht werden, einige allgemeine Probleme und ihre Entwicklung zwischen etwa 1800 und 1890 zu umreißen. Vieles wird also nicht oder nur nebenbei behandelt, bespro­chen oder in Frage gestellt. Es fehlen zum Beispiel die Schulgrammatik (vgl. dazu Vesper 1980), die etymo­logischen Bemühun­gen eines August Friedrich Pott (1802-1887) oder Victor Hehn (1813-1890) oder die philologi­schen Entwicklungen des 19. Jah­r­hunderts.

                Wichtig ist aber die Er­kenntnis, daß mit diesem Überblick ein zu­sammenhängendes Bild der sprachwis­sen­schaftli­chen Haupt­strömungen des 19. Jahrhunderts vermittelt, und daß nicht die Ergebnisse, sondern vor allem das methodi­sche Vor­gehen und die Rolle der Sprachfor­schung innerhalb eines über­greifenden Wissen­schafts­ver­ständ­nisses dargestellt wird. Mit diesem Über­blick soll eine wirkungsvolle Periode der deutschen Sprachfor­schung vor­gestellt werden, deren Zentrum in den 1870er und 1880er Jahren die Univer­sität von Leipzig bildete.

                Eine ausführliche Bibliographie, die für diese Gelegenheit erstellt worden ist, ist dieser Darstellung am Ende beigegeben und dürfte zur weiteren Lektüre anregen. Sie bean­sprucht übrigens keine Voll­ständigkeit.

                Die wissen­schaftliche Front der Historio­gra­phie der Lin­guistik wird von drei Zeitschriften gebildet, die ihren Aus­gang von drei inter­natio­nalen Verbänden für Sprachwissen­schafts­ge­schichts­schrei­bung nehmen:

 

1.             Historiographia Linguistica (HL), herausge­geben von E.F. Konrad Koerner. Er­scheint seit 1974 bei J. Benjamins in Am­sterdam/Phila­delphia; findet ihren Ursprung in einem nordamerikanischen und kanadischen Verband für Sprachwissenschafts­geschichts­schrei­bung.

2.             Histoire, Épistémologie et Langage (HEL), herausgegeben von Sylvain Au­roux. Er­scheint seit 1978 bei den Presses Univer­sitaires de Paris; findet ihren Ursprung in der französischen "Société d'histoire et d'épistémologie des sciences du langage" (S.H.E.S.L.).

3.             Beiträge zur Geschichtsschreibung der Sprach­wissenschaft, heraus­gege­ben von Klaus D. Dutz und Peter Schmit­ter. Er­scheint seit 1991 bei Nodus Publika­tionen in Münster; sind Kommunikations­organ des deutschen "Studienkreises Geschichte der Sprach­wissen­schaft" und niederländischen "Werkverband Geschie­denis van de Taalkunde" .

 

Diese jährlich in zwei oder drei Heften er­schei­nenden Zeitschriften ermögli­chen einen raschen Überblick über aktuelle Forschungen und Forschungsergebnisse im Be­reich der Sprachwissen­schaftsgeschichts­schrei­bung, über Neuerschei­nungen auf die­sem Ge­biet, die meistens auch rezen­siert werden, Kon­gresse werden ange­zeigt und es werden Kon­greßberichte veröffentlicht.

                Schließlich wurden den einzelnen Ab­schnit­ten einige Fragen zum besseren Ver­ständnis der Texte im "Reader" beigefügt. Diese Fragen beziehen sich vor allem auf die Klärung kon­zeptueller Probleme, sowie auf den Zusammen­hang von einzelnen Texten und The­men.

  

1.       Warum Historiographie der Linguis­tik?

 

Daß "moderne" Sprachwissenschaftler auf die Tradition(en) ihrer Diszi­plin (der Sprachwis­sen­schaft, Sprachtheorie, Linguistik, Philolo­gie oder in welcher Gestalt und unter wel­chem Namen sie in der Tradition auch er­scheint) zurück­grei­fen, scheint eher die Aus­nahme als die Regel zu sein. Selbstver­ständ­lich weiß jeder ausgebildeter Sprachforscher, ob er sich nun im Bereich der Morpho­logie, der Syntax oder der Semantik bewegt, daß er nicht der erste ist, der sich mit Forschungs­problemen in sei­nem Teilbereich be­schäftigt. Der große Unterschied zu For­schungsergeb­nis­sen und -methoden von "Klassi­kern" aus dem eigenen Forschungsgebiet liegt mei­stens darin, daß man versucht, sie zu ergän­zen, zu nuancieren oder an eigenem empiri­schem Material zu über­prüfen. Die Frage, die in diesem Über­blick zu beantworten ist, ist daher, ob es sich für einen Sprach­forscher lohnt — in wel­chem Teilbereich er oder sie auch arbeitet —, sich auf die Tra­diti­on(en) der eigenen (Teil-) Diszi­plin zu besinnen und sich For­schungs­metho­den und -ergebnisse anzueig­nen? Mögliche Antworten auf diese Frage, die als solche selbstverständlich noch recht allgemein gehal­ten ist, versucht die Histo­riogra­phie der Sprachwis­sen­schaft zu geben. Sie entwickelt Modelle, die für das historische Inter­esse von Sprachfor­schern und die Reflexion auf die eigene Arbeit von metho­disch grundsätz­li­cher Bedeu­tung sind.

                Robert H. Robins schreibt in seinem in linguistischen Kreisen vielgele­senen Über­blick[1] über die Geschichte der euro­päischen Sprach­wissen­schaft, A Short History of Linguis­tics (1967; 31990), daß jede Wis­sen­schaft als Teil einer wissen­schaft­lichen Kul­tur und Wissens­ver­mitt­lung eine Geschichte hat, die den weite­ren Lebens­weg dieser Wissen­schaft be­stimmt. So hat auch die Sprach­wis­sen­schaft oder Linguistik eine Tradi­tion oder Geschichte, die bald bewußt bald unbewußt die eigenen linguisti­schen Unter­su­chungen steuert: Schon die Aus­bildung, die Lektüre von Basistex­ten der allge­meinen oder vergleichenden Sprachwis­senschaft, der Germa­nistik usw. führt zu einem Wis­sen, das durch Selektion bedingt ist. So kann auch die Be­kanntschaft mit ande­ren Wissen­schaf­ten, z.B. mit der Psy­chologie, der Soziologie oder der Logik, zur Modifizierung oder Ergän­zung eigener sprach­wissenschaftli­cher An­sich­ten beitragen. Nichtsdesto­weniger wird jede Wissen­schaft, die sich ernst nimmt, darum bemüht sein, die eigene Vergan­genheit, eigene Traditionen, her­vorzu­heben, um ihre Autonomie zu sichern und weitere Fort­schritte zu legitimieren. Diese Fortschritte brauchen übrigens nicht unbedingt aus unserer Kenntnis der Vergangenheit der Disziplin hervorzugehen: Sie können auch aus anderen, wissenschaftsexternen Entwicklungen wie die Aufhebung oder Gründung von Lehrstühlen oder die Konzentration von Forschungsaktivitäten in Forschungsinstituten oder wissenschaftlichen Zeitschriften hervorgehen (vgl. Bahner/­Neu­mann 1985: 282-328). Die Ver­selbständi­gung einer wissen­schaftlichen Diszi­plin ist beispielsweise häufig poli­tisch oder wirt­schaftlich begrün­det (man denke hier an die sogenannte gesell­schaft­liche Relevanz von Forschung und Leh­re). Das Pro­blem ist daher vor allem, wie Lei­stungen von Sprachforschern im 19. Jahr­hun­dert im Rahmen der Forschung­sergeb­nisse und -metho­den des ausge­hen­den 20. Jahrhun­derts zu beur­teilen sind, ohne aber nur die für uns (für eine be­stimm­te Richtung der Sprachwis­sen­schaft, zum Beispiel für die generati­ve Gramma­tik, die auf ihre "Hel­den" und "Grundbegriffe" zurück­greift) relevan­ten Teile auf­zugrei­fen. Denn dieses Ver­fahren würde zum soge­nannten "Präsen­tismus" oder zur "whig history", wie Henry Butter­field (1900-1979) es 1931 (The Whig interpretati­on of history) ge­nannt hat, führen (vgl. Koerner 1981: 81):

 

                This does not mean that one should exclude the evaluation of past work against later achie­vements and against the present position in the same field, where there is reason to see therein a definite advance. Indeed, such compa­ri­sons may be rewarding, in that they show which aspects of a science were most favoured by particular circum­stances and in particular periods and areas of civilization. What is needed is an attempt to discern the evolution of the past into the present and the chan­ging states of the science in its chan­ging cultural environ­ments. One should strive to avoid the de­liberate selection of only those parts of ear­lier work that can be brought into a special re­la­tions­hip with present-day interests.                                                                                                                                                                                               (Robins 1967: 3)

 

                Histori­sches Wissen trägt dazu bei, die eige­nen Forschung­sansätze zu recht­fertigen: Wege und Abwege sprachwis­senschaftlichen Denkens und unsere Kenntnisse von gerade den Erfolgen und Mißerfolgen unserer Wis­sen­schafts­tra­di­tion führen allmählich zu me­tho­disch besser abgesi­cherten Forschungs­er­geb­nissen. Sprachwis­sen­schaftliche Fortschrit­te bestehen nach Robins:

 

                in periods of apparently successful work followed by times of stock­taking, making explicit the principles see­mingly involved and the theoretical tenets that had been only partially and sometimes impre­cisely expressed.             (Robins 1967: 2)

 

Die Sprachwissenschaftsgeschichts­schreibung hat es nun, wie bereits ange­deutet, zu ihrer Aufgabe gemacht, me­thodisch Modelle zu kon­struie­ren, um die Selektion und Beschrei­bung von sprach­wissen­schaftli­chen Forschung­sergebnissen im weitesten Sinne[2] mög­lich zu machen. Dazu wer­den nicht nur wissen­schafts­immanen­te, sondern auch wissen­schafts­externe Faktoren herange­zogen, z.B. biographi­sche oder sozialhi­stori­sche Aspek­te, die die Emanzipa­tion einer Wissen­schaft als autonome Diszi­plin zu be­schrei­ben versucht oder die Bemühungen einzelner For­scher­persön­lich­keiten, ihre Disziplin weiterzu­ent­wickeln. Diese Disziplin unterscheidet sich von der historischen Sprachwissen­schaft in dem Sinne, daß letztere sich vor allem auf die me­thodische Daten­gewin­nung beschränkt, ohne sich um größere Forschungszusammen­hänge und die Theoriebildung hinsichtlich der Sprach­entwicklung im allgemeinen zu küm­mern:

 

Kulturelle, wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen im 19. Jahrhundert

 

Þ            Reaktionen auf Immanuel Kants Vernunftkritik (Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Georg Wilhelm Frie­drich Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schel­ling, Arthur Schopenhauer); Entwicklung einer Trans­zendentalphilosophie (Suche nach Er­kennt­nisprinzipien, Axiomatisierung der Phi­lo­sophie);

Þ            Französischer Positivismus (August Comte); Ent­wick­lung eines wissenschaftlichen Stadiums in der Genese des menschlichen Geistes. Der Soziologie als Wis­senschaft von der gesamtheit menschlicher Ver­hält­nisse kommt eine große Bedeutung zu.

Þ            Ent­wicklung der historischen Wissenschaft (Leopold von Ranke, Jacob Burckhardt) und der Gei­stes­wis­sen­schaften (Wilhelm Dilthey);

Þ            Biologischer Entwicklungsgedanke (Selektion und Ver­erbung) in Darwins On the Origin of Species (1859);

Þ            Entwicklung sozialistischen, kommunistischen und an­ar­chistischen Denkens (Karl Marx, Friedrich Engels, Michail Bakunin). Antizipation neuer Staats­for­men und Formen gesellschaftlichen Zusammen­le­bens;

Þ            Kulturpessimismus. Kritische Analyse der mensch­li­chen Moral (Sören Kierkegaard, Friedrich Nietzsche);

Þ            Verselbständigung einzelner Wissenschaften; Eman­zi­pationsgedanke (z.B. die Psychologie seit 1879, die Lin­guistik ab etwa 1870, die Biologie seit etwa 1860 und die Geschichtswissenschaften ab etwa 1850).

 

                Historische Sprach­wis­sen­schaft kann einerseits jede wis­senschaftli­che Be­schäfti­gung mit den Veränderungen sein, die sprachliche Zei­chen, Zeichen­systeme oder Zei­chenver­fahren (z.B. Wör­ter, Wortfelder, Wort­kon­struk­tio­nen) in der Zeit, für bestimmte soziale Gruppen und unter unter­schiedlichen Bedin­gungen erfahren: sie kann ande­rerseits nur die­je­ni­gen Erscheinun­gen sprach­wissen­schaftlicher Praxis umfassen, die spezifisch me­tho­dologisch eingegrenzt und in­stitutionalisiert sind, d.h. auch, die durch spezielle Se­mi­na­re, Zeit­schriften, Ta­gun­gen usw. re­präsentiert werden.

                            (Cherubim: 1985: 673f.)

 

Die Historiographie beschäftigt sich vielmehr mit den Voraussetzungen für histori­sche Sprach­forschung (z.B. mit der Geschichts­auffassung einzelner Forscher, ihrem Zeitbe­griff (linear oder zirkulär) oder mit ihren methodologi­schen Prämissen (Kriterien der Fakten­selek­tion und -be­schreibung)).

 

1.1        Historiographie der Linguistik: ein Metabei­spiel

 

Bekanntlich hat auch Noam Chomsky sich auf die Suche nach den Grundlagen der gene­rativen Grammatik gemacht. Gefunden hat er sie in der soge­nann­ten "cartesiani­schen Lin­guis­tik", die seit René Descartes (1596-1650) und der Logik und Grammatik von Port-Roy­al zur "allgemei­nen verglei­chenden Gram­ma­tik" im Sinne Wilhelm von Hum­boldts geführt hat. Für diese Sprachphi­losophen gibt es mehrere unver­änder­ba­re, eingeborene Prinzi­pien im mensch­lichen Geiste, die nicht er­lernt werden, sondern tatsächlich nur im Sprachge­brauch aktiviert und modifi­ziert werden. Ko­ster (1982; 1988) ver­gleicht diese Prinzipien mit einem Elektromotor (Bewegung­sprin­zip), der als solcher unabhängig von seiner Anwendung in verschiedenen Geräten (Kühl­schrank, Staubsau­ger, Mixer u.dgl.) eine bestimmte innere Struktur besitzt. Im funktionalen Kon­text, also in seiner Wirkung, kann er unterschiedli­che Ergeb­nisse erzielen.

 

                Es gibt keinen einzigen Hinweis dar­auf, daß Kommunikation die Funktion der Sprache ist. Es gibt so manchen Lin­guisten, der behauptet hat, daß sowie ein Hammer dazu da ist, Nä­gel ein­zuschla­gen, die Sprache der Kom­muni­kation dient. Aus dieser Metapher stellt sich bereits heraus, daß der "Sprache-dient-der Kom­munika­tion"-Gedanke auf einen Denk­fehler zurück­geht. Ein Hammer dient zum Ein­schlagen von Nägeln, weil er für die­sen Zweck ent­worfen worden ist. Aber wurde die Sprache zur Kommunikation entwor­fen?                                                                                                                                       (Übersetz. fv; Koster 1982: 8)

 

Dieser wissen­schafts­theoreti­sche Unter­schied, ob man von der Wirkung oder vom Ziel der Prinzi­pien ausgeht oder von den Prinzipien selbst,[3] führt of­fen­bar zu einer Entwe­der-Oder-Frage, die die jeweiligen Aus­gangs­punkte der verschiedenen sprach­wissen­schaft­lichen Forschungslager bestimmt.

                Diese Frage führt uns aber auch unmittel­bar zur sprachwissenschaftli­chen Diskus­sion um 1800 in Europa (Deutschland, Frankreich und Groß­britannien), die den Ausgangs­punkt dieser Abhandlung bildet. Außerdem ist diese Diskus­sion unmittelbar der Ansatz zur Genese der akademischen Sprach­forschung in Deuts­chland, wie sie sich im 19. Jahrhundert von den Tradi­tio­nen der Sprachwissenschaft im 17. und 18. Jahrhundert emanzipiert hat. Übrigens kann man die deutsche Sprachfor­schung im 19. Jahr­hundert noch weiter zu­rück­führen — genauso wie Chomskys "carte­sia­nische Lin­guistik" —; sie greift u.a. auf be­stimmte Gedanken der mittelal­terli­chen Gram­matik (gramma­tica specula­tiva der Modisten) zurück und noch weiter auf die vor allem von Aristoteles (382-322 v.Chr.) darge­stellten logi­schen Prinzipien der Sprache (diese hat er im sogenannten Organon aus­ge­arbeitet, ein wichtiger Kanon für die ge­samte Tradi­tion der Sprachfor­schung[4]). Sie kann aber hier mit den Oberbe­griffen "Ratio­na­lis­mus" und "Empi­rismus" umrissen werden. In der empiri­schen Tradition werden Fra­gen, die mit Sprache, ih­rem Gebrauch und ihrer Systematik zusam­menhängen, vor allem auf die Kom­munika­tion zurückgeführt, die ratio­na­listische Sprachauf­fassung stürzt sich auf die innere Struktur, den angeborenen Charak­ter des Sprach­systems und ver­sucht vor allem allge­meine Prinzipien der Satzbildung her­auszuarbei­ten, ohne den funktio­nel­len Zu­sammenhang sprachli­cher Äußerun­gen zu berücksich­tigen. Die sogenannten Bedeu­tungs-­ und Handlungsebenen werden nicht oder nur zum Teil berücksichtigt.

 

 

1.2.       Und die Sprach­wissenschaft nimmt keinen Anfang...

 

Ein richtiges Verständnis neuzeitlicher sprach­wissenschaft­licher Theorien setzt Kennt­nisse ihrer Geschichte voraus, die nicht nur das 19., sondern etwa 2500 Jahre sprachwissenschaftlicher Forschung berücksichtigen. So sind zum Beispiel für das 18. Jahr­hun­dert Versuche charakteri­stisch, das Sprach­studium aus seiner theologi­schen Ein­bettung zu befreien, gleichsam vom Kopf auf beide Füße zu stellen. Diese Bemühungen werden u.a. durch die Leib-Seele-Problematik in den Schriften René Descartes (1596-1650) bestimmt. Die Spra­che ist nicht länger nur gött­lichen Ursprungs, sondern hat eine we­sentlich materielle Seite. Man verglei­che in diesem Zusammen­hang eine gesamt­europäi­sche Bewegung, die ihren Aus­gang von pro­funden anthropo­logi­schen und ethnologischen Kenntnissen nimmt.[5] Ricken et.al. (1990: 302) skiz­zieren eine Ent­wick­lung in der Philoso­phie, die mit Gott anfängt, bei Des­car­tes die Welt thematisiert und im 18. Jahrhun­dert den Menschen:

 

                Eine säkularisierte Sprachauffassung übertrug damit den Menschen selbst einen Teil der Schöpfer­rol­le, die bis dahin in der Mensch­heitsen­twicklung der göttlichen Vor­sehung zufiel. [...]. Wesentli­che Gemeinsam­keiten der im übrigen differenzier­ten sprachtheoreti­schen Standpunkte sind ebenso das aufklärerische Fortschritts- und Ver­vollkommnungs­konzept in Verbindung mit der These einer natürlichen hi­sto­rischen Entwicklung der Sprache als Be­standteil der Gesellschaftsentwick­lung und ihrer Kommunikationsbe­dürf­nisse.                                                                                                                                                (Ricken et.al. 1990: 305)

 

Ganz deutlich wird diese "Menschwer­dung" der Sprachforschung im letzten Viertel des 18. Jahr­hunderts, wenn sich u.a. deutsche und franzö­sische Philoso­phen der anthropologi­schen (gene­ti­schen) Dimension der Sprache zuwen­den. Einige Dutzende von Studien zum Ursprung­sproblem er­scheinen nach einer Preisfrage der Berliner Akademie der Wis­senschaf­ten (1769), in der ge­fragt wurde "whether man could have evolved, unaided, language as it was known then, and if so he went about it" (Robins 1967: 166). Die Ant­wort Jo­hann Gottfried Herders (1744-1803), eine Ab­handlung über den Ursprung der Sprache (1772), gewann den ersten Preis. In dieser Ver­öffentli­chung stellt Herder die gängigen Auffassungen der Aufklärungsphilosophen über den Ursprung der Spra­che kritisch dar, vor allem die Ansicht, daß die Komplexität der Sprache und ihre Ordnung zum Beispiel nur als ein Geschenk Gottes verstanden werden konnten. Herder selbst unterscheidet zwischen unbe­wußten Laut­äuße­rungen bei Tie­ren (das Blöken eines Schafs) und bewußten, artiku­lierten (besonne­nen) Äußerungen bei Men­schen, der das Schaf als "das Blökende" bezeichnen kann:

 

                From the vocal symbolization of things by their auditory characteris­tics man­kind moved outwards to the data pro­vided by the other senses. Herder's arguments in support of the centrality of the auditory sense may endure little examination today as they stand, but the phonaesthe­tic component of so many vocabularies wherein visual and other featu­res [...] manifestly correla­te with certain types of sound feature, lends some support to this hypo­thesis. The first word stock was a ,simple vocabulary', one largely confined to observable beings and events, and the­reafter lexical diver­sity and gramma­tical differentiations grew with the accumulating treasure of men's thought.                                                                    (Robins 1978: 167)

 

Im Gegensatz zu den radikalen empiri­schen Auffassungen der Aufklärungs­philoso­phen nimmt Herder eine "vor­gegebene geistige Fähig­keit", die "Beson­nenheit", an, die für die Erfin­dung und Entwicklung der menschlichen Sprache unbedingt vorausgesetzt werden muß (vgl. Ricken 1990: 145). Mit Hilfe dieses geistigen Vermögens ist der Mensch in der Lage, die ihn umgebende Welt nach Gegenständen und ihren spezifischen Merkmalen einzuteilen. Das Blöken des Schafes ist ein Merkmal, das das Schaf von anderen Lebewesen abgrenzt:

 

                Sobald [der Mensch] in das bedürfnis kommt, das Schaf kennen zu lernen, so stört ihn kein Instinkt, so reißt ihn kein Sinn auf dasselbe zu nahe hin oder davon ab; es steht da, ganz wie es sich seinen Sinnen äußert. Weiß, sanft, wollig — seine besonnen sich übende Seele sucht ein Merkmal — das Schaf blökt! sie hat ein Merkmal gefunden. Der innere Sinn wirkt. Dies Blöken, das ihr am stärk­sten Eindruck macht, das sich von allen andern Eigenschaften des Beschauens und Betrachtens los­riß, hervorsprang, am tiefsten eindrang, bleibt ihr.                                            (Herder 1772: 24f.)

 

                Sprachursprungsfragen und anthropolo­gische Erkenntnisse (sowohl deutschen als französi­schen Ursprungs!) haben wesentlich zur Ver­än­derung der Sprach­forschung beigetragen. Die Naturalisie­rung der Sprach­forschung wird aber erst mit August Schlei­cher (1821-1868) ihren Höhepunkt erreichen.

  

Aufgaben

 

1.              Was könnte R.H. Robins mit der Behaup­tung gemeint haben, daß "the reception (and forgetting) of linguis­tic work in the past plays a consi­derable role in progress". Man könn­te hier eine Behauptung von Neu­mann (1991: 264) zum Ausgangs­punkt nehmen: "Die Dar­stellung einer wissen­schaftlichen Disziplin ist auch Bestandteil ihrer Rezeption".

2.             Es gibt mehrere Gründe für und mehrere wider eine Sprachwissenschafts­geschichts­schreibung. Warum muß der Linguist sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch um sprachwissen­schaftliche Gedanken aus dem 19., oder sogar aus noch früheren Jahr­hun­der­ten kümmern?

 

 

2.       Indogermanistik und Germani­stik als Wissenschaft. Das 19. Jahrhun­dert

 

Die für die Geschichtsschreibung der Linguis­tik im 19. Jahrhundert wich­tig­sten Ubersichts­werke sind Theodor Benfeys (1809-1881) Geschich­te der Sprachwissenschaft und orientalischen Philo­logie in Deutschland seit dem An­fange des 19. Jahrhunderts mit einem Rückblick auf die frühe­ren Zeiten (1869), insbesondere relevant für die Indoger­manistik und Orienta­li­stik, und Rudolf von Raumers (1815-1876) Geschichte der Ger­mani­schen Philologie vorzugsweise in Deutsch­land (1870), die vor allem die Tradi­tion der Germa­nistik zum Aus­gangspunkt nimmt[6]. Die Germanistik hat ihre Wurzeln u.a. im nieder­ländi­schen Sprachraum des sechzehnten und siebzehnten Jahrhun­derts (die Leidener Univer­sität war damals euro­päi­sches Zentrum der Sprachforschung mit be­kannten Philologen wie J.J. Scaliger (1540-1609) und Francis­cus Junius (1589-1671; die­ser gab im Jahre 1655 den soge­nannten Co­dex argenteus her­aus, der u.a. die goti­sche Bibel­über­setzung des Bischofs Wulfila (4. Jahr­hundert) enthält; vgl. dazu Sanders 1978). Erst im 18. und 19. Jahrhundert zieht die Sprachforschung im deutschen Sprachraum die internationale Aufmerksamkeit auf sich. Her­mann Paul knüpft an Rudolf von Raumers Darstellung in seiner Geschichte der ger­manischen Philo­logie (1891) an, indem er Grimms sprachwissenschaftliche Werke als der Anfang der germanistischen Wissenschaft betrachtet. Im Gegen­satz zu Raumers Darstellung ist Pauls Werk wesentlich systemati­scher und geht vor allem von der Bedeutung Grimms für die histo­rische Sprachbe­tracht­ung aus:

 

                ,Durch Grimm war mit einem Male eine im­ponierende Fülle von regelmäß­i­gen Lautent­sprechungen zwischen den verschiedenen Dia­lekten und Zeit­räu­men nach­gewiesen und was das Wich­tigste war, diese Fülle war nicht er­reicht durch zufälliges Herausgrei­fen, sondern durch eine konsequente Durcharbeitung des Materials, die Regelmäßigkeit er­schien als etwas im Wesen der Sprache Begrün­de­tes und davon Unzertrennliches'.                                                                                                                                                 (In: Bahner/Neumann eds. 1985: 9)

 

Als Grimms Nachfolger hat vor allem Wilhelm Scherer 1868 mit seiner Geschichte der deutschen Sprache der Germani­stik methodisch weitergehol­fen. Sein Verdienst war vor allem, daß er:

 

1.             versucht hat, auf germanistischem Gebiet die indogermanische Sprach­wissenschaft mit der Detailfor­schung zu verbinden;

2.             "den ersten Versuch machte, die Lautphy­siologie [Ernst Wilhelm Rit­ter von] Brü­kes [1819-1892; Grund­züge der Physio­logie und Sy­ste­matik der Sprachlaute für Linguisten und Taubstummenlehrer (1856) — fv] syste­matisch auf die germani­stische Laut­lehre anzuwen­den und [...] genauere Untersuchungen über den Laut­wert der überlieferten Schriftzei­chen anzu­stellen". (In: Bahner/­Neumann eds. 1985: 10)[7]

 

                Die in diesem kurzen Überblick dar­ge­stell­ten Themen bilden auf den ersten Blick kein zusammen­hängendes Ganzes. Man muß aber vor Augen halten, daß viele Lingui­sten ausgebil­dete Philologen waren, die sich erst in der Nachfolge von August Schlei­cher und August Leskien einer natur­wissen­schaftlich orientierten komparatisti­schen Methode (der Rekon­struk­tion) verschrieben. Die traditionel­le hermeneu­tische Methode des Textverste­hens (der Alt­philologie) wurde zugunsten des sprachwis­sen­schaftlichen (lingui­sti­schen) Re­kon­struk­tionsver­fahrens aufgegeben.

                Das Themenfeld der Sprachforschung im 19. Jahrhundert sieht nun im Überblick fol­gender­maßen aus:

 Themen

1.             Sprachwissenschaft und Philologie; Indo­ger­manistik[8] und Germani­stik

2.             Vergleichende und/oder historische Sprach­wissenschaft: die Entde­kung des Sanskrit

3.             Die "Entdeckung" der Lautgesetze: Aus­nahmslosigkeit und Analogie

4.             Die Emanzipation der Linguistik von der Philologie. Rekonstruktion ge­gen­über philo­logi­scher Methode.

5.             Der Ursprung der Sprache: göttlich, mensch­lich? von Natur gegeben oder kon­ventio­nell?

6.             Sprache, Psychologie und Logik: Sub­jekt-Prädikatforschung

7.             Wissenschaftliche Grammatik und Schul­grammatik

8.             Sprachorganismus und Sprach­gebrauch

9.             Darwinismus und Linguistik. Die Laut­ent­wicklung und ihre Naturge­setzlich­keit

 

In den nachfolgenden Abschnitten wird aus­führ­licher auf diesen zu­sam­men­hängenden Themen­komplex eingegan­gen.

 

 

3.       Die Entdeckung des Sanskrit: die Genese der ver­gleichen­den Sprach­forschung

 

Obwohl es hier vor allem um die deut­sche Sprachwissenschaft geht, muß für die Rolle des Sanskrit für die Ge­nese der ver­gleichenden Sprachfor­schung auf den Beitrag eines engli­schen Juristen (Oberrich­ters) (Sir) William Jones (1746-1794) zurückgegangen werden. Weil im 18. Jahrhun­dert die briti­schen Beamten ihre Gerichtsver­fahren den Gesetzen der einheimi­schen Bevölkerung Indiens anzugleichen hat­ten, war vor­ausgesetzt, daß sie die Sprache der Indier erlernen und beherrschen mußten. William Jones nun war mit meh­re­ren Sprachen vertraut und er hat schon früh bemerkt — obwohl er nicht der erste war, dem eine Verwandtschaft zwischen dem Sans­krit und den germa­nischen Sprachen auf­gefallen war[9] —, daß die Sprache, in der die Gesetz­bü­cher ge­schrieben worden waren, dem For­men- und Lautbe­stand nach mehrere Über­einstimmungen mit anderen Sprachen auf­wies. Im Jahre 1786 hielt Jones in Fort William in der Nähe von Calcut­ta einen Vor­trag vor den Mitglie­dern der "Asian Socie­ty", in dem er die Ergeb­nisse sei­ner Sanskrit-Forschungen mit­teilte. In diesem Vor­trag hieß es u.a.:

 

                The Sanscrit language whatever may be its antiquity, is of a wonderful structure; more perfect than the Greek, more copious than the Latin, and more exquisitely refined than either; yet bearing to both of them a stronger affinity, both in the root of verbs and in the forms of gram­mar, than could have been produced by accident: so strong that no philologer could exami­ne all the three without believing them to have sprung from a common source which, perhaps, no longer exists [dies könnte darauf hinweisen, daß Jones an eine Ursprache geglaubt hat - fv]. There is a similar reason, though quite not so forcible, for sup­posing that both the Gothic and Celtic, though blended with a different idiom, had the same origin with the Sanscrit. The old Persi­an may be added to the same family                                                                                                                                  (In: Störig 1987: 52)

 

Das Verdienst, das Jones für die Ent­wicklung der wissenschaftlichen Ver­gleichung von Spra­chen und die Fest­stellung ihrer Verwandt­schaft hatten und u.a. über Alexander Hamil­ton Anfang des 19. Jahr­hun­derts in Paris Frie­drich Schle­gel und Wilhelm von Hum­boldt vermittelt wurde, bestand in einer Aufforderung an die Sprachwissen­schaft, sich nicht nur mit der Mut­ter­sprache (in weiterem Sinne: den germa­ni­schen Spra­chen) zu be­schäftigen, sondern sich den Grammatiken und den Kulturen fremder Sprachfamilien zuzu­wenden.

                Entscheidend für das Interesse am Sans­krit war nicht nur die genealo­gi­sche Ver­wandtschaft mit dem Griechischen und Latei­nischen, die die Sprachwissen­schaftler zur Begründung dieser Ver­wandtschaft heraus­forderten, sondern die na­poleoni­schen Krie­ge,[10] die zu intensi­veren Sprachstudien nicht-euro­päi­scher Spra­chen führten (man denke in diesem Zusammenhang an Jean François Champollion, dem es 1822 gelang die ägypti­schen Hieroglyphen zu entzif­fern). Daß for­male (struk­turel­le oder morpholo­gi­sche) Ähn­lichkeiten des Sanskrits mit dem Griechi­schen und Lateini­schen, den Philolo­gen nur zu bekannte Spra­chen, zur Weiter­entwic­klung der ver­gleichenden Sprach­wissen­schaft führen würde, davon waren die frühen Sans­kritisten über­zeugt. Wie aber genetisch das Ausein­ander­gehen der Sprachen zu erklären sei, blieb zunächst ungeklärt. Schlegel (1808: 24) hat auf die Tatsache einer unterschiedli­chen inneren Struktur des Griechi­schen, Lateini­schen und Sanskrits hingewiesen, deren Ge­nea­logie aber noch nicht fest­stand:

 

                Jener entscheidende Punkt aber, der hier [im Zusammenhang der Ver­wandtschaft der ein­zelnen Sprachen — fv] alles aufhellen wird, ist die innre Struktur der Sprachen oder die ver­gleichende Grammatik, welche uns ganz neue Aufschlüsse über die Genea­logie der Sprachen auf ähn­liche Weise geben wird, wie die ver­gleichende Anatomie über die höhere Natur­ge­schichte Licht verbreitet hat.

 

Als Erklärungsgrundlage funktionierte dann "höhere Naturgeschichte", die als solche aber die Gefahr mit sich ge­bracht hat, daß Spra­che vom spre­chen­den Menschen ablöst wurde und in den Bereich der Naturwis­sen­schaf­ten über­tragen wurde. Die Übertragung biologi­scher, physiolo­gischer oder anderer naturwis­senschaftlicher Begriffe auf die Sprachfor­schung — hier könnte man auch von einer "biologischen Metapho­rik in den Sprachwis­senschaften reden — zeigt sich u.a. in Begriffen wie "Wurzel", "Sprachzweig", "Sprachorganis­mus" oder "Sprachstamm".

                Die Naturwis­sen­schaften, oder viel­leicht besser: die Taxonomi­sie­rung des menschli­chen Körpers, hatte um 1800 in Frankreich einen wichtigen Vertreter in Geor­ges Cuvier (1769-1832), dessen Leçons d'anatomie comparée (1800-05), Schlegel zum Vergleich der Sprach­for­schung mit der Anatomie ge­führt hat (vgl. Gipper/Schmitter 1979:47). Die Funktion der Naturwis­senschaften für die Entwicklung der ver­gleichen­den Sprachfor­schung ist aber bis jetzt nur festgestellt wor­den (Einzelstudien in Nau­mann et.al. 1992), eine über­greifen­de wissen­schafts­theoretische Darstellung dieses Zusam­men­hangs steht bis jetzt noch aus.

 

Aufgaben

 

1.              Welche Bedeutung hat das Studium des Sanskrits für Friedrich Schlegel. Oder aber: geht es Schlegel eigentlich um die Sprache der Indier? Und wie verhält sich dies zur Gleich­setzung von verglei­chender Sprach­for­schung und vergleichender Ana­tomie (Kap. 3: "Jener entscheidende Punkt aber, der hier alles aufhellen wird, ist die innre Struktur der Spra­chen oder die vergleichende Gram­matik, welche uns ganz neue Auf­schlüsse über die Genealo­gie der Sprachen auf ähn­liche Weise ge­ben wird, wie die vergleichen­de Anato­mie")? Man muß dabei im Auge behalten, daß hier auf die sich massiv durch­setzen­den vergleichenden Na­turwissenschaf­ten angespielt werden könnte (vergleichen­de Anatomie, Biologie und Geologie (vgl. auch Naumann et.al. 1992).

2.             Worauf sind Schlegels Gat­tun­gen der Sprachen nach ihrem innern Bau (Flexion oder syntheti­sche Sprachen und Agglutination oder analytische Spra­chen) basiert?

3.             Wie ist die Behauptung Koerners (1977) zu verstehen, daß Schlegel das Sanskrit als Ursprache betrachtet hat? Versuchen Sie in der Sprache und Weisheit der In­dier Argu­mente Pro oder Contra die­ser These nach­zuweisen. Und wie verhält sich diese These zur Ansicht von William Jones zum sprach­wissenschaftlichen Status des Sans­krit?

5.             Versuchen Sie mit Hilfe des Textes Argu­mente für oder gegen die Be­hauptung zu geben, daß Schlegel der Begründer der ver­gleichenden Sprachwissenschaft ist.

6.             Welche möglichen Einwände gibt es Ihrer Mei­nung nach gegen eine Ana­logie zwischen vergleichender Anatomie und ver­gleichender Sprach­wissenschaft?

 

 

4.       Vergleichende und historische Sprach­wissenschaft: Wilhelm von Hum­boldt und Jacob Grimm

 

Vergleichende und historische Sprach­wissen­schaft sind nach Beekes (1990: 25) nicht gleich­zu­setzen, stehen aber in einem be­stimmten Ab­hängig­keitsver­hältnis: der Sprachver­gleich setzt Kennt­nisse von zwei oder mehr Sprachen voraus (historische Sprachkennt­nisse), historische Sprach­forschung (Philo­logie) dagegen nicht unbedingt die ver­glei­chende Sprach­wissen­schaft. Bemer­kenswert ist in die­sem Zusam­menhang, daß die Philologie vielmehr der Erschließung von Tex­ten zwecks einer Darstellung eines zusammen­hän­genden Kulturguts an­strebt, die ver­glei­chende Sprachforschung dagegen vielmehr for­maler Natur ist: eine Laut- und For­menlehre. Se­mantische und pragmatische Fragestel­lungen wurden nicht berücksichtigt, wenig­stens nicht im Rahmen der ver­gleichen­den Sprachwissenschaft.

 

 4.1.       Wilhelm von Humboldts Sprachden­ken

 

Das Problem, vor das sich Schlegel, Bopp und Wilhelm von Humboldt ge­stellt sahen, war die sogenannte innere Form der Sprache oder aber die Sprach­typologie,[11] die die geistigen Sprach­bildungsvorgänge sozusa­gen nach den Ergebnis­sen (den Sprach­werken) dieser Bil­dungs­vorgän­ge ordnet. Für Humboldt, dessen sprachwissen­schaftli­che Werke noch immer nicht eindeu­tig dargestellt und interpretiert worden sind, stand die Sprache vor allem im Dienste des Geistes. Erst mit Bopps Veröf­fentli­chungen wurde die erkennt­nis­theore­tisch-philosophische Dimension faktisch aus­ge­klammert und durch ein gleichsam mathe­mati­sches Ver­fahren der Sprachenanalyse ersetzt.

                Jede Sprache typisiert die Beziehun­gen des Denkens zur Wirklichkeit. Die organi­sche Ge­stalt einer Sprache ist gleichsam ihre Form, ihr Formen­reichtum, oder gerade der Mangel an Formen. Humboldt zufolge sind die flektierenden Sprachen zwar besser geeignet, die vielgestalti­ge Wirk­lichkeit zu arti­kulieren oder zu gliedern — im Gegensatz zu den isolierenden oder aggluti­nierenden Sprachty­pen —, obwohl diese Fest­stellung und Überbe­wertung nur aus dem Formenreichtum der flek­tierenden Sprachen hervor­gegangen ist. So hat das Chinesische, eine isolierende Sprache, zwar eine direktere Beziehung zur Wirklichkeit (der Welt der Gegenstände) als die flektieren­den (eher formalen) Spra­chen, aber das heißt nicht unbe­dingt, daß das Chinesi­sche nicht auch eine eigene bedeutsame Kultursprache mit reichen liter­arischen und philosophi­schen Traditionen ist.

                Humboldt sieht in der inneren Struktur der Sprache, in ihrem Typos, die Ord­nung des Den­kens, die Tätigkeit des Geistes reflektiert. Diese Tätig­keit des Geistes wird sprachlich artikuliert oder gegliedert. Erst diese Gliede­rung des Denkens in artikulierten Äußerun­gen ermöglicht die "Vernehmbarkeit" des eigenen Denkens and des Denkens Anderer. Die Grundlage der ge­genseiti­gen Verständi­gung ist somit das Spre­chen und Vernehmen von Äußerungen. Die Sprache scheint also bei Hum­boldt (nur) ein Instrument zu sein, was hin­sichtlich der Zeichenfunktion sprach­licher Elemente stimmt, nicht hinsicht­lich der jeweils subjektgebun­denen Weltansicht sprachlicher Äußerungen; man vergleiche die Logik der nachfol­genden Stelle aus der Ka­wi-Einleitung Wilhelm von Hum­boldts und Hey­mann Steinthals (1823-1899) Kommentar (1888: 104) dazu:

 

                Denn indem in der Sprache das geisti­ge Stre­ben sich Bahn durch die Lippen bricht, kehrt das Erzeugnis desselben zum eigenen Ohre zurück', und so wird es bewirkt, daß die Vor­stellung, indem sie in die Objecti­vität des Lautes ver­setzt wird, der subjectiven Kraft ge­gen­über zum Object wird, und als solches auf's Neue wahrgenommen, in die Subjecti­vität zurückkehrt.

 

Eben dieser skizzierte Vorgang des Sprechens und Verstehens weist auf die proble­matische Objektivität der Bedeu­tung von sprachlichen Äuße­rungen bei Humboldt hin, die mit der These von der "Weltansicht der Sprache" zum Ausdruck gebracht wird: der nicht ver­mittel­bare Weg, über den der Gegen­stand in der Seele zum Wort geworden ist. "Die Gewalt des Gei­stes" kann sich des Instruments der Sprache bedienen, braucht aber nicht un­bedingt dieses Instrument. Denn "auch ohne Lauthervorbrin­gung und Ver­nehmung [bleibt Sprache mögli­ch]", so zum Beispiel in der Sprache der Taubstummen. Grund­sätz­lich für Humboldt ist also die Mög­lich­keit oder das Vermögen, sich zu äußern:

 

                Durch das Ohr ist jeder Zugang zu ihnen [den Taubstummen] verschlos­sen, sie lernen aber das Gesprochene an der Bewegung der Sprach­werk­zeuge des Redenden und an der Schrift ver­stehen, sie sprechen selbst, indem man die Lage und Bewegung ihrer Sprach­werk­zeuge lenkt. Dies kann nur durch das, auch ihnen beiwohnende Articula­tionsver­mögen[12] ge­sche­hen, indem sie durch den Zusam­men­hang ihres Den­kens mit ihren Sprach­werkzeugen im Andern aus dem einen Gliede, der Be­wegung seiner Sprach­werkzeuge, das andre, sein Den­ken, errathen ler­nen.

                                                                                                                                                                                                           (Humboldt 1824/6: 20f.)

 

                Humboldts Beitrag zur historisch-verglei­chenden Sprachforschung ist eigentlich philo­sophi­scher oder theoreti­scher Natur. Er re­flek­tiert über die Zusammenhänge von sprachlichen Erscheinungen, zeitgenös­sischen philo­sophischen Ansichten, na­tur­wis­sen­schaft­lichen For­schungen, sprach­wissen­schaftlichen Erkenntnissen (er be­herrsch­te passiv über zwanzig Sprachen) und der Rolle des Ge­sprächs für die Sprach­ent­wick­lung. Er schreibt Gram­matiken von Einzelspra­chen, veröffent­licht sie aber nicht. Er gründet die Berliner Universität (1809), wo Franz Bopp ab 1821 als außer­or­dentlicher Professor für das Fach der orientali­schen Literatur und der all­gemeinen Sprach­kunde lehrt und forscht, und ist einer der Grün­derväter des humanisti­schen Gymna­siums. Er arbeitet im Preußi­schen Staats­dienst als Gesandter und Mini­ster, usw.

                Syste­matische Sprachfor­schungen findet man bei Humboldt dagegen nicht. Dennoch wird, wie gesagt, in letzter Zeit der Akzent in der Humboldt-For­schung nicht nur auf tra­ditio­nelle Diskussionen gelegt, wie zum Beispiel:

 

1.             Humboldts Einarbeitung der er­kennt­nis­theo­re­ti­schen und ästheti­schen Ein­sichten Immanuel Kants (1724-1804) in seine Sprachphilo­sophie; eine "linguistic turn" der zeitgenössischen Phi­lo­sophie, in der Sprache nur eine untergeord­ne­te Rolle spielte;

2.             die Abhängigkeit von der deut­schen oder fran­zö­sischen Aufklä­rung (Herder oder Condillac; vgl. Bahner 1990).

3.             Kernbegriffe aus Humboldts Werk: "inne­re Sprachform" "Spra­che als ener­geia", "Sprache als bildendes Organ des Gedan­ken", "Sprache als Organismus" oder "die Weltansicht der Sprache" usw.

4.             eine einseitige Betrachtung von Hum­boldt als Sprachforscher oder Staats­mann oder Kunst­theoretiker usw.

 

Auch die Gesamtheit seines Werks und die Arbeit an einzel­sprachli­chen Gramma­tiken, die er u.a. auf Auskünfte von seinem Bruder, dem Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859), basierte, wird heutzutage berücksichtigt, obwohl noch vereinzelt (vgl. Buchholz 1986; Mueller-Vollmer 1992). Mueller-Vollmer (1989) berichtet u.a., daß es in dem Nachlaß u.a.

 

                [e]ine große Anzahl (etwa 50) von Grammatiken in unterschiedlichen Graden der Vollendung [gibt], die Humboldt selber nach seinen eigenen sprachwissenschaftlichen Prinzipien ausgearbeitet hat. Diese Ausarbeitung erstrecken sich von vollständigen druckfertigen Texten bis zur teilweisen und fragmentarischen Bearbeitung. Oftmals finden sich verschiedene Fassungen der Grammatik einer bestimmten Sprache. So gibt es für das klassische Nahuatl, die Sprache der Azteken, zahlreiche Bearbeitungen in deutscher und französischer Sprache. Hinzu kommen lexikographische Arbeiten, Arbeitsnotizen und umfangreiches Material zu dieser Sprache, inklusive Informantenbriefe aus Mexiko, die Humboldt sollizitiert hatte. Andere grammatische Ausarbeitungen gelten dem Ma­layischen, den pazifischen Südsee-Sprachen, dem Mongolischen, Chinesischen, Sanskrit, Mala­gasch, dem Tschechischen, Baskischen, Japanischen, zahlreichen der Indianersprachen von Nord-, Mittel- und Südamerika sowie der karibischen Inseln.       (Mueller-Vollmer 1989: 185f.)

 

                Bekannt ist Humboldt vor allem auch wegen seines sehr eigensinnigen Stils, der es dem In­terpreten nicht leicht macht. Der Sprachge­brauch Humboldts — er schrieb nicht für ein bestimmtes (un-)gelehrtes Publikum, sondern warf gleichsam seine sprach­philoso­phische Ge­danken aufs Papier, ohne sich um die Struktur, Kohärenz oder um Wieder­ho­lungen zu küm­mern. Daher auch wiederholt sich Humboldt öfters in seiner müh­samen Gedanken­arbeit. Viele sprachwissenschaftli­che Studien aus der Zeit nach Humboldts Entlassung aus dem preu­ßischen Staats­dienst (1819) haben diesel­be The­matik, ja sogar denselben Wortlaut: das Phä­nomen der "recy­cling" ist also nicht ganz neu!

                Auch die von Humboldt verwendeten Begrif­fe führen manchmal zu Inter­pre­ta­tions­schwierig­keiten, weil er sich weigert, genaue Definitionen und Lite­raturhinweise zu geben: es fehlen ein­fach Hinweise auf die Ansichten von Sprachwis­senschaflern, Naturwissen­schaft­lern und Philoso­phen, auf die sich Humboldt ohne jeden Zweifel beruft (Humboldt scheint zum Beispiel auch eine sehr umfangreiche sprachwissen­schaftliche Bibliothek in seinem Schloß Tegel in Berlin gehabt zu haben[13]). Ein Beispiel für die ange­deute­ten Interpreta­tionsschwierigkeiten ist die nachfolgende Text­stelle:

 

                Die intellectuelle Thätigkeit ist an die Noth­wendigkeit geknüpft, eine Ver­bindung mit dem Ton einzugehen, das Denken kann sonst nicht zur Deutlich­keit gelangen, die Vorstellung nicht zum Begriff werden. Den Ton erzeugt sie aus freiem Ent­schluß und formt ihn durch ihre Kraft, denn vermöge ihrer Durchdringung wird er zum arti­culier­ten Laut (wenn es möglich wäre, einen Anfang aller Sprache zu den­ken), begründet ein Gebiet solcher Laute, das selb­ständig, bestimmend und be­schrän­kend auf sie zurückwirkt.                                                                                                                                                 (Humboldt 1824/6: 20)

 

"Intellectuelle Thätigkeit" ist eine not­wendige Voraussetzung für Spra­che. Der Tätigkeits­be­griff (Sprache als "energeia") hat seinen Ur­sprung in der antiken Philoso­phie (u.a. bei Ari­stoteles in seiner Ethik, der Lehre vom richtigen Handeln und vom guten Leben), man findet ihn aber auch seit der Renaissan­ce in den Naturwis­sen­schaften ("Ener­gie"). Das­selbe gilt für den "Ton", einen Begriff, der schon in Herders Schriften auftaucht, wohl aber noch früher in vielmehr anthro­po­logisch orientierten Studien und Fragestellungen. Dann stammen "Vorstel­lung" und "Begriff" als solche wahrscheinlich aus Kants Kritik der reinen Vernunft (1781; 21787), die Humboldt öfters studiert hat. Der Begriff der "Deut­lichkeit", der als sol­cher bereits mit "deuten" zusammen­hängt, hat seinen Ursprung in der carte­sianischen Tradition (u.a. bei René Des­cartes und Leibniz), in der es sich um das Ideal klarer und deutlicher Ideen handelte; nur diese führen zur wahren Erkenntnis (vgl. für die Bezie­hungen von Humboldt zur deut­schen und französischen Aufklärung vor allem Borsche 1981: 156-170). Aus diesen Ausführun­gen wird bereits klar, welche Probleme eine Humboldt-Lektüre mit sich brin­gen können. Andererseits aber ist sie in diesem Sinne gerade eine Heraus­for­derung für die Histo­riographie der Sprachwissenschaft

                Zusammenfassend kann man Humboldts Sprachdenken thematisch folgendermaßen darstellen

 

1.             Sprache, oder besser: das Sprechen, konstituiert zum Teil das Denken und zeichnet den Charakter von Sprachgemeinschaften aus;

2.             Sprache funktioniert als Mitteilung und als Ausdruck des Gedanken(s);

3.             es gibt eine tiefere Einheit (Totalität) der Sprachen;

4.             ein Volk wird charakterisiert durch die Wechselwirkung zwischen "Geisteseigenthümlichkeit" und Sprachgestaltung;

5.             jede individuelle Sprache wird durch ein eigenes "Weltbild", ein nicht vermittelbares (über)sub­jektives Weltverständnis ausgezeichnet;

6.             der Bau der einzelnen Sprachen kann lediglich aufgrund eines Sprachvergleichs, eines vergleichen­den Sprachstudiums, erfolgen;

7.             Sprachveränderungen sind das Ergebnis des Zusammenwirkens von (geistiger) Freiheit und (sprachlichem) Mechanismus.

 

 

Aufgaben

 

1.              Falls sich herausstellen sollte, daß die ver­gleichende Sprachwis­sen­schaft und die Re­kon­struktion einer indo­germanischen Ur­sprache nur ein "Spiel" einiger Sprach­wis­sen­schaftler ist, welche Recht­fertigung gibt es dan für die Frage nach einem Ur­volk. Oder aber: was tragen solche Spekula­tionen zur Sprachwissen­schaft bei? (vgl. dazu auch Wer­ner König 1978: 40f.)

2.             Wie ist Sprache als gemeinschafts­stiften­des Phänomen im Sinne Wil­helm von Hum­boldts zu ver­stehen?

3.             Kann man Wilhelm von Humboldts Über­legungen zur Sprache als historisch-verglei­chende Sprachforschung bezeichnen? Oder aber ist das Verfahren der Sprachfor­schung bei Humboldt anderen Zwecken untergeord­net.

4.             Versuchen Sie, die Grundbegriffe von Hum­boldts Sprachphilosophie in ihrem Zusam­menhang darzustellen, und klarzumachen, welche Be­deutung sie für die historisch-ver­gleichende Sprach­for­schung haben?

5.             a.             Wie entwickelt sich die Sprache nach Wilhelm von Humboldt? Gemeint ist hier so­wohl die Entwicklung der Sprachtypen (der "Sprachorganismen") als auch die individuelle Entwicklung der Spra­che.

                b.             Welchen Zusammenhang stellt Wilhelm von Humboldt zwischen bei­den Entwick­lungen fest?

                c.             Welche Rolle spielt Immanuel Kants (1724-1804) Auffassung über die räumli­che und ­zeit­liche Bedingtheit unserer Erkenntnis einerseits und über ihre Be­griff­lich­keit andererseits in der Sprach­philosophie Wilhelm von Humboldts?

 

 

4.2        Die wissenschaftliche Axiomatik der Ger­manistik im 19. Jahrhun­dert: Grimms "Deutsche Gramma­tik" (1819; 21822)

 

Nach den meistens unfertigen, syntheti­sieren­den Gedanken Wilhelm von Humboldts gilt Jacob Grimm als der bedeutendste systemati­sche, material-analysierende Forscher im Bereich der germa­nistischen Sprachen. Ihm wird der Titel "Vater der historischen Sprach­wissen­schaft" verliehen und nicht ohne guten Grund, obwohl mehrere Sprach­wissenschafts­historiker Grimms Werk als Abschluß einer schon im 16. Jahr­hundert begonnenen Tradi­tion germa­nistischer Forschungen betrachten (so Rudolf von Raumer 1870). Auch in den Niederlanden haben sich im 16., 17. und 18. Jahrhundert Sprachforscher mit historischer Sprachwissen­schaft beschäftigt (vgl. Rompelman 1952; Jongeneelen 1992; Sanders 1978).

                Es steht auf jeden Fall fest, daß Grimm für die historische Sprachwis­senschaft oder die wissen­schaftliche Germanistik von großer Be­deutung gewesen ist (vgl. Cherubim 1985). Seine Ansichten über Grammatik, über die Rolle von (etymologischen) Wörter­büchern, von Schul­- und wissenschaftlicher Grammatik oder Sprache als Kulturer­scheinung wurden von Grimm zwar öfters modifiziert, behielten aber, vor allem terminologisch, ihren Wert (so stammen die Begriffe "Ablaut" und "Umlaut" aus Grimms Feder). Obwohl die Lautgesetze schon vor Grimm von Rasmus Rask (1787-1832) "ent­deckt" worden sind und Grimm mit Rasks Ar­beiten Vejledning til det Island­ske eller gamle nordiske Sprog (1811) und Underso/gelse om det gamle Nordiske eller Islandske Sprogs Oprindelse (1818) be­kannt war, hat erst Grimm die Lautge­setze, die die Verschiebung bestimmter indoger­ma­nischer Konsonanten­gruppen systematisch darstellen, als historisch notwendig Entwick­lun­gsprinzipien formu­liert.[14] Nur hat er sich vor allem auf die "Buch­staben" konzen­triert und weniger auf die lautphysiolo­gi­schen Grundlagen der Lautveränderungen — obwohl er diese später über seinen Schüler Rudolf von Raumer zur Kennt­nis genommen hat: Grimm hat sogar drei Jahre nach der Ver­öffentli­chung der ersten Auflage dieser eine zweite folgen lassen, in der er sich vor allem der was wir heute phonologi­schen Seite der Lautver­schiebung gewidmet hat:

 

                [...], it was the second edition of his Deutsche Grammatik which established the importance of phonology in histo­rical linguistics, an area largely igno­red by Bopp, but pursued vigorous­ly by Bopp's pupil August Friedrich Pott (1802-1887) in his Etymolo­gische Forschungen (1833-36) and, a genera­tion later, by the most important mid-19th-century linguist, August Schlei­cher, in his Compendium der verglei­chenden Grammatik (1861-62).                                        (Koerner 1988: 310)

 

                Die Lautphysiologie trägt wesentlich zur Erklärung von Lautver­änderungen bei. Artikula­tions­momente (z.B. Stärke und Dauer, Ak­zentver­schiebung u.dgl.) können als Erklärung für unbewußt (blind) wirksame Lautgesetze angenommen werden. Denn an geschriebe­nen Buch­staben läßt sich der phonologi­sche Wert nicht ablesen! Für Jacob Grimm nun war die erste oder ger­manische Lautver­schiebung "ein linearer Wech­sel von Konso­nantengruppen, und zwar durch veränderte Artikulationsgewohn­heiten" (Wolff 21990: 42):

 

1.             Tenues (stimmlose Verschlußlaute: p, t, k) werden zu Spiranten (Reibelaute: f, Þ (thorn; wie im Englischen "thing"), h (χ; ich-Laut)),

2.             Mediae (stimmhafte Verschlußlaute: b, d, g) werden zu Tenues (p, t, k) und

3.             Mediae aspiratae (bh, dh, gh) werden zu stimmhaften Spiranten ( b, d, g ).

 

So entwickelt sich zum Beispiel aus lateinisch pater go­tisch fadar und aus lateinisch genu gotisch kniu. Während aber Grimm noch von einer "Lautverschie­bung" sprach, entwickelte sich die histo­risch-ver­gleichende Germanistik im 19. Jahrhun­dert zu einer Natur­wissenschaft, in der gerade die Ausnahmslosigkeit der von Rask, Grimm und anderen entdeck­ten Lautverschiebungen gefordert wur­de. So hat 1876 der Däne Karl Verner (1846-1896) in einem Aufsatz in der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem gebiete der indogermanischen Sprachen eine "ausnahme der ersten lautverschiebung" dargestellt, die als Unregelmäßigkeit in den "übergängen der indogermanischen explosivae (tenues, mediae und aspiratae)" (Verner 1876: 97) schon längere Zeit die Indogermanisten beschäftigt hat. Verners Lösung für diese Unregelmäßigkeit bestand in der Berücksichtigung der physiologischen Basis der Akzentsetzung. Aus dem freien indogermanischen Akzent stand im Germanischen der Akzent auf der ersten Silbe. So konnte Verner erklären, warum aus idg. *. *ptér  -> got. faðar und nhd. Vater wurde und aus idg. bhrter -> got. brôÞar und nhd. Bruder hervorgegangen ist. Denn lag der indogermanische Hauptakzent nicht unmittelbar auf der Silbe, die idg. -t- voranging, so wurde t nicht zu germ. -Þ-, sonder -ð-. Oder aber physiologisch erklärt:

 

                Daß die tonlosen fricativa [f/,/Þ/ und /χ] in accentuirten silben sich der allgemeinen neigung zum tönendwerden enthielt, ist physiologisch leicht erklärlich. Wir müssen für die ältere periode des germanischen von einem accente ausgehen, der nicht rein chromatisch war wie der accent im altindischen und in den classischen sprachen, sondern wie die modernen accentuationen etwas exspiratorisches an sich hatte, d.h. auf grösserer thätigkeit der exspirationsmuskeln und daraus folgendem stärkerem luftausströmen beruhte. Der wesentliche Unterschied zwischen den tonlosen und tönenden consonanten hängt vom zustande der stimmbänder ab (Brücke, Grundzüge der Physiologie, [...]).                                                                                                                                                                                   (Verner 1876: 116)

 

                Obwohl Grimm sich einiges von einer exakten, auf Beobachtung zurückgehenden Sprachforschung versprach (analog zur vergleichenden Anato­mie, wohl im Anschluß an Schlegel und Cuvier), zeich­nen sich seine sprach­wissenschaftlichen Wer­ke durch eine Fülle von Mate­ria­lien aus, die die verschiedenen Entwick­lungsrichtungen und Ent­wick­lungs­stufen der germanischen (nicht nur der deut­schen) Spra­chen belegen sollen (vgl. z.B. Bahner/­Neumann 1985: 137). Was die Indogermanistik für die Aufarbei­tung der Prinzipien der Sprachge­schich­te im allgemeinen geleistet hat, hat Grimms Arbeit für die historische Ent­wick­lung der ger­mani­schen Sprachen geleistet.

                Auch darf man die national-politi­schen Hin­tergründe der Grimmschen sprachwis­sen­schaftli­chen Studien nicht unberücksichtigt lassen. Sei­ne sprach­wis­sen­schaftlichen (laut- und wortge­schichtlichen) Untersuchungen liefern ihm einen Einblick in die "vaterlän­disch-nationale" Ge­schichte:

 

                Grimms historischer Ansatz, angelegt schon in der Vorrede zur ,Deutschen Gram­matik' von 1819, enthält den ge­danken, 'daß Struktur und Funktion von Sprache nur in ihrer Ent­wick­lung begründet und nur von dorther er­klär­bar sind' [...]; und er meint ein empi­ri­sches Vorgehen, das sich bewußt auf Beob­achtung und Be­schreibung be­schränkt. Ge­schichtliche Entwicklung begreift J. Grimm dabei als ,tief ange­legter, nach dem natürli­chen gesetze weiser sparsamkeit aufstrebender wachsthum' [...], also im Sinne einer organo­logischen Auffassung, die das ganze 19. Jahr­hundert durchzieht.

                                                                                                                                                                            (Wolff 21990: 22)

 

Das bedeutet ebenfalls, daß die sprach­wis­sen­schaftliche Germanistik im Rah­men eines um­fassenderen wissenschaft­lichen Ganzen gesehen werden muß, das auch die Entwick­lungen ande­rer Disziplinen umfassen (so die Rechts- und Geschichts­for­schung, die Litera­tur­wis­sen­schaft usw.) umfaßt.

                Grimms Deutsche Grammatik war kein ferti­ges Werk, sondern ein For­schungs­ansatz, den spätere Germanisten weiter verfolgt ha­ben — so fehlt der Teil über Syntax. Seine Leistungen liegen vor allem im editorischen Bereich (der Herausgabe von Quellen für germanistische Forschung, Texteditionen), im Bereich der Lexikographie (dem Deutschen Wörterbuch) und in seinen Ansätzen zu einer germanistischen Linguistik. Sonderegger faßt die "philologische Gelehrsamkeit" der Brüder Grimm folgendermaßen zusammen:

 

                1.             Germanisch-deutsche Philologie als Mittelpunkt des lebens, als Haupttätigkeit, als eine Voraussetzung für die Neubegründung eines Faches, in welchem die deutsche Mutter­sprache und die ihr nächst verwandten germanischen Sprachen im Zentrum stehen, aus vaterländischer Begeisterung aber auch aus nationaler Verantwortung gegenüber dem sprachlich-literarischen Erbe heraus.

                2.             Bedingungsloser Rückgriff auf die primären Sprachquellen, auf Handschriften, literarische und nichtliterarische Texte wie auf eine noch lebende Volksüberlieferung von der erzählen­den Oraltradition bis in die Mundarten hinein.

                3.             Breitestes antiquarisches und nicht nur monumentalistisches Interesse, das für Sammlung und Darstellung des Gesamten auf keine germanische Sprache oder Mundart noch auf selbst scheinbar unbedeutende Zeugnisse verzichten konnte noch wollte, mit weiteren Ausblicken auf den Umkreis europäischer Nachbarsprachen wie auf das ältere Indogerma­nische.

                4.             Beobachtung als Seele der Sprachforschung, wie JACOB GRIMM es später in der Vorrede zur zweiten Ausgabe des ersten Teils seiner Deutschen Grammatik von 1822 formulierte; dies stand als Grundprinzip für die Brüder von Anfang an fest: empirische Fakten und philologische Einsichten, auf denen jede Theorie erst aufzubauen war.

                5.             Historische Würdigung der Sprach- und Literaturdenkmäler aus ihrer Zeit heraus [keine "Whig"-Grammatik also — fv], ohne verfremdende Einverleibung und Umdichtung in die Sprache der Neuzeit, wie dies der Brüder Romantikerfreunde taten.                                                                                                                                  (Sonderegger1985: 45)

 

 Aufgaben

1.     Versuchen Sie, einige spezifische Merkma­le der historisch-vergleichenden Sprachforschung aus Grimms Vorrede zur Deutschen Grammatik  nachzuweisen.

2.     Ist das Germanische eine einheitliche Sprachfamilie? Und wie äußert sich Jacob Grimm in seiner Vorrede dazu?

3.     In welcher Hinsicht könnte man Grimm, im Vergleich zu Schlegel und Humboldt, der Begründer der wis­senschaftlichen Germani­stik nennen?

4.     Welche außerlinguistischen Begrün­dungen gibt es für Grimms germa­nistisches For­schungs­pro­gramm? Denken Sie in diesem Zusammen­hang u.a. an seine politischen und juristischen Inter­essen.

 

 5.       Philologie und Sprachwissen­schaft: Georg Curtius

 

Die Beziehungen zwischen Sprachwis­senschaft und Philologie werden vor allem von älteren Sprachwis­senschaft­lern (Philologen) zum Aus­gangs­punkt methodologischer Fragestel­lungen ge­macht. Denn die Recht­fertigung eigener sprachwissenschaftlichen oder philolo­gischer Arbeit bringt oft nicht mehr und nicht weniger als eine Kritik an der Arbeit der anderen Partei mit sich.

                Der Lehrer vieler späterer Junggram­mati­ker, Georg Curtius (1820-1855), war u.a. in Bonn bei Friedrich Ritschl (ebenfalls Lehrer des Philoso­phen Frie­drich Nietzsche (1844-1900)) zum Alt­philologen ausge­bildet worden. Nach Professu­ren in Prag und Kiel wurde er 1861 als Profes­sor der klassi­schen Philo­logie nach Leipzig berufen. Recht früh hat er sich schon mit den Methoden der vergleichenden Sprachfor­schung ausein­andergesetzt, so bei August Wilhelm Schlegel (1767-1845), Friedrich Schlegels Bruder, und Franz Bopp in Berlin (vgl. Windisch 1886).

Georg Curtius:

 

Interdependenz von

 vergleichender Sprachforschung und

Philologie

 

1.          Morphologie/Glossologie

                a.             Zerlegung der grammatischen Formen

                b.             Isolierung der Wurzeln als Bedeutungseinheiten

2.          Semasiologie

                Etymologie Þ Studium der Herkunft von Wörtern. Wortforschung als der vergleich von deutschen, lateinischen, griechischen usw. Wörtern nach den Gesetzen des Lautübergangs.

3.          Philologie

                a.             Aufarbeitung der französischen und englischen bzw. der deutschen Tradition.

                b.             Bestimmung des philologischen Forschungsgegenstandes (Philologie im Sinne von Etymologie und kulturhistorischem Studium: Sprache, Kunst, Glaube und Sitte als Quellen für kulturhistorisches Studium)

                                Þ die Rede - das inhaltsreiche Wort in der Rede;

                                Þ Literatur - Texteditionen, Bearbeitung von Manuskripten, usw.

                                Þ Archäologie - Studium der Kunstgegenstände aus dem Altertum.

                Im Gegensatz zu vielen ver­gleichen­den oder allgemeinen Sprachwissen­schaftlern, die etwas her­absetzend über die Philologie rede­ten, ver­sucht Curtius die Metho­den der ver­gleichenden Sprachwissen­schaft in der Phi­lo­logie anzuwen­den. Curtius sieht einen engen Zusammenhang zwischen phi­lolo­gischer und allgemei­ner Sprach­for­schung:

 

                Weil aber eine jede Sprache ein ge­wordenes Ganzes bildet, ist die eine Seite von der an­dern unmöglich ganz zu trennen. Der philolo­gische Sprach­forscher läuft die Gefahr, die Anfänge und ersten Grundlagen der Sprache zu verkennen, der allgemeine die spätere Entwicklung und feinere Ausbildung zu unter­schätzen.                                                                                                                                        (Curtius 1862: 80)

 

Curtius' ehemaliger Kollege in Prag, August Schleicher, hat sich in den 1850er Jahren eben­falls über die Bezie­hungen zwischen Sprachwis­sen­schaft und Philologie geäußert, nicht so sehr, um sie einander nahezubringen, sondern um sie getrennt marschieren zu las­sen. Denn nach Schleicher ist die einzig wah­re Methode der Sprach­for­schung die natur­wissen­schaftliche: "Sprache gehört der Natur­sphäre an" (Schleicher 1850: 21), nicht "der Sphäre der freien geistigen Thätigkeit" (eb­da.). Damit schaltet er von vorn­herein eine philolo­gische Betrachtung aus seinen "Lingui­stischen Unter­su­chun­gen" aus. Die Philo­logie hat nicht eigent­lich die Spra­che als For­schungs­gegenstand:

 

                Die Wissenschaft nämlich, welche zwar zu­nächst die Sprache zum Object hat, die­selbe aber doch vorzugsweise nur als Mittel betrach­tet um durch sie in das geistige Wesen und Leben eines oder mehrerer Volks­stämme ein­zu­dringen ist die Philologie und sie ge­hört wesentlich der Geschichte an. Ihr gegenüber steht die Linguistik, diese hat die Spra­che als solche zum Object und sie hat direct mit dem geschicht­lichen Leben der die Sprachen reden­den Völker nichts zu schaffen, sie bildet einen Theil der Naturge­schichte des Men­schen.                                                                                                  (Schleicher 1850: 1)

 

Bemerkenswert ist, daß sich Curtius in seiner Antrittsrede nicht mit Schleichers ziemlich radi­kalen Ansichten ausein­andersetzt. Denn aus verständlichen Gründen wehrt sich Curti­us ge­gen die immer stärkere Anpassung der Linguis­tik an die Naturwissenschaften. Seine Kritik hat er 1885 noch in einer Ver­öffentli­chung Zur Kritik der neuen Sprachfor­schung dargelegt. Für ihn gehört die Erfor­schung der Sprache zu den histori­schen Gei­steswis­senschaften. Vielleicht hat Curtius sich dann doch indirekt über Schlei­chers Ansich­ten geäußert, indem er darauf hingewie­sen hat, daß die Sprache "aus der Seele des spre­chenden Menschen, nicht aus einer blinden Naturgewalt" (Christmann 1977: 84) verstan­den werden soll.

                Das Verdienst der neueren Sprachwissenschaft bestand Curtius zufolge vor allem darin, daß sie gezeigt hat, daß jede Sprachforschung gleichsam transnational sein soll, d.h. sich nicht engstirnig auf die eigene Sprache konzentrieren soll, um deren Formenreichtum zu verstehen: "Jede Sprache entspringt wie Glaube, Sitte, Recht, Volksgesang aus dem natürlichen oder instinctiven Leben eines Volkes" (Curtius 1862: 71). Die Sprache wird zum Teil durch ein vorbewußtes Werden ausgezeichnet und nimmt ihren Ausgang "jenseits aller geschichtlichen Überlieferung, ja jenseits der Existenz der einzelnen Völker" (ebda.).

 

 

Aufgaben

 

1.              Wie genau beschreibt Curtius die Wech­sel­wir­kung zwischen Sprachwis­sen­schaft und Philologie? Wie ergän­zen sie sich? Oder aber: welche Arbeitsteilung zwischen Lin­guistik und Philologie schlägt Curtius vor?

2.             Welche Rolle spielt bei Curtius die Lite­ra­tur für die Sprachwissen­schaft?

3.             Liefert nach Curtius die Naturfor­schung noch einen Beitrag zur Ent­wicklung der Sprachwissenschaft — wie es für Sprachwis­sen­schaftler in en­gerem Sinne der Fall war?

 

 

PRIVATE 6.       Biologie, Geologie und andere Na­turwissenschaften als Para­digma für eine objektive SprachbetrachtungTC  \l 1 "6. Biologie, Geologie und andere Na­turwissenschaften als Para­digma für eine objektive Sprachbetrachtung"

PRIVATE

 

                          Schleicher im Kontext

 

A.            Hegelianismus

- Geschichte des Vernünftigen

 

B.            Naturwissenschaften

                - Naturgeschichte oder Geschichte des Unvernünftigen (der Vernunft)

                - Organismusgedanke

                Quellen: i. Charles Darwin (1809-1882)

                                (1859) On the Origin of Species

                                                ii.Charles Lyell (1797-1875)

                                (1830-2) Principles of Geology (vgl. Gessinger 1992)

 

C.            Sprachforschung

                - Lautphysiologie

                - historisch-vergleichende (genetische) Sprach­wis­senschaft

                Quellen: i. Jacob Grimm

                                (Gesetzmäßigkeit des Lautwandels)

                                                ii. Ernst von Brücke

                                (lautphysiologische, natur­wissen­schaft­lich orientierte Studien)

                                                iii. Rudolf von Raumer

                                (Geschichte der Germanistik, laut­phy­siologische Betrachtungen im Rahmen der historisch-vergleichenden Sprach­wis­senschaft)

Schleichers Sprachtheorie nimmt ihren Aus­gang von G.W.F. Hegels (1770-1831) Dialek­tik (vgl. auch Jaritz 1990: 35ff.), das heißt: es gibt eine Entwick­lung der Sprache auf ein bestimmtes Ziel hin (eine immanente Teleo­logie), das durch einen bestimmten Sprachty­pus charakterisiert wird (Hierarchie der Sprachty­pen). Schleicher hat aber nicht nur diese Dialek­tik, gleich­sam als meta­physischen Überbau, sondern auch die empirische Seite der Sprach­for­schung prakti­ziert.

                Bereits 1846, mit 25 Jahren wird er in Bonn akademischer Lehrer mit einer Rede "Ueber den Werth der Sprachver­gleichung und veröf­fentlicht einige Jahre später zwei umfangreiche sprach­ver­gleichende Studien: Zur vergleichen­den Sprachengeschichte (1848) und Die Sprachen Europas in syste­mati­scher Ue­bersicht (Linguisti­sche Un­ter­suchungen) (1850). Er lernt Sprachen aus verschie­denen Sprachfamilien, u.a. polnisch, tschechisch — er hält sich längere Zeit in u.a. Prag (1849) auf und in Litauen (Som­mer 1852); aus diesen Aufenthal­ten gehen mehre­re Ver­öffentlichungen hervor u.a. ein li­tauisches Lese­buch und eine litauische Gram­matik. Im Jahre seiner letzten sprachverglei­chen­den Untersu­chung wird er zum a.o. Pro­fes­sor der classischen Philologie und Litte­ra­tur an der Prager Karls­universität ernannt (zur gleichen Zeit war Georg Curtius in Prag als Professor für klassi­sche Philologie tätig). 1853 wird er ordentlicher Professor für deutsche und vergleichen­de Sprachwis­senschaft und Sans­krit, auch in Prag. Hier hat er bis 1857 ge­lehrt und geforscht, allerdings unter schwe­ren gesund­heitlichen Umständen und in einer Zeit des zunehmenden tsche­chischen Nationa­lis­mus mit seinen politischen, religiösen und nationalen Wirren. Ein Vorteil war vielleicht, daß Schlei­cher das Tsche­chische sehr gut beherrsch­te. 1857 wird er ordentlicher Hono­rar­professor für ver­gleichende Sprach­kunde und deutsche Philo­lo­gie in Jena, wo er bis zu seinem Lebensende (1868) bleibt.

                Wie Hegel nun den Weg der Ver­nunft durch alle Lebens- und kultu­rel­len Entwick­lungen als steuerndes Prin­zip in einer um­fassende "Enzy­klopädie" hindurch, als Ergebnis syste­mati­scher Unter­su­chungen, dargestellt hat, so bemüht sich Schlei­cher, wie er in seiner Bon­ner Rede gesagt hat, um die ",Er­kenntniss organischer Gesetze, oder was dasselbe sagt, der immanen­ten Vernunft in dem anschei­nend wirren Sprachgemenge'" (in: Schmidt 1890: 377). Diese bereits in nuce "ob­jektivisti­sche" Ansicht führte Schlei­cher zu eini­gen Grundsätzen seiner späteren Ansichten:

 

1.             Die Sprache hat nichts mit dem geschicht­lichen Leben der die Spra­che redenden Völ­ker zu tun.

2.             Philologie beschäftigt sich mit bewußten, Sprachwissenschaft, Linguis­tik oder wie Schleicher seine Diszi­plin nennt: Glottik mit unbewußten (physiologischen) Vor­gängen der Sprachentwicklung. Sie liegt außerhalb der Willensbestimmung einzel­ner Personen.

3.             Die Methode der Linguistik schließt sich der der Naturwissenschaf­ten an (vgl. Schleicher 1863: 87). Muster­beispiel für Schleicher ist Charles Darwins (1809-1882) Origin of Spe­cies by Means of Natural Selection; or the Presentation of the favoured races in the strug­gle for life (1859). Koerner verortet Darwin, Schlei­cher und viele andere in einem "clima­te of opinion" im 19. Jahrhun­dert:

 

                                Über Darwins Buch, daß er [Schleicher] sorgfältig studiert hat, sagt er, daß es ihm ,durch die Gei­stesrichtung unserer Tage be­dingt zu sein [scheint], [...]'. Ein wenig später fügt Schleicher — unter Hin­weis auf Charles Lyells (1797-1875) Principles of Geology, being an attempt to explain the former chan­ges of the earth's surfa­ce by referen­ces to cause now in operation (1830-32), wohl­gemerkt — hinzu: ,Darwins Lehre scheint mir [...] in der That nur eine noth­wen­dige Fol­ge der heute zu Tage in der Natur­wissenschaft geltenden Grund­sätze zu sein. Sie beruht auf Beobachtung und ist wesentlich ein Versuch einer Ent­wickelungs­geschichte. Was Lyell für die Lebensge­schichte der Erde, das hat Darwin für die Lebensge­schichte der Bewohner dieser Erde aus­geführt. Darwins Lehre ist also keine zufällige Erscheinung, [...], sondern ein echtes und rechtes Kind unse­res Jahrhunderts. (Schlei­cher 1863: 11-12 [91]).                                                         (Koerner 1981d: 214)

 

4.             Die Entwicklung der Sprache kann mit Hilfe eines Stammbaums darge­stellt wer­den (vgl. Koerner 1981d), der als Abbild der einer Sprachfa­milie gilt.

5.             Die Syntax — die ja auch in Grimms Deut­scher Grammatik fehlte! — gehört zur Philolo­gie.

6.             Es gibt drei Sprachtypen (im Anschluß an Wilhelm von Humboldt): isolie­rende, aggluti­nie­rende und flektierende Sprachen, die sich dia­lek­tisch entwickeln.

7.             Es kann nicht nur eine Grundsprache gege­ben haben, sondern über die Formen­vielfalt in vorhistori­scher Zeit läßt sich nichts Kon­kretes aussa­gen (vgl. Schleicher 1859: 41). Die einzel­nen Sprach­stämme, so der indo­ger­manische Sprachstamm, die indoger­mani­sche "Sippe", lassen sich aber ziemlich genau darstellen. Die indo­ger­mani­sche Sippe ent­hält die nach­folgen­den acht Sprachfa­milien: die indische, die eranische (Perser), die grie­chische, die italische, die kelti­sche, die slawi­sche die litauisch-letti­sche und die deutsche Sprach­familie.

Leben der Sprache

 

A.            Vorhistorische Zeit

                                Þ            nicht (schriftlich) überliefert

                                Þ            die Sprache entwickelt sich

 

B.            Historische Zeit

                                Þ            schriftlich überliefert (oder rekonstruierbar)

                                Þ            die Sprache verfällt

 

*              Sprachwissenschaft, Glottik und Linguistik machen nur wissenschaftliche Aussagen über die Sprache in der historischen Zeit

 

*              Problem: Aus welchen Gründen muß die vor­histo­ri­sche Entwicklung als Entwicklung, die historische als Verfall charakterisiert werden? Eine mögliche Ant­wort wäre, daß die Sprache deshalb verfällt, weil sie sich als System unabhängig von ihrer Reprä­sen­tationsfunktion "entwickelt". Die Beziehungs­momente ersetzen also die Bedeutungsmomente.

8.             Schleicher unterscheidet eine vorhistorische Zeit, in der sich die Spra­chen ent­wic­keln, und eine historische Zeit, in der Sprachen verfallen. In der Deutschen Sprache heißt es:

 

                                Das Leben der Spra­che zerfällt also vor allem in zwei völlig geson­derte Perioden: in die Entwicke­lungs­ge­schichte der Spra­che: vorhi­s­torische Periode, und in die Ge­schichte des Ver­falls der sprachli­chen Form: historische Periode.         (Schleicher 1863: 37)

 

                Diese Darstellung folgt un­mittelbar aus Schleichers organischer Sprach­auf­fas­sung. Nur bleibt unklar, wo der Um­schlag sich vollzieht, also: wann wird eine Sprache histo­risch? Und: stu­diert die Philo­logie nur die Ver­fallserschei­nungen sprachlicher Äußerun­gen? (vgl. Schlei­cher 1859: 47).

9.             Die einzelnen Sprachen kön­nen jeweils nach ihrem inhalt­lichen, ma­te­riellen Wirk­lich­keits­bezug und der formalen Seite unterschieden werden. Im Denken, werden Anschau­ungen (Vorstellungen) und Be­griffe mitein­ander in Zu­sam­men­hang gebracht und in einer gewissen Weise auf das Den­ken bezogen. Die Frage ist jetzt, wie diese Beziehung von Begriffen (Be­deu­tungen) zum Denken sprachlich zum Aus­druck gebracht werden (kön­nen) in den einzelnen Sprach­gattungen. Jede Sprache ver­körpert einen Vorgang des Denken, das Be­greifen und Vorstellen, in Lauten. Der Wortlaut kann nach Schlei­cher mehr oder weniger voll­kom­men sein — also mehr inhalt­licher (isolie­render) oder formaler (flektie­ren­der) Natur. Der Inhalt der Begriffe und Vorstellungen nun nennt Schleicher Be­deu­tung, die Art und Weise, wie Sprache jenen Inhalt darstellt, ihre Bezie­hung. Je nach dem Sprachty­pus bezeichnet das Wort mit Hilfe mehr oder weniger wirk­lichkeitsdar­stellen­der Elemente seine Be­deutung:

 

                                Die Laute und Lautcomplexe, deren Func­tion es ist, die Bedeutung aus­zu­drüc­ken, nennen wir Wurzeln; die Wurzel ist wohl in allen be­kannten Spra­chen auf wissen­schaftlichem Wege ausscheidbar und rein dar­stellbar, obwohl sie in den meisten Sprachen von Bezie­hungs­lauten umgeben, ja durchsetzt ist. In dem gotischen Worte sununs (Acc. Plur. zum Nom. Sg. sunus, Sohn) z.B. ist su die Wurzel, der Bedeu­tungs­laut; diese Wurzel bedeutet ,gebären, hervorbrin­gen', alles übrige ist Be­zie­hungs­laut; so nu, welches die Bezie­hung des in der Ver­gangenheit ge­schehenen ausdrückt, n ist Aus­druck der accusati­vischen Bezie­hung, s ist Pluralzeichen (demnach ist su-nu-n-s zu scheiden).

                                                                                                                                                                       (Schleicher 1859: 7)

 

                Wie auch Humboldt ist die Frequenz der "Beziehungslaute" in den meisten indoger­mani­schen Sprachen sehr hoch — hier ma­nifestiert sich dann vor allem das geistige Moment der Spra­che. Das "Wesen der Spra­che", ihr Typus, wird "durch die Art und Wei­se [bestimmt], wie in ihr Bedeu­tung und Beziehung lautlich ausge­drückt werden" (Schleicher 1859: 8). Jede Sprache ist in dieser Hinsicht formali­sier­bar. Schlei­cher entwickelt zu die­sem Zweck eine Symbolik, die die meisten Sprachty­pen umfaßt:

AUGUST SCHLEICHERS (1821-1868)

INDOGER­MANISCHE FABEL

 

Im Rahmen der Rekonstruktion "einer" Ur- oder Grund­spra­che hat Schleicher 1868, in Adalbert Kuhns Zeit­schrift für vergleichende Sprachforschung, eine Fabel in "indoger­mani­scher Sprache" veröffentlicht. Wichtig an die­sem Rekon­struk­tionsversuch ist vor allem der gesetz­mäßige Charakter. Die ersten Zeilen lauten:

 

 AVIS AKVASA KA

 

Avis, jasmin varna na a ast, dadarka akvams, tam, vagham garum vaghantam, tam, bharam, magham, tam, manum aku bharantam. Avis akvabhjams a vavakat: kard aghnutai mai vidanti manum akvams agantam.

 

Die deutsche Fassung lautet:

 

                          (DAS) SCHAF UND (DIE) ROSSE

 

(Ein) schaf (auf) welchem wolle nicht war (ein gescho­renes schaf) sah rosse, das (einen) schweren wagen fahrend, das (eine) grosse last, das (einen) menschen schnell tragend. (Das) schaf sprach (zu den) rossen: (Das) herz wird beengt (in) mir (es thut mir herzlich leid), sehend (den) menschen (die) rosse treibend.

                (Aus: A.W. de Groot (1962): In­lei­ding tot de alge­mene taal­we­ten­schap. Groningen: J.B. Wolters: 371)

 

                — die Wurzel (oder radix) R (R', R'', R''' zur Charakteri­sie­rung von Ein­zelwörtern);

                — andere Wurzeln bestimmen­de "Wurzeln" r (r', r'' usw.), die z.B. als Ver­kleine­rungs­wort der Wurzel R angehängt werden können;

                — das Präfix p (p', p'' usw.)

                — das Infix, die z.B. in einem iberi­schen Sprach­stamm, dem Lazischen, einer dem georgischen ver­wandten Sprache südwest­lich vom Kau­kasus, vorkommt: [In dieser Sprache setzt man in be­stimm­ten Wur­zeln] das die erste Per­son bezeichnen­de b in die Wur­zel selbst z.B. von bris ,ab­reis­sen' do-bri-b-s-are; bri-b-s-are hat also die Form Rs  (Schleicher 1859: 15).

                — das Suffix s (s', s'' usw.). Im Ungari­schen kommt zum Beispiel die Wur­zel an erste Stelle; ihr folgen dann Suffixe; so ir1-at2-ok3, "ich3 lasse2 schreiben1". Sprachen wie das Unga­rische sind vom Typus Rs

                — Wur­zeln, in denen Flexion vor­kommt, Rx (R1,2,3 usw.), die z.B. ab- oder umgelau­tet werden (so das Paradigma "helf-", "half-", "-holf-" im Deut­schen):

 

                                [D]er Begriff der Sprache als des lautli­chen Abbildes, so zu sagen, als des lautli­chen Leibes des Denkens [fordert], daß auch im Laute die innige Ver­schmelzung von Bedeu­tung und Beziehung, die im Denken stattfindet, zur Erscheinung kom­me. /Diess ist nur dann mög­lich, wenn der Bedeutungs­laut, die Wurzel selbst, zum Zwecke des Bezie­hung­s­aus­druckes regel­mässig verändert werden kann. Diesen Vorgang nen­nen wir Flexion; Spra­chen, in denen er stattfindet, flectirende Sprachen, welche uns also die dritte morpho­logi­sche Classe bilden. Wir bezeich­nen diesen Pro­cess der regelmässi­gen Ver­änderung der Wurzel zum Zwecke des Beziehungsaus­druckes durch Exponenten; all­gemeiner Ausdruck einer in der angegebenen Weise veränderlichen Wurzel ist also Rx (R1, R2, R3 u.s.f. können als Aus­drücke für die ver­schiedenen Ver­änderungen, gleichsam Potenzen, einer und derselben Wurzel ge­braucht werden). Hier sind nun wieder alle bereits erwähnten Com­bi­na­tionen mög­lich, denn was bei unveränderlichen Wur­zeln (R) ge­sche­hen kann, das kann auch bei flectirenden Wurzeln (Rx) stattfin­den. Wir haben demnach ausser Rx auch die Formen pRx, Rxs, R x, pRxs, (R) xs u.s.f. zu erwarten.                                                                                                                                                                   (Schleicher 1959: 19)

 

 

Aufgaben

 

1.              Welche Wissenschaften haben Schlei­chers Sprachauffassung beein­flußt? Begründen Sie Ihre Antwort anhand einiger prägnanter Text­stellen.

2.             Welche Auffassung hat Schleicher über die indogermanische Spra­che und ihre Entwick­lung? Welche Rolle spielt sie Ihrer Ansicht nach in seiner Sprachtypologie?

3.             Gibt es hinsichtlich der Sprachtypolo­gie Unterschiede zwischen Hum­boldts An­sich­ten und denen Schlei­chers? Erklären Sie diese Unterschiede.

4.             Welche wissenschaftsspezifischen oder wis­senschaftstheoretischen Ent­wick­lungs­ideen liegen der nachfol­genden Textstelle aus der Deutschen Sprache zugrunde?

 

                                [Wir können] eine Art von Kette in diesen [asiatischen und europäi­schen] Spra­chen sehen, vom ein­fachsten isolirenden Süd­ostrande zu anfügenden, jedoch ziemlich ein­fachen Sprachorganis­men, von da zu Indogermanisch und Semitisch, den beiden Sprachen höchsten Bau­es, von niedriger stehenden umge­ben, bis im Südwesten Europas das com­plicirte Baskische die Kette schließt. Allein wir vermissen hier gar manches Zwischen­glied; von einer, die Kluft z.B. zwischen Indo­ger­manisch und Chinesisch auf der einen und Baskisch auf der andern Seite ausfüllenden Reihe geo­gra­phisch auf einander folgen­der Ue­berg­angsformen finden wir keine Spur. Den­noch können wir nichts anders als anneh­men, daß sie ur­sprünglich vorhanden waren, da wir überdiess theilweise der­glei­chen, wie gesagt wirklich beobach­ten kön­nen.                                                                                              (Schleicher 1859: 43)

 

5.             a.             Was versteht August Schleicher unter "Sprachentwicklung"?

                b.             Welche Beziehungen (nennen Sie auf jeden Fall zwei) gibt es zwischen Schlei­chers Auf­fas­sung über Sprachentwicklung und Darwins Grundsätzen der Evo­lu­tion?

                c.             Welche Rolle spielt die Schrift in Schlei­chers Auffassung über Sprach­ent­wick­lung?

6.             Was meint Schleicher mit den Begriffen "Bedeutung" und "Beziehung"? Und welche Rolle spielen diese Begriffe in seiner "Sprachtypologie"?

 

 

7.       Die Rolle des Sprachlebens in der Entwicklung der Sprach­wissen­schaft: die Jung­gramma­tiker

 

Ein grundsätzliches Problem in der wissen­schaftlichen Bestimmung von Methode, Ge­gen­stand und/oder Inhalt der Sprachfor­schung bildet die Bezo­gen­heit sprachlicher Äußerungen auf das Bewußtsein des Spre­chers/Hörers. Bereits die ziemlich einfache Feststel­lung, daß Sprache auf die Sprachge­brau­cher zurückgeht und bei den Sprechern ihren Ursprung hat, hat zu einem un­auf­halt­samen Strom von Fragen, Ant­wor­ten und Streitigkei­ten geführt, der immer noch an­dauert — so zum Beispiel in der Frage nach der Unabhän­gigkeit des Sprachsystems des Nieder­ländi­schen oder Deutschen vom Äußerungskontext. Ist Sprache tatsächlich ein autonomes Sy­stem, daß sich un­abhängig von sozia­len oder psychologi­schen Faktoren besteht und sich un­abhängig von ihnen entwickelt (gleich­sam wie eine Pflanze entsteht, wächst und stirbt)? Oder ver­ändern sich Sprachen, weil Sprecher und ­Hörer bestimmter Sprachen zum Beispiel aus kommuni­kati­ven Bedürfnissen ihre Sprache bewußt oder inten­tio­nal­ ver­ändern — also beeinflußt von Kon­text­fakto­ren? Auf diese Fragen versucht nicht nur die Linguis­tik eine Antwort zu finden, son­dern sie beherrschen die Untersuchungen im Bereich der gesamten Geistes­wissenschaf­ten (Philologie, Psycholo­gie, Philosophie usw.).

                Die psychologische Motivation der historischen Lautentwick­lungen wurde von Wil­helm Scherer vermittelt, der in seiner Geschich­te der deutschen Sprache (1868; 21878) eine neue Sicht auf eine mögliche Erklärung von Laut­veränderungen entwi­kelte, indem er das Analo­gie­prin­zip (Form­über­tragung) für unumgänglich hielt. In dem zweiten Kapitel der Geschichte der deut­schen Sprache schreibt der Schüler Karl Mül­lenhoffs (1818-1884), daß die histori­schen Wissenschaften, hier die Sprach­wissen­schaft, "ein geistig-sinnliches Ganze" studieren (Sche­rer 1868: 30). Dieses "Geistig-Sinnliche" kommt darin zum Ausdruck, daß

 

                [d]ie Bedürfnisse der Geister, welche die Spra­che gebrauchen, [...] die Be­dingungen [sind] für die Existenz der Sprache. Eine bestimmte Richtung der Phantasie, vor­waltende Stim­mun­gen und Meinungen, Geschmack und Stil­gefühl werden die Wahl unter den möglichen Ausdrücken beherr­schen. Das nähere dieses Vorganges werden wir nur ver­stehen, wenn es uns gelingt, die Motive zu erforschen, durch welche individueller Stil und individueller Sprach­gebrauch bedingt ist.

                                                                                                                                                                         (Scherer 1868: 21)

 

Hier wird in einer "Principienlehre" die Funk­tion des Sprachgebrauchs für den Sprachwan­del (Anpassung und Verer­bung) mit berück­sichtigt. Diese Funk­tion ist aber bis zu der Zeit noch kaum untersucht worden. Ein rei­ner Formver­gleich, ohne Berücksichtigung der psy­chischen Bedingun­gen, unter denen sich Sprache verän­dert, scheint Scherer ein aussichts­loser Weg der Sprachge­schichtsfor­schung. So kritisiert er Schlei­cher wegen seiner "seltsamen unbegreif­lichen Ansicht", wenn dieser behauptet, daß die Linguistik keine Geisteswissen­schaft, sondern eine Na­turwissen­schaft sei (vgl. Scherer 1868: 18).

PRIVATE Prinzipien

der

junggrammatischen Sprachforschung

 

1.             Lautwandel (das phonologische Sy­stem), soweit sie als mechanischen Prozeß verstanden wird, vollzieht sich nach ausnahmslosen Gesetzen

                Þ            Vorgang ist deduktiv fest­stell­bar (nach Ableitungsregeln)

2.             Formenwandel (das morphologische System / Wortbildung) vollzieht sich auf dem Wege der Analogie

                Þ            Vorgang ist induktiv feststell­bar (nach Suchprozeduren)

 

Probleme

 

1.             Sind phonologische Entwicklungen oder Laut­be­wegun­gen (lediglich) mecha­nischer Natur und morphologische Ent­wicklungen psycho­lo­gi­scher Natur? Oder kann man in Laut- und Formen­wandel, also in der "mensch­lichen Rede", sowohl psychische als mechani­sche Aspekte unter­scheiden?

2.             Bilden die beiden methodischen Grundsätze im zwei­ten Teil des Glaubensbekenntnisses keinen Gegensatz zum er­sten Teil, in dem ein Plädoyer für das Studium der "le­ben­di­gen Sprache" gehalten wird?

3.             Lautgesetze (naturwissenschaftlich erschlossen) bil­den den wissenschaftlichen Boden der Sprach­forschung. Ist dem­nach Ana­logie als wesent­lich speku­la­tiver Natur zu ver­ste­hen — "appel­lieren an glauben" (203). Während so­wohl Laut- als Formenwandel in der leben­digen Sprache beobachtet wer­den können (For­men­wan­del sogar über längere Zeit, weil sie schrift­lich fixiert ist). Wozu dann diese ver­schie­dene wis­sen­schaft­liche Bewertung?

                Für die junggrammatische Bewe­gung[15] gilt, im Gegensatz zur Philolo­gie und zu den frühe­ren ausschließlich naturwissenschaftlich orien­tierten Sprachfor­schern, daß sie ein bestimm­tes psychologisches Konzept aus der ersten Jahr­hun­derthälfte, die von Jo­hann Friedrich Herbart (1776-1841) ent­wickelte Vorstellungspsychologie, über­nommen haben. Daß sie aber von der "tra­di­tio­nellen" objekti­ven Sprach­be­trachtung weg­kommt, ist das Neu­artige an den theo­reti­schen Auf­fassun­gen der "jung­grammati­schen" Sprachforscher. Sie versucht die Lösung für Probleme, die die Entwick­lung des indogermani­schen Laut­be­standes mit sich bringt, nicht nur auf formale Merkmale zurückzu­führen, son­dern auch auf die Funktion der Sprachelemente im Sprach­leben. Daß die Rolle des Spre­chers/­Hörers hier un­um­gänglich ist, führt zu einer Ergän­zung der linguisti­schen Untersuchungen bis etwa 1876 im Sinne der Wieder­ent­de­kung des sprechen­den und hören­den Subjekts, das allmählich aus dem Blick­feld der Linguistik geraten war. Die An­er­ken­nung des spre­chen­den Men­schen zeigt sich u.a. in der Be­wer­tung von Wil­helm Scherers Prinzip der Formüber­tragung oder Formas­sozia­tion — "die neu­bil­dung von sprachfor­men über dem wege der analogie" (vgl. Put­schke 1969: 37) —, das in den lebenden Sprachen deut­lich wirkt und somit auch in den ältesten Zeiten gewirkt haben muß. Ein Pro­blem der Rangordnung beider Grund­sätze, der Analogie und der Aus­nahmslosigkeit der Laut­gesetze, stellt Putschke (1969: 37f.) fest. Obwohl beide korrelativ wirken, ist es ",unser [d.i. Brug­mann und Osthoffs — fv] streng eingehalte­nes princip [...], erst dann zur analogie zu greifen, wenn uns die laut­gesetze dazu zwingen'":

 

                Diese Bevorzugung des Laut­ge­setzes steht in einem gewis­sen Widerspruch zu der Beto­nung der psychischen Seite der Sprache, deren Ver­nachlässi­gung Her­mann Osthoff und Karl Brugmann gerade der ält­eren Forschung vorge­worfen hatten. (Putschke 1969: 38)

 

Eine mögliche "Lösung" für diese para­doxe Fest­stellung liegt wohl darin, daß Brug­mann und Osthoff sich in ihren morphologischen Unter­suchun­gen zu wenig der wissenschafts­theoreti­schen Unterscheidung von geistes­wis­senschaft­licher (eher philologischer) und natur­wissen­schaftlicher (eher linguistischer im Sinne Schlei­chers) Betrachtungs­weise sprachli­cher Phäno­mene bewußt gewesen sind und sich dem herr­schenden Mei­nungs­klima der Sprachfor­schung (Sprache als biologi­sches, mechanisches oder physiologi­sches Phänomen) ange­paßt haben. Beide Grundsätze können also lediglich als Aspekte oder Momente einer über­greifenden (Zeichen-) Theorie ver­stan­den wer­den. In diesem Sinne schreibt Putschke (1969: 45):

 

                Der methodische Inhalt der junggram­mati­schen Grundsätze stellt die ersten [aus­drück­lichen? — fv] wis­senschaftli­chen Axiome der Sprachforschung dar, die als theoretische Mo­delle für die Erklärung sprach­licher Verände­rungs­vorgänge aufzufassen sind. Mit ihrem axiomatischen Charakter hängt die Schwie­rig­keit ihrer Begrün­dung zu­sam­men, die letztlich in zufriedens­tellender Weise nicht gegeben werden kann, da es sich um abstrahierte me­thodi­sche Grundsätze handelt, die sich aus der Er­fah­rung und Kenntnis der sprachli­chen Fakten und ihrer ge­schichtlichen Ver­änderung ergaben und auf der Grundlage übergeord­neter Einsichten erreicht wurden. Somit ist eine gültige Begrün­dung der junggrammatischen Grundsätze nicht aus den sprachlichen Er­scheinungen selbst zu gewinnen, die ledig­lich ihre Rich­tigkeit beweisen können, sondern ihre sinnvolle Defini­tion ist erst im Rahm­en einer umfas­senden Theoriebildung zu geben, in der sie lediglich einen Teil­be­reich bilden. Diese über­geord­nete Theorie ist jedoch von der jung­gram­matischen Schule [sic — fv] nicht er­bracht worden und war von dem Standort der Sprachwissen­schaft um 1876 wohl auch nicht zu leisten.

 

                Was aber den methodischen Grund­satz der Junggrammatiker betrifft, gilt der Ent­deckung von Regel­mäßigkeiten in der Ent­wicklung ein­zelner Sprachen die höchste Priorität. Psycholo­gische oder sozio­lo­gi­sche Er­klä­rungen für Laut­verände­rungen sollten aus System­zwang mög­lichst ver­mieden oder aber auf Regeln gebracht werden (wie Verner dies im Zusammen­hang mit dem indogermani­schen und germani­schen Akzent gemacht hat; vgl. 4.2). Die "Aus­nahms­losigkeit der Lautgesetze wurde zum ersten Mal von August Les­kien formuliert. Mit diesem Grundsatz gab Les­kien de facto nichts anderes als ein Unter­scheidungs­kri­te­rium für wissen­schaftliche und nicht-wissen­schaftliche Sprachforschung. In der 1876 ver­öffentlichten Decli­nation im Slawisch-Litauischen und Germani­schen schreibt Leskien:

 

                Bei der Untersuchung bin ich, wie das S.1 kurz ausgesprochen ist, von dem Grundsatz ausgegan­gen, daß die uns überlieferte Gestalt eines Casus nie­mals auf einer Aus­nahme von den sonst befolg­ten Lautgesetzen beruhe. Um nicht missver­standen zu werden, möch­te ich noch hinzufügen: versteht man unter Ausnah­men solche Fälle, in de­nen der zu erwartende Lautwandel aus bestimmten er­kenn­baren Ursachen nicht eingetreten ist, z.B. das Unter­bleiben der Verschiebung im Deutschen in Laut­gruppen wie st u.s.w. [vgl. dazu Wolff 21990: 45 und König 1976: 45) — fv], wo also ge­wis­sermassen eine Regel die andre durch­kreuzt, so ist gegen den Satz, die Lautgesetze seien nicht aus­nahms­los natürlich nichts ein­zuwen­den. Das Gesetz wird eben dadurch nicht aufgehoben und wirkt, wo diese oder andre Störungen, die Wirkung andrer Gesetze nicht vorhan­den sind, in der zu erwar­tenden Weise. Läßt man aber beliebige zufällige, unter einander in keinen Zu­sammen­hang zu brin­gende Ab­weichungen zu, so erklärt man im Grunde damit, daß das Ob­ject der Unter­suchung, die Spra­che, der wissen­schaftlichen Er­kenntnis nicht zugänglich ist. (Leskien 1876: XXVIII)

 

Von großer Bedeutung für die Germa­nistik, aber auch für sprachtheore­ti­sch inter­essierte Wissen­schaftler ist Her­mann Pauls Prinzi­pien der Sprach­ge­schichte (1880) gewesen. Dieses Werk, das Paul bei jeder neuen Aufla­ge aktua­lisiert hat (es werden zu Pauls Leb­zei­ten 5 je­weils grund­sätzlich von Paul selbst bearbeitete Auflagen veröffent­licht), syn­theti­siert gleichsam die Ergeb­nisse der Sprachfor­schung im 19. Jahr­hun­dert. Mit Karl Brug­mann ist Her­mann Paul der Theoretiker der Jung­gramma­tiker. Sein individualpsychologisch motivierter An­satz hat zunächst zu Unver­ständnis und hefti­gem Kopfschüt­teln bei den Kolle­gen geführt hat (vgl. Reis 1978: 166). Die Principien wurden aber später, und nicht nur in Deutschland, das unumstrittene Lehrbuch für Sprachfor­scher. In diesem Werk, wie in den mei­sten junggrammatischen Veröf­fent­li­chun­gen, war nur die historische Betrach­tungs­weise als wissenschaftlich zu verstehen.

                Der Begriff des Historischen wird von Marga Reis (1978) in ihrer Dar­stellung von Pauls Sprach­ver­ständ­nis nuanciert, und zwar in dem Sinn, daß er von u.a. Saus­su­res "Di­achro­nie"-Begriff abgehoben und neu formuliert wird. Paul lehnt in seiner "Einleitung" zu den Principien ein­deutig eine "mehr­dimen­sio­na­le Sprachbe­trach­tung" als unwis­sen­schaftlich ab: ",Was man für eine nicht­geschicht­liche und doch wissen­schaft­liche Betrachtung der Sprache erklärt, ist im Grunde nichts als eine unvoll­kom­men geschicht­liche'" (in: Reis 1978: 180). Was aber den Historiogra­phen in diesem Zusammen­hang inter­essiert, ist die Fra­ge, ob "geschicht­lich" und "diachron" tatsäch­lich iden­tisch sind, und ob Paul mit seinem Werk eine synchrone Be­trach­tungs­weise tatsächlich ablehnt? Die Begriffsdynamik — die Entwicklung der Bedeu­tung von Termini — scheint in diesem Zu­sam­menhang manchem Sprachwissen­schaftler einen Streich zu spielen. Reis (1978: 183) resü­miert ihre Analyse des Begriffs "ge­schichtlich" wie folgt:

 

                In Pauls Verabsolutierung des »Ge­schichtli­chen« wird nicht die Synchro­nie als solche negiert, sondern ledig­lich, daß sie von der Diachronie kate­gorial ver­schieden sei; beides, das Funktionie­ren der Sprache wie ihre Ver­änderung, gilt ihm nur als zwei Seiten dersel­ben — und einzigen — sprachlichen Realität, der mensch­li­chen Sprechtätig­keit. Da diese nur eine Dimension hat, nämlich die geschicht­liche, stellt »geschicht­lich« die Kate­gorie der Auf­hebung des Di­achro­nie:Syn­chronie-Gegen­satzes dar; und das heißt, entgegen der übli­chen Auf­fassung: Pauls »geschichtlich« be­greift in unserem Sinne diachrone wie synchrone Fakten gleichermassen mit ein [man vergleiche in diesem Zusam­menhang auch die Bemer­kung von Th. Bynon in Aufgabe 4 — fv].

 

In den Prinzipien der Sprachgeschichte heißt es, daß ",sämtliche Äußerungen der Sprechtätig­keit an den Individuen in ihrer Wechselwirkung aufeinander'" das richtige Objekt der Sprachfor­schung sind:

 

                Diese Äußerungen der Sprechtätigkeit ,fliessen aus diesem dunklen Raume des Unbewußten in der Seele', in dem ,alles [liegt], was der Einzelne von sprachlichen Mitteln zur Ver­fügung hat', und zwar ,als ein höchst kompli­ziertes psychisches Gebilde, welches aus man­nigfach untereinander ver­schlungenen Vor­stellungs­gruppen be­steht'. Verstanden werden diese psy­chischen Organismen als Produkt der gesamten vom jeweiligen Individuum erlebten Sprechtätigkeit. Da aber ,durch jede Tätigkeit des Sprechens, Hörens oder Denkens etwas Neues hinzugefügt [wird]', befinden sich diese Organismen ,bei jedem Indivi­duum in stetiger Ver­änderung'. Dieses für Paul ,ebenso bedeut­sam[e] wie selbstver­ständlich[e]' Faktum wird in unserem Zusammenhang erst eigent­lich bedeut­sam dadurch, daß Paul nur diese indi­viduellen psychischen Me­chanis­men als ,die eigentlichen Träger der historischen Entwicke­lung' aner­kennt.            (In: Reis 1978: 183f.)

 

Die Idee der Wechselwirkung zwischen laut­physiologischen und sozial-psycholo­gischen Ver­mittlungsvor­gängen von sprachlichen Bedeutun­gen (statt indivi­dual-psychologi­scher, in denen vor al­lem die Bedeutungs­über­tragung äußerst problematisch ist, denn es muß erklärt werden, wie die vernomme­nen Lautreihen

gedanklich synthetisiert wer­den) wird erst mit Ferdinand de Saussu­res (1857-1913) Cours de linguistique (1916) und einigen früheren sozialpsy­chologi­schen Arbeiten mehr oder weni­ger adäquat gelöst werden.

 

Aufgaben

 

1.              Welche Rolle spielt das Analogie-Prinzip in Scherers Zur Geschichte der deut­schen Sprache.

2.             Versuchen Sie, die Gesetzmäßigkeit der Laut­ge­setze zu kritisieren und er­kläre die nachfol­gende Aussage Brugmanns als eine methodi­sche Rechtferti­gung des Pro­gramms der jung­gramma­tischen Bewe­gung:

 

                                Daß sich aus der Spezialforschung ein vollständiger Induktionsbeweis für die Richtigkeit unsers Funda­mentalsatzes [von der ,Ausnahms­losigkeit der Laut­ge­set­ze'] nicht erbringen lasse, war von vornherein klar.

 

3.             Gegen welche Art von Sprachfor­schung richten sich Brugmann und Osthoff in ihrem Vor­wort zu den Morphologischen Untersu­chungen. Und aus welchen Grün­den?

4.             Erläutern Sie die nachfolgende Behaup­tung von Bynon (1978: 112) in bezug auf ihre wissen­schafts­theo­retische Bedeutung. Welche Bedeutung hat sie für die Sprachwis­senschafts­geschichts­schreibung?

 

                                However, the fact that the neo­gram­marians failed to include synchronic des­criptions of indivi­dual language-states in their hand­books of compa­rative grammar does not ne­ces­sarily imply that they were unaware of syn­chronic structure. Indeed, rather the oppo­site was the case, [...].

 

5.             Welche drei Grundbegriffe lassen sich in Pauls "Einleitung" zu den Prinzi­pien der Sprach­geschich­te unterschei­den? Und in welchem Zu­sammen­hang stehen diese drei Be­griffe zu einander?

6.             Paul lehnt in seiner "Einleitung" Abstrak­tionen völlig ab. 1882 schreibt Franz Mi­steli (1841-1903) eine Rezension der Paul­schen Prinzi­pien, in der er u.a. darauf hinweist, daß Paul selbst nicht ohne Ab­strak­tionen aus­komme. Was dürfte Misteli mit dieser Kritik be­absichtigt haben?

7.             In Pauls "Einleitung" zu den Principien der Sprachgeschichte (1880) werden mehrere zu­sammenhängende Aussagen über die Metho­de und den Gegenstand der Sprach­wis­senschaft gemacht. Welche der drei nachfolgen­den Thesen sind wahr, falsch oder nur zum Teil wahr (oder falsch)? Erläutern Sie Ihre Antwort.

 

                a.             Die Sprachwissenschaft kann nicht ohne Abstraktionen auskommen.

                b.             Es gibt mehrere Betrachtungsweisen der Sprache.

                c.             Sprachwissenschaft ist Kul­tur­wis­sen­schaft.

 

 

8.       Eine frühe Kritik am For­schungs­konzept der Junggram­mati­ker: Hugo Schuchardt

 

1927 schreibt Hugo Schuchardt (1842-1927) an den dänischen ver­glei­chen­den Sprachfor­scher Holger Peder­sen (1867-1953), daß ",sich im Laufe des letzten halben Jahrhun­derts [also seit etwa 1880 — fv] über­haupt ein Umschwung voll­zogen hat, [und zwar in eine den Junggramma­tikern entgegengesetzte Richtung:] es ist kurz gesagt, der psy­chologi­sche Faktor ­gegen den physio­logischen in den Vordergrund gerückt, der soziale Cha­rakter der Sprache an die Stelle des natürlichen Organismus gesetzt worden'" (in: Swiggers 1992: 157).

                Das Problem des Glaubensbekennt­nisses der Junggrammatiker, in Osthoffs und Brug­manns Mor­phologischen Un­ter­suchungen zum Ausdruck gebracht, wird also schon recht früh von dem Grazer Ro­ma­ni­sten und vergleichenden Sprachwis­sen­schaftler aner­kannt, ob­wohl Schu­chardts manchmal recht im­pulsiver Kritik u.a. von Hermann Paul eine Anti-Kritik (Paul 1886) gegen­über­gestellt wird. Die Kritik vieler Nicht-Junggram­matiker, u.a. Schu­chardts, be­stand nun darin, daß sie Sprache nicht auf mechanistische Ent­wick­lungs­prinzipien reduzie­ren wollten. Die genetischen Momente der Sprache seien nicht nur als unbewußte, son­dern auch als bewußte zu verstehen. Dies führe dann zu soziologi­schen oder psy­cholo­gischen Erklä­rungen sprachlicher Entwicklungen, wie sie vor allem in den ver­schiedenen Zeichen­theorien im 20. Jahr­hun­dert vorgenommen wur­den.

                Und gerade dies hebt Paul in sei­ner Kritik an Schu­chardts Kritik an den Jung­grammati­kern hervor: daß es eine "jung­grammati­sche Richtung" gibt, will Paul eingeste­hen, daß es aber eine jung­grammati­sche Schule gegeben hat oder gibt, lehnt er entschieden ab. Es gebe sehr wohl Einzelforschun­gen von Jung­grammati­kern, die über die These der "Ausnahms­losigkeit der Lautgesetze" hin­ausge­hen, obwohl Schuchardt jene sämtlich auf diese These zurückzu­führen scheint. Was Paul an Schu­chardts Dar­stellung der "junggrammatischen Schule" gestört haben mag, ist wohl "die sche­matische Kürze und Hervorhebung eini­ger mehr oder min­der unbeachtet gebliebene Punkte". Leider geht Paul nicht auf alle Einwän­de Schu­chardts ein, so daß man sich fragen kann, ob nicht doch die Kritik Schuchardts zum Teil zutrifft — so zum Beispiel wenn er versucht, die un­proble­matische Bestimmung des Dia­lekts bei den Junggrammatikern zu modifizie­ren. Grundsätzlich besteht Schuchardts Kritik an den Junggrammatikern darin, daß sie die Individualität des Spre­chens zugunsten eines allgemeinen Systems aufgeben. Sprachveränderungen gibt es nur bei Individuen, nicht unabhängig von ihnen. Die Kritik an dem Satz der "ausnahmslosen Wirkung der Lautgesetze" der Junggrammatiker wird von Schuchardt induktiv geübt, das heißt anhand bestimmter Beispiele aus u.a. romanischen Sprachen, die jene Ausnahmslosigkeit als naturgesetzliches Prinzip wenigstens problematisieren.

                Nach diesen Streifzügen durch die Wer­ke ein­zelner Junggrammatiker kön­nen aber, so Paul, Ungenau­igkeiten nicht ausbleiben:

 

                Man merkt deutlich, der Verf. [Schu­chardt — fv] mag nicht gern durch scharfe Bestimmun­gen, durch metho­dologische Grundsätze be­schränkt sein; er will auch in der Wissenschaft seine Gedanken beliebig spazieren führen dürfen. Genie und Takt sollen Alles entschei­den. Es wird daher kaum mög­lich sein für jemand, der nach strenger Systematik und consequen­ter Methode strebt, sich mit ihm zu ver­ständigen.                                                                                                                                                                                           (Paul 1886: 6)

 

Schuchardt scheint im 20. Jahrhundert dann doch recht bekommen zu haben mit seiner vielmehr dem Sprach­leben (Kommunikations­vorgängen) zugewand­ten Auf­fassungen. So schreibt Alf Som­merfelt (1892-1965) in seiner Darstel­lung von Schu­chardts Leben und Werk:

 

                Schuchardt wanted to see everything placed in a complete system which ,is not determined by the sound but by the meaning'. Sound changes are not ever­ything in language history, the changes of expression, of meaning must also be the object of systematic research.                                                                                                                                                                                 (Sommerfelt 1962: 508)

 

Diese Ansicht wurde aber, wie gesagt, erst im 20. Jahrhundert zum sprach­wissen­schaftlichen Topos in der Mundartforschung und Soziolinguistik.[16]

 

Aufgaben

 

1.              Versuchen Sie, die Einwände gegen die Jung­gram­matiker, die Schuchardt in seiner Schrift gegen die Junggramma­tiker erhebt, anhand des Vorworts von Brugmann und Osthoff zu wider­le­gen.

2.             Welche Funktion hat das Analogie-Prinzip in Schuchardts Kritik an den Jung­gramma­ti­kern?

3.             Welche grundsätzlichen wissen­schaftstheo­retischen Einwände können Sie gegen Pauls Kritik ein­bringen?

 

 

9.       Bio-Bibliographien der besprochenen Sprachforscher

 

Karl Brugmann

1849        Am 16.3. in Wiesbaden geboren. Sohn des späteren Staatskassendirektors Wilhelm Brugman. Besuch des Wiesbadener Gymnasiums.

1867        Besucht die Universität Halle a.d.S. Studiert Philologie.

1868        Übersiedlung nach Leipzig. Studium bei Georg Curtius - vergleichende Sprachwissenschaft.

1871        Doktorarbeit De graecae linguae productione suppletoria.

1872        Philologisches Staatsexamen in Bonn. Lehrtätigkeit am Wiesbadener Gymnasium. Oberlehrer am Nicolai-Gymnasium in Leipzig.

1877        Habilitation für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft in Leipzig, Zur Geschichte der Nominalsuffixe -as, -jas und -vas. Probevorlesung am 18.5.

1878        Assistent am kaiserlichen russischen philologischen Seminar.

1882        außerordentlicher Professor in Freiburg im Breisgau.

1884        Ordentlicher Professor in Freiburg i.Br.

1887        Rückkehr nach Leipzig.

1919        Am 29.6. stirbt Brugmann in Leipzig.

 

 

Georg Curtius

1820        Am 16.12. in Lübeck geboren als der vierte Sohn des Gerichtsrates Karl georg Curtius. Akademi­sche Ausbildung an den Universitäten von Bonn und Berlin.

1842        Erste Schrift De nomine graecorum formatione (Franz Bopp gewidmet).

1845-

1848        Lehrer an dem Vitzthum'schen Gymnasium in Dresden.

1846        Habilitation für klassische Philologie.

1849        Ordentlicher Professor für klassische Philologie in Prag.

1854        An die Universität Kiel berufen als Professor für klassische Philologie.

1861        Professor für klassische Philologie an der Universität Leipzig.

1866        Zweite Auflage des Hauptwerkes, Grundzüge der griechischen Etymologie.

1885        Am 12.8. gestorben.

 

Jacob Ludwig Karl Grimm

1785        Am 4.1. in Hanau (Fürstentum Hessen) geboren. Der Vater war Jurist in Hanau.

1802        Marburg. Studiert Jura bei Carl von Savigny.

1805        Hilft in Paris Savigny bei dessen Vorarbeiten zur "Geschichte des Römischen Rechts im Mittel­alter".

1808        Vorsteher der Privatbibliothek in Wilhelmshöhe.

1813        Kurze diplomatische Laufbahn als Legationssekretär in Paris.

1815        Teilnahme am Wiener Kongreß.

1816        Zweite Bibliothekarstelle, diesmal in Kassel.

1819        Deutsche Grammatik (21822).

1829        Berufung nach Göttingen. Vorlesungen u.a. über deutsche Rechtsaltertümer.

1837        Protest von sieben Göttinger Professoren, unter ihnen Jacob und Wilhelm Grimm gegen den Verfassungsbruch des neuen Königs Ernst August. Dieser erläßt nach seinem Einzug in Hannover "ein Patent, das das Staatsgrundgesetz von 1833 aufhebt und die Beamten von ihrem auf diese Verfassung geleisteten Eid entbindet" (Hennig/Lauer 1985: 609).

1838        Anfang eines historisch ausgerichteten Deutschen Wörterbuchs. Anfang der Germanistik als eines "Kollektivunternehmens".

1840        Berufung von Jacob und Wilhelm Grimm als Mitglieder der Berliner Akademie der Wissen­schaften.

1843        Reise nach Italien.

1844        Reise nach Skandinavien.

1846/7     Präsident der Germanistenversammlungen in Frankfurt am Main bzw. Lübeck.

1848        Im Frankfurter Parlament. Geschichte der deutschen Sprache.

1863        Am 20.9. Tod Jacob Grimms.

 

 

Wilhelm von Humboldt

1767        Am 22.6. in Potsdam geboren.

1769        Am 14.9. wird Alexander von Humboldt in Berlin geboren.

1785/6     Einführung der Brüder von Humboldt in den Salon der Henriette Herz in Berlin.

1787        Wilhelm und Alexander beziehen die Universität in Frankfurt an der Oder. Juristisches Studium.

1788        Im Frühjahr geht Wilhelm nach Göttingen. Bekanntschaft mit Caroline von Dacheröden, seiner späteren Gattin.

1789        Reise nach Paris und in die Schweiz. Am 16.12. Verlobung mit Caroline in Erfurt. Bekanntschaft mit Friedrich Schiller.

1790        Referendar am Kammergericht in Berlin.

1791        Ausscheidung aus dem Staatsdienst als Legationsrat. Am 29.9. Heirat mit Caroline in Erfurt.

1792/3     Lebt als Privatmann auf den thüringischen Gütern des Schwiegervaters. Reisen nach Erfurt, Berlin, Weimar und Jena. Ideen über die Staatsverfassung, durch die neue französische Konstitution veranlaßt. Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen.

1794        Übersiedlung nach Jena. Zusammenarbeit mit Schiller.

1795        Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluss auf die organische Natur.

1795/6     Aufenthalt in Tegel.

1796        Reise nach Norddeutschland.

1797        Reise nach Wien.

1797-

1801        Wohnsitz in Paris.

1798        Über Göthes Herrmann und Dorothea.

1799        Amerika-Reise Alexander von Humboldts (bis 1804).

1799-

1800        Spanien-Reise (sieben Monate). Erster Besuch im Baskenland.

1801        Zweite Reise durch die baskischen Provinzen. Wohnsitz im Schloß Tegel.

1802-

1808        Preußischer Resident beim Päpstlichen Stuhl in Rom.

1808        Im Herbst Rückkehr nach Deutschland. Caroline bleibt in Rom.

1809        Ernennung Wilhelms zum Geheimen Staatsrat und Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Innern. Am 16.8. Stiftungsurkunde der Berliner Universität.

1810        Im April: Entlassungsgesuch. Im Juni wird Humboldt zum Außerordentlichen Gesandten und Bevollmächtigten Minister in Wien ernannt.

1810-

1818        Verschiedene diplomatische Missionen (auf dem Prager Kongreß, 1813; als zweiter Vertreter mit Hardenberg auf dem Wiener Kongreß, 1814/5; Teilnahme an Friedensverhandlungen in Paris, 1815; preußischer Gesandter in London, 1817/8).

1813        Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz.

1815        Preußischer Vertreter in der Territorialkommission in Frankfurt am Main.

1816        Übersetzung des Agamemnon von Aeschylos.

1817        Teilnahme an Staatsratsitzungen in Berlin.

1818        Im Oktober Abreise aus London.

1819        Am 11.1. Minister für Ständische Angelegenheiten. Am 31.12 Entlassung aus dem Preußischen Staatsdienst nach Konflikten mit Hardenberg.

1820-

1835        Privatwissenschaftliche Tätigkeit als Sprachforscher und Sprachphilosoph.

1820        Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung.

1821        Über die Aufgabe des Geschichtschreibers.

1822        Über das Entstehen der grammatischen Formen und ihren Einfluss auf sie Ideenentwicklung.

1824        Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau.

1824-

1826        Grundzüge des allgemeinen Sprachtypus.

1827        Über den Dualis.

1827-

1829        Über die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaues. Von dem grammatischen Baue der Sprachen.

1828        Über die Sprache der Südseeinseln.

1829        Tod von Caroline am 26.3. Am 8.5. wird Humboldt zum Vorsitzenden der Kommission für die innere Einrichtung des Neuen Museums ernannt. Über die Verwandtschaft der Ortsadverbien mit dem Pronomen in einigen Sprachen.

1830        Humboldt wird erneut in den Staatsrat berufen und ihm wird der Schwarze Adlerorden verliehen.

1830-

1835        Arbeit an dem großen sprachwissenschaftlichen Werk Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java, nebst einer Einleitung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts (erscheint postum zwischen 1836 und 1839).

1835        Am 8.4. Tod Wilhelm von Humboldts in Schloß Tegel.

 

 

Hermann Osthoff

1847        Osthoff am 18.4. in Billmerich bei Unna (Westfalen) geboren als Sohn eines Gutsbesitzers.

1861-

1865        Osthoff besucht das humanistische Gymnasium in Gütersloh.

1865-

1869        Studium der klassischen und germanischen Philologie, des Sanskrit und der vergleichenden Grammatik in Bonn, Tübingen und Berlin.

1869        Promotion in Bonn über Quaestiones mythologicae, über Sprachgeschichte und Etymologie.

1871-

1874        Lehrt am humanistischen Gymnasium in Kassel.

1874        Weitere Studien vergleichende Sprachwissenschaft in Leipzig. Habilitation.

1875        Privatdozent. Lehrt in Leipzig. Forschungen im Gebiete der idg. nominalen Stammbildung.

1877        außerordentlicher Professor der vergleichenden Sprachwissenschaft und des Sanskrit in Heidelberg.

1878        Ordinarius an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg.

1882/3     Fortsetzung von armenischen in San Lazzaro bei Venedig (bei den Mechitaristen).

1885        Dekan der Fakultät.

1905        Aufenthalt in Nordwales. Studium der kymrischen Sprache.

1907        Im Sommer auf Aran Mor an der Galwaybucht, um die irische Sprache zu lernen.

1909        Am 7.5. gestorben in Heidelberg

 

 

Hermann Paul

1846        Am 7.8. in Salbke bei Magdeburg geboren.

1866        Paul bezieht die Universität. Studium der Germanistik. Sprachphilosophie bei Heymann Steinthal in Berlin.

1867        Paul wechselt nach Leipzig über. Hört Vorlesungen bei Leskien. Reger Verkehr mit Mitstudenten, Eduard Sievers und Wilhelm Braune.

1870        Promotion Über die ursprüngliche Anordnung von Freidanks Bescheidenheit, eine literaturhistori­sche, textkritische Arbeit, bei Friedrich Zarncke.

1872        Habilitation bei Zarncke, Zur kritik und erklärung von Gottfrieds Tristan.

1873        Untersuchung Zur lautverschiebung

1876-

1886        Diskussionen um das junggrammatische Forschungsprogramm (u.a. mit Schuchardt). Diese führten zur Lautgesetz-Kontroverse, zu der Paul u.a. als Rezensent beigetragen hat.

1880        Erste Auflage der Principien der Sprachgeschichte. In diesem Werk sucht Paul nach der Induk­tionsbasis, der empirischen Begründung, der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze. Freunden und Gesinnungsgenossen Pauls bleibt das Werk zunächst fremd wegen seines psychologischen und theoretischen Ansatzes. Mit der zweiten Auflage (1886) beginnt der Siegeszug dieses Werkes als Standardlehrwerk in der sprachwissenschaftlichen Ausbildung.

1874        Im Mai außerordentlicher Professor der deutschen Sprache und Literatur in Freiburg im Breisgau.

1893        Berufung Pauls nach München als Nachfolger Matthias Lexers.

 

1886-

1891        Grundriß der germanischen Philologie. Statt einer Darstellung der Laut- und Formenlehre altgermanischer Dialekte wird jetzt das Neuhochdeutsche, sein Wortschatz, die Wortbildung und die Syntax besprochen.

1896        Erste Auflage des Deutschen Wörterbuchs (19082; 19213). Weitere theoretische Arbeiten, u.a. zur Lexikographie und über das Wesen der Wortzusammensetzung. Syntaktische Einzelforschungen. Ablehnung von Wundts Völkerpsychologie.

1902        Festschrift von Schülern zum 25jährigen Professorenjubiläum am 7.8.

1903        Das Wesen der Wortzusammensetzung.

1905        Ehe.

1906        Festschrift zum 60. Geburtstag, Analecta Germana.

1909        Rektoratsrede "Gedanken über das Universitätsstudium". Maximiliansorden der Königlichen Bayerischen Staatsregierung. Titel eines Geheimen Hofrates.

1914        Erblindung durch plötzliche Netzhautablösung. Aufgabe der akademischen Lehrtätigkeit.

1916        Emiritierung. Die Arbeit an der Deutschen Grammatik nimmt Paul "mit hülfe fremder augen" wieder auf.

1921        Am 29.12. in München gestorben.

 

 

Wilhelm Scherer

1841        Am 26.1. in Schönborn in Niederösterreich geboren. Vorbildung auf dem akademischen Gymnasi­um in Wien.

1858        Studium in Wien, u.a. bei Bonitz und Miklosich.

1860        Hört in Berlin Vorlesungen bei Franz Bopp, Moritz Haupt, Leopold von Ranke und Adolf Trendelenburg. Persönliche Bekanntschaft mit Jacob Grimm. Im Mittelpunkt der Studien standen deutsche Sprache und Literatur.

1863        Mit Karl Müllenhoff Herausgeber der Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem 8. bis 12. Jahrhundert. Die Denkmäler werden situiert in der Entwicklungsgeschichte des Volkes.

1864        Anfänge der Lebensbeschreibung Jacob Grimms.

1866        Leben Willirams Abtes von Ebersberg in Baiern.

1868        Zur Geschichte der deutschen Sprache. Grammatik wird als Geschichte des geistigen Lebens gesehen. Vor allem auch Betonung der lautphysiologischen Beschreibung von Sprache, auch der älteren Sprachen. Scherer wird ordentlicher Professor in Wien.

1872        Berufung nach Straßburg.

1874/5     Rückkehr Scherers zur deutschen Literatur.

1875        Geschichte der deutschen Dichtung im elften und zwölften Jahrhundert.

1877        Berufung nach Berlin, auf den Lehrstuhl für neuere deutsche Literatur.

1880-

1883        Geschichte der deutschen Literatur. Quellenstudien zu u.a. Goethe.

1884        Am 19.2. stirbt Karl Müllenhoff.

1886        Am 6.8. stirbt Scherer.

 

 

Friedrich Schlegel

1772        Am 10.3. als Sohn eines Generalsuperintendenten in Hannover geboren.

1788        Kaufmannslehrling bei einem Bankier in Leipzig.

1788/9     Vorbereitung auf das akademische Studium in Hannover. Lektüre Platons.

1790        Studium der Rechtswissenschaft in Göttingen, zusammen mit dem Bruder August Wilhelm Schlegel.

1791        Fortsetzung des Studiums in Leipzig. Epoche der "Lesewut". Entschließt sich zum Beruf eines "kritischen Schriftstellers".

1792        Freundschaft mit Novalis; Zusammentreffen mit Schiller.

1794        In Dresden privates Studium der griechischen Literatur- und Kulturgeschichte. Von den Schulen der griechischen Poesie.

1797        Die Griechen und Römer. Historische und kritische Versuche über das klassische Altertum. Bekanntschaft mit Ludwig Tieck, Henriette Herz, Rahel Levin und Dorothea Veit. Freundschaft mit Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher.

1798        Anfang der Zeitschrift Athenaeum. In dresden mit A.W. Schlegel, Novalis, Fichte und Schelling zusammen.

1799        Scheidung Dorotheas von Simon Veit. Im Herbst erscheint Schlegels Lucinde. Übersiedlung nach Jena. Romantikerkreis.

1800        Habilitation an der Universität Jena. Vorlesung Über Transzendentalphilosophie. Im August erscheint das letzte Heft des Athenaeums.

1802        Im Juli trifft Schlegel in Paris ein. Vorlesungen über deutsche Literatur und Philosophie.

1803        Erstes Heft der Zeitschrift Europa. Seit November Vorlesungen über Geschichte der europäischen Literatur.

1804        Am 6.4. Heirat mit Dorothea. Reise durch Nordfrankreich und Belgien. Kölner Vorlesungen.

1805        Vorlesungen über Universalgeschichte, Propädeutik und Logik. Studien zur mittelalterlichen Philosophie und Geschichte. Letztes Heft des Europas.

1807        Kölner Vorlesungen Über deutsche Sprache und Literatur.

1808        Über die Sprache und Weisheit der Indier. Am 18. April Konversion zur katholischen Kirche. Über Weimar und Dresden nach Wien.

1809        Ab 29.3. Hofsekretär bei der Wiener Armeehofkommission. Mit der Armee in Ungarn.

1810        Vorlesungen Über die neuere Geschichte. Bekanntschaft mit Franz von Baader.

1812        Gründung der Zeitschrift Deutsches Museum.

1813        Entwürfe für politische Denkschriften und Verfassungsentwürfe für den Deutschen Bund im Auftrage Metternichs.

1814        Anteilnahme am Wiener Kongreß mit Denkschriften und Zeitungsartikeln.

1815        Durch Metternich zum k.k. Legationsrat ernannt. Seit November am Bundestag in Frankfurt am Main.

1820        Erscheint das erste Heft der Zeitschrift Concordia. Entstehung der spätromantischen Schule (mit u.a. Franz von Baader).

1827        Zerwürfnis der Brüder Schlegel. Vorlesungen über die Philosophie des Lebens in Wien.

1828        Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte in Wien. Seit Dezember wieder in Dresden, u.a. mit Tieck. Vorlesungen über die Philosophie der Sprache und des Wortes.

1829        Schlegel am 11./12. Januar in Dresden gestorben.

 

 

August Schleicher

1821        Als Sohn eines Arztes am 19.2. in Meinigen geboren.

1822        Übersiedlung nach Sommering. Schleicher zeigt schon früh eine musikalische Begabung und interessiert sich für Naturbeobachtung.

1835-

1840        Besuch des Coburger Gymnasiums. Privatunterricht in Arabisch beim Direktor.

1840        Theologie-Studium in Leipzig.

1841        Fortsetzung des Theologie-Studiums in Tübingen.

1843        Schleicher widmet sich der Philologie. Siedelt nach Bonn über, wo er bei Welcker und Ritschl klassische Sprachen studiert. Orientalische Sprachen bei Lassen und Gildemeister. Vorlesungen über altdeutsche Dialekte bei Friedrich Dietz.

1844        Schleicher gründet mit 18 Gesinnungsgenossen eine phrenologische Gesellschaft in Bonn. Schleicher ist davon überzeugt, daß man psychische Phänomene quantitativ bestimmen kann, und zwar durch Messung des Gehirnumfangs. Schleicher schreibt auch phrenologische Abhandlungen.

1845        Kur in Kreuznach.

1846        Am 10.1. promoviert Schleicher magna cum laude über Meletematon Varronianorum specimen I. Im März die venia legendi für indische Sprache und Literatur und vergleichende Grammatik. Kuren in Ostende. Am 27.6. Antrittsvorlesung in Bonn Ueber den Werth der Sprachvergleichung.

1848        Erster Teil der Sprachvergleichenden Untersuchungen. Zur vergleichenden Sprachengeschichte.

1850        Sprachvergleichende Untersuchungen. Die Sprachen Europas in systematischer Übersicht. Am 8.3. außerordentlicher Professor der klassischen Philologie und Literatur in Prag.

1851        Am 28.5. Extraordinarius für vergleichende Sprachwissenschaft und Sanskrit.

1852        Formenlehre der kirchenslawischen Sprache. Im Sommer Reise nach Litauen. Verschiedene Veröffentlichungen über das Litauische.

1853        Ernennung zum ordentlichen Professor der deutschen und vergleichenden Sprachwissenschaft und des Sanskrit in Prag.

1854        Ehe.

1855        Mit Adalbert Kuhn Herausgeber der Zeitschrift zur vergleichenden Sprachforschung. Persönliche Reibungen in Prag: nationale, kirchliche und politische Gegensätze. Hoch aufwallender Nationalismus der Tschechen. Schleichers Schriften werden ins Tschechische übersetzt. Schleicher wird von Polizeispitzeln beobachtet, und zwar als Verfasser Österreich feindlicher Berichte in deutschen Zeitungen. Hausdurchsuchung.

1857        Ordentlicher Honorarprofessor für vergleichende Sprachkunde und deutsche Philologie in Jena. Ständige Geldsorgen. Die germanischen Sprachen treten in den wissenschaftlichen Vordergrund. Erneutes Interesse für ein theoretisches Sprachstudium.

1860        Die deutsche Sprache (18692; 18885).

1861        Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen. Zwei Teile.

1868        Am 6.12. stirbt Schleicher nach einer Lungenentzündung und an Körperschwäche.

 

 

Hugo Schuchardt

1842        Schuchardt in Gotha geboren. Studiert in Jena, später in Bonn, u.a. bei Friedrich Ritschl und Friedrich Diez.

1862        Interesse an lateinischen und christlichen Inskriptionen.

1866-

1868        Veröffentlichung des Vokalismus des Vulgärlateins. Dieses Werk war von großer Bedeutung für die Entwicklung der Romanistik.

1870-

1880        Studium der keltischen Sprachen (des Kymrischen in Wales) und der baskischen Sprache.

1876        Professor für romanische Philologie in Halle an der Saale. Etwas später in Graz, wo Schuchardt bis zu seinem Lebensende blieb. Studium des Ungarischen und Slawischen.

1884        Slawo-deutsches und Slawo-italienisches.

1885        Über die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker. Kritik an der junggrammatischen Auffassung, daß die Artikulation unbewußt vor sich geht. Nach Schuchardt gibt es keinen Unterschied zwischen psychischer und physischer Sprachentwicklung. Auch der Dialekt war ein ungenauer Begriff. Junggrammatische Aussagen über die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze im Dialekt sind denn auch ungenau: es gibt keine Dialektgrenzen, für die Lautgesetze "ausnahmslos" gelten würden. "Schuchardt writes that a sound change starts in some words used by a limited number of individuals and then spreads to other words and other individuals" (Sommerfelt 1962: 506f.).

1922        Festschrift zum 80. Geburtstag. Herausgegeben von Leo Spitzer.

1927        Schuchardt am 21.4. in Graz gestorben


 

Anmerkungen

 

               Zu dieser Darstellung der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft und germanistik im 19. Jahrhundert in Deutschland wurde vom Verfasser ein Sammelband mit Texten herausgegeben, der in der "Taalreeks van het Instituut voor Duitse Taal- en Letterkunde Universiteit Utrecht" erschienen ist. Der Band enthält die nachfolgenden Texte oder Textausschnitte:

                                Friedrich Schlegel: Ueber die Sprache und Weisheit der Indier

                                Aus         Ernst Behler et.al. (eds.), 1958ff.: Kritische Frie­drich-Schle­gel-Ausgabe. Band VIII: Studien zur Phi­losophie und Theo­logie (1796-1824). Pader­born: F. Schö­ningh: 107-111, 115-117, 137-151, 153-165, 167-175.

                                Jacob Grimm: "Vorrede" zur Deutschen Grammatik 21870: Deutsche Grammatik. Berlin: Ferdinand Dümmler's Ver­lagsbuch­hand­lung: V-XIX [Erste Auflage 1819].

                                Georg Willem Vreede

                                1837        Iets over Jacob en Wilhelm Grimm, gewezen hooglee­raren te Göttin­gen. Een woord, gerigt aan Heeren Curatoren der Nederlandsche Hooge­schoo­len. Utrecht: N. van der Monde.

                                Wilhelm von Humboldt: "Natur der Sprache überhaupt"

                                Aus         Hans Helmut Christmann (ed.), 1977: Sprachwissen­schaft des 19. Jahrhun­derts. Darmstadt: Wissen­schaftliche Buchge­sellschaft: 19-49.

                                August Schleicher: "Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft"

                                Aus         Hans Helmut Christmann (ed.), 1977: Sprachwissen­schaft des 19. Jahrhunderts. Darmstadt: Wissen­schaftliche Buchgesellschaft: 85-108.

                                Georg Curtius: "Philologie und Sprachwissenschaft"

                                Aus         Hans Helmut Christmann (ed.), 1977: Sprachwissen­schaft des 19. Jahrhunderts. Darmstadt: Wissen­schaftliche Buchgesellschaft: 67-84.

                                Wilhelm Scheerer21878: Zur Geschichte der deutschen Sprache. Berlin: Weid­mannsche Buchhand­lung: 16-30 [Erste Auflage 1868].

                                Hermann Osthoff / Karl Brugmann: "Vorwort" zu Morphologischen Unter­suchungen I

                                Aus         Hans Helmut Christmann (ed.), 1977: Sprachwissen­schaft des 19. Jahrhunderts. Darmstadt: Wissen­schaftliche Buchgesellschaft: 190-208.

                                Hermann Paul: "Einleitung" zu Principien der Sprachgeschichte

                                 Aus          91975       Prinzipien der Sprachgeschichte. Tübingen: Niemeyer: 1-22 [Erste Auflage 1880].

                                Hugo Schuchardt: "Ueber die Lautgesetze — Gegen die Junggrammatiker"

                                Aus         Terence H. Wilbur (ed.), 1977: The Lautgesetz-Con­troversy. A Docu­mentation. Amsterdam: John Ben­ja­mins: 1-16 [Erste Auflage 1885].

 

1.             Ein grundsätzliches Problem in der Historiographie ist das der Kanon­bil­dung, welche Autoren und welche Veröffentlichungen werden u.a. in Linguistik-Vor­lesun­gen benutzt (und gelesen!), also welches Wissen ist weit und wel­ches weniger weit verbreitet (Auf­sätze in spezialisierten Zeitschrif­ten, Kon­greßabhandlungen, unver­öffentlichte Vorträge usw.). Damit hängt die Frage nach den Bezie­hungen zwi­schen Detailfor­schung und Übersichts­werken zusammen. Das Phänomen der Übersicht­lich­keit in Hand­bü­chern ist vor allem für die Sprachwissen­schaftsge­schic­htsschreibung von Bedeutung, weil es ge­rade hier um eine über 2000 Jahre lange Tradition gibt, die in ihrer Gesamtheit kaum über­schau­bar ist — auch weil für eine voll­ständige Übersicht ein umfan­greiches inter­disziplinä­res Wissen vorausgesetzt wird. Auf die Probleme der Selek­tion (des "Weglas­sens") und der Fakten­interpreta­tion werde ich im Nachfol­genden noch näher einge­hen.

 

2.             Man muß sich vergegenwärtigen, daß Sprachwissenschaft erst im 19. Jahrhun­dert mit Bopp und Grimm angefangen hat, eine akademi­sche Tradi­tion auszubil­den. Vor­her waren es u.a. Ärzte, Theo­logen (Missio­nare), Juristen oder Philoso­phen (Vertreter der vier akademi­schen Fakultäten der meisten im Mit­tel­alter gegründeten Universitäten), die sich aus den verschieden­sten Gründen mit Sprache beschäf­tigt haben.

 

3.             Die Frage, die sich hier ergibt, könnte man auch wie folgt formulie­ren: Ist es möglich, Sprach-prinzipien zu formulieren, ohne ihre Wirkung, ihre pragmati­sche Dimension zu berücksichtigen. Oder aber: Woher kommen die Prinzi­pien?

 

4.             So wie Alfred North Whitehead (1861-1947) über die abendländische Philosophie gesagt hat, sie bestünde nur aus Fußnoten zu Platon (423-347 v.Chr.), könnte man über die abendländi­sche Sprachfor­schung sagen, daß sie vor allem aus Fuß­noten zum Aristoteles bestehe.

 

5.             So hat es Ende der 1970er Jahre und Anfang der 1980er Jahre eine Diskussion gegeben (zwischen u.a. Hans Aarsleff, Tilman Borsche und Paul R. Sweet), bei der es sich um die Quellen der Hum­boldtschen Sprachphilosophie handelte. Diese Diskussion scheint aus den hier dargestellten Gründen "ab­wegig":

 

                                Die im Gefolge von [Hans] Aarsleffs kontroversen Humboldt-Deu­tungen auf­ge­kom­mene Frage, in­wieweit die Humboldtsche Sprach­philosophie nun ei­gentlich kan­tisch-fichtisch und damit deutsch oder aber ideologisch und folg­lich franzö­sisch zu verstehen sei, scheint [...] aber nicht nur abwegig, sondern auch falsch ge­stellt.          (Mueller-Vollmer 1991: 112)

 

6.             Auf diese Darstellung greift Hermann Pauls 1891 erschienene Ge­schichte der Germani­schen Philologie zu­rück. Paul betrachtet, wie auch Raumer, Jacob Grimms Deutsche Grammatik (21822) als der Neu­an­fang der wissen­schaftlichen Ger­mani­stik. Das Studium der germanischen Sprachen ist nicht länger eine ",un­wis­sen­schaftliche Liebhaberei'" (in: Bahner/Neumann eds. 1985: 9), sondern eine Wissen­schaft:

 

                                [...], denn die Entdeckung des regelmäßigen Lautwandels, der ,Lautge­setze`, war für einen Jung­gram­matiker wie Hermann Paul [Paul selbst würde sich gegen diese Einordnung wehren, denn wie er selbst 1886 in seiner Bespre­chung von Schu­chardts "Ueber die Lautgesetze. Gegen die Jung­gram­matiker" schreibt, gibt es keine "in sich geschlossene Clique [...]. eine junggrammatische Schule gibt es nicht. Von einer jung­grammatischen Richtung mag man reden, wo man durch­aus einen solchen leidigen Namen nöthig hat. Ich für meine Person sehe übrigens mit ruhiger Zu­ver­sicht der Zeit ent­gegen, die früher oder später, aber gewiß einmal kommen wird, wo man keines sol­chen Namens mehr bedarf, weil es keine andere Richtung in der Sprachwissen­schaft mehr gibt" (Paul 1886: 3) — fv] von fun­damentaler Bedeutung. Er be­schrieb diesen Wendepunkt wie folgt: "Durch G[rimm]. war mit einem Male eine imponie­rende Fülle von regelmäßi­gen Laut­ent­spre­chun­gen zwischen den ver­schiede­nen Dialekten und Zeiträumen nachgewiesen und was das Wich­tigste war, diese Fülle war nicht erreicht durch zufälliges Her­aus­greifen, sondern durch eine kon­se­quen­te Durcharbeitung des Materi­als, die Regel­mäßigkeit erschien also als etwas im Wesen der Sprache Begründe­tes und davon Unzertrenn­liches".

                                                                                                                                                  (Bahner/Neumann eds. 1985: 9)

 

7.             Die Bemühungen Brückes (wie auch Scherer war Brücke ein Österreicher; beide haben u.a. in der Zeitschrift für die öster­rei­chischen Gymnasien veröffentlicht) waren aus ver­schie­denen Gründen von Bedeutung. Für die Ent­wicklung der Germanistik als Wis­sen­schaft liegt wohl das größte Ver­dienst Brückes darin, daß er dar­auf hin­gewie­sen hat, daß Lautlehre, als die Lehre von den Buchstaben, und Laut­physiolo­gie, als die naturwis­sen­schaftliche Betrach­tung der Laute, sich ergän­zen (vgl. Scherer 1868: Kapitel IV: "Die Laut­gesetze"). Grimm hat zwar in seiner Deutschen Grammatik eine Lautlehre entwickelt, diese war aber noch recht traditio­nell, das heißt graphemati­sch orientiert. Der "Buchstabe" im Sinne Grimms ist ein Gemisch aus Phonem und Graphem, zwischen denen nicht streng unter­schieden wurde. Man hat Grimm dann später vorgeworfen, er habe nur die ge­schriebene Sprache und nicht ihre konkrete Lautung genügend berück­sichtigt:

 

                                Wilhelm Scherer, der sich ausdrücklich auf Brücke bezog und viel­fach auf [Karl Ludwig] Merkels [1812-1876] Werk ,Physiologie der menschlichen Sprache' (Leipzig 1866) zurückgriff, wandte in sei­ner Arbeit ,Zur Geschichte der deutschen Sprache' lautphysiologische Erklärungen auf die historische Laut­leh­re des Germanischen an. Statt euphonischer Gründe nahm er bei der Er­klärung ver­schie­dener Lautveränderungen eher physiologische Gründe an, insbesondere eine sich jeweils er­ge­ben­de bequemere Artikulation. Die Sprachwis­senschaftler sollten es seines Erachtens ,nicht an einem wüsten Gerölle von Lautbeob­achtungen' bewen­den lassen, vielmehr ein­heitliche Gesichts­punkte auf­suchen, ,unter welchen die Fülle der Erscheinungen sich vereinigen und so auf eine geringe An­zahl von Grundneigungen der Articula­tion zurückführen lassen'.

                                                                                                                                                  (In: Bahner/Neumann eds. 348)

 

                Aus den Anregungen Brückes, Scherers und anderer geht dann die spätere junggrammati­sche Be­we­gung (vgl. die Hinweise auf u.a. Sche­rer im "Vorwort" der Morphologischen Un­ter­suchungen Band I, in dem ausdrücklich "der sprechen­de Mensch" und der "Sprech­me­cha­nismus" in den Mittel­punkt des Sprachstudiums gerückt werden) und die ex­pe­ri­men­telle Phonetik (Eduard Sievers' (1850-1932) Grund­züge der Laut­physio­lo­gie zur Einführung in das Studium der Lautlehre der indogermani­schen Sprachen (1876)).

 

8.             Der Begriff "indogermanisch" stammt aus Julius Heinrich Klaproths (1783-1835) Asia polyglotta (1823). Franz Bopp (1791-1867) spricht aber in seiner Verglei­chen­den Gramma­tik des Sanskrit, Zend, Ar­meni­schen, Griechischen, Lateinischen, Lit­tau­ischen, Altslawi­schen, Go­thischen und Deutschen (1833) von "indoeuro­päisch", weil dieser Begriff besser zum Ausdruck bringt, daß ",[...] mit Aus­nahme des finni­schen Sprachzweigs, sowie des ganz verein­zelt stehenden Baski­schen und des von Ara­bern uns hinter­lassenen semitischen Idioms der Insel Maltha, alle übrigen euro­pä­i­schen Sprachen [dem indoeu­ro­pä­ischen Stamm] an­gehö­ren'" (in: Koerner 1981c: 152f.).

 

9.             In Robins Short History of Linguistics heißt es über die Vorgeschichte des Sanskrit-Studiums, daß

 

                                Roman Catholic missionaries had opened up the field of Indian languages in ear­lier cen­turies. The first known reference to Sanskrit came at the end of the six­teenth century, when the Italian Filippo Sassetti wrote home from India re­por­ting admiringly of the lingua Sans­cruta, and pointing out a number of re­sem­blan­ces between Sanskrit and Italian words.

                                                                                                                                                                        (Robins 1967: 150)

 

10.           Man könnte in diesem Zusammenhang auch die Behauptung aufstellen, daß die verglei­chende Sprach­forschung ihren Anfang in Frankreich genommen hat. Schle­gel, Hum­boldt und Bopp haben alle drei am Anfang des 19. Jahrhunderts in Paris sprach­wissen­schaftliche (Sans­krit-) Studien getrie­ben — der Name Alexander Hamiltons (1762-1824; ehemali­ger Infanterie­offizier der Ostindi­schen Kom­pagnie in Kalkutta, der sich seit 1802 in Paris aufhielt) taucht hier mehrfach auf; Hamil­ton war 1803-04 Lehrer Friedrich Schlegels in Paris, "thus [Schlege­l] becoming the first con­ti­nen­tal Euro­pean to learn Sanskrit" (Koerner 1986: 275), und hat die indische Hand­schriftensammlung der Natio­nal­bibliothek katalogi­siert.

 

11.           Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Sprachen zu klassifizieren oder zu typisie­ren, jeweils nach be­stimm­ten Kriterien, die eben die Zahl der Sprachty­pen bestimmen. Üblich ist die nachfolgende Drei­teilung:

               

                                1.             Isolierende Sprachen: Wörter verändern sich nicht. Nur die Wortstellung und der Ton bringen gram­matische Beziehun­gen zum Ausdruck.

                                2.             Agglutinierende Sprachen: An unveränderliche Stämme treten unselb­ständige Teile (z.B. Suf­fixe).

                                3.             Flektierende Sprachen: Grammatische Beziehungen werden durch Form­ver­änderungen inner­halb der Wortstämme (Um­lautung / Ablautung) oder durch Formveränderungen mittels an den Stamm tretender Endsilben.

 

12.           Die Lehre der "Vermögen" findet man u.a. in der Philosophie Gottfried Wil­helm Leib­nizens (1646-1716), dessen Lehre von der "beseelten" Materie auf die Ver­mö­gens­psychologie des 18. Jahrhun­dert gewirkt hat, die sich wiederum auf die Klas­si­fi­ka­tion (Typolo­gie!) seelischer Vermögen kon­zen­trierte: so kann man zwischen Den­ken und Wahrnehmen, Fühlen, Hören, Verstehen u.dgl. als Vermögen unterschieden (später, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, spricht man über psychische Funk­tionen; dieser Begriff scheint besser geeignet, den Prozeß­charakter psychischer "Vermögen" aus­zu­drücken als der Begriff des "Ver­mögens"; Näheres dazu in Bem 1985: 140ff.)

 

13.           Vergleiche in diesem Zusammenhang auch Borsches Darstellung (Borsche 1989: 140). Humboldts Sprachstudium begann um 1800 mit der Entdeckung des Baskischen:

 

                                ,[D]urch den Umgang mit dem Abbate Hervas [Lorenzo Hervas y Panduro (1735-1809): Catalogo de las lenguas de las naciones conocidas, y numeracion, di­vi­sion, y clases de éstas segun la diver­sidad de sus idiomas y dialectos, 6 Bde. — fv] [sam­melte] er bedeu­tende Hülfsmittel zum Studium der Amerikanischen Spra­chen, indem er Abschriften von handschriftlichen Sprach­lehren neh­men ließ, wel­che Hervas den gleichlichen Gedanken gehabt hatte, von Exjesuiten [über die Rolle der Jesuiten bei die Vermittlung ,exoti­scher' Sprachen vgl. Gip­per/Schmitter 1979: 32ff. — fv] zusammen­tragen zu lassen, die ehemals Mis­sio­nare im Spani­schen Amerika waren, und her­nach in Italien lebten'. Diese Samm­lung baute [Humboldt] in den Tegeler Jahren von 1820-35 sy­ste­ma­tisch aus, so daß er schließlich nicht nur die größte linguistische Biblio­thek der da­ma­li­gen Welt in seinem Hause unterhielt, mit allen Fachleu­ten der Zeit Kon­tak­te pfleg­te und Anregungen zu zahlreichen Forschungs­arbeiten gab, sondern sich auch selbst in der Lage fand, Dutzende von Gram­matiken dieser Sprachen zu ent­werfen.

 

14.           Der Begriff "Grimms Gesetz" oder das "Gesetz der Lautverschie­bung" stammen nicht von Grimm selbst, sondern von u.a. Rudolf von Raumer (1815-1876):

 

                                Raumer [...] actually said: ,Unter allen Entdeckungen der ver­gleichenden Gram­matik hat kaum eine so nachhaltige Folgen gehabt wie das durch Jacob Grimm gefundene Gesetz der Lautver­schie­bung'; however, it may well be that this observation led to the expression ,Grimms Gesetz'. In­teres­ting­ly enough, the term ,Grimm's Law' appears in A Manual of Comparative Phi­lology by a little known British scholar, Rev. William Balfour Winning (c.1800-1845), as early as 1838, as the heading of a section of his 291-page book, without any indication that he was coining it, thus suggesting that it must have been used by others before that date. Indeed, Grimm's for­mer pupil John Mitchell Kemble (1807-1857) referred to the Lautver­schiebungen as ,this law' as early as 1832, and an anonymous reviewer of Grimm's Deut­sche Grammatik did the same in 1834.                                                                           (Koerner 1988: 309)

 

15.           Der Name für die Bemühungen der Schüler von Georg Curtius, Friedrich Zarncke, Au­gust Schlei­cher und August Leskien scheint von Friedrich Zarncke, dem Lehrer Her­mann Pauls und vieler an­derer aus der "Leipzi­ger Schule" stammender Sprach­wis­senschaft­ler, geprägt zu sein. In Swiggers (1992: 159) ist ein Rückblick von Karl Brug­mann auf die Entstehung des Begriffs "Junggram­ma­ti­ker" und seine Weiter­ent­wicklung aufgenommen:

 

                                Brugmann raconte comment il apprit par l'intermédiaire de Leskien, `daß Freund Zarnckes Hu­mor in einem schriftlichen Gutachten über R. Kögels Dok­tor­dis­sertation diesen zu den Jung­grammatikern gerechnet habe' et ajou­te: `In jugend­licher Unerfahrenheit und Leicht­fer­tig­keit machte ich mir das Scher­z­wort in meinen Stilnöten zu Nutze, nicht ahnend, was ich anrich­te­te, vor allem nicht ahnend, wie der Ausdruck, obwohl ich ihn nur in Anfüh­rungszeichen gab und damit als in fremder Werkstatt geprägt kennzeichnete, von einigen Missver­gnügten würde aus­ge­beutet werden, um uns und andere zu einer `Sekte' zu stempeln, die `geräuschvoll aus der all­gemeinen Landeskir­che ausgetreten' sei u.dergl.mehr.

 

16.           Bereits Michel Bréal (1832-1915) hat in Frankreich auf die Tatsache hinge­wie­sen, daß die Junggrammatiker mit ihrer Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze die spre­chen­den Personen vergessen und die bewußten Lautveränderungen ungenü­gend be­rück­sichtigen. Übrigens war es gerade Bréal, der 1885 Bopps Vergleichen­de Gram­ma­tik der indoeuropäischen Sprachen ins Französische übersetzt hat.


 

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