Fritz Mauthners

 

SPRACHKRITISCHER  NOMINALISMUS

 

                                                                           

 

 

 

 

 

 

 

Magisterarbeit von:

Frank Vonk

Hof van Brussel 31

7007 JK Doetinchem

 

Betreuer:

dr Thomas Baumeister

Faculteit Wijsbegeerte

Katholieke Universiteit Nijmegen                                                           im Juni 1998

 


 

Vorwort

 

1893, vor 105 Jahren, fing Fritz Mauthner seine Beiträge zu einer Kritik der Sprache an. Das drei Bände starke Werk erscheint 1901/02. Mauthner machte sich Sorgen um die Sprache. Sie war im Niedergang und diese Tatsache führte ihn zum Sprachschreck, zum Moment, in dem er die Sprache als unabhängiges Ungeheuer vor sich sah, ohne Realbezug, ohne Sinn. Für ihn standen Sprache und Denken auf gleicher Ebene; ein sprachunabhängiges Denken gibt es nicht. Was nun war der Grund für diesen Sprachschreck, für die Aufhebung einer Zwei- oder sogar Dreiweltentheorie in seiner Sprachkritik? Und warum hält er das nicht durch? Warum gibt es am Ende die gottlose Mystik, das Schweigen des Buddha im Glaserhäusle in Meersburg? Weil die Sprache ohne Bezug zur Wirklichkeit ist. Die Sprache ist sozusagen eine rein subjektive Angelegenheit, eine subjektive Weltansicht, deren Konnotationen nur zum Teil vermittelt werden können.

 

Diese Ansicht ist nicht neu. Viele Philosophen und Sprachforscher vor Mauthner haben sich um das Problem der Sprache gekümmert und Mauthner hat diese Ansichten in seinem Werk öfters mehr oder weniger kritisch dargestellt und wunde Stellen freigelegt. In dieser Arbeit werde ich mich vor allem auf die Beziehungen zwischen dem Nominalismus des Mittelalters und Mauthners nominalistische Sprachkritik konzentrieren. Der Nominalismus ist der Ansatz zu einer sprachkritischen Tradition gewesen, dessen Ergebnisse man zum Beispiel in der Entwicklung der Naturwissenschaften, die ja bekanntlich das sinnlich Wahrnehmbare, das Unteilbare (Atome) und das Individuelle zu ihrem Forschungsgegenstand machten und besonders im 15. und 16. Jahrhundert einen mächtigen Aufschwung nahmen. Nicht umsonst findet man bei Mauthner eine Affinität zu den zeitgenössischen induktiven Wissenschaften. Dieses Interesse ist in der Mauthner-Literatur entscheidend für die Darstellung von Mauthners sprachkritischem Denken.

Diese Arbeit ist nicht die erste Arbeit über Mauthner (vgl. die Bibliographie am Ende dieser Arbeit) und wird wahrscheinlich auch nicht die letzte sein. Sie ist aus dem philosophiehistorischen Interesse an der problematischen Beziehung zwischen Sprache, Bedeutung und Wirklichkeit entstanden, deren Wurzeln Mauthner u.a. in der mittelalterlichen nominalistischen Tradition sucht und findet und auf die ich in dieser Arbeit näher einzugehen werde. Das aus Albrecht (1991) übernommene Zitat über der “Einleitung” dient als Motto dieser Arbeit. Das Motto zeigt, daß Mauthners Sprachkritik sich, wie er in seiner “Selbstdarstellung” behauptet, aus einer eingehenden Beschäftigung mit der Philosophiegeschichte entwickelt hat. Dieses historisches Verfahren hat seine guten, persönlichen Gründe, wie aus dem ersten Kapitel hervorgehen wird.

Aus diesem für eine Magisterarbeit recht umfangreichen Themenkreis, die aus Mauthners dilettantischem Interesse an der gesamten Philosophiegeschichte zu verstehen ist, habe ich die Nominalismusproblematik bei Mauthner ausgewählt und diese in einer bescheidenen philosophiehistorischen Arbeit klarzustellen versucht.

 

Zum Schluß danke ich Dr. Thomas Baumeister für die kritische, aber wohlwollende Betreuung dieser Arbeit und die anregenden Gespräche, die zu diesem Ergebnis geführt haben.

 

Doetinchem, im Juni 1998                                                                           Frank Vonk

    Hof van Brussel 31

    7007 JK Doetinchem


 

 

Inhaltsverzeichnis

 

  Vorwort

     0.      Einleitung

     1.      Fritz Mauthner. Ein Leben in Worten

                1.1.   Biographisches

1.1.1.         Mauthner und die Schule

1.1.2.         Mauthner der Jurist

1.1.3.         Das Mach-Erlebnis

1.1.4.         Der Buddha vom Bodensee

1.2.   Die Sprachkritik Mauthners

1.2.1.         Das Problem einer Universalsprache

1.2.2.         Sprache als Kommunikationsmittel

1.2.3.         Die Sprache als Kunst

       2.      Mauthner und der Nominalismus. Ein altes Wort in neuen Schläuchen?

2.1.   Die nominalistische Wissenschafts- und Sprachauffassung

2.2.   Zum historischen Umfeld von Mauthners “Nominalismus”

2.2.1.         Wilhelm von Ockhams Deontologisierung von

Allgemeinbegriffen.

2.2.2.         Mauthners Sprachnominalismus im Wörterbuch der

Philosophie

2.2.3.         Ockham und Mauthner im Vergleich

2.3.   Sprachproduktion und Sprachrezeption im Sinne der Sprachkritik. Postnominalistische Überlegungen. 

    3.      Zum Schluß

       4.      Literaturverzeichnis

 

 

 

 

“Mit seiner sprachkritischen Auffassung stellt sich Mauthner in die Reihe der Nominalisten des Mittelalters; bis in diese Zeit hinein lassen sich auch die philosophiehistorischen Quellen für sein philosophisches Denken zurückverfolgen. Hier waren es insbesondere die nominalistischen Ideen, die materialistische Tendenzen enthielten, an die Mauthner anknüpfte. Er fühlte sich vor allem Roscelinus und Wilhelm von Ockham verbunden. Die Behauptung jener Vertreter des Nominalismus, daß die Genera nur Nomen (flatus vocis, voces) sind und keine Realität besitzen, allein die Individua real sind, führte Mauthner in ihre unmittelbare Nähe. Sein Gedankenwerk, das als eine Verschmelzung sensualistischer, terministischer und skeptischer Anschauungen charakterisiert werden kann, kennzeichnet sich als ein ‘Nominalismus redivivus’”.

                                                                                (Albrecht (1991): Sprachphilosophie: 80)

 

 

 

0.           Einleitung[1]

 

 In dieser Arbeit werde ich mich hauptsächlich auf Mauthners Wörterbuch der Philo­sophie beziehen. Die 2., von Mauthner selbst besorgte Auflage wurde 1997 in drei Bänden (I/1, I/2, I/3) von Ludger Lütkehaus neu herausgegeben. Im Text werden Zitate aus dem Wörterbuch durch die Abkürzung Wb I/1, I/2 oder I/3 wiedergegeben. Mauthners Wörterbuch kann man als ein Ego-Dokument betrachten, in dem Mauthner seine subjektivistischen Ansichten über Kernbegriffe aus der Philosophiegeschichte erörtert. Diese Begriffe werden einerseits etymologisch erläutert -- daraus geht manchmal hervor, daß die Philosophen Begriffe anwen­den, deren Ursprung ihnen unbekannt ist, was zur Fehlanwendung führt. Andererseits werden diese Begriffe auf ihre konkrete Brauchbarkeit im philosophischen Diskurs hin dargestellt. Diese Darstellung geht von Mauthners eigener sprachskeptischen Position aus, die alle Begrif­fe, die nicht auf Konkretes oder sinnlich Faßbares zurückgehen, als Scheinbegriffe disqualifiziert. Das Wb erscheint 1909 in der ersten Auflage von 2000-3000 Exemplaren bei Georg Müller -- Mauthner erhält ein Gehalt von 2400 Mark --, und wird mitfinanziert von Mauthners Brüdern Gustav, einem Industriellen, und Ernst, einem Bankier. Nach dem Ersten Weltkrieg kann Müller sich nicht zu einer Neuauflage entschließen. Eine erweiterte Fassung erscheint dann 1923-24 in drei Bänden bei Felix Meiner (vgl. Kühn 1975: 247ff.)

 


 

Wer sich den Schriften Fritz Mauthners zuwendet und in der Literatur über Mauthner nach dessen philosophischen Ausgangspunkten sucht, der findet allerhand außer einer eindeutigen Bestimmung von Mauthners Grundgedanken. Man könnte darauf hinweisen, daß Mauthners nichtakademische Herkunft es ihm nicht leicht gemacht hat, seine Ideen über Sprache, Erkenntnis und Religion zu verbreiten. Im Gegenteil, sein Denken war der akademischen Welt größtenteils suspekt, eben weil er dieser Tradition nicht angehörte. Auf der anderen Seite aber hat sein Werk im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, sagen wir im ‘Fin de siècle’ (vgl. Arens 1981; Kühn 1975) eine große Wirkung gehabt -- ich komme im Laufe dieser Arbeit noch darauf zurück. Mauthner schreibt um 1890 über dieses ‘Fin de siècle’:

 

‘Fin de siècle bedeutet in der Anwendung der Pariser Zeitungen [Mauthner war zu der Zeit Journalist und Theaterkritiker in Berlin - fv] im Grunde alles. Es ist ein Füllwort geworden wie irgendeine sinnlose Interjektion. Aber der Geist der Sprache hat doch etwas Symbolisches herausgefunden, eine Verwandtschaft zwischen dem Niedergang des Jahrhunderts und dem Niedergang unserer Kultur. Darum bemühen sich bessere Schriftsteller, das Wort vor allem auf den Geschmack der décadence anzuwenden, auf den Geschmack der Überkultur, auf das, was bereits morsch und faul zusammenzubrechen

droht, um einem Neuen Platz zu machen. Was so recht fin de siècle sein soll, muss schon ein bisschen zwanzigstes Jahrhundert sein.

Wortspielereien! Die Sprache selbst ist sehr fin de siècle, ist in ihrem Niedergang [...].’                (In: Arens 1981: 17f.)

 

Weil die ursprüngliche, etymologische Bedeutung von Wörtern uns nicht mehr geläufig ist, ist unser Wortgebrauch ebenfalls problematisch geworden; die ursprünglichen Bedeutungskerne und Gebrauchsweisen von Wörtern sind im Laufe der kulturellen und sprachlichen Entwicklung zu unbedeutenden Nebenerscheinungen geworden, die Mauthner als solche übrigens notwendigerweise als Effekt seiner skeptischen Grundhaltung anerkennt. Wie bei dem Hobbybotaniker und Linguisten August Schleicher (1821-1868) bereits zu finden ist, erfährt die Sprache vor allem bei ihrer schriftlichen Fixierung, zu der Zeit, wo Sprache historisch wird, gleichsam eine Mumifizierung. Ihre Lebendigkeit weicht einer mumienartigen Aufbewahrung, die im sozialen Sprachverkehr jeweils neues Leben eingehaucht wird. Diese historische Entwicklung führt in den jeweiligen Gebrauchsweisen von Schriftzeichen durch Sprachgebraucher nicht unmittelbar zu klarem und einwandfreiem gegenseitigen Verstehen. Mauthner ist sich hier des arbiträren Charakters der Sprache wohl bewußt. Im Wb bringt Mauthner diese seine Sprach- als Wortkritik programmatisch zum Ausdruck. Oder wie der Herausgeber schreibt:

 

So leistet das ‘Wörterbuch’ etwas Zweifaches: Es wird zu einer historisch-sprachkritischen Auseinandersetzung mit Leitwörtern, Leitbegriffen der Philosophie-, der sogenannten ‘Geistes’-, der Religions-, der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte -- und es führt zugleich in der wortkritischen Praxis, am signifikanten Beispiel, dazu in einigen selbst darstellenden Artikeln (‘Erkenntnistheorie’, ‘Sprachkritik’, ‘sogenannt’, ‘Wahrheit’, ‘adjektivische’, ‘substantivische’, ‘verbale Welt’), als ‘Vorschule einer sprachkritischen Erkenntnistheorie’ (Einleitung, p. XII) in Mauthners Philosophieren ein [im Anhang A habe ich eine Auflistung der einzelnen Wörterbucheinträge gegeben nebst den Seitenzahlen -fv].

                                                                                                        (Lütkehaus 1997: XX))

 

Hier wird Mauthners ‘enzyklopädisches’ Verfahren der Wortkritik kurz umrissen: Es erübrigt sich, so kann man seinem Wb entnehmen, dicke und gelehrte Bücher über Themen und Begriffe aus der Philosophiegeschichte zu veröffentlichen, sondern es reicht, wie sonst in der Tradition der Sprachkritik, zum Beispiel im Sinne Georg Christoph Lichtenbergs (1742-1799) oder Friedrich Nietzsches (1844-1900),[2] in aphoristischer Form ihren historischen Werdegang und die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten zu unterscheiden (vgl. zur Tradition der Sprachkritik Cloeren 1988).[3] Auf diese Art und Weise entsteht selbstverständlich kein System der Sprachkritik. Aber genau an diesem Punkt haben die Kritiker Mauthners massiv Einwände erhoben. Seine subjektive Auswahl von Begriffen aus der Philosophiegeschichte, die unvollständigen und oft recht eigenwilligen Erklärungsversuche philosophischer Begriffe und Richtungen seien unoriginell, unwissenschaftlich -- aber witzig! --, subjektiv, das Werk eines Dilettanten und tragen nichts zum Fortschritt der Wissenschaften, insbesondere zu philosophischer Erkenntnis bei (vgl. Arens 1981: 83). Folgende paraphrasierende Auswahl aus der Kritik stellt diese Einwände exemplarisch dar:

 

Richard M. Meyer (1901): Meyer hatte Mauthner brieflich vorgeworfen, daß er zu viel mit der “Waffe des Lachens” arbeite. Er ist zum “Todfeind der Sprache” geworden. Seine Sprachskepsis scheint zwar gerechtfertigt, ist aber auf die Sprache angewiesen. Außerdem irrt Mauthner, wenn er von der Sprache fordert, daß sie Erkenntnis im Sinne von unmittelbarer Wiedergabe der Wirklichkeit bringt (in: Kuhn 1975: 214).

Felix Hausdorff  (1902): Hausdorff weiß nichts mit Mauthners “weltauflösenden Konsequenzen” anzufangen. Das Denken als wertlose Tautologie, die Erlösung von der Sprache in einer gottlosen Mystik, das alles ist für ihn unverständlich und er lehnt diesen Weg der Sprachkritik ab. Mauthners radikale Skepsis hält er für “fruchtlos” (vgl. Kühn 1975: 215f.)

Alfred Kühtmann (1911): Mauthners subjektivistische Sprachkritik wird anderen Ansätzen der Sprachbeschreibung nicht gerecht. So verstößt er gegen sein eigenes Prinzip der Kritik, nämlich die Vernachlässigung oder Verdienste anderer Beschreibungsweisen:

 

Meist polemisch, mit ausgebreiteter Kenntnis auf verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten werden nicht nur Wesen und Wert der Sprache, die Hauptprobleme und Forschungsmethoden der Sprachwissenschaft, ihr Zusammenhang mit der Logik erörtert, es werden auch psychologische, erkenntnistheoretische, metaphysische, naturwissenschaftliche, ästhetische Fragen vom Standpunkt des Autors aus behandelt, der sich in der Definition konzentriert: “Philosophie ist kritische Aufmerksamkeit auf die Sprache”. Und dieser rein individuelle Standpunkt ist es, der den Reiz und die Schwäche des Buches ausmacht. Die schwierigsten und zusammengesetztesten Probleme, bei denen die Wissenschaft die Hebel der Untersuchung und der Kritik an den verschiedensten Punkten angesetzt und sie in schärfer begrenzte Einzelprobleme aufgelöst hat, werden teils entschieden, teils als nicht zu entscheidende abgelehnt, von dem einzigen Gesichtspunkte aus, daß die Sprachkritik die einzige Wissenschaft ist, und daß sie mit der Erkenntnistheorie zusammenfällt. (Kühtmann 1911: 1f.)

 

Hans Lindau (1913): Kritik der Sprache[4] ist für Mauthner mit Erkenntniskritik identisch. Eine systematische Erkenntnistheorie wird dabei nicht beabsichtigt. Mauthner teilt Nietzsches Mißtrauen gegen das Systematische. Für Lindau nun ist “unsystematisch” identisch mit “unwahr” und demnach ist Mauthners unsystematischer Ansatz ungeeignet als Erkenntnistheorie.

Walter Eisen (1929): Mauthner gibt in seinem Werk nirgends eine klare, sachliche Definition der sprachkritischen Methode an. Er macht eigentlich in keiner seiner Schriften klar, worin sie besteht (vgl. auch Dapía 1993: 36). Über das Erkenntnisproblem hinweg ist er nie zu einer Lösung gekommen. Seine Sprachskepsis führt schließlich -- und das widerspricht offenbar dem sprachkritischen Unternehmen -- zur “gottlosen Mystik”:

 

So wird aus dem erkenntnistheoretischen Nihilisten, der die Fruchtlosigkeit und den Betrug des Erkenntnisstrebens zu erkennen vermeint, Fritz Mauthner -- der Mystiker, der, auf alles Erkennen verzichtend, sich der anschauenden wortlosen Versenkung in die Welt ergibt, dem auf diesem Weg vermeintlich Erkenntnis zuteil wird.     (Eisen 1929: 50)

 

Für die Philosophie, so zeigt Eisen in minutiösen Analysen von bedeutenden Begriffen wie “Wahrheit”, “Denken”, “Sprechen” und “Erkenntnis”, ist Mauthners Ansatz problematisch, wenn nicht unfruchtbar. Er verkennt die bewußte Entscheidung der Wissenschaften für bestimmte Begriffe, für die nicht zufällig im Sprachgebrauch vorkommende Wörter gewählt worden sind. Diese Entscheidung hängt mit  “einem bestimmten Gedanken- bzw. Zwecksystem zusammen” (Eisen 1929: 55), das jenseits der gesprochenen Sprache liegt. Außerdem ist vieles, was Mauthner bringt, dem Ton nach revolutionärer als es in Wirklichkeit ist. Eisen findet bei den Nominalisten, John Locke (1632-1704), David Hume (1711-1776), Otto Friedrich Gruppe (1804-1876) und Gustav Gerber (1820-1901)[5] wesentliche Aspekte von Mauthners Erkenntnis- und Sprachkritik vorweggenommen -- was Mauthner übrigens nicht bestreiten würde. Eisen stellt fest: “die grundlegenden Gedanken bringen in keiner Weise Neues” (Eisen 1929: 67). Seine Metakritik besteht darin, daß Mauthner selbst das Opfer der Täuschungen der Sprache geworden ist, indem die Sprache das einzige, ihm zur Verfügung stehende Mittel war, den Wortaberglauben zu bekämpfen.[6]

 

     Dennoch hat Mauthner nicht nur Kritik ausgelöst. Er stand mit vielen Wissenschaftlern seiner Zeit in Kontakt. Er hat zum Beispiel auch mit Ernst Mach (1838-1916) korrespondiert (vgl. 1.1.3.) und die deutsche Literatur um 1900 und nach der Jahrhundertwende mit seiner Auffassung von “der Nichtigkeit der Sprache” (Kühn 1975, 3) weitgehend beeinflußt. Aber auch nicht-deutsche Autoren, wie Jorge Luis Borges (1899-1986), hat er wichtige Anregungen vermittelt.[7]


 

Auf einige dieser sprachkritischen Verdienste Mauthners werde ich in den einzelnen Kapiteln noch näher eingehen. Zunächst aber möchte ich noch auf einige entscheidende Daten in auf Mauthners Lebensweg eingehen, sowie auf seine Methode und sein Programm der Sprachkritik.

 

1.           Fritz Mauthner. Ein Leben in Worten

 

1.1.        Biographisches

 

In diesem biographischen Teil werde ich mich vor allem auf die sprachkritisch relevanten Lebensdaten beschränken, die aus Mauthners autobiographischen Notizen (vgl. Mauthner 1922) hervorgehen und auch im Standardwerk von Joachim Kühn (1975) verzeichnet sind. Eigentlich hat Mauthner mit seinem manchmal autobiographisch angehauchten sprachkritischen Werk selbst die Geschichte seines Lebens geschrieben. Viele Begriffe atmen die notwendigerweise subjektiv gefärbten Lebenserfahrungen Mauthners, sowohl in negativem als in positivem Sinn. Auch sind die Briefe, die er zeitgenössischen Autoren wie Mach und Gustav Landauer (1870-1919)[8] geschickt hat, mittlerweile veröffentlicht worden (vgl. Haller/Stadler 1988: 229-243; Delf 1994). Aus den (auto-) biographischen Daten erscheint ein Mann, dessen Leben vor allem unter dem Zeichen des Dilettantismus gestanden hat, was übrigens nichts über den philosophischen Wert von Mauthners Sprachkritik aussagt. Er hat weder Sprachwissenschaften noch Philosophie studiert. Und trotzdem dennoch sind seine Studien zum größten Teil philosophischer und sprachtheoretischer Natur -- außer, versteht sich, den Kritiken und literarischen Versuchen:

 

The reception of Mauthner’s production is extraordinarily polarized, colored to great measure by his standing as a non-academic philosopher, an autodidact, and a critic whose own sharp judgments become turned against him.                                                                                                                                           (Arens 1980: 44)

 

Auf diese Selbsteinschätzung Mauthners als eines philosophischen Autodidakten werde ich im nächsten Abschnitt etwas mehr sagen. Denn nicht nur seine subjektivistisch gefärbte philosophische Position, die ihn in die Peripherie der vor allem in Deutschland dominanten systematischen Philosophie zwang, sondern auch sein Weg zur Philosophie bieten viele Anhaltspunkte zum besseren Verständnis seines sprachkritischen Unternehmens.

 

1.1.1.     Mauthner und die Schule

 

Es ist in diesem Zusammenhang aufschlußreich, sich in Mauthners Wb die Begriffe “Autodidakt” und “Schule” anzusehen. Hier polemisiert Mauthner gegen die ‘sogenannten’ (auch ein Wb-Artikel!) Gelehrten und die Verkennung und Vergeudung von Talenten in der Schule. In seiner Kritik an den Gelehrten widerspricht er der Auffassung, daß nur der Unterricht zum Wissen und insbesondere zur Wissenschaft führt. Zur Zeit Mauthners war es nicht unüblich, daß ein Student an einer Hochschule “im Doktorexamen durch[fällt], wenn er der Lehrmeinung seines zufälligen Examinators nicht folgt” (Wb I/1: 114). Der Normalfall wäre dann “Heuchelei” und “Kriecherei” und er zweifelt daran, ob in diesem Fall die Universitäten als “Drillanstalten für Beamte aller Art” (Wb I/1: 114) noch reine, vorurteilslose Erkenntnisse vermitteln könnte. Zum Glück aber ist die Sprache als Gegenstand der Erkenntnis keine Universitätsangelegenheit. Wenn es um Sprache geht, ist der Begriff  “Autodidakt” also in sämtlichen Fällen suspekt.


 

Was die “Schule” betrifft, leiden sowohl Schüler als Lehrer unter den Vorschriften der “obersten Behörden”. Nur diese tragen Schuld an dem Elend der Schule. Sie wollen, daß die Lehrer “aus jedem Schüler die Durchschnittsleistung herauspressen” (Wb I/3: 152), so daß Schüler mit besonderen Begabungen verkümmern:

 

[Die Schule ist] unsozial, asozial, weil sie gegen das Gewissen der besseren Lehrer die Erblichkeit des Talents oder doch die Erblichkeit der leitenden Stellen in der Praxis durchführt. (Wb I/3: 152)

 

Auch vergleicht er die Schulen mit einer Militärorganisation. nach der die Volksschule eingerichtet worden ist. Aber in der Schule geht es nicht darum, daß Tausende von Kindern einem einzigen Willen gehorchen lernen. Keine sinnlose Drillpraxis also, keine reglementierte Schule: “Einübung des Nichtautomatischen ist die Aufgabe der Schule” (Wb I/3: 155).

Schule und Dilettantismus stehen zentral im Leben Mauthners und bestimmen auch seine späteren sprachkritischen Interessen. Sprachliche Interessen hatte Mauthner schon recht früh, obwohl sie ihm von seiner Umgebung her aufgezwungen wurden. In seinem Geburtsort Horice gab es ein Durcheinander verschiedener Sprachen: “a mixture of the servants’ Kuchelböhmisch, various German-Jewish variants, and the idiosyncracies of Czech German” (Arens 1980: 5). Auch in der tschechischen Hauptstadt Prag, nach der die Familie Mauthner 1855 umzog, wurde er verschiedenen Sprachen ausgesetzt. Hinzu kam ein traumatisches Erlebnis, nämlich die Schule:

 

The initial error was then compounded by his parents -- to make up the deficits, they sent him to a private Jewish primary school in 1857, the ‘Klippschule’. Aside from providing no intellectual stimulation whatsoever to the exceptional student, this school only delayed Mauthner’s entry into the Gymnasium, which he resented in no uncertain terms throughout his life. [..]. Only in 1861, were these defects remedied with his entrance into the Piaristengymnasium. Recurring ill health confined Mauthner to the more inferior German school in the Old City, and with his education he experienced a strong dose of hostility toward the Czechs. By 1866, Mauthner had had enough, and he requested his parents to allow him to transfer to the superior German institution, the Kleinseitnergymnasium; this success was aided in no small measure by the wave of pro-German sentiment which marched into the city with the Prussian troops.          (Arens 1980: 6)

  

1.1.2.     Mauthner der Jurist

 

Nach dem Gymnasium mußte Mauthner sich für ein Studium entschließen. In seiner “Selbstdarstellung” schrieb er, daß er sich als Jurist “inskribieren lassen [sollte]” (Mauthner 1922: 121), was wohl darauf hinweist, daß er sich dieses Studium nicht selbst ausgewählt hatte. 1869 hat er sich als Student der Rechtswissenschaft an der Universität von Prag immatrikuliert und sich, ohne sein Studium abzuschließen, 1873 exmatrikuliert. Er hat trotzdem Vorlesungen bei Ernst Mach, mit dem er später noch korrespondiert hat (vgl. 1.1.3.). Ab 1876 wohnte er in Berlin und war als Journalist und Theaterkritiker tätig. Er schrieb u.a. für das Magazin für die Literatur des In- und Auslandes, das Berliner Tagesblatt und andere Zeitungen und Zeitschriften. Der wirkliche Grund für diese journalistische Aktivität war, daß Mauthner einfach nicht von der Feder leben konnte -- seine Romane brachten zu wenig ein -- und weil er das Jurastudium nicht abgeschlossen hatte, brauchte er eine Stelle zum Lebensunterhalt.

Der Rechtswissenschaft aber, deren Studium eher aus beruflichen Gründen als aus einem wirklichen Interesse hervorgegangen sein mag, stand er von Anfang an skeptisch gegenüber:

 

[...]; bei mir war eben das Mißtrauen in alle abstrakten Begriffe wach geworden und besonders den schon vertraut gewordenen Rechtsbegriffen schien jede Beziehung zur Wirklichkeit zu fehlen.            (Mauthner 1922: 122)

 

Auch im Wörterbuch beschäftigt er sich ausführlich mit diesen peinlichen Jugenderfahrungen als Jurastudent. Vor allem die Problematik des abstrakten Rechtsbegriffs wurde Mauthner schon früh über seinen Lehrer, Adolf Merkel, bewußt. Die Rechtswissenschaft setzte seiner Meinung nach Begriffe voraus, deren Wirklichkeitsbezug nicht nachweisbar bzw. beweisbar war. Es gab weder etymologische noch rechtshistorische Gründe, juristische Begriffe als wirklichkeitsbezogen zu verwenden. Welche Gründe hatte Mauthner dann, diese begriffskritische Analyse des Rechts(-begriffs) durchzuführen? Im Beitrag “Recht” zum Wb stellt sich namentlich heraus, daß der Rechtsbegriff, als erfahrungsunabhängiges Konzept, im Staat seine Funktion hat (als objektive Gegebenheit), als erfahrungsabhängiges Rechtsgefühl (als subjektive Gegebenheit) dagegen oft mit dem objektiven Rechtsbegriff in Konflikt gerät. Zunächst stellt Mauthner fest, daß der Staat, historisch betrachtet, als Staatsform jeweils eine rein zufällige, aber keineswegs eine sozial-politisch-juristische Notwendigkeit besitzt. Die gewordene Staatsform ist keine historische Notwendigkeit. Dem Begriff  “Recht” entspricht als objektive, substantivische Tatsache überhaupt keine Wirklichkeit, aber wenn man schon eine solche voraussetzen würde, hinge ihre gesetzliche Form konkret von der aktuellen Staatsform ab -- man stelle sich das so vor, daß eine liberale Staatsform andere gesetzliche Strukturen hat als eine kommunistische, sozialistische oder konfessionelle Staatsform. Daher muß untersucht werden, wie das Recht geworden ist, nicht wie es ist:

 

Wir haben zu untersuchen, wie das Recht geworden ist; Entlehnungen von Volk zu Volk, Einflüsse nationalökonomischer Massenbewegungen und Einflüsse tyrannischer Gesetzgeber, nicht zuletzt auch Einflüsse des national häufig sehr verschiedenen ‘ewigen’ Naturrechts haben das Recht so werden lassen, wie es ist; und weil es so geworden ist, soll es uns so recht sein. Das aber wußten schon, und besser als die Nachwelt, die vorplatonischen Griechen, daß wir mancherlei wissen können von dem Werden der Welterscheinungen, nichts jedoch von ihrem Sein.                    (Wb I/2: 37)

 

Wie das Recht ist, wie es allgemein im Staat in Gesetzbüchern kodifiziert ist, ist für das Individuum recht häufig ein psychologische Problem. Es versteht oft nicht, was der Rechtsgrund bestimmter Gesetze ist, warum es sich so oder so zu verhalten hat -- was selbstverständlich nicht nur von der Kenntnis der Gesetze abhängt, sondern auch vom subjektiven Rechtsgefühl, das von “dem Einzelnen nur dann verfolgt [wird], wenn er will, wenn er ein Interesse zur Sache hat, aber auch sonst würde Recht Recht bleiben” (Wb I/3: 25). Dieses subjektive Rechtsgefühl steht dem objektiven Recht, das versucht “zwischen den menschlichen Egoismen einen erträglichen Ausgleich zu schaffen” (Wb I/3: 25), gegenüber. Selbstverständlich will das Individuum, auch aus ethischen Gründen, daß seine Interessen gesetzlich geschützt werden. Aber das hieße dann auch, daß mein persönliches Rechtsgefühl im Akzeptieren dieser objektiven Rechtsform eine Einschränkung erfährt. Die Situation, in der die objektive Rechtsform durch das subjektive Rechtsgefühl ersetzt werden könnte, ist nur im Idealfall zu realisieren. Die Frage hier ist nun, worin die Gerechtigkeit der Gesamtheit der Gesetze und des Anspruchs des Einzelnen auf Gerechtigkeit liegen. Wer oder was bestimmt, ob und welche Gesetze dem Rechtsgefühl entsprechen und umgekehrt. Denn würde man nur vom Rechtsgefühl ausgehen, so bliebe uns nur die Anarchie, der Zustand, in dem der Wille des Einzelnen dominiert und jede staatliche Rechtsordnung abgelehnt wird. Und damit wird auch das Zusammenleben von Menschen problematisch. Setzt man die staatliche Rechtsordnung als unabweisbar, so verliert das subjektive Rechtsgefühl seinen Sinn und hat das Individuum nur den objektiv gegebenen Gesetzen zu gehorchen. Diese paradoxe Sachlage arbeitet Mauthner in der Analyse von “Strafe” noch einmal näher aus:

 

Die Gesellschaft, der Staat nimmt das Recht in Anspruch, bestimmten Menschen straffrei ein Übel zuzufügen, sie an Leben, Freiheit, Vermögen oder Ehre straffrei zu verletzen. Ob die Strafe den Verbrecher unschädlich machen, abschrecken oder bessern will, immer widerspricht die Theorie der Moral Kants, welche ja den einzelnen Menschen immer nur als Selbstzweck, niemals als Mittel betrachtet. Auch dem Naturrecht widerspricht die kaltblütige Hinzufügung solcher Übel, wenn man nicht uralte Begriffe des Rechts zu Hilfe nimmt: das Notrecht, den Notstand, besonders die Notwehr.            (Wb I/3: 254)[9]

 

Es ist nach Mauthner aber einleuchtend, daß diese uralten Begriffe den jeweiligen subjektiv bedingten Zweck, so oder so zu handeln, zum Beispiel den Einbrecher aus Notwehr zu erschießen, nicht dem objektiven Recht entsprechen, wohl aber im Sinne des subjektiven Rechtsgefühls zu verstehen sind. Vielmehr ist hier von einem Akt der Rache die Rede, die sowohl subjektiv (eben nach dem Selbstzweck des Individuums) als objektiv (nach Kants Imperativ, nur so zu handeln, daß man zugleich wollen kann, daß diese Verhaltensregeln (Maximen) als allgemeines Gesetz auftreten) nicht zu verteidigen ist. Mauthner, der Skeptiker, glaubt nicht an eine zukünftige Verbesserung dieser Sachlage: “Die Frage nach der Verhütung künftiger Verbrechen, nach der zweckmäßigen Bestrafung, nach der Besserungsfähigkeit der Verbrecher wird also auch im Zukunftsstaate immer noch gestellt werden müssen” (Wb I/3: 259). Eine Lösung gibt es nicht, weil die objektiven und subjektiven Dimensionen des Rechts- ‘systems’ grundsätzlich konfliktierender Natur sind. Es handelt sich “um einen unversönlichen Zwiespalt, der in einem untilgbaren Hasse der Nichtjuristen gegen die Juristen immer wieder zutage tritt” (Wb I/3: 26). Das Problem besteht darin, daß die Juristen in sämtlichen Rechtsfällen Entscheidungen treffen, ein Ja oder Nein aussprechen wollen, während das individuelle Rechtsgefühl aufgrund der psychologischen Komplexität der meisten Rechtsfälle schwankt. Dieser Zwiespalt von objektivem und subjektivem Recht führt Mauthner zu einer möglichen Aufhebung in einer Staatsform, die vielmehr das individuelle Rechtsgefühl zu Worte kommen läßt als das objektive Recht. In dieser Staatsform fällt der Unterschied zwischen beiden Rechtsformen weg (vgl. Kurzreiter 1993: 328ff.).

Wie gesagt droht dann aber die Gefahr der Anarchie oder die Verneinung des subjektiven Rechtsgefühls, dessen Wurzeln im Rechtsempfinden des Individuums liegen und grundsätzlich nicht generalisierbar sind. Diese individuellen Gefühle sind auf das Naturrecht (im Gegensatz zum positiven Recht) zurückzuführen, dessen Rechtsprinzipien auf die Beziehungen zwischen Menschen in einer Gesellschaft zurückgehen. Das Naturrecht legt Handlungs- und ethische Prinzipien fest, nach denen die Rechtsordnung gebildet wird. Das heißt also, daß das Naturrecht dem subjektiven Rechtsgefühl eher entsprechen würde, weil es aus dem gemeinsamen Handeln von Individuen hervorgegangen ist. Daher ist Mauthner, trotz der Entwicklung der Gesellschaften und Staatsformen, der Meinung, daß das Implementieren von Gesetzen aus dem Naturrecht in das positive oder objektive Recht dieses verbessern und der menschlichen Kultur gerecht werden kann. Aber dabei soll nicht übersehen werden, daß es einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden Rechtsformen gibt:

 

Das Naturrecht ist nie etwas andres gewesen als das adjektivische Rechtsgefühl, wenn es auch gelegentlich zu einer Revolution gegen das geltende, staatliche, substantivische Recht führte. Die Naturrechtler, welche aus ihrem Rechtsgefühl heraus das objektive Recht bessern wollten, haben sich um das verdient gemacht, was wir die menschliche Kultur nennen; aber gerade die konsequenten Naturrechtler, die alles positive Recht natürlich fanden, waren eigentlich nur die Vorläufer der historischen Schule, der im Grunde alles vernünftig ist, was wirklich ist. Just von der Juristerei ist der Historismus vor hundert Jahren ausgegangen.                                                                                                                                                                                           (Wb I/3: 32)

 

Für Mauthner ist die Geltung des subjektiven Rechtsgefühls entscheidend. Eine subjektive Entscheidung in bestimmten Rechtsfällen ist nicht immer ein Ja oder Nein, sondern schwankt. Selbstverständlich kann ein Richter aus seiner Kenntnis des objektiven rechts heraus eine Entscheidung forcieren. Aber “der Kranke fühlt sich krank, ganz genau so krank wie er sich fühlt” (Wb I/3: 27). Mauthner ist also skeptisch hinsichtlich eines endgültigen Ja oder Nein in Rechtsentscheidungen, wo das subjektive Rechtsgefühl ausgeklammert ist: “der gelehrte Arzt soll eine Arznei verschreiben und müßte in der Dosierung des Mittels schwanken; er hat aber Eile wie der Richter und der Geschworene, schwankt nicht und verschreibt sein Mittel gegen die Krankheit auf ein Gran genau von jeder Arznei” (Wb I/3: 27). Klar ist, daß das Substantiv “Krankheit”, genauso wenig wie das Substantiv “Recht” als solche existieren. Es gibt sie als subjektunabhängige -- betroffene würde man besser sagen -- Konzepte nicht. In jedem Rechtsfall, in jedem Krankheitsfall, gibt es etwas mehr oder etwas weniger, was ihn jeweils zu besonderen Fällen macht. Das Gefühl des Kranken oder Angeklagten spielt in vielen Rechtsfällen eine untergeordnete Rolle. Es verschwindet hinter dem “Fall”, der zu einem Ja oder Nein herausfordert. Mauthner plädiert daher auch für eine Reform der Rechtswissenschaft, indem man sich überlegt, wie das subjektive Rechtsgefühl oder das Naturrecht wieder seinen Platz im Curriculum des Jurastudiums bekommt:


 

Gelingt es nicht, in absehbarer Zeit eine Reform der Rechtswissenschaft herbeizuführen, an Haupt und Gliedern, so könnte es geschehen, daß der Wunsch rege würde, die formale Gesetzeswissenschaft der Juristen ebenso aus dem Zusammenhang zu lösen, wie dieser Wunsch längst bezüglich der dogmatischen Theologie besteht. Jüngst haben sich freie Juristen und weitblickende Naturwissenschaftler zu einer Agitation für eine solche Reform vereinigt.                                        (Wb I/3: 39)

 

Nach seiner Analyse des Rechtsbegriffs und sein Plädoyer für eine Reform der Rechtswissenschaft bleibt, wie üblich bei Mauthner, nur die Betonung der subjektiven Dimension. Aber für die Rechtswissenschaft und die weiteren Folgen für den Staat bleibt dieser Rat, das subjektive Rechtsgefühl in Rechtsurteilen irgendwie mitklingen zu lassen, ein theoretisches Konstrukt, dessen praktische Auswirkungen weiter nicht berücksichtigt werden. Denn ein seriöser Versuch, dies zu realisieren, würde notwendigerweise zu einem mehr oder weniger anarchistischen Zustand führen. Und gerade diese politische und soziale Situation widerspricht Mauthners eigenem politischen Denken: Man vergleiche in diesem Zusammenhang Mauthners Reaktion auf Landauers politische Auffassungen (vgl. 1.1.) und seine Verehrung von Bismarcks Vorgehen als Begründer des deutschen Einheitsstaats (vgl. die Einleitung). Man bleibt bei Mauthner nach diesen theoretischen Erörterungen praktisch mit leeren Händen.

 

1.1.3.     Das Mach-Erlebnis

 

Während des Jurastudiums hat Mauthner sich auch bei anderen Studien umgesehen. Er hörte Vorlesungen in Philosophie, Archäologie und Musikwissenschaft, sammelte “einen Wust von Wissen” (Kühn 1975:112) und führte ihn durch politisch orientierte, schriftstellerische Tätigkeiten zu einem starken politischen Bewußtsein. Auch noch im Ersten Weltkrieg kam diese Liebe zum Deutschen Reich Bismarcks zum Ausdruck, indem er diesen Krieg mit allen möglichen Mitteln verteidigte, was sogar bei seinen Freunden -- zu der Zeit vor allem Gustav Landauer -- Befremden weckte.[10] Außer diesem politischen Bewußtsein entwickelte sich in den 1870er Jahren auch Mauthners sprachkritisches Bewußtsein. Ein Erlebnis im Jahre 1872 war von großer Bedeutung:

 

Nur von einem Mann wurde der Jurastudent so beeindruckt, daß sein Denken eine gewisse Richtung erhielt: von Ernst Mach. Mauthner besuchte 1872, als Mach am Prager Polytechnikum lehrte, dessen Vorträge. Die Beschreibung wissenschaftlicher Begriffe als ‘denkökonomische Einheiten’ und die Kritik substantiellen Denkens in den Naturwissenschaften wird die eigentliche und einzige wissenschaftliche Grundlage der Kritik der Sprache, was Mauthner auch offen eingesteht. (Kühn 1975: 112f.)[11]

 

Machs Positivismus findet man also in wesentlichen Aspekten in Mauthners Kritik der Sprache wieder. Dieser Positivismus nimmt seinen Ausgangspunkt in einer empirischen Wahrnehmungsanalyse -- diese ist mit der Grund für die Ablehnung jedweder metaphysischer Ansprüche in den Naturwissenschaften. Aus jeder Wahrnehmung gehen Bewußtseinsinhalte (Empfindungen von Elementen) hervor, die auf verschiedene Arten und Weisen miteinander verknüpft werden können. Hier setzt bereits Machs Kritik am Ding-Begriff ein. Es gibt keine zugrundeliegenden Einheiten oder Dinge (Substanzen), nur Zusammenhänge von Elementen (Farben, Tönen, Räumen usw.; vgl. Mach 1885: 5). Diese Elemente bestehen als Empfindungen in einer “funktionalen Abhängigkeit” (Mach 1885: 13). Es gibt für das Individuum also nur funktionale Zusammenhänge zwischen Elementen, die wir jeweils als Töne, Farben, usw. empfinden.[12] Selbstverständlich gibt es auf einer abstrakteren Ebene verschiedene Zusammenhänge zwischen Elementen, die auch als solche von Mach unterschieden werden. Er teilt diese in weltliche (Farben, Töne u.dgl.), körperliche (zum Komplex unseres Leibes gehörig) und psychische (Stimmungen, Gefühle u.dgl.) auf. Nur diese funktionalen Einheiten, diese Verknüpfungsmöglichkeiten von Elementen, sind Gegenstand der Wissenschaften: “Die in der Erfahrung vorgefundenem Elemente [...] sind immer dieselben, nur von einerlei Art und treten nur je nach der Art ihres Zusammenhangs bald als physische, bald als psychische auf” (Mach 1885: 51). Damit lehnt er jede Metaphysik als Wissenschaft ab, weil sie einfach keine Aussagen über die uns erscheinenden, empirisch verifizierbaren Bewußtseinsinhalte macht: “Über Empfindungen können wir nicht hinausgehen und hinter sie nicht zurückblicken, sie konstituieren folglich unsere Erkenntnis” (Berlage 1194: 19). Hier verschmilzt die rein praktische Erkenntnishaltung des Subjekts mit der Zielsetzung von Machs wissenschaftlichem Handeln. Haller (1988) hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß diese praktische und wissenschaftskritische Dimension von Machs analytischem Verfahren in der Literatur über Mach oft verkannt wird. Die Frage ist, wie nun diese praktische Dimension zu verstehen ist?

Die Zusammenhänge zwischen physischen und psychischen Elementen entstehen in einem kontinuierlichen, historischen Anpassungsprozeß. Diese Entwicklung bestimmt auch den Werdegang der Wissenschaften -- diese reflektieren gleichsam die Erkenntnisse und den Erkenntnisbedarf zu einer bestimmten Zeit. Die Einheit von Leben und Wissenschaft kann nur aus der Geschichte der Begriffe, der Empfindungen, der wissenschaftlichen Erkenntnis begriffen und aus einer Analyse der Empfindungen begründet werden:

 

Die Geschichte hat alles gemacht, die Geschichte kann alles ändern. Eben in diesem ‘kann’ liegt die Zufallsmöglichkeit eingeschlossen, daß etwas anderes geschieht, als erwartet, vorausgesehen oder vorausgesagt wurde; denn weder in der Natur noch in der Bildung von Gedanken gibt es Notwendigkeit: [...]                                                                                                                                        (Haller 1988: 69)

 

Eben diese Betonung der historischen Entwicklung von Empfindungskomplexen fordert zu einem kritischen Blick auf die Entwicklung der Wissenschaften. Wissenschaftliche Aussagen und Hypothesen sind nicht per definitionem wahr, sondern in hohem Maße zeitbedingt. Es ist aber möglich, daß man aufgrund alltäglicher Erfahrungen, die ja der Nährboden unseres Handelns und Wissens bilden, zu bestimmten fixierten Urteilen, zu Vorurteilen, gelangt, die sich im Laufe der Geschichte der Wissenschaften unverändert durchsetzen. Diese können uns, wie bereits Hume betont hat, dazu verleiten, ewige und notwendige Wahrheiten anzunehmen, deren Existenz einfach hingenommen wird ohne weitere, kritische Fragen. Wenn letzteres passiert, ist die Versuchung groß, metaphysische oder nicht zeitgebundene Annahmen über Empfindungskomplexen Zugrundeliegendes für wissenschaftlich sinnvoll zu halten, während sie es in Wirklichkeit nicht sind. Man mißt ihnen einen höheren Wert bei als sie verdienen. Daher soll man auch möglichst überflüssige Annahmen und Urteile vermeiden und “die einfachste Anpassung der Gedanken an die Tatsachen [anstreben]” (Haller 1988: 70). Unter den Tatsachen versteht Mach die Empfindungen. Die empfundenen Tatsachen sind natürlich möglichst effizient auf den begriff zu bringen. Daher verbietet Mach es sich auch, die Empfindungen einerseits auf physische und physiologische und andererseits auf psychische Vorgänge zurückzuführen -- also kein Reduktionismus. Es ist Machs Monismus so zu verstehen, daß die Empfindungen einerseits in Abhängigkeit vom physischen und andererseits in Abhängigkeit vom psychischen Geschehen beachtet werden (vgl. Haller/Stadler Hgg. 1988: 23). Damit will aber nicht gesagt sein, daß die wirkliche Existenz von Physischem und Psychischem außerhalb unserer Erkenntnis oder Erfahrung der Empfindungen keine Thema in Machs Forschungspraxis ist. Seine wissenschaftlichen Interessen thematisieren das Werden -- das Fortschreiten -- wissenschaftlicher Aussagen und Hypothesen in ihrer Erfahrungsabhängigkeit zu einer bestimmten Zeit:

 


 

Daraus resultiert Machs Verteidigung des Common-Sense-Standpunktes, der sich einerseits im Vertrauen auf die Sinne und die Verläßlichkeit der Wahrnehmung, andererseits aber auch im Bewußtsein der Möglichkeit des Wandels der einzelnen Tatsachen und ihres Erfassens ausdrückt. (Haller 1988: 69f.)

 

Der empirische Bezug ist, trotz der Möglichkeit des Irrens und des beschränkten (zufälligen) Wahrnehmungsvermögens, das Kriterium für den Sinn von Urteilen. Damit hat Mach ein Instrument in der hand -- wie auch die Empiristen vor ihm --, überflüssige Urteile, Begriffe oder Theorien zu verwerfen oder als metaphysisch abzuqualifizieren. Das Tatsächliche oder die empfundenen Tatsachen reichen aus für die gezielte Erforschung der werdenden Welt: In den sich jeweils ändernden Tatsachenkombinationen, die als solche empfunden werden können -- erfahren wir sinnlich z.B. Töne, Farben, Drücke usw. Grundlegend, auch für Mauthner, ist die Möglichkeit, diese Erkenntnisse sprachlich auszudrücken, d.h. ein Urteil zu bilden aufgrund eines eindeutigen Wissens. Wie wir gesehen haben ist dieses Wissen historisch bedingt und es bedarf demnach der kritischen Überprüfung des Wissens nach jeweils zeit- und raumbedingten Erfahrungen und Beobachtungen. Eine ganz eindeutige sprachphilosophische Position findet man aber nicht. Es ist vielleicht nicht abwegig, zu sagen, daß Mauthner in extrem skeptizistischer Form die Sprachabhängigkeit der Beobachtung und unseres Wissens zum Ausdruck gebracht hat (vgl. auch Cloeren 1988: 218). Das sogenannte Apriori der Sprache gibt es bei Mach nicht, Mauthner setzt es aber voraus, um überhaupt seine Kritik am Primat des Denkens oder der Natur üben zu können:

 

Kurz: die Schule lehrt (heute wie vor tausend Jahren), das wahre Wissen sei apriorisch, die Erfahrung sei aposteriorisch; ich sage, daß (wenn man beide Worte nicht überhaupt beurlauben will) immer zunächst apriorisch sei, was wir erfahren, im Augenblicke des Erfahrens oder der Erfahrung, daß all unser Wissen, das, was in unser Gedächtnis oder unsere Sprache eingegangen ist, immer aposteriorisch sei.         (Wb I/1: 75)

 

Die Sprache ist also vorausgesetzt, damit etwas in sie eingehen kann. Ein wichtiger Punkt ist in diesem Zusammenhang das sprachliche Apriori, das, Machs und Mauthners Ausgangspunkten gemäß der subjektabhängigen Wahrnehmungsmöglichkeit unterzuordnen ist:

 

Die Welt ist demnach zu verstehen und zu beschreiben, wenn man sie als das jeweils interessenabhängige Produkt aus Elementen auffaßt, die in natürlicher oder wissenschaftlicher Einstellung zu psychischen oder physischen Komplexen umgebildet werden.       (Haller 1988: 81)

 

Die Beobachtung, die Wahrnehmung des Gegenstands bestimmt somit das erkannte Ding, nicht vorausgesetzte Eigenschaften von Gegenständen. Die erkennbaren Eigenschaften tauchen in Mauthners adjektivischer Weltauffassung auf, nach der nur die Eigenschaften (süß, rot, schwer usw.) einen möglichen, allgemeinen Begriff  (den Apfel) konstituieren (vgl. Wb I/1: 27).

Sind aber diese sprachlich bedingten Adjektive unbedingt sprachlich, so könnte man sich fragen. Denn Mach -- namentlich in seinen Principien der Wärmelehre (1896) -- ging davon aus, daß Sprachliches nur der Gedankenübertragung dient, nicht aber für jedes Denken unentbehrlich ist:


 

‘Schon Locke hat dies erkannt, und auch dargelegt, dass die Sprache, indem sie die Gedanken fast niemals genau deckt, dem Denken sogar auch nachtheilig werden kann. Das anschauliche Denken, welches sich ausschließlich in Association und Vergleichung der anschaulichen Vorstellungen, Erkenntniss der Übereinstimmung oder des Unterscheidens desselben bewegt, kann ohne Hülfe der Sprache vorgehen’.

                                                                                          (Mach 1896; in: Berlage 1994: 161)

 

Die Sprache ist aber für das abstrakte, begriffliche Denken unerläßlich, während sie in Wahrnehmungsakten nicht unbedingt erforderlich ist. Diese eher psychologische Erklärung der Funktion der Sprache im abstrakten Denken -- als eine “Entlastung des Denkens” (vgl. Berlage 1994: 162) -- scheint der Auffassung von Mauthners sprachlichem Apriori nicht zu entsprechen. Aber Mauthner kann auch nicht um unser alltägliches Handeln umhin. Eine psychische Aktivität, die eben dieses Handeln steuert, muß er voraussetzen, vor allem auch dann, wenn es um konkrete, anschauliche Situationen geht, in denen Sprache die Handlung nicht zu begleiten braucht. Auch wenn wir auf uns sprachlich unbekannte Wahrnehmungen oder Vorgänge stoßen, geht den begrifflichen (=sprachlichen) Erfassen ein primitives Wahrnehmungs-, Vergleichs- oder Erinnerungsakt voran “ohne Hülfe der Sprache” (Mach 1896; in: Berlage 1994: 163). Wenn das aber auch für Mauthner gilt, widerspricht er sich offenbar. Denn er hat anderswo behauptet (vgl. seine Selbstdarstellung 1922), daß es einen Parallelismus zwischen Denken und Sprechen gibt: “Eins und das andere eine Ordnung von Bewegungen oder Handlungen, von zwei verschiedenen Standpunkten aus gesehen” (Mauthner 1922: 135). In einer Fußnote schreibt er 1922 noch, daß er mit “den Grübeleien über die Identität von Sprechen und Denken [...] immer noch zu keinem Abschluss gelangt [ist]” (Mauthner 1922: 135). Aber zurück zum Widerspruch: wenn schon von Sprache die Rede ist bei Mauthner, ist ontogenetisch von Sprache in abstraktem Sinn die Rede. Sprache entsteht also erst im Nachhinein, nachdem Beobachtungen in konkreten Handlungssituationen gemacht worden sind. Wie ist dies aber im Zusammenhang mit der Einheit von Wort und Anschauung zu verstehen? Zunächst ist einmal zu behalten, daß Wahrnehmungen (Anschauungen) nicht unbedingt Bekanntes zum Gegenstand haben müssen. Es sind, nach Mauthner, diese neuen Anschauungen, die im Begriff ein bestimmtes Wort, mit dem der angeschaute Gegenstand benannt wird, hervorrufen. Durch diesen Assoziationsvorgang im Gedächtnis wird der Begriff zum Wort, dessen Sinn eben nicht jene konkrete Anschauung ist, sonder ein Begriffsfeld, das im Sprachgebrauch im allgemeinen problemlos funktioniert. Und bei dieser Einordnung von Wahrgenommenem in Sprachliches spricht Mauthner über die Rolle der assoziativen Fähigkeiten der Sprachgebraucher, deren Logik eben nicht einzusehen ist: Dem Prozes des sprachlichen Weltverstehens haftet etwas Mystisches an:

 


 

‘Wenn ich ganz genau unterscheide zwischen dem sprunghaften Wachstum unserer Wirklichkeitskenntnisse (welche Sachbeobachtungen sind und immer der Sprache, ihrem Wort, vorangehen) und dem organischen Wachstum der Sprache selbst, das heisst, dem der Naturgesetze, der Begriffe, der Schlüsse, kurz des menschlichen Geschwätzes, dann komme ich zu der Wahrnehmung, dass die Sprache seit Menschengedenken [...] gewachsen ist [...] durch Uebertragen (metapherein) eines fertigen Wortes auf einen unfertigen Eindruck, durch Vergleichung also, durch diesen ewigen Akt des à-peu-près, durch dieses ewige Umschreiben und Bildlichreden, das die künstlerische Kraft und die logische Schwäche der Sprache ausmacht.’                                                                             (Mauthner; in: Berlage 1994: 168)

 

Die Sprache erfüllt somit die entscheidende Rolle der Erkenntnisübertragung vom einen auf den andern, ohne daß sie damit auch den Wirklichkeitsbezug überträgt. Eben dies vermag die Sprache nicht, es sei denn im subjektiven Prozeß der Wahrnehmung und der begrifflichen Apperzeption, die im psychischen Prozeß des Assoziierens zum Wort führt.

Vor allem im Hinblick auf das Problem der Erkenntnisfortschritts vermittelt Mauthners Bezugnahme auf Mach wichtige Einsichten, die man im Wb wieder findet. Sämtliche Grundbegriffe der Machschen “Sprach-” und “Erkenntnisauffassung” sind dort aufgenommen worden. So hat Arens (1981:187f.) bereits die Begriffe Anpassung, Ding, Funktion, psychisch/physisch, Ursache und Zufall hervorgehoben, die für sowohl Mach als Mauthner die wichtigsten sind. Nun ist vor allem die “Anpassung” (vgl. Machs Anpassung der Gedanken an die Tatsachen) im Erkenntnisfortschritt von Bedeutung. “Anpassung” wird als evolutionstheoretischer Begriff -- dieser taucht ja bereits in Charles Darwins (1809-1882) Evolutionslehre auf -- zur Beschreibung der “flexibility of the functional thought model in its absorption and adaptation of older systems in light of new physical evidence” (Arens 1981: 188; vgl. Wb I/1: 49f.) dargestellt. Und der Begriff “Funktion” ersetzt den älteren Kausalitätsbegriff, damit die Annahme einer subjekt- und sprachunabhängigen Wirklichkeit von vornherein unmöglich wird (vgl. Fußnote 8 oben). Nur eine Schwäche bleibt in Machs Werk zu verzeichnen: eine Betrachtung der Sprache als einer systematischen Konstruktion fehlt (vgl. Arens 1981: 231). Gerade durch das Wort werden die Empfindungskomplexe zum Ausdruck gebracht:

 

‘Wir haben von der Welt keine anderen Bilder als sprachliche; wir wissen von der Welt nichts, weder für uns selbst noch zur Mitteilung an andere, als was sich in irgend einer Menschensprache sagen lässt. Eine eigene, etwa übermenschliche Sprache hat die Natur nicht; die Natur ist stumm, nur der Mensch kann etwas über sich und die Natur aussagen, [...]’.                                (in: Arens 1981: 232)

 

Analog zu Machs Auffassung, daß die Elemente jeweils unter physikalischer oder psychologischer Sicht erfaßt werden können, sieht Mauthner die Beobachtung einzelner Bewußtseinsinhalte ebenfalls unter verschiedenen Aspekten: “The adjectival, verbal and nominal worlds thus are conceptualizations of the same empirical data with differing interests topicalized” (Arens 1981: 233). Darauf werde ich in Abschnitt 1.2. noch näher eingehen.

Zusammenfassend kann man sagen, daß Mauthner vor allem Machs erkenntnistheoretische Ansichten interessierten, die vom positivistischen Standpunkt aus weitgehend mit denen Mauthners übereinstimmten.[13]

 

1.1.4.     Der Buddha vom Bodensee

 

Während des Ersten Weltkriegs sah Mauthner allmählich ein, daß die Sprachkritik auch für das praktische Leben weitgehende Folgen hat. Die Sprache als Ausdrucksmittel funktioniert nicht und führt zum Schweigen (vgl. Kühn 1975: 259). Im Schweigen sieht Mauthner die letzte Möglichkeit seine Sprachskepsis zu leben. Mit Hilfe der Sprache kann man nichts über die Welt aussagen,[14] die innere Möglichkeit, die Welt als Einheit zu verstehen. Mystik wird dann als Seelenzustand dargestellt, “in welchem man sich zur geheimnisvollen Vereinigung mit dem All hingezogen fühlt und das Unwißbare zu wissen glaubt über solche Vereinigung” (Wb I/2: 362). Vom Standpunkt der Mystik aus sieht Mauthner eine Verwandtschaft zwischen “dem gottseligen Christentum” und “dem gottlosen Buddhismus” (Wb I/2: 366). Dieser Buddhismus erlaubt es dem Individuum, die Sprache nebst der an Sprache gebundenen Erkenntnis zu überwinden (vgl. Kühn 1995: 121).

Auf den Buddhismus, der als roter Faden durch des Werk Mauthners geht, werde ich hier nur kurz eingehen. Beim Vergleich von Mauthners Sprachkritik und dem Buddhismus (ich gehe hier von der Darstellung von Chemparaty in: Bor et al. Hgg. 1995: 72-77 aus) stellt sich heraus, daß mehrere Leitmotive des Buddhismus in Mauthners Sprachkritik zu finden sind (man darf vermuten, daß auch die Lektüre von Schopenhauer zu buddhistischen Einsichten bei Mauthner geführt haben mag). Sein Werk Der letzte Tod des Gautama Buddha (1913; 19212) zeigt die fünf Wege der Befreiung nach dem Tode Buddhas (566-484 v.Chr.), von der Erdenschwere, von den Elementen, vom Herzschlag, von der Erinnerung und von der Menschheit. Diese Wege der Befreiung führen schließlich zum Zustand des Nichtseins (nirvana oder “Auslöschen”), indem jedes irdische Leiden aufgehoben ist. Jedes Verlangen oder jede Sehnsucht (tanha) führt erneut zum Leiden. Das Leiden ist für den Buddha der Zustand der Angst, der Unzufriedenheit, gebunden an unser irdisches Dasein. Das leiden wird im Nichtsein ausgelöscht, das absieht von jedem konkreten oder erinnerten Weltbezug und vom Gottsein:

 

Da erkannte Gautama, daß Gottheit nichts war als die letzte Versuchung des fahlen Mara, die letzte Vernichtung nach dem letzten Tode. Und Gautama, der Buddha, war der erste Buddha nach dreiunddreißig Vorzeitbuddhas, welche Götter geworden waren, war der erste Buddha, der der schwersten Versuchung widerstand, der jetzt mit den letzten Banden und Erinnerung und Menschheit, auch Gottheit über seine Achsel hinwegwarf. Gautama, der Buddha, war der erste echte Buddha. Einer, den es nicht gelüstete, ein Gott zu sein.                                                                                 (Mauthner 1913: 6)

 


 

Der Buddha geht von vier ‘edlen’ Wahrheiten aus: 1. die Vergänglichkeit alles irdischen Daseins; 2. die dreifache Ursache des irdischen Leidens: Sehnsucht nach sinnlichen Erfahrungen, nach dem Weltlichen (dem Erhalt der Existenz) und nach dem Aufheben des Lebens; 3. der Zustand des Auslöschens (nirvana) der irdischen Gebundenheit -- das Nirvana ist das Ende der Wiedergeburt und der Zustand des absoluten und ewigen Friedens --; 4. man erreicht diesen Zustand, wo alles Leiden vernichtet und beendet wird, auf dem achtfachen Pfad (astangamarga) zum Nirvana. Die acht Teile dieses Pfades sind: die richtigen Einsichten, die richtigen Absichten, die richtigen Wörter, das richtige Handeln, die richtige Lebensweise, die richtige Anstrengung, die richtige Aufmerksamkeit, die richtige Konzentration. Diese Aspekte, die zum Nirvana führen, erfordern den Einsatz der gesamten Persönlichkeit. Aus diesen Wahrheiten entwickelt der Buddha drei Lehrsätze oder Prinzipien, nach denen der absolute und ewige Friede gefunden werden können:

1.  der Satz von der Abhängigkeit alles Entstehens und Vergehens. Der begriff der Ursache wird durch den der Abhängigkeit ersetzt. Alle weltlichen Phänomene sind bedingt, d.h. abhängig von einer Vielheit von abhängigen Bedingungen oder Faktoren. Der Effekt setzt diese bedingte Vielheit von Voraussetzungen voraus und ist ohne diese nicht präsent. Der Effekt ist daher nicht die Ursache, sondern die Anwesenheit der Bedingungen. Man kann also sagen, daß Ursache und Effekt (Wirkung) zusammen anwesend sind, d.h. die Abhängigkeit von Bedingung (Voraussetzung) und Bedingtem (Wirkung) gleichsam als Funktion von Bedingungen existiert. Die Kombinationen von Bedingungen (Elementen oder dharmas) bestimmen unsere phänomenale Welt in einem endlosen, ewigen Prozeß von Entstehen und Vergehen von jenen Kombinationen -- dieser Prozeß gilt sowohl den materiellen als den psychischen Ereignissen;

2.  der Satz van der Vergänglichkeit oder Zeitlichkeit der Dinge. Dinge in der phänomenalen Welt haben nur eine momentane Existenz, die aber -- das verhindert die dharma-Lehre -- keine Substanz oder substanzielle Wirklichkeit voraussetzt. Das heißt also, daß nur dharmas als unabhängige, kombinierte Phänomene verschwinden und entstehen. Dieses Entstehen und Vergehen inhäriert den dharmas, setzt keine substanziellen Träger voraus, die diesen Prozeß “tragen”. Vergänglichkeit gehört somit zum Wesen jeder bedingten Realität, wie auch das Entstehen neuer Phänomene , die die Ursache ihres Entstehens in sich haben;

3.  der Satz vom Nicht-Ich. Ein substanzielles, unvergängliches Selbst gibt es nicht (vgl. 1.1.3.: Machs und Mauthners Verneinung des Ichs, die auch bereits bei Hume anzutreffen war). Der Philosoph wird feststellen, daß eine Person aus fünf Komponenten oder Elementen besteht, die jene bedingen: Form, Gefühl, Wahrnehmungen, Impulse und Bewußtsein. Eine Entität außerhalb diesen fünf, die man als “Person” bezeichnen möchte, gibt es nicht. Diese besteht nur nach der Lehre des “abhängigen Bestehens”, und folglich nicht als substanzielle Seele oder dergleichen (vgl. Bor et al. Hgg. 1995: 74ff.).

 

Wenn man nun diese buddhistischen Lehrsätze und Prinzipien mit Mauthners Sprachkritik verbindet, fällt auf, daß vor allem die Verneinung der Person, eines persönlichen Ichs, auch in Mauthners Werk zu finden ist, trotz des späteren Wegs zur mystischen Einheit. Die Referenz von Begriffen auf Außermenschliches ist erkenntnistheoretisch problematisch und führt auch nicht zur Endstation der völligen Welt- und Ichverneinung, im Gegenteil muß man sagen. Absolute Weltkenntnis gibt es einfach im Entstehen und Vergehen von Gegenständen und Sachverhalten nicht. Sprachliche Begriffe beabsichtigen jeweils eine Fixierung von unseren Wahrnehmungen, sind aber dazu kaum geeignet. Auch die Wahrnehmung von inneren (psychischen) Vorgängen bringt keine wesentliche Erkenntnisse von unserem Seelenleben. Im Gegenteil: das Nicht-Wissen, die Nicht-Bezugnahme auf Gewußtes, Vorgestelltes, Erinnertes usw. ist das höchst Erreichbare, sowohl für Mauthner als für den Buddha:

 


 

Stille und Frieden hatte er gesucht; jetzt war er die Stille und der Frieden und wußte es nur nicht mehr. Das Nichtsein hatte er gepriesen; jetzt war er das Nichtsein und wußte es nur nicht mehr. All-Einheit hatte er gelehrt, Einheit mit dem All der Teile, der Blumen und mit den Steinbröckchen; jetzt war er die Einheit mit allem und wußte es nicht. Und war die Einheit ganz, weil er es gar nicht wußte. Ein Wissen war untergegangen, war heimgegangen. Eine Sonne war untergegangen, klar bewußt untergegangen, gern untergegangen um niemals wieder aufzugehen, niemals wieder. Eine Sonne war heimgegangen.                                                                                                                  (Mauthner 1913: 6)

 

Daß diese Mystik gottlos sein soll, ist für Mauthner entscheidend. Keine besonderen Erkenntnisse oder Einsichten, kein Erfassen dessen, was die Welt ‘im Innern zusammenhält’, sondern ein inneres Suchen nach dem Nichts, eine Befreiung von der praktisch zweckvollen, aber für Erkenntnis sinnlose Sprache:

 

Godless mysticism is best described as an inarticulate feeling of unity. If it is to be articulated at all, then it must be done in negative terms. He quotes: ‘You search for Tao and see it not; it is colourless. You listen and hear it not, it is soundless. You wish to touch it and reach it not; it has no body ... It cannot be said. What can be said is not Tao. What gives figure to figures is itself figureless; this Tao is nameless. He who answers someone who is asking about Tao, does not know Tao’.   (Weiler 1970: 294)

 

Dieses Gefühl der gottlosen, mystischen Einheit ist somit unartikulierbar und bleibt dem Subjekt verhaftet. Es ist nicht vermittelbar und steht auf einer völlig anderen Ebene als die Sprache, die unseren praktischen Bedürfnissen im Umgehen mit unserer Umgebung genügt. Nicht die Sprache ist mystisch, sondern das Schweigen: “In silence, at least, we become one with nature for nature is silent” (Weiler 1970: 295; vgl. auch Kühn 1975: 252ff.).

 

Mauthner starb in seinem Glaserhäusle in Meersburg am 29. Juni 1923. Auf seinem Grabstein stehen die Worte: “Vom Menschsein erlöst” (Kühn 1975: 277).

 

1.2.        Die Sprachkritik Mauthners

 

Der Name Fritz Mauthner wird in der Literatur unmittelbar mit dem Phänomen der Sprache in Zusammenhang gebracht. Sie war Mauthner das Alpha und das Omega seines kritischen Unternehmens, das sich ohne Ausnahme auf die gesamte abendländische Tradition sprachlichen Denkens konzentrierte. Dieses historisch-kritische Unternehmen[15]  hatte aber nicht nur Folgen für die Sprachwissenschaft, Sprachphilosophie und Sprachpsychologie um 1900, sondern beeinflußte auch andere Bereiche wie die Literatur, die Psychologie und die Philosophie. Also war nicht nur die Sprache Thema von Mauthners Sprachkritik. Vor allem die Funktion des Subjekts in der Analyse der verschiedenen, beispielsweise der kognitiven, expressiven oder repräsentativen (darstellenden) Sprachfunktionen und die problematische Beziehung zwischen Sprechen und Denken lenkten Mauthners scharfsinnigen Geist auf sich und müssen in einer Darstellung von Mauthners Sprachdenken berücksichtigt werden. Darauf werde ich unten noch zurückkommen.

Ganz generell kann man sich fragen, was genau den Skeptiker oder Nominalisten Mauthner an der Sprache interessierte? Was tragen seine Werke zur Sprachkritik zur Philosophie bei? Für Mauthner war Sprache - vor allem als substantivischer Begriff und im Sinne eines subjektunabhängigen Vorrats an Wörtern, Sätzen und Texten gefaßt - zeitlebens ein Stein des Anstoßes. Warum denn? so könnte man sich fragen. Die Sprache funktioniert doch ausgezeichnet in der menschlichen Gesellschaft? Diesen praktischen Zweck würde Mauthner auch nicht leugnen. Er selbst bedient sich auch (s)einer Sprache, um seinen Lesern klarzumachen, was alles an unserer Sprache nichts taugt. Was ihn in erster Instanz zum Projekt der Sprachkritik geführt hat, war die Einsicht in die funktionalistische, d.h. die sozial eingebundene Dimension der Sprache und deren Zusammenhänge im Gedächtnis der einzelnen Sprachverwender, und zweitens waren es die sinnleeren Ansprüche der Sprachwissenschaften und der Sprachphilosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts und früherer sprachphilosophischer Theorien, die ihn zum Projekt der Sprachkritik veranlaßt haben.

 


 

1.2.1.     Das Problem einer Universalsprache

 

Im 17. und 18. Jahrhundert hatte man sich bemüht, die Theorie einer einheitlichen, idealen (d.h. formalen) Ursprache  zu entwickeln und weiter auszubauen. Die Begründung verschiedener natürlicher Sprachen -- die Zerstörung des babylonischen Turms, durch die die Einzelsprachen und sämtliche Kommunikationsprobleme ihren Anfang genommen hatten -- wies abermals auf das Problem einer perfekten Sprache hin (vgl. Eco 1994). Der Rückgriff auf verschiedene “Ursprachen” --  zum Beispiel das Altägyptische, das Indoeuropäische oder das Hebräische --, sollte das Problem rekonstruktiv lösen. Dieses rekonstruktive Verfahren führte dazu, daß die Spekulationen um eine syntaktisch und semantisch “deckende” Sprache zunahmen und zu viel versprechenden Versuchen zur Entwicklung verschiedener so genannter Universalsprachen veranlaßten. Dabei spielte vielmehr die grammatikalische Form als die semantische eine entscheidende Rolle.

Für Mauthner dagegen kann Sprache in ihrer reinsten Form nur auf Gegebenheiten oder Daten unserer sinnlichen Erfahrung zurückgeführt werden, die nur idealiter sprachlich wiedergegeben werden können, einfach weil die Sprache, Wörter zum wesentlichen Teil, subjektive Erlebniseindrücke repräsentieren. Jener Formfetischismus der Ursprungs- und Universalsprachendebatte hält Mauthner für äußerst naiv. Ihm fehlt dabei ohne weiteres jede erkenntnistheoretische Besinnung auf die praktischen Probleme, die dieses wortrealistische Vorurteil einer Ursprache bzw. einer Universalsprache mit sich bringen. Ist es überhaupt möglich, daß Einzeldinge oder Eigenschaften von Einzeldingen problemlos sprachlich wiedergeben werden können?

Diese Ansicht führte noch im 19. Jahrhundert zu Versuchen der Konstruktion einer “idealen Sprache” oder einer Kunstsprache - wie zum Beispiel des Esperanto, das 1887 vom polnischen Arzt Lejzer Ludwik Zamenhof (1859-1917) veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zu diesem “Sprachoptimismus”, der Hoffnung (Esperanto!), daß es mal weltweit ein Verständigungsmittel oder eine Universalsprache geben wird, mit der die “universale Eintracht der Völker” (vgl. Eco 1994: 329) realisiert wird, ist Mauthner eher skeptisch hinsichtlich dieser Ansprüche von Universalsprachen:

 

Ich ging davon aus, daß 1. eine Idealsprache, eine philosophische Sprache bei dem Stande unserer Naturwissenschaften heute ebenso unmöglich ist, wie sie es im siebzehnten Jahrhunderte war, weil ein logisch geordneter Weltkatalog, auf welchem die Idealsprache beruhen müßte, immer noch nicht hergestellt ist, und weil ein solcher Weltkatalog überhaupt nicht herzustellen ist, sintemal der Weltschöpfer kein Registrator gewesen ist; daß 2. jede künstliche Sprache dem Schicksal verfallen ist, überhaupt keine Sprache zu sein, sondern höchstens die Übersetzung wirklicher Sprachen in eine zum Spiele erfundene Scheinsprache, die weder dem Dichter noch dem Gelehrten genügen könnte. (Wb, Band I/3I: 317)

 

1.2.2.     Sprache als Kommunikationsmittel 


 

Diese universalsprachlichen Versuche gehen an der Tatsache vorbei, daß die Sprache ein zwischenmenschliches Verkehrsmittel ist, das in diesem zwischenmenschlichen Verkehr entsteht (und vergeht) und nur als solches bald mehr bald weniger problematisch funktioniert.[16] Weil nun die Sprache die subjektiven Weltkenntnisse einzelner Erdbewohner reflektiert, kann sie überhaupt keine universalen epistemologischen Ansprüche erheben. Jene Kenntnisse gehen derart auseinander, daß eine Übersetzung dieser einzelnen Welterkenntnisse in eine ideale Sprache ein müßiges Unternehmen wäre:

 

Die Universalsprache würde (auch wenn sie nicht bei den verschiedenen Völkern in divergierende Dialekte und schließlich in divergierende Sprachen auseinandergehen sollte) über kurz oder lang das Schicksal jeder natürlichen Sprache teilen und mit der Welterkenntnis neuer Zeiten nicht mehr übereinstimmen.                                                                                    (Wb, Band I/3: 326)

 

In der Entwicklung der Menschheit, ihrer Erkenntnisse und ihrer Erfahrungen, hinkt die Sprache jeweils hinterher. Es ist zum Beispiel unmöglich, so Mauthner, um die Erfahrungen von einigen Jahrhunderten auch nur einigermaßen adäquat darzustellen. Die Erfahrungen, die zum Beispiel 1688 zu dem damaligen System der chemischen Begriffe geführt haben, stehen uns in jeder Hinsicht fern und sind durch neue Erkenntnisse in der Chemie überholt worden. Mauthner stellt fest, daß die Anpassung der Sprache an die jeweiligen, individuellen Welterkenntnisse eine Systematik der Wortbedeutung  jeweils untergräbt (vgl. Wb I/3: 326).


 

Das hat auch für Mauthners Ansichten über die Rolle der Sprache in den Natur- und Geisteswissenschaften verheerende Folgen. Denn die Sprache ist nichts anderes als ein unwirkliches (und ineffektives) Abstraktum, das in linguistischen, psychologischen und philosophischen Traditionen zu nur wenig ergiebigen Diskussionen geführt hat. Mauthners Problem waren die Wahrheitsansprüche der traditionellen philosophischen Richtungen. Diese seien sich nicht im Klaren darüber, was der genau Status sprachlicher Begriffe in ihrer Philosophie ist -- so wie das in der mittelalterlichen Universitätsdebatte bereits zum Ausdruck gekommen war. So hat das substantivische Weltbild der abendländischen Philosophiegeschichte, die Auffassung, daß es wirkliche, sprachlich darstellbare Entitäten gäbe, deren Wirklichkeit nur aufgrund dieser Substantivierung verständlich wären, Mauthner zu heftigen Angriffen auf eben dieses Weltbild geführt. Ein richtiges Sprachverständnis sollte nicht das Substantiv “Sprache” ernst nehmen, sondern in erster Linie die Sprechakte (“la parole”), deren soziale Wirklichkeit -- diese Akte reflektieren konkrete Handlungssituationen, die die Sprache begleitet und in der menschlichen Entwicklung (Phylogenese) zu situationsunabhängigen Wörtern und Begriffen führen -- die Basis für Mauthners Sprachkritik bildet. Diese Sprechakte werden direkt auf den adjektivischen und verbalen Charakter der Sprache zurückgeführt. Beide Aspekte betonen die wahrnehmungs- bzw. handlungsbezogene Dimension des Sprechens, oder aber die eher passive, hinnehmende, gegenüber der aktiven, verbindenden oder apperzipierenden Aktivität. Die Einzeleindrücke der adjektivischen Welt bleiben isoliert, ohne Zusammenhang. Mauthner setzt hier eine verbale Tätigkeit, ein handelndes Subjekt, voraus, um diese ‘pointillierte Einzeleindrücke’ zu Einheiten zu verbinden. Das verbindende oder apperzipierende Vermögen des Menschen besteht darin, die Sinneseindrücke unter einem einheitlichen Gesichtspunkt zu betrachten. Diese Einheitlichkeit entsteht durch die Tätigkeit des Gedächtnisses, einen durchaus schwierigeren Begriff wie Mauthner selbst auch feststellt: es ist keine Seelenkraft -- hier droht die Gefahr der Substantivierung --, keine Eigenschaft von Wahrnehmungen oder Vorstellungen -- es gehört ja nicht zur adjektivischen Welt -- und es ist auch keine Tätigkeit -- weil hier der Begriff die Erscheinung ersetzt, was nicht im Sinne der Sprachkritik wäre (vgl. Wb I/1: 541). Das Gedächtnis ist aber “eins mit der Sprache und wiederum eins mit dem Bewußtsein” (Wb I/1: 541). In der Sprache und im Bewußtsein kann das Gedächtnis nicht erklärt werden. Wohl aber kann es physiologisch auf die Bewegungsvorgänge zurückgeführt werden. Im Sinne Henri Bergsons (1859-1941), sonst ein Gegner Mauthners (vgl. Wb I/1: 162ff.), ist das Gedächtnis als Bewegungsvorgang, ein Sicherinnern, zu deuten. Sprechen und Verstehen beruhen auf Bewegungserinnerungen, die als physiologische Vorgänge das Gedächtnis bestimmen. Die Ursache der Erinnerungen, stellt Mauthner fest, liegt in der Vergangenheit, der Erinnerung der Menschheit, eines Volkes oder einer Nation, eines Individuums. Mauthners Sprachkritik läßt sich nun im Umfeld der Diskussion von Begriffen wie “Apperzeption”, “Gedächtnis”, “Denken”, “Sprechen”, “Bewußtsein”, “Bewegung” ansiedeln:

 

Die Sprache, die meine gegenwärtige Tätigkeit ist, mein gegenwärtiges Hervorbringen von Worten, ist unweigerlich gebunden, in jedem Laute abhängig von der Sprache, die nichts ist als Erinnerung, die Erinnerung des Menschengeschlechts und besonders meines Volkes.                                                                                                                              (Wb I/1: 543)

 

Die Sprache wird somit abhängig von dieser Tätigkeit des Sicherinnerns. Das heißt aber auch, daß die Sprache als solche keine Wirklichkeitserkenntnis bringt (vgl. Eisen 1929: 4). Wörter sind festgelegte, vereinbarte Sprachzeichen für die normalerweise täuschenden Eindrücke unserer “Zufallssinne”. Die Art und Weise, wie unsere in der Evolution gewordene Sinnesorgane die Welt perzipieren, ist durch keinerlei Notwendigkeit bedingt:

 

Nun sind aber auch unsere Sinne geworden, durch den Zufall der Entwicklung geworden; wie also die scheinbaren Dinge draußen nur Symbole von Sinneswirkungen sind, so sind auch diese Sinneswirkungen wieder nur Symbole von einer unbekannten Wirklichkeit, von irgendwelchen Bewegungen, die in der Zeit stattfinden. Begreifen können wir die Welt weder in dem, was wir von ihr durch die Sinne erfahren, noch in ihrem vermeintlichen Sein, sondern allein in ihrem Werden.        (Mauthner 1922: 140)

 

Dieses Werden wird jeweils subjektiv erfahren. Die adjektivische Welt (der Farben, Töne usw.) ist subjektiver Natur, nur sie erfahren wir unmittelbar, auch wenn diese Erfahrungen uns durch unsere Zufallssinne täuschen. Bei allen Assoziationen -- bedingt durch unsere Erinnerungen -- bleiben die jeweiligen subjektiven Gefühle oder Erfahrungen in der adjektivischen und verbalen Welt  mitschwingen. Daraus erklärt sich auch das Problem der sozialen Funktion der Sprache.  Sprache ist ein Verständigungsmittel zwischen Menschen, obwohl keine zwei Menschen dieselben Sinnesvorstellungen haben. Dies führt häufig zu Mißverständnissen zwischen Menschen, obwohl die Sprache für das Mitteilungsbedürfnis brauchbar ist. Daher auch Mauthners Skepsis der Sprache als Kommunikationsmittel gegenüber. Denn in einer gemeinsamen Wahrnehmungssituation ist nicht grundsätzlich die Sprache zum Bestreiten der Mitteilungsbedürfnisse da, sondern wird die Gebärdensprache (Gestik) angewendet, die oft (auf alle Fälle in einem gemeinsamen Wahrnehmungshorizont)  ausreicht, um gegenseitiges Verstehen zu erreichen:

 

Ein zuverlässiges Kommunikationsmittel ist Sprache da, wo Sprecher und Hörer das Gemeinte gewissermaßen zum Greifen nahe vor Augen haben, verschwimmend und täuschend wird sie in dem Maße, wie der situative Außenhalt wegfällt und einzig die Erfahrungsinhalte der Individuen bleiben. Bezugssystem des Sprechens ist der gemeinsame Horizont von Sprecher und Hörer: ‘Da Sprache als etwas zwischen den Menschen entstand, konnten die ältesten Sprachlaute nur ausdrücken, was in der betreffenden Gruppe gemeinsamer Horizont war. Und andererseits macht uns der gemeinsame Horizont verständlich, daß ein einziger Sprachlaut je nach der Situation Verschiedenes bezeichnen konnte. Die Sprache war und ist ihrem Wesen nach deiktisch, hinweisend’

                                                                (Knobloch 1988: 223; vgl. auch Serzisko 1995: 19)

 

Das heißt also auch, daß dasjenige was außerhalb der gemeinsamen Gesprächssituation liegt, kommunikativ problematisch wirkt: das Hinauswirken in die Gesprächsrealität ist aufgrund der Gebundenheit an subjektive Erinnerungen eine unüberwindliche Hürde. Einfach weil die sinnliche Erfahrung jeweils individuell unterschiedlich ist, ist das Kommunikationsproblem unlösbar. Und Mauthner bemüht sich auch nicht, dieses Problem zu lösen: Im Gegenteil, er verkriecht sich wie eine Schnecke im Schneckenhaus: Die Frage ist damit nicht gelöst, wie Sprachzeichen diese sinnlichen, situationsgebundenen Erfahrungen anderen Sprachgebrauchern vermitteln können. Eine Lösung für diese Frage ist eine methodologische Umkehrung der Funktion der Sprachzeichen. Sie sind zwar das Ergebnis einer verbalen Bezugnahme auf die Welt, funktionieren aber primär im Sprachverkehr, wo Bedeutungen gleichsam ausgehandelt werden und zu Verstehen führt:

 

‘Insofern freilich das Denken oder die Sprache etwas Selbsterzeugtes ist, eine Sammlung von Erinnerungszeichen, um sich in der Fülle der Eindrücke nicht zu verirren, haftet die Sprache allerdings am Individuum, an meinem und deinem Gehirn. Das ist aber der kleinste Teil der Sprache, der wertvollste für die Persönlichkeit, der wertloseste auf der Börse des menschlichen Verkehrs; denn dieser Teil ist nicht verkäuflich, ist nicht übertragbar, ist unverständlich, unmitteilsam. Insofern jedoch der Einzelne fertige Wortzeichen für fertige Begriffe von der Amme, vom Lehrer, von seiner Zeitung ins Gehirn gedrückt bekommt, ist die Sprache (die eben Denken genannt wird, sobald sie in Bewegung gerät) zwar durch solche Zeichen leise mit allen Einzelgehirnen in Kontakt gebracht, aber zitternd und flimmernd lebt sie ihr eigentliches Leben zwischen den Menschen. Aus der Tradition holt sie ihre Begriffe, auf der Börse des Verkehrs läßt sie ihre Werte prägen’.                                                                                        (Mauthner in den Beiträgen zu einer Kritik der Sprache; in: Knobloch 1988: 222)

 

Mauthner gibt eine entwicklungs- und sozialpsychologische Erklärung für das mögliche Funktionieren von Sprachzeichen im sozialen Verkehr. Soziale Traditionen bestimmen jeweils, wie Begriffe verstanden werden, die präzise Bedeutung dieser Begriffe schöpft das Individuum aus der Bewertung im alltäglichen Sprachverkehr. Den Sprachzeichen haftet also einerseits das “Unmitteilsame” (individuell Erinnerte) an, andererseits das intersubjektiv Verständliche (die sozialen Werte der Sprachzeichen), das durch das Erkennen bestimmter Lautbewegungen, d.h. durch den physiologischen Vorgang des Sicherinnerns dieser Lautbewegungen, erzeugt wird.

 

1.2.3.     Die Sprache als Kunst

 

Sprache in ihrer reichsten Gestalt, sowohl subjektiv als intersubjektiv verständlich, findet man in der Kunst, insbesondere in der Dichtung, wieder. In der Dichtung werden sprachlich die Empfindungen erneut zum Ausdruck gebracht, aber dann auf einer anderen Ebene als der normale Sprachgebrauch. Hier schafft (πoίησις, Poesie) die Sprache ihre eigene Welt. Spielerisch schafft der Mensch neue, kontextunabhängige Situationen, für die selbstverständlich gilt, daß ihnen Realitätsnähe als Merkmal eben nicht zukommen. Daher auch ist die Poesie sehr geeignet, um die subjektiven Gefühle, die direkt in Sprachzeichen übersetzt und zum Ausdruck gebracht werden können, angemessen wiederzugeben:

 

[...] auch auf der Ebene der Vorstellungen [, die dem Klangwert der Sprache untergeordnet werden - fv] steht die Poesie dem sinnlichen Ursprung der Sprache am nächsten und bewahrt oder verlängert ihn. Gilt Mauthner doch -- [...] -- als ‘sinnlichste aller Bedeutungen’ die ‘dichterische’[...]. Anders gesagt: das Verstehen von Dichtung vollzieht sich nach dieser Auffassung nicht als das Verstehen von Sinn, sondern als Einfühlen auf dem Wege des Reproduzierens der Gefühle des Dichters. (Gabriel 1995: 35)

 

In dieser Reproduktion spielen Metaphern eine wesentliche Rolle. Metaphern bilden die Grundform der Sprachentwicklung, indem sie “unartikulierte Naturlaute oder -geräusche” (Kühtmann 1911: 4) artikulieren oder symbolisieren. Die Metapher stellt eine Konventionalisierung (nomos) der ‘Naturgeräusche’ (physis) dar, artikuliert gleichsam diese ‘Laute’ in Sprachlauten konventioneller Natur -- damit wird die Frage nach dem Ursprung der Frage im Sinne der nomos-physis-Dichotomie obsolet oder wenigstens irrelevant. Jedes Wort ist metaphorisch, weil die ursprüngliche Bedeutung, die als eine Art von onomatopoetischer Wiedergabe natürlicher Geräusche entstanden ist, aus unserem Blickfeld verschwunden ist.

 


 

Was bezweckte Mauthner nun letzten Endes mit seiner Sprachkritik? Es handelt sich bei ihm um die Entwicklung einer Erkenntnistheorie, die die Rolle der Sprache auf höchstens eine bildliche (metaphorische) Darstellung der Welt einschränkt. Mehr als diese bildliche Darstellung durch Erinnerungen, die in Sprachzeichen immer wieder neu zum Ausdruck gebracht werden, kann und will Mauthner nicht geben. Was er mit diesem Unternehmen kritisiert ist, im Sinne des späten Wittgensteins, der falsche Gebrauch von Begriffen im alltäglichen Sprachverkehr aber auch auch und vor allem im philosophischen Sprachverkehr, wo die Flexibilität der Sprache zu manchen Entgleisungen geführt hat.

 

2.           Mauthner und der Nominalismus. Ein altes Wort in neuen Schläuchen?

 

2.1.        Die nominalistische Wissenschafts- und Sprachauffassung

 

Mauthner, und mit ihm seine späteren Interpreten (wie zum Beispiel Kühtmann 1911; Leinfellner 1969; Leinfellner 1995), sehen eine Verwandtschaft zwischen der mittelalterlichen nominalistischen oder skeptischen Tradition und Mauthners sprachkritischem Verfahren. Diese beiden, am konkret Gegebenen orientierten philosophischen Denkweisen sind aus einer intensiven Auseinandersetzung mit Erkenntnisproblemen hervorgegangen. War es im Mittelalter ein Streitpunkt zwischen Realisten und Nominalisten, ob Universalien oder Allgemeinbegriffe wie “Hund” oder “Pferd” eine Abbildung von singulären oder Einzeldingen sind oder sein könnten, bei Mauthner ist es die Kritik am autonomen Denken, das sprachunabhängig stattfinden kann, die ihn zur “Kritik der Sprache” geführt hat. Vor allem die Voraussetzung, daß es so etwas wie eine unabhängige Denkwelt gäbe, auf die die Sprache keinen Einfluß hat, hat ihn zum Skeptiker oder zum Nominalisten werden lassen (vgl. meine Darstellung von Machs Konzipierung der unabhängigen Beziehung zwischen Funktionen in 1.1.4.). Das menschliche Denken ist eine Unwirklichkeit, indem es eine Verdinglichung sprachgesteuerter Handlungen darstellt.

 

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, daß der Satz Denken ist Sprechen cum grano salis zu verstehen sei. Aber ich bleibe dabei: ein Wort als bloßer Klang, ein Wort ohne seinen Sinn gehört nicht der Sprache an; ein Satz, der keinen Gedanken ausdrückt, gehört nicht der Sprache an. Es gibt über dem Menschendenken nicht ein höheres, absolutes Denken, an dem das Menschendenken gemessen werden könnte. Es gibt über den einzelnen Menschensprachen keine absolute Sprache, keine vollkommene Sprache. Wir können nur denken, was wir sprachlich ausdrücken können; wir können nur aussprechen, was wir gedacht haben.                                                                                                                                                                                                  (Wb I/1: 278)

 


 

Hier werden also Denken und Sprechen als spezifisch menschlich qualifiziert. Nicht nur sind sie menschlich, sie bestehen auch in Bewegungen: Bewegungen der Sprachorgane und Bewegungen im Gehirn. Diese physiologische Notwendigkeit der Bewegungsvorgänge um überhaupt von sprechen oder denken, als Verben, die eine Bewegung zum Ausdruck bringen, reden zu können, macht beide auf abstrakter Ebene, nämlich auf der der Bewegung, identisch. Diese Identität verhindert es den Menschen nicht, beide “von zwei verschiedenen Standpunkten zu sehen” (Wb I/1: 279): Der Unterschied besteht darin, daß es eine “veränderte Richtung der Aufmerksamkeit gibt” (Wb I/1: 281). Das Denken achtet mehr auf Ziele (das Wohin), das Sprechen auf den Weg (das Wie). Eben diese Notwendigkeit, zu unterscheiden, liegt dem Nominalisten Mauthner nahe. Das Problem von Allgemeinbegriffen besteht immer darin, daß sie keine Wirklichkeit vermitteln, nur sprachliche Wiedergaben von kontextuell Gemeintem sind, was öfter als nie zu Verwirrungen, Ungenauigkeiten, Mißverständnisse führt. Daher die Notwendigkeit einer historisch-kritischen Überprüfung von Wörtern, insbesondere von philosophischen Begriffen.

Und der erste, ernsthafte Schritt in dieser historisch-kritischen Überprüfung der Beziehungen zwischen Begriff, Welt und Erkennen hat im Bereich der Logik der Nominalismus getan. Obwohl Mauthner auch die Auffassungen Lockes und Humes, einige Jahrhunderte später, als eine Verfeinerung des Nominalismus im Sinne des Psychologismus wichtige Schritte in der Entwicklung der Sprachkritik erschienen (vgl. 2.2.). Sprachkritik war nicht nur logische Kritik am Sprachgebrauch und an den Erkenntnisansprüchen im Bezug auf die Welt (sind Allgemeinbegriffe überhaupt reale, objektive Dinge), sondern auch an der wesentlich psychologischen Natur (wie kann man Begriffe im Alltag und in der Wissenschaft kontextuell einsetzen, wie verstehen und denken wir Sinneinheiten, die sprachlich ausgedrückt werden). Unsere Sinne -- Auge, Ohr, Gefühl, Geruch, Geschmack --, die rein zufällig so funktionieren (und registrieren) wie sie funktionieren, können sich nicht nach innen, introspektiv an die Seele wenden. Mauthner wäre mit Wilhelm Wundt (1832-1920) einer Meinung, daß die empirische Psychologie nicht introspektiv Behauptungen über das Seelenleben anstellen kann, sondern diese im gesellschaftlich-historischen Kontext ansiedelt und als “Völkerpsychologie” ein eigenes Forschungsgebiet eröffnet. Sprache bezieht sich grundsätzlich nicht auf ‘innere Vorgänge’, ob sie nun psychologisch oder physiologisch sind, sondern auf gesellschaftliche Strukturen, die als solche jeweils kulturell und individuell perspektivischer Natur sind. Die ‘inneren Vorgänge’ sind aus dieser perspektivischer Sicht identisch mit den benannten Sinneseindrücken, also mit ihrer sprachlichen Form, die als Wahrnehmung oder psychischer Akt jeweils adjektivisch und verbal ausgedrückt werden können.

In welchem Sinne nun diese Problemstellung der Sprachkritik, es gäbe weder eine sinnvolle logische noch eine sinnvolle psychologische Sprachkritik im Sinne des mittelalterlichen Nominalismus zu verstehen ist, werde ich zunächst in einem historischen Kontext (2.2.) und dann spezifisch im Lichte des mittelalterlichen Nominalismus (2.2.1.) darzustellen versuchen. Zum Schluß werde ich näher auf Mauthners historisch-kritische Darstellung des Nominalismus im Wb (2.2.2.) eingehen.

 

2.2.        Zum historischen Umfeld von Mauthners “Nominalismus”

 

Es läßt sich einen roten Faden durch die vor allem angelsächsische und österreichisch-ungarische Philosophie ziehen, an dem die Tradition der Sprachkritik hängt. In Deutschland selbst florieren vor allem spekulative, metaphysische und religiöse Systeme wie das eines Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716; man vergleiche seine “Antwort” auf John Lockes Essay concerning Human Understanding, seine Nouveaux Essais sur l’Entendement Humain) oder der Deutschen Idealisten, Kant, Johann Gottlob Fichte (1762-1814), Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854) und Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831). Von Hegel, Schelling und Fichte hält Mauthner nicht viel, es sei denn die politischen Ansichten Fichtes oder die Systematik Hegels. Von Kant dagegen, der ja bekanntlich durch David Hume aus einem “dogmatischen Schlummer” geweckt wurde, hält er erheblich mehr (er ist der am häufigsten zitierte Philosoph im Wb, vgl. Wb I/3: 529); obwohl Humes Untersuchungen zum Kausalitätsbegriff ihm eher zusagen als die Auffassung Kants: Kants Vernunftkritik hat aus der Sicht Mauthners Humes Skeptizismus keineswegs überwunden. Im Gegenteil, er hält mehr von Humes kritischem Ansatz des radikalen Skeptizismus[17] als von Kants Auffassung der Kausalität als “a priori-Mittelding” zwischen Ding an sich und Erscheinungswelt (vgl. Wb I/3: 405).Über Johann Georg Hamanns (1730-1788) (Meta-)Kritik an Kants Erkenntniskritik -- Kant habe die Funktion der Sprache für das Denken vergessen (vgl. Cloeren 1988: 21) -- kommt Mauthner zur Bestimmung der Sprache “as a relative and historical a priori that remained unavoidable for cognition and rendered all knowledge hypothetical” (Cloeren 1988: 256; vgl. aber die Problematik des Sprachapriori in 1.1.3.). Damit werden nicht die Kategorien des Verstandes zum Apriori unseres Weltverstehens, sondern die Sprache in ihrer empirisch (adjektivisch) begründeten Gestalt. Aber über Kant hinaus ragt die Figur David Humes, dessen Treatise of Human Nature (1739-40) Mauthners sprachkritischen Sinn entscheidend mitbestimmt hat:

 

Mauthner emphasizes how important it was for Hume to realize the hoministic nature of the concept of causality, i.e., to recognize that it was a product of phantasy. But, for Mauthner, what was even more important and ‘the strongest deed of pure scepticism,’ was Hume’s realization, in a flash of insight, that the concepts of substance and causation, in the sciences. as well as in the humanities, go far beyond the solely given sense perceptions. Substance and cause are therefore unreal. This realization of their hoministic nature allowed Hume to see that they were fictions of human phantasy, that have no existence independent of man, either in an allegedly neutral physical reality, or in the realm of the humanities.                                                                             (Cloeren 1988: 221)[18]


 

Diese sprachkritische Einsicht, daß grundlegende philosophische Begriffe einen hoministischen, auf Sinneswahrnehmungen basierten Ursprung haben, findet man in der gesamten angelsächsischen Tradition, von Wilhelm von Ockham bis zur modernen sprachanalytischen Philosophie. Außersprachliches gibt uns, Menschen, keine absolute Gewißheit über ihre Existenz, es sei denn im Sinne der adjektivischen Weltauffassung. Nur sekundäre Qualitäten[19]  werden von uns erfaßt. Primäre Qualitäten sind alle überflüssig zum Verständnis der grundlegenden adjektivischen Welt. David Hume hat in seinen Veröffentlichungen diesen Rekurs auf die menschliche Dimension möglicher Weltauffassungen energisch vertreten und ausgebaut in einem Werk, das Mauthner wohl mit auf das nominalistische Gleis gebracht hat:

 

Weil er [Hume] das eigene Bewußtsein zum Ausgangspunkt der Analyse wählte, stand Hume in einer Tradition, die mit Descartes ihren Anfang genommen und einen mächtigen Fürsprecher gefunden hat; und da er überzeugt war, daß sich Allgemeinbegriffe nur auf besondere Ideen beziehen, knüpfte er an die Tradition des Nominalismus an, dessen Wurzeln tief in die häretische Literatur des Mittelalters reichen.                                                                                                        (Streminger 19953 : 159)

 

Wie wir unten noch sehen werden, ist die Vermittlung nominalistischer Ansichten bei Mauthner also eher aus seiner Lektüre von Lockes und Humes Schriften zu verstehen. So bildet Humes ‘Erfahrungstest’ ein wichtiges Kriterium für die Entlarvung von Scheinbegriffen oder das Fundament der Erfahrung für “die ‘wahre’ Bedeutung sprachlicher Ausdrücke” (Streminger 19953: 160). Nach diesem Test muß es für Ausdrücke Perzeptionen oder ein im Bewußtsein aufbewahrtes, erinnertes Bild dieser Perzeption geben. Wenn das nicht der Fall sein sollte, ist der Ausdruck sinnlos. Eben dieses Prinzip bestimmt auch Mauthners sprachkritisches Unternehmen.


 

Bemerkenswert ist also in Mauthners Wb die überdurchschnittlich reich vertretene Zahl angelsächsischer oder angelsächsisch orientierter Denker wie zum Beispiel Arthur Schopenhauer;[20] er widmet ihnen im Wb sogar eigene Beiträge (Francis Bacon, Thomas Hobbes und unter “Ursache” David Hume und Schopenhauers Wille). Es fällt auch in der Mauthner-Rezeption auf, daß man seine Ansichten unmittelbar mit Gedanken bekannterer Philosophen in Zusammenhang bringt:

 

[Mauthner] will beweisen, daß Denken nichts anderes ist als sprachliches Verhalten, Sprechen, wenn man so will. Wie John Locke sieht er unser ‘Inneres’ erfüllt von Wahrnehmungen, und zwar ausschließlich diesen beiden. Und die Sprache, die ihre Zusammenfassung in Klassen und die Wiedererinnerung ermöglicht, wenn eine neue Wahrnehmung auftaucht, diese Sprache, die bei letzter Analyse nichts anderes als eine Aktivität ist, die Sprachaktivität eines einzelnen Individuums, stellt für ihn die ganze Bedeutung von Leibniz’‘intellectus’ dar.                                                                            (Gustafsson 1980: 137)

 

Diese historischen Bezüge fallen überwiegend positiv für die angelsächsische Philosophie aus. Vor allem ihre Methode, die man mit gutem Recht “nominalistisch” nennen kann, zeichnet auch Mauthners historisch-kritische Verfahren aus. Wenn ich jetzt die nominalistischen Ansichten Wilhelm von Ockhams mit denen Mauthners vergleichen werde, so wird damit die Sprachkritik als Methode als angelsächsisch charakterisiert. Im Vergleich zur substantivischen Sprachauffassung der “deutschen” Philosophie (Leibniz, Kant, Fichte, Schelling und Hegel) bot der Nominalismus Mauthner die Möglichkeit, ein unsystematisches, empirisch fundiertes Denken zu entwickeln, das die Sprache nicht als abstraktes Phänomen, sondern als Bild der erfahrenen Wirklichkeit und als Mittel der Kommunikation betrachtet.

 

In wieweit zur Zeit Mauthners, also zwischen etwa 1870 und 1920, Wilhelm von Ockhams Schriften alle schon herausgegeben und rezipiert worden sind, ist zu bezweifeln. Mir scheint, daß sich Mauthners Wissen eher enzyklopädischer Natur war denn als das Ergebnis philologischer Studien der Schriften Wilhelm von Ockhams. Es ist anzunehmen, daß er über das eingehende Studium der Werke Lockes,  “in dem sein Landsmann Occam nachgewirkt haben [mochte]” (Wb I/1: 34), und Humes zum Nominalismus geraten ist. Er sieht diese auf den Einzelgegenstand bezogene Tradition der Sprachanalyse und der Erkenntniskritik bei dem ‘großen Begründer des Nominalismus’, Wilhelm von Ockham, vorbereitet, der “Platons Ideen in die allgemeinen Begriffe oder Worte der menschlichen Sprache [verlegte]” (Wb I/2: 128), und so eine Gegenbewegung zum Platonismus in Gang setzte -- obwohl natürlich bereits Aristoteles diese Gegenbewegung in Gang gesetzt hat mit seiner Kritik an Platons Formenlehre. In seiner Darstellung der Wirkungsgeschichte von Ockhams Werk im 19. Jahrhundert schreibt Beckmann, daß im Werk des Franz von Suarez (1548-1617), den Metaphysischen Disputationen, die Ansichten der ‘Nominales’ dargestellt. Leibniz hat dieses Werk intensiv studiert, und bestimmte nominalistische Ideen sind wohl durch die Lektüre der metaphysischen Disputationen von Leibniz aufgenommen. Auch Kant wird mit Ockhams Ideen vertraut gewesen sein, so zum Beispiel seine “Theorie des transzendentalen Charakters der Quantität und der Relation. [...]. Es sind dies vielmehr Bestimmungen, die den Dingen vor jeder kategorialen Klassifikation zugesprochen werden mussen” (Beckmann 1995: 186; es ist hier aber nicht der Ort, weiter auf Kants Ockham-Rezeption einzugehen). Im 19. und 20. Jahrhundert tritt Ockham vor allem konzeptuell in den Vordergrund. Es sind das Ökonomieprinzip oder Ockhams Rasiermesser als methodologisches Prinzip, und die Logik (das normalsprachliche Pendant zur formalen Symbolnotation, die Quantifizierung im Zusammenhang mit Ockhams Suppositionslehre oder verschiedenen Arten der personalen Supposition), die die Aufmerksamkeit der empiristischen Philosophen nach Ockham auf sich gelenkt haben:

 

Generell wird man sagen können, daß Ockhams Interesse an den Beziehungen zwischen Sprache, Zeichen und Wirklichkeit der gegenwärtigen Sprach- und Zeichenphilosophie entgegenkommt. Dies gilt vor allem in seiner Grundthese, daß zwar die Welt der Zeichen diejenige der Dinge nicht widerspiegelt, dennoch aber bestimmte Zeichen für Dinge stehen können. Sprache ist für Ockham ein Zeichensystem, Denken ein Umgehen mit Zeichen. Es gehört zum Wesen eines Zeichens, nicht dasjenige noch Teil dessen zu sein, was es bezeichnet -- eine für Ockham wie für das heutige Philosophieren gleichermaßen fundamentale These.                                                                       (Beckmann 1995: 190)

 

Auf dieses zeichentheoretische Verständnis des Nominalismus bei Mauthner will ich in den nächsten Abschnitten etwas näher eingehen. Ich werde mich dabei an die heute gängigen Ansichten über Ockhams Nominalismus halten und an Mauthners Ockham-Rezeption im Wörterbuch der Philosophie, in dem er meines Erachtens die Bedeutung des Nominalismus für seine Sprachkritik kristallklar analysiert.

 

2.2.1.     Wilhelm von Ockhams Deontologisierung von Allgemeinbegriffen

 

Die Nominalisten gehen davon aus, daß Allgemeinbegriffe (Universalien) nur Namen sind oder besser: als Namen aufgefaßt werden müssen. Einem Allgemeinbegriff entspricht keine objektive Wirklichkeit, nur eine innere, mentale Wirklichkeit. Es gibt demnach nichts in den Dingen, das weder als Eigenschaft weder als Ding selbst versprachlicht werden kann. Mit dieser Auffassung reagieren Roscelin von Compiègne (ca. 1050-ca. 1122), und vor allem 200 Jahre später Wilhelm von Ockham -- obwohl in modifizierter Form, wie wir weiter unten noch sehen werden --, auf den philosophischen Realismus, die Auffassung, daß sprachlichen Begriffen objektive Werte entsprechen.


 

Im Gegensatz zur ‘alten’ realistischen Erkenntnistheorie, als deren Repräsentanten Boethius (ca. 480-524) und Thomas von Aquin (1224-1274) galten, war den mittelalterlichen Nominalisten jede außerhalb des Intellekts (mens) existierende Wesenheit suspekt. Jeder Begriff soll als ein rein subjektives Gebilde aufgefaßt werden, das als Name (nomen oder flatus vocis) keine extramentale Existenz hat. Dafür hatte Wilhelm von Ockam -- auf ihn werde ich mich in dieser Darstellung beschränken, eben weil er Mauthner als Gewährsmann seiner “nominalistische Sprachauffassung” galt -- eine theologische Begründung, auf die ich unten noch kurz eingehen werde. Wichtig ist mir die Beziehung zwischen Allgemeinbegriffen und der Wirklichkeit der einzelnen Gegenständen oder Einzeldinge. Die Subjektivität der Erkenntnis der Allgemeinbegriffe, die der Verstand von den individuellen oder Einzelgegenständen abstrahiert, führt Wilhelm von Ockham weg von der Auffassung, daß Allgemeinbegriffe eine Erkenntnis von der Gegenstandswelt vermitteln und in dieser Hinsicht Wahrheitsansprüche über Extramentales erheben könnten. Die sinnlichen Eindrücke fordern lediglich die begriffsbildende Aktivität des Geistes heraus (vgl. Imbach 1981: 236). Aber “[a]lles wirklich und wahrhaft Seiende ist ein Einzelnes” (Imbach 1981: 235). Durch die intuitive Erkenntnis -- im Gegensatz zur abstraktiven Erkenntnis[21] -- haben wir die Dinge in ihrer Existenz unmittelbar vor uns. Durch diese Erkenntnisweise ist das Individuum unmittelbar in der Lage, Einzeldinge in ihrem Sosein zu erfassen. Es leuchtet ihm zum Beispiel ein, daß bestimmte Eigenschaften dem erfaßten Einzelding inhärieren, so zum Beispiel wird man die Eigenschaften weiß, kurz, stupsnäsig usw. unmittelbar mit Sokrates in Zusammenhang bringen. Wenn man nun davon ausgeht, daß die Einzeldinge jeweils kontingent oder anders sein können als zur Zeit ihres Erfassens sind (so ist zum Beispiel das Individuum Sokrates eine historisch kontingente Person), dann bilden die sprachlichen Bezeichnungen eben dieser historisch kontingenten Gegenstände ein großes Problem für Ockham. So sind Allgemeinbegriffe auf keinerlei Art und Weise auf Singuläres bezogen aufgrund der Kontingenz -- der ontologischen Zufälligkeit -- des individuell Seienden.


 

Weil das wahre Wesen der Dinge aber nur in und von Gott erkannt werden kann, sind unsere beschränkten Erkenntnis- und Bezeichnungsvermögen nicht in der Lage, abstraktiv wahre Sätze über jene Dinge zu erzeugen. Jeder menschliche Erkenntnisakt ist relativ, vorläufig und falsifizierbar. Das bedeutet für die Bezeichnungsmittel (die Namen oder die sprachlichen Zeichen), die uns zur Verfügung stehen, daß sie als das einzige Zugangstor zur Welt der kontingenten Dinge nur vorläufige Wahrheitsansprüche erheben können. Die Wahrheitsansprüche der Sprache müssen demnach auch herabgesetzt werden. Ein sprachliches Wissen von Allgemeinbegriffen ist zwar möglich, ist aber kein Wissen von den wirklichen Dingen, falls es sie überhaupt gibt -- was wir ja nicht wissen können. Diese erkenntnistheoretischen Überlegungen Wilhelm von Ockhams basieren, wie bereits angedeutet, auf seinen theologischen Überlegungen: Außer den sich mühselig um Erkenntnis ringenden Menschen gibt es einen allmächtigen Gott, der alles Zeitliche und Zufällige geschaffen hat. Er ist die ‘Ursache’ jedes einzelnen Dinges und hebt alles Einfache (Singuläre) als solches in sich auf. Wenn Gott nun jedes Einzelne geschaffen hat und erhält, kennt nur er das zusammenhängende Ganze aller einzelnen Gegebenheiten. Das wiederum schränkt das Erkenntnisvermögen der Menschen beträchtlich ein; den Menschen bleibt die Einsicht in das Ganze sämtlicher Dinge versagt. Deswegen bieten die Allgemeinbegriffe (die Universalien) dem Menschen keine oder nur eine eingeschränkte Sicht auf die singulären Dinge. Oder aber: “Ursachen und Wirkungen sind voneinander logisch unabhängig” (Vossenkuhl 1986: 104). Wir wissen nicht warum sie sind und warum sie so sind wie sie sind:

 

Was ist, was Realität außerhalb des Denkens besitzt, ist schließlich singulär. Wir sehen um uns herum nicht Bäume, sondern diese Fichte hier und jene Tanne dort. Auf der Straße treffen wir nicht den Menschen, sondern ausschließlich Einzelmenschen wie Paul, Maria und Johannes. Alle diese ‘singularia’ existieren, auch wenn keinerlei Denken und Erkennen sie wahrnimmt. In dieser Welt der Einzeldinge und des vom Denken Unabhängigen ist kein Platz für Nicht-Einzelnes, Allgemeines und Universales.                                                                                                           (Beckmann 1995: 110)

 

Ockham verortet das Allgemeine also im menschlichen Geist und, daß spricht für sich, in Gott. Das Allgemeine hat sein Fundament nicht in den Einzeldingen, wie Thomas von Aquin und Ockhams Franziskaner Kollege Johannes Duns Scotus (1265-1308) behaupteten, sondern im Geist und genauer gesagt: in der Sprache:

 

In Aussagen von der Art ‘Sokrates ist seiend’ (“Socrates est ens”) stehen der Subjektterm und der Prädikatterm für ein und dasselbe, nämlich für ein individuelles, vom Denken unabhängiges Phänomen der Außenwelt. Dagegen steht in Aussagen von der Art ‘Sokrates gehört zur Spezies homo sapiens’ der Subjektterm nicht für dasselbe wie der Prädikatterm; der Subjektterm steht für ein vom Denken unabhängiges Einzelwesen, während der Prädikatterm für ein vom Denken abhängiges Universale supponiert.                                                                                        (Beckmann 1995: 110)

 

Allgemeine Begriffe haben ihren Sitz im Denken, im Geist des Individuums. Sie werden durch supponierende Zeichen, Zeichen die auf eine extramentale Wirklichkeit hinweisen, diese aber nicht konkret bezeichnen, auf allgemeiner Ebene ersetzt. Diese ontologische oder vielleicht genauer: prädikative Ebene der Allgemeinbegriffe und Ockhams Suppositionslehre soll demnach streng vom ontologischen Bereich der Einzeldinge abgegrenzt werden. Für Ockham ist das Allgemeine eine im Denken subjektiv existierende Qualität, die als Zeichen für Dinge fungiert (oder fungieren kann):

 

Das Sein der Universalien besteht mithin nicht nur in ihrem Erkanntsein, sondern darüber hinaus in ihrer Qualität als mögliche Prädikate, welche als Zeichen für extramentale Einzeldinge verwendet werden können (est signum rei extra).                                                                                          (Beckmann 1995:119)

 

Ockhams Suppositionslehre erklärt somit den Status von Allgemeinbegriffen: Nicht das Einzelding, sondern Sprachliches, der sprachliche Kontext als solcher, bestimmt die Bedeutung der Allgemeinbegriffe als Prädikate. Die Welt der Einzeldinge, die als seiend oder nicht-seiend erkannt werden, ‘verursacht’ das Universale nicht, sondern fordert “die begriffsbildende Tätigkeit des Geistes” (Imbach 1981: 236) heraus. Universalien sind das Ergebnis von Denkakten, wobei die Termini oder Prädikate als Denkobjekte -- diese haben ein objektives Sein (esse obiectivum) -- oder als Denkakte selbst, indem sie intentional etwas aussagen über jene Objekte -- hier spricht Ockham von subjektivem Sein der Denkvorgänge (esse subiectivum) -- auftreten.

Damit wird die naiv-realistische ‘Abbildtheorie der Sprache’, die Auffassung, daß die Form der Objektwelt irgendwie im Geist abgebildet wird, nur zum Teil verlassen. Denn die sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände regen bestimmte, begriffsbildende geistige Akte an, die jene mit früheren Erfahrungen in Zusammenhang bringen. Die Sprache hilft dem Menschen dabei, diese Beziehungen herzustellen, indem sie die sinnlichen Erfahrungen als eine Zeichenbeziehung zwischen Begriff und Wirklichkeit darzustellen vermag: “Aufgabe des Zeichens ist das Verweisen; es steht für etwas anderes, dessen Erkenntnis es hervorruft” (Imbach 1981: 237). Nun gibt es Ockham zwei verschiedene Zeichenarten, die auf unterschiedliche Art und Weise supponieren. So steht das Zeichen für die Erinnerung an eine frühere Erkenntnis. Dies ist zum Beispiel beim Bild der Fall. Im Bild wird bereits Erkanntes wieder erkannt, es hat eine Ähnlichkeit mit dem Abgebildeten. Es gibt aber auch Zeichen, die das Bedeutete nicht repräsentieren, das heißt, es gibt keine Ähnlichkeit zwischen dem Zeichen, Lächeln, und dem Bezeichneten, der Freude. Dies gilt für Begriffe. Der Begriff “erfüllt seine Zeichenfunktion durch die Stellvertretung der Sache in einem Satz (natum est pro ille supponere ... in propositione)” (Imbach 1981: 237). Für Ockham fungieren die Sprachzeichen als Qualitäten  im menschlichen Geist nur im Rahmen von logischen und grammatikalischen Regeln, nicht aufgrund ihrer Abschilderung von Realitätsstrukturen (vgl. Beckmann 1995: 122). Ein Beispiel kann diese Ansicht verdeutlichen. Der Begriff der Ähnlichkeit ist nicht etwas, was ontologisch in Einzeldingen zu finden ist. “Ähnlichkeit” ist gegründet in der Semantik des Ausdrucks ‘ähnlich sein’. Das Gemeinsame, Ähnliche, ist der vergleichenden Tätigkeit des menschlichen Verstandes zu verdanken, der die Individuen x und y unter einer gemeinsamen Perspektive, der der ‘Ähnlichkeit’, betrachtet. Im Sinne des ‘esse obiectivum’ wird der Ähnlichkeitsrelation ein gewisses Prädikat, das Denkobjekt der ‘Ähnlichkeit’, zugesprochen, das für mehrere Ähnlichkeitsbeziehungen stehen kann. Diese subtilen Unterscheidungen im Bereich Wissenschaften, der Theologie, der Semantik und der Ontologie, haben vor allem die Logik und die Naturwissenschaften auf die Beine geholfen, weil sie eine möglichst adäquate Prädizierung von unmittelbar Erkanntem und Eingesehenem für ihr höchstes Ziel hielten. Davon hat auch Mauthner profitiert, obwohl er grundsätzlich kein Naturwissenschaftler, wohl aber als Erkenntnistheoretiker in hohem Maße an der Genesis und Geltung von philosophischen Begriffen interessiert war

 

2.2.2.     Mauthners Sprachnominalismus im Wörterbuch der Philosophie

 

Mauthners Darstellung des Nominalismus im Wb verdankt Ockhams Auffassungen, den ich oben nur im Umriß dargestellt habe, entscheidende Anregungen in seiner Entwicklung der Sprachkritik:

 

Jener Streit zwischen Nominalisten und Wortrealisten wird von der Philosophiegeschichte andauernd so behandelt, als ob es sich da um alte, längst überwundene Spitzfindigkeiten gehandelt hätte; ich habe in meiner Sprachkritik und durch meine Sprachkritik zu beweisen gesucht, daß die Thesen des Nominalismus, natürlich in veränderter Sprachform, die Ausgangspunkte der neuen Erkenntnistheorie sein und bleiben werden.                                                                 (Wb I/1: 33f.)

 

Dieser Rückgriff auf den Nominalismus soll Mauthners Standpunkt auch philosophiehistorisch untermauern und zum Ausdruck bringen. Der Begriff des ‘nomen’, Name, hat Mauthners Interesse auf sich gelenkt: das Sprachimmanente der Sprachkritik und die Unmöglichkeit einer allgemeinen, ‘sprachlosen’ Erkenntnistheorie im Sinne Kants. Seine Sprachkritik versteht Mauthner selbst zwar als Erkenntnistheorie, sie ist aber ein subjektiver Beitrag zu einer Lehre vom Wissen aufgrund einer eingehenden historisch-kritischen Analyse von Begriffen (vgl. Wb I/1: 448). Die Bedeutung dieser Begriffe ist unklar geworden, weil sie aus ihrem ursprünglichen Gebrauchskontext herausgenommen und in der Philosophie substantiviert worden sind. Es ist die Aufgabe der Sprachkritik den verkehrten Wortgebrauch, den Wortaberglauben, vom Kopf wieder auf die Beine zu stellen. Aber hier liegt auch der Unterschied zum Nominalismus eines Wilhelm von Ockham: Es gibt für Mauthner eine historisch-kritische Dimension von Begriffen und Wörtern, die es zu erforschen gilt. Jeder Begriff  ist “ein Niederschlag seiner Geschichte und die Historie eines Wortes [sei] seine wahre Kritik” (Lütkehaus 1997: XXIV). Und dieses historische Interesse aus rein sprachlichen Motiven gab es bei Ockham nicht.

Im Wb weist Mauthner vor allem auf die psychologische, biologische und erkenntnistheoretische Dimension des Nominalismus hin. Seine Sprachkritik ist, wie wir in 1.2. gesehen haben, auch und vor allem an diesen Aspekten interessiert. Er unterscheidet in seinem Wb-Artikel zwischen Nominalismus, Realismus, Wortrealismus und Idealismus. Weil im 19. Jahrhundert der Gegensatz zwischen Realismus und Idealismus entstanden und üblich geworden ist, stellt er dem eigentlichen, mittelalterlichen Nominalismus den Wortrealismus gegenüber. Der Ausgangspunkt der ganzen Diskussion war nach Mauthner die von Porphyrios (233-304), im Anschluß an Aristoteles, gestellte Frage,

 

ob die Gattungsworte nur in unsern Köpfen seien oder Substanzen außerhalb der Köpfe; ob sie körperliche oder unkörperliche Substanzen seien: ob sie von den wahrnehmbaren Dingen losgetrennt seien oder nicht.                                                                                                (Wb I/2: 420)

 

Die Positionen, die nach Porphyrios eingenommen worden sind, lassen sich unter den Bezeichnungen ante rem, in rem und post rem zusammenfassen. Diese Positionen geben auch die traditionellen Auffassungen von Platon (ante rem) und Aristoteles (in rem) wieder. Der extreme Nominalismus geht davon aus, daß die Namen erst hinterher aus den Dingen abstrahiert worden sind (post rem). Mauthner ersetzt den ‘rem’-Begriff durch die Formel ‘Verschiedenes’ (ante multa, in multis, post multa), weil die Ebene der Ontologie und der Metaphysik (repräsentiert durch das Ding-Begriff), die die Nominalisten beschritten, vor allem für die Wortrealisten ein bekanntes Gelände war und für die Nominalisten weniger geeignet war im Hinblick auf ihre “ontologischen” Voraussetzungen (lies: Restriktionen):

 

Der Fehler des Nominalismus war es von Anfang an, daß er sich zum Betreten des metaphysischen oder ontologischen Bodens überhaupt verführen ließ, daß er -- da ihm nun einmal die letzten erkenntnistheoretischen Konsequenzen zu ziehen versagt war -- nicht in den Schranken der Logik ausharrte.                                                                                                           (Wb I/2: 420)

 

Der Bereich der Logik, wie wir oben bereits gesehen haben, ist der Kampfplatz der Nominalisten, den sie als Sieger verlassen sollten. Die Befreiung der Logik und der Sprache von den ontologischen Anforderungen, die es noch im Lager der Wortrealisten gab -- daß ein reales Ding von etwas ausgesagt werden könne --, war ein bedeutender Fortschritt. Auch Mauthner geht davon aus, daß genera (Gattungsnamen) und species (Artnamen) Begriffe und Wörter sind. Diese logische Schlußfolgerung klammerte aber immer noch psychologische und biologische Fragen aus, die in der “Hitze des ganzen Streites” (Wb I/2: 421) nicht mal aufkamen:

 

Noch war die Zeit nicht reif für die psychologische Frage: wenn der Gattungsname nur ein zusammenfassendes Wort für die Ähnlichkeit in den Dingen ist, wie entsteht dieses Wort im Menschengeiste? Und schon gar nicht reif war die Zeit für die Frage der Biologie: wenn die Gattungs- und die Artnamen nur Sammelworte für ähnliche Individuen sind, wie entsteht diese Ähnlichkeit der Individuen, man nähme denn vorherige Muster im Verstande des Schöpfers an.        (Wb I/2: 420)

 

Hier bleiben also die entwicklungs- und sozialpsychologische Genese von Begriffen und Wörtern außer Betracht, wie auch die biologische Erklärung von als “ähnlich” wahrgenommenen und qualifizierten Individuen.[22] Auch Mauthner geht im Wb-Artikel über den Nominalismus nicht weiter auf diese Fragen ein -- obwohl sie ihn im Rahmen seiner physikalischen und psychologischen Interessen am sprachlichen Kommunikationsproblem in hohem Maße interessieren sollten (vgl. unter ‘psychisch’ im Wb I/2: 575ff.) --, sondern er führt seine historisch-kritische Darstellung des Nominalismus fort mit den Problemen des Wortrealismus, d.h. der Sprache.


 

Anhand des Problems der Dogmatik im 11. und 12. Jahrhundert in der scholastischen, wortrealistischen Theologie, erläutert er das mittelalterliche Universalienproblem und seine Abhängigkeit vom Sprachgebrauch. Die Dogmen der Transsubstantiation, der Menschwerdung Gottes, und der Dreieinigkeit führten die wortrealistischen Scholastiker zu einer wortrealistischen Lösung. Zunächst wurde versucht, sie vernünftig zu erklären -- im Sinne des ontologischen Gottesbeweises eines Anselm von Canterbury (vgl. Fußnote unten) --, aber als sich herausstellte, daß dies aufgrund des unbeweisbaren Charakters der Dogmen unmöglich war -- sie konnten nicht logisch begründet werden, ohne jeweils in Unschlüssigkeiten zu geraten --, wurden sie aus dem Bereich der Vernunft entfernt. So entstand für die Realisten die Möglichkeit zur Begründung einer ontologischen Dimension theologischer Begriffe und für die Nominalisten die Möglichkeit der Abgrenzung des Bereichs der Vernunft, des Denkbaren oder Logischen von der ontologischen Wirklichkeit von Allgemeinbegriffen. Die Nominalisten konnten Probleme der traditionellen Scholastik als Sprachprobleme analysieren:

 

Anselm konnte es gar nicht verstehen, daß die Weisheit nur eine Eigenschaft der Seele, nicht eine Person für sich sein sollte. Weisheit, Gerechtigkeit, Güte waren der Zeit keine Eigenschaften, keine blassen Allegorien, sondern wirkliche Personen, Vielleicht hilft uns das übrigens, die für unsern Geschmack ungenießbaren Dramen des späten Mittelalters, die sogenannten Mysterien, besser zu würdigen, in denen Tugenden und Laster als handelnde Personen auftreten.                       (Wb I/2: 424)

 

Mit Pierre Abaelard (1079-1142) und seinem Lehrer Roscelinus fing der Streit um den ontologischen (personifizierten) Status der Universalbegriffe an. Macht, Weisheit und Güte inhärierten nicht Gott, sondern waren Attribute einer einzigen Gottheit, waren also vernünftig zu verstehen, oder, bei Roscelinus, gab es eine Dreigötterlehre, weil die drei Personen der Gottheit (Vater, Sohn und Heiliger Geist) nur individuelle existieren können. Diese Auffassungen wurden dann von Anselm und Thomas von Aquin “ausgetilgt” (Wb I/2: 424). Erst Wilhelm von Ockham gelang es wieder, nominalistische Gedanken zu verbreiten, obwohl er in seinem Kampf gegen die Wortrealisten ein fast unlesbares Werk im Bereich des nominalistische Psychologismus[23]  hinterlassen hat. Der Konzeptualismus oder gemäßigter Nominalismus, dem Ockham angehörte, ging davon  aus, daß Gattungswörter weder Wirklichkeiten früher als die Individuen noch später als diese sind: Sie sind Begriffe eines Verstandes (vgl. Wb I/2: 426). Entscheidend war für Ockham also, daß Gattungs- und Artnamen bloße Wörter oder Begriffe, Begriffe des Verstandes (der Vernunft) sind und nicht vorher im Verstande Gottes bereitlagen. Der menschliche Verstand bildet diese Begriffe nachher aufgrund seiner psychischen Fähigkeiten. Die Frage blieb aber: Wie? Die Gattungswörter sind im Verstande subjektiv als Vorstellungen (diese haben ein objektives Sein) oder als Substanzen (Dispositionen oder haben ein subjektives Sein). Für Ockham sind nur diejenigen Begriffe wirklich und wahr, die auf intuitive Wahrnehmung zurückgehen. Intuitive Erfahrung ist der unmittelbare Eindruck auf unser “Innenleben” (Wb I/2: 427) von Vorgestelltem:

 

Wie die Gattungswörter im menschlichen Verstande entstehen, wie also die Begriffe post rem aus den Ähnlichkeiten in den Dingen abstrahiert werden, das war die neue Aufgabe der Psychologie, die sich selbst nur für eine moderne, nominalistische Logik hielt.                                                                   (Wb I/2: 427)

 

Erst spät wurde diese Logik auf die Wirkung der Assoziationstätigkeit als psychische Fähigkeit zurückgeführt. Bis zum Durchdringen des Darwinismus wurde weder diese psychologische Dimension der nominalistischen Logik noch die biologische ernsthaft ausgebaut. Das Problem der Ähnlichkeit der von Gott geschaffenen Organismen ließ sich logisch auch nicht gut erklären. Die Ähnlichkeit der Gattungen und Arten entstand nicht im menschlichen Verstand, sondern steckte bereits in den natürlichen Dingen.

Was sich hier nun kaum erklären läßt ist die Zweckmäßigkeit dieser Entwicklung der Organismen. Diese Entwicklung ist logisch, verstandesmäßig, kaum zu verstehen, wenn nicht die Begriffe, die diese Anpassungs- und Vererbungslehre Darwins bestimmen, kritisch überprüft werden. Der historische Abriß des Nominalismus führte Mauthner zu eben dieser Kritik am Darwinismus, der die Inhalte der Grundbegriffe ‘Zweck’, ‘Leben’, ‘Anpassung’, ‘Vererbung’[24]  ziemlich unkritisch anwendet. Diese kritische Überprüfung führt automatisch zur Sprachkritik, wenn wir folgende Fragen verstehen:

 


 

Wie können wir durch die Gattungswörter über die Erkenntnis von Individuen hinausgelangen? Welchen Sinn, welchen Inhalt haben die Gattungswörter noch für uns? Gelingt es uns, diese Frage, deren Beantwortung in Worten kaum möglich sein wird, wenigstens zu präzisieren, so hat sich der alte Nominalismus zu einer Kritik der Sprache entwickelt.                                                                                                                                                                          (Wb I/2: 429)

 

Die Sprachkritik versteht auch die Kategorienlehre des Aristoteles als eine verfehlte Grammatik. Die Theologie machte einiges noch schlimmer, indem allgemeine Begriffe als Personifizierungen, als reale Entitäten bezeichnet wurden, während Allgemeinbegriffe im Nominalismus nicht anders denn als Prädikate aufgefaßt wurden. Ockhams verstandesmäßige, sprachbezogene Entlarvung der wortabergläubischen Ansichten der Scholastiker führte vor allem im englischen Sprachraum (man denke hier an John Locke und David Hume, aber auch an Charles Darwin) zu entscheidenden psychologischen und biologischen Überlegungen. Er wandte als erster die Psychologie auf die Logik und Sprachphilosophie an, die nicht nur diese, sondern auch die Naturwissenschaften allmählich von ihrem realistischen Erbe befreite:

 

Ihm sind die unmittelbaren Wahrnehmungen (die er noch nicht als intellektuell erkannt hatte) die erste Erkenntnis; die Auffassung oder die bewußte Apperzeption eines Einzeldings ist ihm schon die erste Abstraktion; diese Apperzeption werde niemals ohne einen Akt der Repräsentation vorgenommen, ohne ein äußeres Zeichen, wie der Seufzer ein Zeichen des Schmerzes sei. Die Gattungswörter, mit denen wir eine eine Anzahl ähnlicher Einzeldinge bezeichnen, sind also Zeichen von Zeichen; er hätte strenger sagen müssen: Zeichen von Zeichen von Zeichen.                                       (Wb I/2: 430)

 

Sprachzeichen sind Mauthner demnach immer metaphorisch, bildhaft, weil Wörter nicht mehr und nicht weniger als Wörter von Wörter sind, sie kommen also nicht über diesen ‘inneren Sinn’ hinaus. Es ist nach Mauthner der Fortschritt der Sprachkritik über den Nominalismus gewesen, diese Tatsache historisch, nach dem Entstehen von Wörtern im Rahmen ihrer Wortzusammenhänge, klarzustellen. Der alte Nominalismus war nicht imstande, die “praktische Unzulänglichkeit der Sprache für die Welterkenntnis [einzusehen]” (Wb I/2: 431), weil sie dennoch, über diesen Zeichenzusammenhang hinaus, an die Existenz von Einzeldingen glaubte. Dennoch haben Ockham und die Weiterentwicklung im englischen Nominalismus (Locke und Hume) im Ansatz zur Sprachkritik und zur Entlarvung von Scheinbegriffen beigetragen. Diese etymologische und deontologisierende Kritik war ja auch die Absicht Mauthners in seinem Wörterbuch der Philosophie.

 

2.2.3.     Ockham und Mauthner im Vergleich

 

Erkenntniskritik aufgrund einer psychologischen Analyse von Begriffen ist wohl charakteristisch für Mauthners herangehen an das Problem der Allgemeinbegriffen und ihre Funktion im Erkenntnisprozeß. Begriffe sind für Mauthner nicht länger als objektive, real existierende Entitäten (Dinge) zu begreifen, sondern als psychische Vorgänge (Akte). Mit diesen psychischen Vorgängen wird die Welt der sinnlich wahrgenommenen Welt erfaßt. Psychische Akte wie wahrnehmen, vorstellen, sich erinnern, denken usw. greifen in die wahrgenommene, vorgestellte, erinnerte oder gedachte Welt ein, indem sie subjektiv das möglich Erfahrbare auf den Begriff bringen (als Wahrnehmung, Vorstellung usw.): Man stellt sich etwas als schön, häßlich, lang usw. vor, man erinnert sich an ein solches Etwas oder hat schon mal etwas Schönes, Häßliches, Langes usw. vorgestellt, sich daran erinnert usw. Diese subjektiven Erfahrungen ziehen mögliche Wahrnehmungen, Vorstellungen oder Gedanken in den Bereich der Subjektivität, der auch die Bedeutung von sprachlichen Begriffen bestimmt. Hinzu kommt aber für Mauthner -- und das ist außer dem historisch-kritischen Vorgehen der zweite Kritikpunkt Mauthners am Nominalismus --, daß Sprache, in der die psychischen Akte begrifflich zum Ausdruck kommen, ein soziales Phänomen ist, dessen Wirklichkeit jedem psychischen Erfassen vorangeht (das sogenannte Apriori der Sprache):

 

Die Sprache wie die Vernunft ist niemals wirklich als in den einzelnen Sprechakten und Denkakten; Sprache und Vernunft sind zwischen den Menschen, sind soziale Erscheinungen als wie die Sitte. Vielleicht auch nur: als wie eine Spielregel. So wenig wir eine übermenschliche philosophische Sprache kennen, so wenig wissen wir -- wenn wir nur die Sehnsüchte der Mystik ausscheiden -- von einer reinen Vernunft. Kritik der Vernunft muß Kritik der Sprache werden. Alle kritische Philosophie ist Kritik der Sprache.                                                                                                                 (Mauthner 1922: 135)

 

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird das sämtliche, oben skizzierte Problemfeld gelöst -- oder muß man im Sinne des Buddhismus sagen: ausgelöscht? Alles sich außerhalb der Sprache und der Sprachzeichen Befindliche bietet keine objektive Gewißheit oder Erkenntnis. Nur die Sprachzeichen, ihre Zusammenhänge in Sätzen und im Gebrauch, bieten einen letzten immanenten Halt:

 

Mauthner fragt: Wie ist es möglich, objektive Urteile zu produzieren, welche aus subjektiven Quellen stammen? und er antwortet: Dies ist unmöglich. Daß etwas ein Pferd ist, ist im Wort “Pferd” enthalten; mit Hilfe dieses Wortes ist es möglich, zu urteilen, daß es eines ist. Daß andere damit übereinstimmen, ist kein Zeichen von Objektivität; die Übereinstimmung kann ebenso leicht erklärt werden, indem man sich auf Ähnlichkeiten in der mentalen Struktur beruft.                                                                                                                                                                                               (Weiler 1995: 132)

 

Letztere, biologische Erklärung wäre für Mauthner genauso unakzeptabel gewesen wie die Voraussetzung eines objektiv existierenden Pferdes. Denn das Entstehen und Vergehen von weltweit ausdifferenzierten Wörtern (Grammatiken oder Stilfiguren) für gleiche Begriffe -- falls es solche gibt! -- läßt keine biologische Erklärung zu. Sprache entwickelt sich vielmehr in verschiedenen Handlungskontexten und aus sprachpolitischen Entscheidungen, um sich eher für diese als für jene für kommunikative Mittel zu entscheiden. Der pragmatische Erfolg der Sprache widerspricht Mauthners sprachkritischem Subjektivismus. Es bleibt aufgrund der Zufallssinne, der Tatsache, daß unsere Sinne nur so und so wahrnehmen und nicht eben anders wie bei anderen Lebewesen, und des Wortaberglaubens, des Glaubens an eine außersprachliche, objektive und substantivische Wirklichkeit, etwas Mystisches übrig, eine Welt der Fiktionen, die zwar intersubjektiv vermittelt werden können, nicht aber wesentlich zur Erweiterung unserer Weltkenntnisse beitragen. Es ist für Mauthner, wie für Ockham, unmöglich, unmittelbare, subjektive Erfahrungen und Begriffe abstraktiv zu vermitteln, es sei denn über Sprachzeichen, die zwar eine referenzielle Funktion besitzen, im intersubjektiven Sprachverkehr aber ohne die Voraussetzung der Existenz von Dingen, und zwar als Fiktionen  auskommen können. Wie auch Mauthner seine Dreiweltentheorie entwarf, um diesen unterschiedlichen Dimensionen der fiktiven Sprachwelt gerecht zu werden, so koppelte Ockham die ontologische Ebene der Allgemeinbegriffe von ihrer prädikativen Funktion im Satz ab. Mit seiner Suppositionslehre ging es ihm um die Voraussetzungen von Termini, von ihrer Ein- oder Mehrdeutigkeit oder von ihrer Selbstreferenz, die als solche nichts über die Gegenstandswelt aussagte. Sprachzeichen stellen zwar auf einer abstrakten Ebene Ausschnitte aus der kontingent wahrgenommenen Welt dar, sie können aber im Satz, im Sprachgebrauch, angewandt werde, ohne daß diese Problematik die Kommunikation zwischen Sprachgebrauchern stört.

Im folgenden und letzten Abschnitt werde ich näher auf diese Problematik der Kommunikation bei Mauthner eingehen.

 

2.3.        Sprachproduktion und Sprachrezeption im Sinne der Sprachkritik. Postnominalistische Überlegungen

 

Ich werde im abschließenden Abschnitt meiner Mauthner-Darstellung noch kurz auf einige methodologische und wissenschaftstheoretische Fragen im Rahmen von Mauthners Sprachnominalismus eingehen, die man als eine Erweiterung der oben vor allem historisch gegebenen Analysen betrachten kann.

Im Rahmen der empirischen Analyse der Sprache, aus historisch-kritischer Sicht, scheint mir die Tatsache wichtig, daß in jedem Sprachakt, ob dieser nun produktiver oder rezeptiver Natur ist, die “Spracherkennung, -verarbeitung und -produktion” bewußtlos (physiologisch) abläuft und uns eigentlich nur die äußere Seite dieses Vorgangs, der sprachliche Ausdruck, der sinnlich wahrgenommen wird, bewußt ist. Wie Roggenhofer im Hinblick auf Lichtenbergs Sprachkritik behauptet:

 

Ohne weiteres werden uns nur die sinnlichen Wahrnehmungen unserer Sprachperformanz bewußt. Es liegt daher nahe, Sprache als empirisches Phänomen einem naturwissenschaft-lichen Erkenntnismodell als möglichen Gegenstand zuzuordnen.                                                                                                                    (Roggenhofer 1992: 95)

 

Mit Lichtenberg -- und Mauthner! -- könnte man sich also fragen, ob nicht auch unsere Sprache als naturwissenschaftliches Phänomen zu betrachten ist. Sprache wird damit nicht nur zur notwendigen Voraussetzung naturwissenschaftlicher Erkenntnis, sondern ist selbst Gegenstand naturwissenschaftlicher Erkenntnis. In gewisser Hinsicht scheint diese Frage legitim, denn für Mauthner sind Begriffe ebenfalls, wie auch naturwissenschaftliche Wahrnehmungen, sinnlich bedingt. Ohne Sinneserfahrungen gäbe es weder sprachliche noch naturwissenschaftliche Erfahrungen und Erkenntnisse und könnte man versucht sein, Sprache als eine Funktion von hörbaren Sinneseindrücken zu verstehen. Für Mauthner aber gibt es im Anschluß an den Skeptizismus Humes keine objektiven, neutralen Daten; auch Wörter sind mehr denn Schälle oder Laute, sie sind Zeichen, die anders denn nach naturwissenschaftlichem Verfahren gemessen werden können.


 

Aber, und das ist bei Mauthner die Kehrseite der Medaille, gibt es ohne die Sprache keine Erfahrung. Ohne die Sprache ist sinnliche Erfahrung in übertragenem Sinn sinnlos geworden. Nach Mauthner kommt jede Erkenntnis nicht ohne sprachliche Form aus. Die, der Bedeutung nach jeweils subjektive Sprache ist aber die einzige Wurzel möglicher Erkenntnis. Und wenn man nun sicher gehen will, daß die sinnlichen Erfahrungen sprachlich korrekt wiedergegeben werden, so kann man nur von der eigenen Erfahrung, den eigenen sinnlichen Wahrnehmungen, ausgehen -- hier greift Mauthner Gedanken von Francis Bacon (1561-1626) auf, indem er davon ausgeht, daß ein vorurteilsloses Sammeln und Vergleichen von Beobachtungen der Wissenschaft aller Anfang ist (vgl. Wb I/1: “Bacons Gespensterlehre”). Im Wb zeigt Mauthner dieses subjektive Verfahren des Sammelns und Vergleichens in optima forma. Er will die philosophischen “Scheinbegriffe” (vgl. Abschnitt XII seiner “Einleitung” zum Wb), deren sich die großen Philosophen wohl bewußt gewesen sind, als solche entlarven. Er weist in diesem Zusammenhang auf die praktische Brauchbarkeit von Scheinbegriffen hin:

 

[Die eigentlich großen Philosophen] hatten gar keine Zeit, den Stall des Augias [den Herakles an einem Tag sauber machte - fv] zu reinigen, den gesamten Wortvorrat der Sprache, in der sie schrieben, vorher auf seine Brauchbarkeit zu prüfen. Sie nahmen das Erbteil ihres Volkes und der Menschheit, die Sprache, cum beneficio inventarii an und bestritten die Kosten ihres Denkens von diesem Erbe, ohne sich viel um die Herkunft und um die Prägung und um die Schönheit der Wortmünzen zu bekümmern. Spinoza, Hume, Kant waren keine Historiker der Sprache; keine menschliche Geisteskraft ist groß genug, um zugleich die Architektur eines neuen Weltsystems zu schaffen und daneben die Kleinarbeit der Wortkritik zu leisten.                                                                                                                      (Wb I/1: CXXVI)

 

Brauchbar sind diese Begriffe erst dann, wenn sie im Sprachgebrauch, also in der Sprachpraxis, funktionieren -- gleichsam als Münzen im Geldverkehr. Daher auch Mauthners vehemente Kritik an Scheinbegriffen im Sinne von substantivischen, psychologischen Entitäten -- diese Kritik appelliert an seine Dreibildertheorie, in der die funktionelle Handlungsdimension der Wörter für die Sprache entscheidend ist --, denen überhaupt keine Wirklichkeit, kein Einzelgegenstand, entspricht. Auch hier schimmert Mauthners Sprachnominalismus durch: Scheinbegriffe haben im Sprachverkehr einen Kurswert, dabei wird aber abgesehen von der “lebendigen, fließenden Bedeutung” (Wb I/1: 161).[25] Scheinbegriffe sind im Sprachverkehr nützliche Fiktionen, die nur intersubjektiv auf ihre Bedeutung hin überprüft werden können, aber keineswegs adjektivische Wirkung haben können und folglich mit Vorsicht behandelt werden sollten, weil ihnen in der Realität nichts entspricht:

 

Die Zerstörung von Scheinbegriffen, die Aufdeckung ihrer Falschheit ist also nicht nur ein theoretisches Bedürfnis für die menschliche Erkenntnis, sondern in sehr vielen Fällen auch ein praktischer Vorteil, weshalb der Sprachkritiker es sich gefallen lassen muß und mag, zu den Aufklärern gerechnet zu werden.                            (Wb I/1: CXXIX; meine Hervorhebung - fv)

 

Dieser praktische Vorteil der Sprachkritik, die Aufklärung der Sprachgebraucher über die Fliegenglasgestalt der Sprache,[26] ist ein Nebeneffekt, obwohl ein bedeutender. Es ging Mauthner hauptsächlich darum, den Wortaberglauben unter den Philosophen anzuprangern und die philosophischen Begriffe im Sinne einer Genealogie in den richtigen Kontext zu stellen.


 

Dieses Verfahren hat auch für die Linguistik als eine eigenständige Disziplin Konsequenzen. Die nominalistische Zweiteilung von Ontologie und subjektivem Wissen führt fast wie von selbst zur Autonomie der Sprache. Die kontextuell bedingte Bedeutung von Sprachzeichen kommt ohne explizite Referenz auf Einzelgegenstände aus. Die Welt der Einzeldinge ist zwar die einzige ontologische Basis menschlicher Erkenntnis, die Einzelgegenstände sind aber unabhängig vom Funktionieren von Sprachzeichen in der menschlichen Rede. Der Bedeutungsbereich von Sprachzeichen ist keine externe, sondern eine subjektabhängige, interne Angelegenheit, Der Sprachgebrauch, die kontextuelle Bedingtheit der Sprache in Gebrauchssituationen, konstituiert Bedeutungen und nicht der Gegenstandsbereich. Damit nimmt Mauthner das spätere Kohärenzprinzip des späteren Wiener Kreises vorweg,[27] indem er nicht umhin kann, Wahrheitsansprüche im Bereich der Sprache zu verorten. Und in diesem Bereich ist Wahrheit, die Referenz auf sprachexterne Dinge, ein Problemfall, nämlich tautologisch:


 

Wir kennen keine andern Urteile als sprachliche; also sind wahr und falsch Attribute der Rede, der Worte, eines Satzes. Und ein Satz ist wahr, wenn das Prädikat das Subjekt in sich mitenthält. Ich glaube nicht, daß ich die Ansicht des starken Hobbes [Thomas Hobbes (1588-1679);  vgl. zu Hobbes Wb I/2: 99-104 - fv] mißverstehe, wenn ich sie nun so ausdrücke: nur tautologische Sätze sind wahr. (Wb I/3: 410)

 

So ist von der Bedeutung her die Sprache autonom. Bedeutungen gibt es in einem semantischen und syntaktischen Umfeld (Kontext), das die Wahrheit gleichsam tautologisch bestimmt. Nur im Sprachgebrauch bekommen Wörter ihre Bedeutung; der Gebrauch schafft einen Bedeutungszusammenhang, in dem Wörter und Sätze ihre Wahrheit (gleich Funktionalität) erhalten. Ein unlösbares Problem der Sprache bleibt aber die Referenz auf außersprachliche Gegenstände, die in einer referentiellen Wahrheitstheorie feste, verständliche und mitteilbare Wortbedeutungen garantieren sollen:

 

When meaning in language is no longer anchored to an external world in the mind of its users, the resultant individuality of language presents a significant problem: ‘D.h. dass sich nach Mauthner die individuellen Gebrauchsweisen eines Wortes sich nie vollständig überdecken, dass sie sich nur jeweils ‘überlappen’’. A grammar of such a language can be a construct, at best a somewhat useful, if not exhaustive, description of reality.                                    (Arens 1981: 72)

 

Mauthners nominalistische Position bestätigt die Produktivität linguistischer Regeln. Das Wie der sprachlichen Artikulation der Sprachgebraucher, der Kontexterweiterung durch die Anwendung semantischer (etymologischer) und syntaktischer (logischer) Regeln, ist für Mauthner die philosophisch-analytische Ausgangsfrage, die ihn in seinen sprachkritischen Wanderungen begleitet hat. Sie führten zum Beispiel zur kritischen Entlarvung metaphysischer Begriffe wie ‘sein’ und ‘Nichts’:

 

[...] die sogenannte Bejahung fügt zu dem Urteile nichts hinzu; [...]; die ausdrückliche Bejahung oder der Eid behauptet nur: ich halte das für wahr oder ich glaube das, so wahr ich meinen Glauben für wahr halte. [...]. Die Lehre der alten Logik, daß jedes Urteil entweder ein bejahendes oder ein verneinendes sein müsse, ist ein erster unsicher tappender Einteilungsversuch, [...]. Die Bejahung ist erst die Verneinung einer Verneinung. [...]; im Verhältnis aber zur Bejahung ist die Negation das Primäre.                                                                                                                                                                                    (Wb I/2: 407f.)

 

Es gibt also im Grunde nichts, was bejaht werden kann, nur eine Verneinung kann verneint werden und führt zur Bejahung -- ist also selbstbestätigend: wenn die Tatsache, daß nichts ist, verneint wird, wird sie bejaht. Mauthner führt diese Analysen unter ‘Nichts’ noch einige Seiten durch und kommt nach einer ausführlichen etymologischen Darstellung von Verneinungsformen im Deutschen, Lateinischen, Französischen und Mittelhochdeutschen zur Schlußfolgerung, daß die Negation ursprünglich als “physiologischer Laut des Ekels und der Ablehnung war, ein nasales Herausstoßen der Luft, das vielleicht symbolisch ein Ausspeien widerwärtiger Speise bedeutete” (Wb I/2: 411). Das Verneinen ist also eine physiologische Handlung, etwas Momentanes, das aber schon früh -- in der verneinenden Theologie des Dionysios Areopagita (etwa 500 n.Chr.) und des Meister Eckhart (ca. 1260 - ca. 1328), und zwar im Ringen um die Negation in der Gottesvorstellung -- substantiviert wurde und zum Wortaberglauben -- es gäbe ein Nichts -- geführt hat. Und in diesem Zusammenhang hat Mauthner selbstverständlich auch einiges an Hegel auszusetzen. Er rechnet Hegel zur Tradition des Dionysios und Meister Eckhart, zu den Mystikern oder Wortrealisten. Im Gegensatz zu Meister Eckhart aber hat Hegel “es nur darin versehen, daß er das Unaussprechliche nicht mit dunklen Gefühlsworten, im Bilde, ahnen lassen, sondern es mit subtil definierten Verstandesworten begrifflich erfassen wollte” (vgl. Wb I/2: 414). Hier darf man übrigens nicht aus dem Auge verlieren, daß auch Mauthner in seinem Meersburger Glaserhäusle mit seinen literarischen Versuchen mystische Züge zeigte und zum Bewunderer des “Gefühlsmenschen” Eckart wurde.

 

Aber im Umfeld der Mystik paßt das Schweigen.

 

3.  Zum Schluß

 

In dieser Arbeit habe ich zu zeigen versucht, daß Mauthners Sprachkritik entscheidend durch seine Interpretation des mittelalterlichen Nominalismus und dessen Weiterführung durch die britischen Empiristen Locke, Hobbes und Hume beeinflußt worden ist. Er hat sich als Autodidakt an die Philosophiegeschichte herangemacht und versucht, die Zusammenhänge zwischen Denken, Sprache, Erkennen und Wahrnehmen als spezifisch menschliche Prozesse nachzuweisen und auf ihre Sprachabhängigkeit hin historisch-kritisch zu beschreiben. Seine Unzufriedenheit mit dem auf eine Scheinwirklichkeit basierten Wirklichkeitsverständnis der Geistes- und Naturwissenschaften im Fin de siècle führte schließlich auch Mauthner selbst, trotz seines umfangreichen literarischen, journalistischen und philosophischen Werkes zum Schweigen. Die Sprachwirklichkeit der adjektivischen, verbalen und substantivischen Welt konnte Mauthner nicht in Einklang bringen, konnte er nicht in einer ersehnten Einheit aufheben. Wenn ihm das gelingen sollte (vgl. Mauthner 1922: 142), so wäre Erkenntnis möglich. Die konstatierte Unmöglichkeit, diese drei “Gesichtspunkte” zu vereinigen, führte aber nur zum Schweigen:

 

[...]; für das Bild der Welt, das eine ähnliche, ist unser Gesicht, ist unsere Sprache nicht geeignet. Der Übermensch ist eine Sehnsucht, kann also nie wirklich sein.                                                                                         (Mauthner 1922: 143)


 

4.           Literaturverzeichnis

 

Albrecht, Erhard

1991               Sprachphilosophie. Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften.

Arens, Katherine

1981               Functionalism and Fin de Siècle: Fritz Mauthner’s Critique of Language. University Microfilms International. [Ph.D. Stanford University.]

1995               ‘Mach und Mauthner: Der Fall eines Paradigmenwechsels’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 95-110).

Aristoteles

1995               Physik. In: Aristoteles: Philosophische Schriften. Band 6. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft [Vorlesungen über die Natur. Übersetzt von Hans Günter Zekl].

Beckmann, Jan P.

1995               Wilhelm von Ockham. München: Beck.

Berlage, Andreas

1994               Empfindung, Ich und Sprache um 1900: Ernst Mach, Hermann Bahr und Fritz Mauthner im Zusammenhang. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang.

Bernauer, Egmont

1956               Die Sprachkritik Denis Diderots. Augsburg [Inaugural-Dissertation1].

Bor, Jan & Errit Petersma & Jelle Kingma Hgg.

1995               De verbeelding van het denken. Geïllustreerde geschiedenis van de westerse en oosterse filosofie. Amsterdam, Antwerpen: Contact.

Borsche, Tilmann

1981               Sprachansichten. Der Begriff der menschlichen Rede in der Sprachphilosophie Wilhelm von Humboldts. Stuttgart: Klett-Cotta.

Bosch, Manfred

1996               “Ins Freie will ich”. Harriet Straub / Hedwig Mauthner und das Glaserhäusle in Meersburg. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft [Spuren, Bd. 33].

Bredeck, Elizabeth

1995               ‘Geschichte - Zufallsgeschichte - Kulturgeschichte: Sprachkritik im historischen Sinne’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 83-94).

Cloeren, Herrmann J.

1988               Language and Thought. German Approaches to Analytic Philosophy in the 18th and 19th Centuries. Berlin, New York: Walter de Gruyter.

Dapía, Silvia G.

1993               Die Rezeption der Sprachkritik Fritz Mauthners im Werk von Jorge Luis Borges. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag.

Delf, Hanna Hg.

1994               Gustav Landauer -- Fritz Mauthner. Briefwechsel 1890-1919. München Beck.

Eco, Umberto

1994               Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München: Beck [La ricerca della lingua prefetta nella cultura europea (1993). Aus dem Italienischen von B. Kroeber ].

Eisen, Walter

1929               Fritz Mauthners Kritik der Sprache. Eine Darstellung und Beurteilung vom Standpunkt eines kritischen Positivismus. Wien, Leipzig: Wilhelm Braumüller.

Gabriel, Gottfried

1995               ‘Philosophie und Poesie: Kritische Bemerkungen zu Fritz Mauthners “Dekonstruktion” des Erkenntnisbegriffs’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 27-42).

Geier, Manfred

1992               Der Wiener Kreis. Reinbek: Rowohlt.

Gustafsson, Lars

1980               Sprache und Lüge. Drei sprachphilosophische Extremisten. Friedrich Nietzsche, Alexander Bryan Johnson, Fritz Mauthner. München, Wien: Carl Hanser [aus dem Schwedischen von Susanne Seul].

Haller, Rudolf

1988               “Grundzüge der Machschen Philosophie”. In: Haller & Stadler Hgg. (1988: 64-86)

Haller, Rudolf & Friedrich Stadler (Hgg.)

1988               Ernst Mach. Werk und Wirkung. Wien: Hölder - Pichler - Tempsky.

Höffe, Otfried

19923             Immanuel Kant. München: Beck.

Hume, David

1739-40         A Treatise of Human Nature. London: Penguin Books [1984; edited with an introduction by Ernest C. Mossner].

Imbach, Ruedi

1981               “Wilhelm von Ockham”. In: Otfried Höffe (Hg.): Klassiker der Philosophie. Band I: Von den Vorsokratikern bis David Hume. München: Beck, 220-244.

Janik, Allan & Stephen Toulmin

1998               Wittgensteins Wien. Wien: Döcker [Originalausgabe 1972: Wittgenstein’s Vienna].

Knobloch, Clemens

1988               Geschichte der psychologischen Sprachauffassung in Deutschland von 1850 bis 1920. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

Kühn, Joachim

1975               Gescheiterte Sprachkritik. Fritz Mauthners Leben und Werk. Berlin, New York: Walter de Gruyter.

1995               ‘Das Erschrecken über die Sprache: Selbstrechtfertigung und Selbststilisierung  bei Fritz Mauthner’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 111-124).

Kurzreiter, Martin

1993               Sprachkritik als Ideologiekritik bei Fritz Mauthner. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang.

Kusch, Martin

1995               Psychologism. A case study in the sociology of philosophical knowledge. London, New York: Routledge.

Lütkehaus, Ludger

1997               ‘Vorwort und Einleitung zur Wiener Mauthner-Ausgabe’. In: Mauthner (1923-242: VII-LV).

Leinfellner, Elisabeth

1969               “Zur nominalistischen Begründung von Linguistik und Sprachphilosophie: Fritz Mauthner und Ludwig Wittgenstein”. Studium Generale 22, 209-251.

1995a            ‘Die böse Sprache: Fritz Mauthner und das Problem der Sprachkritik und ihrer Rechtfertigung’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 57-82).

1995b            ‘Fritz Mauthner im historischen Kontext der empirischen, analytischen und sprachkritischen Philosophie’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 145-163).

Leinfellner, Elisabeth & Hubert Schleichert

1995               ‘Fritz Mauthner, der schwierige Kritiker’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 7-10).

Leinfellner, Elisabeth & Hubert Schleichert (Hgg.)

1995               Fritz Mauthner. Das Werk eines kritischen Denkers. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag.

Mach, Ernst

1885               Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen. Jena: G. Fischer [19229; Nachdruck der 9. Auflage mit einem Vorwort zum Neudruck von Gereon Wolters. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991].

Mauthner, Fritz

1889-1915    ‘Der Briefwechsel von Ernst Mach mit Fritz Mauthner’. In: Haller & Stadler Hgg. (1988: 229-243).

1913               Der letzte Tod des Gautama Buddha. München, Leipzig: G. Müller

1922               ‘Fritz Mauthner. Selbstdarstellung’. In: Raymund Schmidt (Hg.): Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Leipzig: Felix Meiner, 121-143.

1923-242       Worterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Leipzig: Fritz Meiner. (Fritz Mauthner. Das philosophische Werk. Nach den Ausgaben letzter Hand herausgegeben von Ludger Lütkehaus in 3 Bänden. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag, 1997.)

McGuinness, Brian

1988               Wittgenstein. A Life. Young Ludwig (1889-1921). London: Penguin.

Roggenhofer, Johannes

1992               Zum Sprachdenken Georg Christoph Lichtenbergs. Tübingen: Niemeyer.

Schleichert, Hubert

1995a            ‘Kritische Betrachtungen über Mauthners Sprachkritik (und nicht nur seine)’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 43-56).

Schleichert, Hubert (Forts.)

1995b            ‘Mauthners Atheismusbuch (Eine verspätete Buchbesprechung)’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 137-144).

Schopenhauer, Arthur

1813               “Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde”. In: --- (1988; 19912): Werke in fünf Bänden. Band III: Kleinere Schriften. Zürich: Haffmanns (hg. von Ludger Lütkehaus), 7-167.

1818               “Die Welt als Wille und Vorstellung”. In: --- (1988; 19912): Werke in fünf Bänden. Band I und Band II. Zürich: Haffmanns (2 Bände, hg. von Ludger Lütkehaus).

Schulte, Joachim

1989               Wittgenstein. Eine Einführung. Stuttgart: Reclam.

Serzisko, Fritz

1995               “Die Sprache ist eine nützliche Erfindung”. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 11-26).

Simonis, Hans

1959               Die Sprachphilosophie O.F. Gruppe's und G. Gerber's nach ihrer Bedeutung für die Erkenntnistheorie. Bonn (Inaugural-Dissertation).

Sommer, Manfred

1988               “Denkökonomie und Empfindungstheorie bei Mach und Husserl -- Zum Verhältnis von Positivismus und Phänomenologie”. In: Haller/Stadler Hgg. (1988: 309-328)

Streminger, Gerhard

1986               David Hume. Sein Leben und Werk. Paderborn, Zürich etc.: Ferdinand Schöningh.

19953          David Hume. Sein Leben und sein Werk. Paderborn etc.: Schöningh.

Vonk, Frank

1985               Wilhelm von Humboldt und Karl Bühler. Wissenschaftstheoretische Untersuchungen zum Methodenproblem in den Sprachwissenschaften. Utrecht [Magisterarbeit].

Vossenkuhl, Wilhelm

1995               Wittgenstein. München: Beck.

Weiler, Gershon

1967               ‘Fritz Mauthner’. In: Paul Edwards (Hg.): The Encyclopaedia of Philosophy. Band 5. New York: MacMillan&The Free Press, 221-223.

1970               Mauthner’s Critique of Language. Cambridge: Cambridge University Press.

1995               ‘Mauthners Philosophie des Geistes’. In: Leinfellner & Schleichert Hgg. (1995: 125-136).

Wilhelm von Ockham

1984               Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft. Stuttgart: Reclam [Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Ruedi Imbach].


 

Willemsen, Harry (Hg.)

1992               Woordenboek Filosofie. Assen, Maastricht: Van Gorcum.

Wittgenstein, Ludwig

1945               Philosophische Untersuchungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp [In: ---: Werke in 8 Bänden. Band 1: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. 1990].


 

Anhang A

Fritz Mauthners “Wörterbuch der Philosophie”

- Eine Übersicht über die Artikel


 

Wörterbuchartikel mit Seitenangaben

 

Band I/1

 

 

Vorwort des Hg. (VII)

 

angeboren (48)

 

Einleitung des HG. (IX)

 

Anpassung(49)

 

Das “Wörterbuch” (vom Hg.)  (XX)

 

Anschauung (50)

 

Die Ausgabe von 1923/24 (vom Hg.) (XXVIII)

 

an sich (53)

 

Biographischer Abriß (vom Hg.) (XXXIII)

 

anthropomorphisch (54)

 

Zeittafel (vom Hg.) (XXXVII)

 

_πoκαταστασις (55)

 

Bibliographie (vom Hg. erstellt) (XLI)

 

Apperzeption (58)

 

Widmung (VII)

 

a priori (70)

 

Einleitung (Mauthners) (IX)

 

äquivok (76)

 

A=A (1)

 

Art (77)

 

Ab esse ad posse valet, a posse ad esse non valet consequentia (2)

 

Assoziationsgesetze (86)

 

Abhängigkeit (4)

 

Äther (89)

 

Absicht (6)

 

Atom (95)

 

absolut (9)

 

Aufgabe (106)

 

Abstraktion (12)

 

aufmerken (107)

 

abstrus (15)

 

Autodidakt (110)

 

absurd (15)

 

Axiome (116)

 

accidens (16)

 

Babel (123)

 

Achtung (16)

 

Bacons Gespensterlehre (127)

 

adjektivische Welt (17)

 

Bedeutung (146)

 

Affinität (19)

 

Bedingung (150)

 

Agnostizismus (20)

 

Begriff (157)

 

Ähnlichkeit (21)

 

Bergson (162)

 

Algebra der Logik (22)

 

Beschreibung (170)

 

Als ob (25)

 

Bestimmung (172)

 

Altruismus (44)

 

Bewußtsein (174)

 

Analogie (45)

 

Causalitas (182)

 

Charakter (184)

 

Erfahrung (431)

 

Christentum (191)

 

erkennen (441)

 

circulus vitiosus (248)

 

Erkenntnistheorie (445)

 

Cogito ergo sum (250)

 

Erpressung (448)

 

Dämon (261)

 

Erscheinung (452)

 

Dauer (263)

 

esoterisch (456)

 

Definition (265)

 

ewige Wahrheiten (457)

 

Deismus (270)

 

falsch (458)

 

denken (273)

 

Fatalismus (462)

 

Denkmaschinen (281)

 

Fichtes Ich (468)

 

Descartes’ Naturphilosophie (288)

 

Form (478)

 

Ding (295)

 

Fortschritt (507)

 

Dualismus (299)

 

Freiheit (514)

 

Egoismus (303)

 

fringe (521)

 

Ehre (305)

 

Funktion (525)

 

Eid (323)

 

ganz (532)

 

Eigenschaft (344)

 

Gebet (537)

 

Eigentum ist Diebstahl (348)

 

Gedächtnis (540)

 

einfach (353)

 

Gegenstand (547)

 

Einfluß (355)

 

Gegenwart (553)

 

Einheit (360)

 

Geist (556)

 

Eitelkeit (370)

 

Genie (583)

 

Element (375)

 

Geschichte (592)

 

Encyklopädie (379)

 

Geschlecht (643)

 

Endursachen (401)

 

Glück (647)

 

Energie (406)

 

Goethes Weisheit (653)

 

Entwicklung (424)

 

 

 

 

 

 

 

Band I/2

 

 

Gott (5)

 

Kunst (263)

 

Goteswort (19)

 

Lachen (269)

 

Graphologie (33)

 

Laplacescher Geist (270)

 

Grenzbegriff  (39)

 

Leben (275)

 

Griechisches Philosophieren (Aristoteles) (42)

 

Liebe (294)

 

Griechische Terminologie (70)

 

loci communes (298)

 

Hemmung (81)

 

Logik der Tatsachen (301)

 

Hemsterhuis’ “Organe moral” (81)

 

Logokratie (305)

 

Heuchelei (89)

 

Mathematische Naturerklärung (307)

 

Himmel (92)

 

messen (317)

 

Hobbes (99)

 

Mikrokosmos (324)

 

Humor (104)

 

minderwertig (332)

 

Hypothese (116)

 

modern (333)

 

Idealismus (120)

 

Monade (335)

 

Idealmenschen (129)

 

Monismus (338)

 

Illusion (154)

 

moral insanity (357)

 

Individualismus (156)

 

Mystik (362)

 

Instinkt (158)

 

Natur (388)

 

Intention (201)

 

Naturrecht (407)

 

Intuition (203)

 

Nichts (407)

 

kategorisch (204)

 

Nominalismus (416)

 

Kinderpsychologie (213)

 

normal (432)

 

klassisch (228)

 

Notwendigkeit (435)

 

Konditionismus (231)

 

Nutzen (439)

 

Kraft (233)

 

objektiv (subjektiv)  (441)

 

krank (239)

 

Okkasionalismus (451)

 

Kritik (252)

 

Okkultismus (458)

 

Kultur (258)

 

Ontologie (460)

 

Optimismus (Pessimismus) (460)

 

post hoc, ergo propter hoc (566)

 

Ordnung (ordinär) (502)

 

Pragmatismus (567)

 

organisch (508)

 

primitive Philosophie (571)

 

paradox (518)

 

psychisch (575)

 

Patriotismus (519)

 

Qualität (580)

 

Persönlichkeit (527)

 

Quantität (583)

 

Poesie (544)

 

Quietiv (586)

 

Band I/3

 

 

Rationalismus (1)

 

Stoff  (234)

 

Raum (6)

 

Strafe (248)

 

Realismus (20)

 

substantivische Welt (262)

 

Recht (22)

 

Tao (267)

 

Relation (relativ) (40)

 

Tautologie (270)

 

Religion (43)

 

Theosophie (271)

 

res publica (50)

 

Tod (283)

 

Richtung (72)

 

transzendental (294)

 

schön (75)

 

Uhrengleichnis (316)

 

Schopenhauer (Wille) (91)

 

Universalsprache (316)

 

Schule (151)

 

Unsterblichkeit der Seele (326)

 

Sehnsucht (164)

 

Ursache (333)

 

Sein (165)

 

Utilitarismus (338)

 

Selbstbeherrschung (179)

 

Veränderung (340)

 

Selbstmord (180)

 

verbale Welt (359)

 

Sinn des Lebens (182)

 

Vererbung (366)

 

sogenannt (191)

 

Vollkommenheit (372)

 

sollen (191)

 

Wahrheit (379)

 

Sparsamkeit, Gesetz der (212)

 

Wahrscheinlichkeit (416)

 

Spinozas “Deus” (220)

 

Weltanschauung (429)

 

Sprachkritik (232)

 

Wertgefühle (431)

 

Wunder (435)

 

Zweck (515)

 

Zeit (436)

 

Personenregister (523)

 

Zufall (497)

 

Sachregister (538)

 


[1]        In dieser Arbeit werde ich mich hauptsächlich auf Mauthners Wörterbuch der Philo­sophie beziehen. Die 2., von Mauthner selbst besorgte Auflage wurde 1997 in drei Bänden (I/1, I/2, I/3) von Ludger Lütkehaus neu herausgegeben. Im Text werden Zitate aus dem Wörterbuch durch die Abkürzung Wb I/1, I/2 oder I/3 wiedergegeben. Mauthners Wörterbuch kann man als ein Ego-Dokument betrachten, in dem Mauthner seine subjektivistischen Ansich­ten über Kernbegriffe aus der Philosophiegeschichte erörtert. Diese Begriffe werden einerseits etymologisch erläutert -- daraus geht manchmal hervor, daß die Philosophen Begriffe anwen­den, deren Ursprung ihnen unbekannt ist, was zur Fehlanwendung führt. Andererseits werden diese Begriffe auf ihre konkrete Brauchbarkeit im philosophischen Diskurs hin dargestellt. Diese Darstellung geht von Mauthners eigener sprachskeptischen Position aus, die alle Begrif­fe, die nicht auf Konkretes oder sinnlich Faßbares zurückgehen, als Scheinbegriffe disqualifi­ziert.

Das Wb erscheint 1909 in der ersten Auflage von 2000-3000 Exemplaren bei Georg Müller -- Mauthner erhält ein Gehalt von 2400 Mark --, und wird mitfinanziert von Mauthners Brüdern Gustav, einem Industriellen, und Ernst, einem Bankier. Nach dem Ersten Weltkrieg kann Müller sich nicht zu einer Neuauflage entschließen. Eine erweiterte Fassung erscheint dann 1923-24 in drei Bänden bei Felix Meiner (vgl. Kühn 1975: 247ff.)

[2]        Über die Beziehungen von Mauthner zu Nietzsche findet man schon einiges im Wb. Was Mauthner vor allem an Nietzsches Philosophie bewunderte, war die rigide Entlarvung von Scheinbegriffen, vor allem im Bereich der Moral. Mauthner nennt diese Philosophie eine “Philosophie der Fiktionen”, mit der er seinen Perspektivismus, ohne den es kein Leben gäbe, darstellt. Aus diesem Perspektivismus geht die Notwendigkeit des Irren oder sogar der Lüge hervor, die der erkenntnistheoretischen Notwendigkeit von Scheinbegriffen (als nützliche Fiktionen) anhaften. Mauthner verhält sich aber kritisch, Nietzsche gegenüber. So ist diese Lehre der Fiktionen für Nietzsche eine Lehre von Spielsachen, die Nietzsche mit seiner Wißbegierde auseinandernehmen möchte, aber am Ende die sinnlos gewordenen Einzelteile von sich wirft (vgl. Wb I/30f.). Dasselbe gilt für Nietzsches Lehre der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Diese ewige Wiederkehr ist von Nietzsche wie eine Sanduhr dargestellt: das Leben dreht sich immer wieder um und läuft allemal wie eine Sanduhr aus Aber:

 

Nietzsche vergißt auch, daß gerade nur die Zeit, die doch nicht wiederkehrt, an der Sanduhr gemessen werden kann, daß aber just die Bedingungen des individuellen Lebens und die Abläufe des physischen und psychischen Lebens sich durchaus nicht umkehren lassen.

                                                                                                                                   (Wb I/1: 56)

 

Vom Begriff der linearen Zeit her ist die ewige Wiederkehr zwar als eine Sanduhr darstellbar, aber vom Begriff des individuellen Lebens her ist sie eine logische und psychologische Unmöglichkeit. In der Poesie dagegen, als poetischer Begriff, hat Mauthner nichts gegen diese ewige Wiederkehr einzuwenden. Hier gehört sie auch hin. Aber dennoch hält Mauthner diese poetische Darstellung, die eine Geschichte des menschlichen Determinismus wäre, für eine pessimistische Darstellung, die er denn auch ablehnt. Denn was wäre schlimmer, daß

 

Nietzsche noch einmal auf die Schule und Universität [geht], noch einmal Professor [wird], noch einmal unsägliche Kopf- und Seelenschmerzen [leidet], sich sein Gehirn noch einmal am Aphorismusschleifen [zermartert], noch einmal in Wahnsinn [verfällt], und aus seinem Nachlaß bringt die Schwester [Elisabeth Foerster-Nietzsche - fv], die auch noch einmal lebt, noch einmal die Fetzen von der ewigen Wiederunft ans Licht. Und die philologischen Herausgeber geraten einander noch einmal in die Haare. Es wäre zum Pessimistischwerden.

                                                                                                                                   (Wb I/1: 58)

 

Im Laufe des Wb gibt es noch weitere Bemerkungen zu Aspekten von Nietzsches werk. So zum Beispiel zur Kritik am Historismus in Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. An diesem Werk hat Mauthner die Empfindung und die glühende Sprache im Vorwort gefallen, die trockene Abhandlung dagegen weniger. Man soll Geschichte nicht Wiederkäuen, sondern leben: Er sah “einen Gegensatz zwischen Leben und Historie, zwischen Tatmenschen und Philologen, zwischen einem Bismarck und einem jungen Himmelsstürmer, der in Basel die Jungens philologisch abrichten muß ” (Wb I/1: 607). Auch der Lehre vom Übermenschen widmet Mauthner einige Seiten im Wb (I/2: 148ff.). Wichtigstes Fazit dieser Darstellung ist, da er diesen Begriff als leere Hülse sieht, die auch noch im Widerspruch zu Nietzsches Lehre vom Übermenschen steht. Daß Nietzsche diesen Gegensatz nicht bemerkt hat, hat damit zu tun, daß er sich für einen Propheten gehalten hat ohne jede Selbstkritik. Trotzdem hat Nietzsche den Übermenschen zu seiner Zeit nur als Phantasie, nicht als etwas Wirkliches, vorgestellt. Denn der krankhafte, weiche Nietzsche, wäre dem ‘rauhbeinigen’ Übermenschen ein Gelächter. Auch geht Mauthner unter “Wahrheit” (Wb I/3: 412ff.) noch näher auf Nietzsches Begriffe “Irrtum” und “Lüge” ein. Der Irrtum ist, im Gegensatz zur Wahrheit, ein biologisch notweni­ges, lebenerhaltendes Prinzip. Eben weil es keine Wahrheit gibt, höchstens Halbwahrheiten, die in Nietzsches aphoristischem Denken formgemäß zum Ausdruck gebracht sind, sind diese die für das Leben notwendige Scheinwahrheiten. Irrtum und Lüge -- man könnte auch sagen: Unvollständigkeit der eigenen, subjektiven Perspektiven --, die Nietzsche für Wechselbegriffe hält, sind im Alltagsleben gerade die Leitbegriffe, sind Illusionen, durch die der Mensch ver­sucht, das Glück zu erreichen. Die Wahrheit bringt meistens das Gegenteil, ist gerade keine Illusion, sondern völlige Offenheit, die zum Verzweifeln führt:

 

Wie kann man weiterleben, wenn man die Lebenslügen durchschaut hat? Wenn man die lebenerhaltenden Illusionen aufgedröselt hat? In der Antwort auf diese faustische Frage steckt der ganze kranke entzückende Nietzsche. Die Masse glaubt an die Illusion, läßt sich also gar nicht stören. Der Denker, der hinter das Geheimnis des Lebensirrtums oder der Lebenslüge gekommen ist, geht zugrunde, wenn er ein Schwächling ist. Nur der Stärkste, der arme kranke Nietzsche, hält die Wahrheit aus, daß es keine Wahrheit gibt.

                                                                                                                                 (Wb I/3: 413)

 

Das Paradoxon der Wahrheitskritik erhält den Denker einerseits am Leben, andererseits nimmt es ihm alle Illusionen. In dieser Spannung hat Nietzsche, nach Mauthner, sein Werk gelebt.

[3]        ‘Unterscheiden’ soll hier im ursprünglichen Sinne des griechischen κριvειv verstan­den werden. Es geht nicht um das “Urteil”, also ist eine Ansicht richtig oder falsch, sondern um das saubere Trennen von Ansichten (“der Skeptiker erkennt überhaupt keine Entscheidungen an, fällt also überhaupt kein Urteil”, Wb I/2: 256). Folgendes Zitat macht Mauthners “kriti­sches Vorgehen” deutlich -- Mauthner benutzt keine diakritischen Zeichen (Aspirationszeichen u.dgl.); ich übernehme die von Mauthner verwendete Schreibweise und seine Interpretation von griechischen Begriffen, die aus heutiger Sicht manchmal als problematisch erscheint; dies tut Mauthners Auffassungen aber keineswegs Abbruch --:

 

Denn κριvειv hieß bei den Griechen zunächst nicht richten, vielmehr scheiden, sichten; erst später: sich ein Urteil bilden, ein Urteil fällen; der δικαστης war der Richter als Amtsper­son, war an die Gesetze wie an Dogmen gebunden; der κριτης war der Kenner, der voraus­setzungslos den Sachverhalt zu prüfen hatte; der δικαστης hatte nur die Logik der Gesetze anzuwenden, der κριτης häte immer das Recht gehabt, die Logik der Gesetze selbst zu prüfen, de lege ferenda zu urteilen, das ungeschriebene Gesetz über das geschriebene zu stellen. Es liegt in der Natur des Menschen, daß die Bedeutungen von δικαζειv und κριvειv ineinander übergingen; aber die Ableitungen δικαστηριov (Gerichtshof) und κριτηριov (Merkmal) zeigen, wie stark der Unterschied trotzdem empfunden wurde.

                                                                                                                                 (Wb I/2: 257)

 

Mauthner setzt sich also nicht auf den Richterstuhl, sondern kritisiert aufgrund der soge­nannten Voraussetzungslosigkeit kritischer Unternehmen, bei denen es nicht auf das “Schei­den”, sondern auf das “Urteilen” ankam, wie zum Beispiel in Immanuel Kants (1724-1804) kritischem Unternehmen. Kants “negatives Verdienst” war aber, daß seine Untersuchungen mit alten Vorurteilen, der dogmatischen Metaphysik, kurzen Prozeß machte und die entscheidende Rolle des menschlichen Verstandes in aller Erfahrung und den Anthropomorphismus jedes möglichen Weltbildes festgestellt hat (vgl. Wb I/2: 257). Damit war aber Kants “kritisches Programm” noch kein “vorurteilsloses Unternehmen”.

[4]        In seiner Selbstdarstellung (Mauthner 1922) sieht Mauthner die Aufgabe seiner Kritik an der Philosophie als eine Kritik der Sprache. Denn die Sprache und vor allem ihr Gebrauch in der Philosophie hat mehr Mißverständnisse hervorgerufen als gelöst. Die Aufgabe der Sprach­kritik geht aus diesem verkehrten Gebrauch der Sprache hervor, nimmt also ihren Ausgangs­punkt im Sprachgebrauch:

 

Die Sprache wie die Vernunft ist niemals wirklich als in den einzelnen Sprechakten und Denkakten; Sprache und Vernunft sind zwischen den Menschen, sind soziale Erscheinungen, sind eine und dieselbe soziale Erscheinung als wie die Sitte. Vielleicht auch nur: als wie eine Spielregel. So wenig wir eine übermenschliche philosophische Sprache kennen, so wenig wissen wir -- wenn wir nur die Sehnsüchte der Mystik ausscheiden -- von einer reinen Vernunft. Kritik der Vernunft muß Kritik der Sprache werden. Alle kritische Philosophie ist Kritik der Sprache.                                   (Mauthner 1922: 135)

 

[5]        Für die sprachkritischen Ideen von Gerber und Gruppe vergleiche man die Dissertati­on von Hans Simonis (Simonis 1959) und das einschlägige Werk von Hermann J. Cloeren (Cloeren 1988).

[6]        Arens (1981: 63f.) geht ausführlich auf Eisens, und nicht nur seine Kritik ein. Eisens Ausgangspunkt ist der traditionelle systematische Ansatz des Philosophierens. Das ist gerade nicht Mauthners Ausgangspunkt. Eisen akzeptiert Mauthners perspektivische, subjektiv-philosophische Haltung (attitude) nicht. Arens wirft Eisen vor, daß er aufgrund dieses systemp­hilosophischen Standpunktes nicht in der Lage ist, Mauthners Sprachkritik aus seinem skepti­schen Kontext heraus zu verstehen und adäquat zu kritisieren.

[7]        Nach Dapía (1993) sind es vier Themenkreise in Mauthners Werk, die in Borges’ zu finden sind: die vergebliche Suche nach dem Katalog der Kataloge, der Wortaberglaube oder der fiktive Charakter unserer Sprache, die soziale Dimension der Spracheund das Thema des Schweigens. Borges selbst hat darauf hingewiesen, daß “el Diccionario de filosofia de Mauthner” zu den “fünf am meisten mit Anmerkungen versehenen, ‘bearbeiteten’ Bücher [gehörte]” (Dapía 1993: 11). Im Jahre 1914 machte Borges eine Reise nach Europa, bei deren Gelegenheit er das Collège Calvin in Genf besuchte. Er blieb sogar drei Jahre in Genf und hat in diesen Jahren Mauthners Wb gelesen. Vor allem Mauthners Auffassung, daß “die Sprache die Realitát eher verstecke als entdecke, mußte Borges’ Aufmerksamkeit jedenfalls schon früh erregt haben, denn ihr Echo ist bereits in seinen ersten Werken erkennbar”(Dapía 1993: 30)”. Der fiktive, metaphorische Charakter der Sprache läßt die Wirklichkeit verschwinden. Die Welt besteht gleichsam nur noch im Wort -- wie der blinde alte Mönch Jorge von Burgos in Umberto Ecos Der Name der Rose, modelliert nach Borges, der die verwortete Welt in seiner Klosterbibliothek aufhob und mit allen Mitteln verteidigte und für sich behalten wollte. Die Sprache verfälscht die Wirklichkeit und bringt folglich auch keine Erkenntnis. Es gibt “‘keinen übersichtlichen und geordneten Weltkatalog’” (Mauthner; in: Dapía 1993: 31), nach dem die Welt vollkommen geordnet und erkannt werden kann. Dies ist nach Mauthners Auffassung die Folge einer unüberbrückbaren Trennung zwischen Welt und Sprache. Aus Mauthners subjektivistischem Weltbild heraus ist diese unmögliche Überbrückung auch erklärbar. Es gibt mens­chliche, lies: individuelle Assoziationen und Interessen, die jeweils das Wissen ordnen und neu ordnen. Eine direkte Referenz von Wörtern oder grammatikalisch-syntaktischen Strukturen auf eine Weltstruktur ließe  jene auf diese zurückgehen, deren Existenz innermenschlich nur auf Gedächtnisleistungen zurückzuführen ist und somit eben nicht die Weltstruktur reflektieren. Die Sprache bleibt letztendlich auf sich selbst angewiesen und schafft ein kohärente, aber subjektbedingtes und -abhängiges Weltbild. Die Welt selbst ist dieser Sprachwelt untergeord­net. Dies läuft bei Borges darauf hinaus, daß zum Beispiel in der Erzählung La biblioteca de Babel der Erzähler erkennt, einsieht, daß “die dem Universum zugrundeliegenden Verhältnisse der menschlichen Vernunft nicht entsprechen” (Dapía 1993: 143) und daher auch keinen Weltkatalog erlauben.

[8]        Den langjährigen Weggefährten, Gustav Landauer, lernte Mauthner 1889 kennen, und zwar durch einen Artikel, dessen Ton Mauthner gefiel, obwohl Landauers politische Tätigkeiten ihm fernstanden. Als Sozialist und Polizeispitzel wurde Landauer öfters verhaftet (1893-94 verbrachte er elf Monate im Gefängnis). Als Anarchist wollte Landauer eine soziale Revoluti­on, die er bei Mauthner als geistige Revolution traf. Für Landauer war die Sprache ebenfalls in abstrakte Begriffe festgefahren, die konkretes (politisches) Handeln lähmten.

Mauthner und Landauer begegnen sich in einer schwierigen Periode. Mauthners Freunde hatten ihn verlassen und er fühlte sich, das geht aus den Briefen an Landauer aus den frühen 1890er Jahren hervor depressiv und einsam. Aus dieser Stimmung wächst allmählich Mauthners mystisches Lebensgefühl.

Landauer veröffentlichte 1903 das Buch Skepsis und Mystik, eine Erläuterung von Mauthners mystischem Denken. Die Einheit, nach der Mauthner suchte, fand Landauer im Leben. Im “Leben” gibt es keine Gegensätze zwischen Ich, Welt, Sprache und Denken. Aus dieser Lebenseinheit, die jeweils subjektiver Natur ist, entsteht das individuelle Selbstbild:

 

‘An die Stelle der einen absoluten Welterklärung [...] treten Bilder der Welt, deren verschiedene ergänzend nebeneinander herlaufen können. Bilder, von denen wir wissen, daß sie nicht die Welt ‘an sich’, sondern die Welt für uns sind’.

                                                                                        (Landauer 1903; in: Dapía 1993: 34)

 Für Landauer war vor allem die Kunst eine Möglichkeit, die bei Mauthner mystische Einheit wiederherzustellen. In der Dichtung laufen die Unsagbarkeiten zusammen in einer fiktiven Einheit:

 

‘Wir gewinnen und schaffen Welten und verlieren uns selbst. Dies also ist, meine ich, der praktische Wert der Sprachkritik: daß sie uns zwar keine religiöse Weltanschauung gibt, dafür aber die große Stimmung, in der wir ihrer entraten wollen’.

                                                                                        (Landauer 1903; in: Dapía 1993: 35)

 

Diese große Stimmung nun kündigt das Schweigen an. Die Sprache reicht nicht mehr aus, um das subjektive Gefühl, das keiner Sprache mehr bedarf,  zum Ausdruck zu bringen. Es bleibt im Subjekt verhaftet. Landauers Auffassungen sind (nach Kühn 1995: 112f.) möglich auch Anre­gungen zu Mauthners Sprachkritik gewesen. So hat er 1893 einen Roman, Der Todesprediger veröffentlicht, in dem ein Jurist sich der Philosophie hingibt, um die Erkenntnis zu gewinnen, daß der radikale Skeptizismus unausweichlich ist. Der Grund dafür ist, daß wir denkende Tiere sind, Jeweils Zwecke setzen in unserem Leben, den Zweck des Daseins aber nie finden kann. Die Frage, warum wir auf Erden sind, warum wir leben und sterben ist eins der größten Mysterien unseres Daseins, das mit dem Zweckbegriff aber nicht gelöst werden kann -- alle Subzwecke werden in diesem Lichte zwecklos.

Landauer setzt Mauthners utopische und praktische Sprachkritik in die Tat um. Sie hat das Absolute, Ewige verneint und mit dieser Verneinung, wissenschaftlich gesehen, Erkenntni­sansprüche unmöglich gemacht. Jede Erkenntnis ist von vornherein perspektivisch und sagt nichts über die Welt aus. Somit kann der Mensch nach Landauer “in freier Entscheidung” (Kühn 1975: 221) eine Handlungswirklichkeit schaffen:

 

Er überwindet die Ausweglosigkeit der radikalen Sprachskepsis, indem er dem Nichts, das sie zugelassen hat, den gestalterischen Willen entgegensetzt. Gestalten kann der Dichter, vor allem aber der Sozialist, der von dem neuen Geist durchdrungen ist.                          (Kühn 1975: 221)

 

Das Wort soll also in die Praxis umgesetzt werden, soll zur Parole einer neuen Wirklichkeit werden. Es versteht sich, daß Mauthner sich dieser Tatkraft fernhält. Denn mit seiner Sprach­kritik strebt er eben keine “Gestaltung der Wirklichkeit” an (Kühn 1975: 222), eher geht es in die umgekehrte Richtung.

Allmählich entsteht eine Kluft zwischen Landauer und Mauthner. Nach dem Ersten Welt­krieg hofft Landauer, daß in Bayern die Republik sich durchsetzen kann. Es droht zwar die Anarchie und das politische Chaos, aber Landauer sieht nur Vorteile darin für die neue Wel­tordnung. Mauthner verteidigt dagegen die deutsche Einheit -- seine Bismarcktreue hat er beibehalten --, die von Landauer heftig angegriffen wird:

‘Und auch jetzt: die Erschütterung ist da -- der Fleiß und die Bewegung -- das beginnende Chaos -- und der Sprachkritiker klammert sich an ‘Deutschland’. Ich kann da nicht Größe des Ziels sehen, sondern nur Sentimentalität’.      (Kühn 1975: 264)

 

Das Verhaftetsein im Wort oder in der geworteten Welt sagt Landauer nicht mehr zu. Es trägt nichts zur politischen Erneuerung bei. Diese soll in kleinem Kreis vorbereitet werden. Als am 7. April 1919 die Münchener Räterepublik ausgerufen wird, wird Landauer in München zum Volksbeauftragten für Volksaufklärung ernannt. Wenige Tage später erfolgt aber ein Gegen­putsch, nach dem für Landauer das politische Spiel aus ist: “Am 1.5.1919 beseitigt die Reichs­wehr die inzwischen errichtete ‘Diktatur der Roten Armee’. Landauer wird verhaftet, noch einmal verhört und am 2.5.1919 erschlagen” (Kühn 1975: 266)

[9]        Unter Notrecht versteht man das Recht des Staates, in die Rechte des einzelnen im öffentlichen Interesse einzugreifen; unter Notstand wird ein Zustand der Gefahr verstanden, aus der sich jemand nur durch den Eingriff in das Recht eines andern retten kann. Und Notwehr ist die Abwehr eines rechtswidrigen Angriffs (vgl. Wahrig, Deutsches Wörterbuch).

[10]       Wie wir bereits gesehen haben, wuchsen die politischen Interessen Landauers und Mauthners währende des Ersten Weltkriegs derart weit auseinander, daß ihre Freundschaft sehr darunter litt.

[11]       Über die Wurzeln der Denkökonomie, ebenfalls im Nominalismus Ockhams ein entscheidender Begriff, erfährt man bei Mach nur wenig. Als Prinzip wissenschaftlichen Vorgehens schreibt er im Notizbuch Nummer 55 vom 9.11.1900 u.a.:

 

Als ich fand, daß die Idee der Denkökonomie so oft vor und nach mir sich geltend gemacht hatte, vermindert dies mal meine Selbstschätzung, der Gedanke selbst schien mir aber an Wert zu gewinnen. Und gerade das, was Husserl [Edmund Husserl, 1859-1938); vgl. dazu Sommer 1988: 319] als eine Erniedrigung des wissenschaftlichen Denkens empfindet, die Anknüpfung an das vulgäre Denken, erscheint mir als eine Erhebung. Aus einer Gelehrtenstuben-Angelegenheit wird mir eine solche, die ihre Wurzeln in dem Leben der Menschheit hat.                                                                                (in: Haller/Stadler 1988: 198)

 

Diese “Denkökonomie” oder das “Gesetz der Sparsamkeit” (vgl. Wb I/3: 212ff.) wird in der Philosophiegeschichte mit dem Namen Wilhelm von Ockham verknüpft und ist als “Ockhams Rasiermesser” in die Philosophiegeschichte eingegangen. . Das Ökonomieprinzip funktioniert als methodisches Prinzip bei Ockham -- dies im Gegensatz zur aristotelischen Denkökonomie, die ontologisch begründet ist (vgl. Aristoteles Physik, 189a-b). Es soll der Hypostasierung von Begriffen, die man zur Erklärung von etwas einführt, entgegenwirken oder aber verhindern, daß man unnötig Begriffe zur Erklärung von Wahrgenommenem, Vorgestelltem oder Gedach­tem einführt. Dieses Mauthnersche, Machsche und Ockhamsche Prinzip der Denkökonomie hat vor allem einen sprachkritischen Sinn. So heißt es über Ockhams “Rasiermesser”:

 

Es dient der Zerstörung des Aberglaubens, jedem sprachlichen Ausdruck entspreche ein wirkliches Ding. Ockham ist sich sowohl der Notwendigkeit der sprachlichen Vermittlung unserer Erkenntnis wie auch der Gefahr der Irreführung durch die Sprache bewußt: ‘Du sagst: ich will nicht von den Ausdrücken, sondern über die Dinge reden; ich sage, daß dies, obschon du nur von den Dingen reden willst, nicht möglich ist ohne die Vermittlung durch Ausdrücke, Begriffe und andere Zeichen [...]’. (Imbach 1981: 231f.)

 

Erst diese Einschränkung der Begriffswelt auf notwendige Zeichen oder Ausdrücke zur kommunikativen Vermittlung von Erkenntnissen erlaubt ein vorurteilsloses Erfassen der Gegen­standswelt. Eine kritische Musterung dieser Begriffswelt, und folglich auch der Metaphysik, führt Mach (und später auch Mauthner) zur Kritik des substantiellen/substantivischen Denkens, ob diese “Substanz” nun ein transzendentales “Ich” oder die physische “Natur” ist. Eine solche Annahme würde die gegenstandskonstituierende bzw. sprachkonstituierende Rolle der sinnlich-verbalen Aktivität des Subjekts lähmen. Das Prinzip der Denkökonomie erfüllt somit ein grundsätzlich sprachkritisches Bedürfnis, nämlich das des wahrnehmenden, vorstellenden, denkenden “Individuums” nach einer De-Objektivierung der Gegenstandswelt.

[12]       Mauthner geht im Wb näher auf das Problem funktionaler Zusammenhänge ein. Denn die Frage, die hier aufkommt ist die nach der Rolle des Funktionsbegriffs. Der Begriff der Funktion kommt gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode, vor allem in der Psychologie, der Architektur und auch der Naturwissenschaften und Mathematik. In den Naturwissenschaften ersetzt die Funktion den traditionellen Begriff der “Ursache” (causa). In der Psychologie und den Naturwissenschaften hatte vor Humes Kausalitätskritik eine große Wirkung -- auch auf Mach und Mauthner --, indem kausale Ereignisse nicht länger erfahrungsunabhängig gedeutet werden können, sondern nur erfahrungsabhängig. Wir nehmen eine Reihe von Ereignissen wahr, die uns empirisch einen Zusammenhang zeigen. Das wahrnehmende Subjekt ist somit der Grund der kausalen Verknüpfung, nicht das beobachtete Objekt (vgl. Streminger 1995: 164). Bei Mach ersetzt der Funktionsbegriff ebenfalls den wirkungsmächtigen Begriff der Ursache. Abhängigkeiten werden nur von Individuen (Subjekten) bemerkt und in unserer Sprache ist es möglich diese Abhängigkeiten (also nicht: Aufeinanderfolgen von Ursachen und Wirkungen) zum Ausdruck zu bringen:

 

Er [Mach] ersteht unter dem Funktionsbegriff, den er an die Stelle des alten Kausalitätsbegriffs setzen möchte, ‘Abhängigkeit der Erscheinungen voneinander, genauer Abhängigkeit der Merkmale der Erscheinungen voneinander’. Die Gegenseitigkeit der Abhängigkeiten ist das Neue. (Wb I/1: 527)

 

Es handelt sich hier also um die adjektivischen Konstellationen von sinnlich wahrgenommenen Erscheinungen, die zum Zweck des Begriffs als ‘gegenseitig abhängig’ betrachtet werden. Der Zweckbegriff steckt im Funktionsbegriff, so zum Beispiel in der Funktion unserer Organe, des Auges, Magens usw. -- die Ursache des Sehens ist aber nicht das Auge! Diese Zweckmäßigkeit verbindet die Funktion mit dem subjektiven Begriff von Gegenständen, die als Bündel von Wahrnehmungen aufgefaßt wird.

[13]       So schreibt Mauthner am 17. September 1895 einen Brief an Mach, in dem er diese erkenntnistheoretische Verwandtschaft offen ausspricht:

 

[...]; wenn meine erkenntnißtheoretischen Untersuchungen -- vielleicht zu einiger Überra­schung meiner Lehrer -- vorliegen werden, dürften Sie sehen, daß ich Ihren tief greifenden Vortrag [, den Mach bereits 1872 in Prag veröffentlicht hatte unter dem Titel Die Geschich­te und die Wurzel des Satzes von der Erhaltung der Arbeit - fv] besonders die Anregung über den Begriff der Ursache, ebenso wie Ihre Beiträge zur Geschichte der Mechanik [1883 in Leipzig veröffentlicht unter dem Titel Die Mechanik in ihrer Entwickelung historisch-kritisch (!) dargestellt - fv] dankbar benutzt habe. (in: Haller & Stadler Hgg. (1988: 232))

 

Bemerkenswert ist in diesem Brief auch noch der Hinweis auf die “Lehre der mittelalterlichen Nominalisten”, deren Auffassung, daß der “Begriff ein bloßes Wort” sei, von Mach anerkannt wird. Sechs Jahre später, am 4. Dezember 1901, erhielt Mauthner von Mach dessen Principien der Wärmelehre. Historisch-kritisch (!) entwickelt (1896; 19002). Machs Bemühungen, um latente metaphysische Elemente aus den Wissenschaften zu entfernen, sagten Mauthner sehr zu. Mauthner hat etwa 1872/73 seine Sprachkritik konzipiert. Zunächst im Anschluß an Friedrich Schillers (1759-1805) Sprache, Otto Ludwigs (1813-1865) Nachlaßschriften, Otto von Bismarcks (1815-1898) Kulturkampfreden und Friedrich Nietzsches erste Unzeitgemäße Betrachtungen, aber nachdem er einen Vortrag Machs im deutschen Kasino in Prag über die Erhaltung der Energie gehört hatte, entschloß er sich, um sich nicht nur mit ästhetischen und philosophischen Schriften zu beschäftigen, sondern auch Naturwissenschaften zu treiben:

 

Damals wurde mir klar, daß meine Kritik erkenntnistheoretisch sein müßte und daß ich, Student der Jurisprudenz mit philologisch-archäologischen Neigungen, vorher etwas von den Naturwissenschaften erfahren müßte. Für einen Menschen, der von seiner Feder lebt, glaube ich darin fleißig gewesen zu sein. Ein wenig zu sehr für meine Kräfte.

                                                                                      (in: Haller & Stadler Hgg. (1988: 234))

[14]       Hier wird auch der Unterschied zu Wittgensteins Bemerkung in seiner Logisch-philosophischen Abhandlung deutlich. Dort bemerkte Wittgenstein, daß alle Philosophie ‘Sprachkritik’ sei, jedoch nicht im Sinne Mauthners:

 

Im Tractatus heißt es programmatisch und bekenntnishaft: Alle Philosophie ist ‘Sprachkritik’ (Tractatus logico-philosophicus, These  4.0031). Er stellt gleich nach dem eben zitier­ten Satz klar, daß er ‘Sprachkritik’ nicht psychologisch -- nicht wie Mauthner -- versteht, sondern als logische Analyse im Sinne Russells [Bertrand Russell, 1872-1970]. Wir wissen, daß er [Wittgenstein - fv] Sprachkritik als logische Analyse später [unter anderen in den Philosophischen Untersuchungen (vgl. Weiler 1970: 304) - fv] verwirft.

                                                                                                              (Vossenkuhl 1995: 323)

 

Die etymologischen und psychologischen Analysen sind für Wittgensteins frühere logische Analyse der Welt uninteressant, obwohl er mit der späteren ‘Spielregel’-Logik in den Philo­sophischen Untersuchungen eben die Mauthnersche psychologische Dimension wieder introduzierte.

[15]       Im Wörterbuch widmet Mauthner der Sprachkritik als Lemma nur zwei Seiten. Er hat natürlich in seinem magnum opus, den Beiträgen zu einer Kritik der Sprache, dieses Thema ausführlich dargestellt und in ihren psychologisch-historischen Kontext gerückt. Eben die Unmöglichkeit einer Wirklichkeitserkenntnis wird von Mauthner und seinen Kritikern als das größte Verdienst der Sprachkritik betrachtet. Auch stellt er kurz die Rezeption seiner Sprach­kritik dar. Was ihm vor allem aufgefallen ist, ist die negative Bewertung seiner sprachkritischen Bemühungen auf Seiten der so genannten Fachwissenschaftler:

 

Zum Ergötzen meiner Leser will ich einen solchen Fall höher hängen. Herr O[ttmar]. Dittrich [1865-1952] sagt in seinen ‘Grundzügen der Sprachpsychologie’ (I, S. 63), die eigentliche Domäne der Sprachphilosophie bleibe immer die Sprachlogik, -ethik(?) und -ästhetik, sowie die Sprachkritik, fügt aber in einer Anmerkung hinzu: ‘Mit der rein negati­ven Kritik, wie sie F. Mauthner in seinen dreibändigen Beiträgen zu einer Kritik der Sprache auf Grund ebenso unvollkommener sprachwissenschaftlicher wie psychologischer und philosophischer Erkenntnis geliefert hat, dürfen die oben gemeinten Bestrebungen natürlich verwechselt werden’. Natürlich nicht! Man muß doch zwischen meiner falschen Sprachkritik und der richtigen unterscheiden.

 

Mauthner macht sich jetzt lustig über Dittrichs Ablehnung seiner Sprachkritik, obwohl es vor Mauthner, wie er selbst sagt, überhaupt kein Buch über die Disziplin, die er Sprachkritik nannte, erschienen ist. Man müßte dann eigentlich einen neuen Namen für diese Disziplin erfinden: “Herr O. Dittrich, dessen Lebensaufgabe es bisher war, seinen Meister Wundt recht oft ‘epochemachend’ zu nennen, wäre der rechte Mann für eine solche Namensfindung. Man entschuldige den Scherz: ungerechtes Urteil macht hochmütig” (Wb III: 234). Diese Scherze, die Mauthner sich mit der Fachwelt der Psychologie und Philosophie leistet, machen ihn selbstverständlich kaum beliebt und werden mit dazu beigetragen haben, daß Mauthner von der Gelehrtenwelt kaum berücksichtigt worden ist -- obwohl viele ihn gelesen und in ihrem eigenen Werk mehr oder weniger direkt rezipiert haben, zum Beispiel Ludwig Wittgenstein.

[16]       Generalisierend könnte man hier auf den Unterschied zwischen “langue” und “parole” im Sinne Ferdinand de Saussures (1859-1913) hinweisen. Eine Theorie der langue aufgrund einer fixierten ‘Zeichen-Bezeichneten’-Beziehung ist zum Scheitern verdammt, wie auch noch im Werk des französischen Denkers Jacques Derrida nachgewiesen werden kann. Auch bei ihm gibt es keine ‘signifié’ als festen Bedeutungskern sprachlicher Zeichen. Jedes Denken und Sprechen wird durch die ‘Abwesenheit’, das, was nicht bezeichnet wird, charakterisiert und führt Derrida zur Auffassung, daß dasjenige, was konventionell außerhalb des Gesichtsfeldes der Zeichen bleibt, interessanter und relevanter ist, als die arbiträren Beziehungen zwischen Zeichen und Bezeichnetem.

[17]       Was Mauthner an Humes Darstellung der “menschlichen Natur” vor allem gefiel, war die Absage an die historischen, grundsätzlich spekulativen Ansichten traditioneller moral- und naturphilosophischer Auffassungen. Sie beruhen häufig auf Erfindung, weniger auf Erfahrung. Dazu schreibt Hume 1731:

 

‘Jeder nahm nur seine eigene Phantasie im Errichten von Lehrgebäuden über Tugend und Glück ernst, ohne die menschliche Natur zu beachten, von der jede moralische Schlußfolgerung abhängen muß. Ich entschloß mich daher, die menschliche Natur zum Hauptgegenstand meines Studiums zu machen und zur Quelle, aus der ich jede Wahrheit ... ableiten wollte’ (Hume in den Letters; deutsche Übersetzung in: Streminger 1986: 20)

[18]       Es ging Hume in seiner Darstellung des Kausalitätsproblems um die Deontologisierung der “Ursache”. Die Voraussetzung von Ursachen (oder verursachenden “Kräften”) in unserer Wirklichkeitserfahrung ist weniger selbstverständlich als man vielleicht denkt. Denn die Erklärung von Ursache- und Wirkungserscheinungen basiert auf empirisch gesammelte Erfah­rungen, die, wo möglich, experimentell unterstützt werden. Diese Erfahrungen und Experimen­te führen zu Erwartungen (Vor-Urteilen) bei Menschen, die nicht unbedingt, nämlich als Erwartung, universal auf konkrete Ereignisse (angewandt) zurückzuführen sind:

 

Denn auf der Ebene des Verstandes ist alles möglich, und erst die konkrete Erfahrung zeigt, welcher dieser unbegrenzt vielen Möglichkeiten tatsächlich existiert. Nur durch die ‘Beleh­rung der Erfahrung’ wissen wir, welche Ereignisse regelmäßig miteinander verknüpft sind.                             (Streminger 19953: 164)

 

Die Frage, die Kant in diesem Zusammenhang stellte, war die nach der Legitimierung des Kausalitätsbegriffs als Kategorie unseres Verstandes. Diese Legitimierung, so Mauthner, würde leicht neue metaphysische (lies: unwissenschaftliche) Spekulationen vorwegnehmen. Die analog zu den aus einer Gewohnheit hervorgehenden Sprachbegriffen werden nur aus Bequem­lichkeit gebraucht. Die De-Substantivierung des Ursachbegriffs ist für Mauthner Humes größtes Verdienst gewesen:

 

Die adjektivische Welt, die einzige Wirklichkeitswelt des Sensualismus, kennt von Hause aus den Ursachbegriff gar nicht; die naive Weltanschauung einer Urzeit begnügte sich damit, die Sinneseindrücke wahrzunehmen und diese Wahrnehmung mit den Dingen der Außenwelt zu identifizieren; wir können es in unserer Sprache nicht anders ausdrücken, als daß die Ur-Sachen unserer Wahrnehmungen ihre Ursachen seien.                                                                                                                  (Wb I/3: 336)

 

Aber diese Ursachen, als eine Art von Zwangsvorstellung aus dem naiven Bewußtsein hervor­getreten, führten zum Gesetz der Kausalität, dem auch Kant verhaftet blieb; während Hume die wirkungsvollen Eigenschaften und eine vermeintliche zugrundeliegende Ursache (als metaphy­sischer Begriff) voneinander trennte. Kant dagegen glaubte, die Abfolge von Ereignissen sei notwendig nicht als subjektives Empfinden aufzufassen, sondern als objektive, in der Sache selbst begründete Regel (Gesetz), nach der eine Abfolge von Erscheinungen erscheint (vgl. Höffe 19922: 115). Nach dieser Regel sind Naturwissenschaften als Wissenschaft möglich, einfach weil das Kausalitätsprinzip eine objektiv nachweisbare Gültigkeit besitzt. Die “regelun­terworfene Folge von Erscheinungen” (Höffe 19922: 129), die von uns als solche wahrgenom­men wird, liegt jeweils in einer bestimmten Erscheinungsfolge, in der Zeit beschlossen, die objektive Gültigkeit besitzt. Diese Ereignisse in der Zeit sind stets als Wirkung von Ursachen zu begreifen, es sei denn, sie sind “übernatürlichen Eingriffen” oder “subjektiven Halluzinatio­nen” (vgl. Höffe 19922: 130) zu verdanken. Diesem Drang zum Transzendentalen, zur Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis des Objektiven, widersetzte sich Humes und Mauthners empirisch-positivistischer Ansatz. Hume verlagerte die Analyse der Kausalität “ganz von der Objekt- auf die Subjektseite” (Streminger 19953: 165), Mauthner folgte ihm in diesem Schritt auf seine eigene Art und Weise und übernahm Machs Begriff der Funktionalität, um die gegenseitige Abhängigkeit von bestimmten Erfahrungen, von erfahrenen und empfundenen Eigenschaften, darzustellen. Diese Abhängigkeit zeigt sich in Veränderungen oder Bewegungen, die Veränderungen zugrundeliegen, z.B. die sinnliche Empfindung von Wärme. Die Ursache ist gleichsam die empfundene Wärme, die unsere Sinne berührt (bewegt), und in dem Moment als Wärme begriffen wird. So ist die Empfindung der Wärme nicht der Sonne, als Ursache zu verdanken, sondern ist die Erfahrung der Wärme, indem man zum Beispiel zu schwitzen anfängt, rot oder träge wird. Das Substantiv “Wärme” verschwindet somit hinter den Empfin­dungen oder Gefühlen, die wir mit “Wärme” bezeichnen. Man könnte aber genau so gut sagen, “Wärme” ist eine Funktion einer oder mehrerer oben genannter Empfindungen (vgl. Wb I/1: 182ff.). Und eben diese Humesche und auch Machsche Redeweisen findet man in Mauthners Wb-Darstellung des Kausalitätsproblems ausführlich erörtert und ausgearbeitet.

[19]       Sekundäre Qualitäten sind im 16. und 17. Jahrhundert, im Zeitalter der korpuskulären Weltauffassung eines Robert Boyle (1627-1691) zum Beispiel, gerade diejenigen sinnlich wahrnehmbaren Aspekte die in uns Empfindungen wie Farben, Töne, Geschmäcke usw.  hervorrufen. Diese wahrnehmbaren Qualitäten sind bei Locke noch ursächlich mit Körpern (den primären Qualitäten wie Ausgedehntheit, Beweglichkeit oder Festheit (solidity)) verbun­den, bei Hume dagegen nicht. Er ist mit Bacon einer Meinung, daß unser Denken, unser Vorstellungsvermögen und unsere Phantasie, die reine, vorurteilslose Wahrnehmung trübt und zu manchen Irrtümern führt. Wichtig in Humes empiristischer Argumentation ist nun, daß man auf alle Fälle eine sichere Grundlage für Begriffe, Gedanken und Theorien haben soll, nämlich die sichere Basis der Wahrnehmung (impressions oder perceptions) und Erinnerung (remembrance), die ganz dicht bei primären Erfahrungen liegt. Hume problematisiert gleichsam die aus naturwissenschaftlicher Sicht plausible Voraussetzung bei Locke, von Körpern, deren sinnliche Qualitäten unsere Sinne zu steuern vermögen. Aber im Sinne Humes und Mauthners sind die primären Qualitäten gleichwohl durch unser begriffliches Auffassungsvermögen bestimmt. Und wenn die primären Qualitäten allen Dingen inhärieren würden, so wären sie für unsere subjekti­ve, adjektivische Weltauffassung von keinerlei Bedeutung, eben weil sie allgemein sind und nicht erklären können, warum diese Frucht sauer und jene süß schmeckt:

 

Now since nothing is ever present to the mind but perceptions, and since all ideas are de­riv’d from something antecedently present to the mind; it follows, that ‘tis impossible for us so much as to conceive or form an idea of any thing specifically different from ideas and impressions. Let us fix our attention out of ourselves as much as possible: Let us chase our imagination to the heavens, or to the utmost limits of the universe; we never really advance a step beyond ourselves, nor can conceve any kind of existence, but those perceptions, which have appear’d in that narrow compass. This is the universe of the imagination, nor have we any idea but what is there produc’d.                                                                                                                                                           (Hume 1739-40: 116)

  

[20]       In seinem Buch über Mauthners Sprachkritik als Ideologiekritik widmet Kurzreiter Schopenhauers Sprachkritik einen eigenständigen Abschnitt. In diesem Abschnitt wird anhand Schopenhauers magnum opus, Die Welt als Wille und Vorstellung (1818-19), dessen “Kritik am Begriffsvokabular der Metaphysik” (Kurzreiter 1993: 38) erläutert. Ein abstraktes, spekula­tives System operiert mit Begriffen, die als Grundlagen einzelner Systeme, unserer sinnlichen Erfahrung nicht gerecht werden. Sie bieten Ordnungsstrukturen, “die nur der Sprache inne­wohnen und nun fälschlicherweise als wirklichkeitsadäquate Welterklärung ausgegeben wer­den” (Kurzreiter 1993: 31). Nach Schopenhauer ist der unsaubere Sprachgebrauch der Anlaß zu philosophischen Scheinproblemen -- eine Auffassung, die nicht nur von Mauthner aber auch von Wittgenstein, der ja Schopenhauers Werk gelesen hat (vgl. McGuiness 1988: 39), geteilt wurde. Zur Lösung dieser erkenntnistheoretischen und ethischen Probleme schlägt Schopen­hauer ein therapeutisches Verfahren vor, das die verkehrt angewandten Begriffe wieder dort ansiedeln, wo ihr Ursprung liegt, nämlich in der konkreten Erfahrung und eben nicht im Gelehrtenjargon:

 

[Die Sprache ist sehr wohl in der Lage], den Wirklichkeitsbezügen gerecht zu werden, freilich unter der Grundvoraussetzung, daß Begriffe als das angenommen werden, was sie sind: nämlich als Vorstellungen von Vorstellungen, deren Nutzen in der Klassifizierung von Einzelerscheinungen besteht.         (Kurzreiter 1993: 34)

 

Damit nimmt Schopenhauer unter anderem Mauthners spätere Sprachskepsis vorweg, indem er die kommunikative Funktion durch “abstrakte Begriffsakrobatik” gefährdet sieht. Damit sind natürlich die idealistischen, akademischen Philosophien der Universitätslehrer Fichte, Schelling und vor allem Hegel gemeint. Hegel hat auf Kosten des Staates eine Kathederphilosophie entwickelt, die sich selbst in Büchern, Studenten und abstrakten Weisheiten instand hielt, damit aber die natur- und geisteswissenschaftliche Forschung beeinträchtigt hat. Es wäre Schopen­hauer lieber, auf Kant zurückzugehen als auf Hegels Grundgedanken, “‘eine auf den Kopf gestellte Welt, eine philosophische Hanswurstiade [... dessen Vortrag] an die Deliramente [...] der Tollhäuser erinnert’” (in: Kurzreiter 1993: 37). Eben diese nichtssagenden Gedanken Hegels hat Mauthner einige Jahrzehnte später ebenfalls angegriffen.

[21]       Der Unterschied zwischen intuitiver und abstraktiver Erkenntnis, den man im Prolog zum Sentenzenkommentar finden kann, besteht darin, daß intuitive Erkenntnis uns Erkenntnis­se über die Existenz (“ob es ist oder nicht ist”) vermittelt und diese Existenz evident erkannt wird; außerdem bezieht sich evidente Erkenntnis auf das “unmittelbare” Wissen, daß eine bestimmte kontingente Wahrheit einer anderen “inhäriert” oder aber, daß ein bestimmtes Prädikat einem Existierenden zukommt oder nicht. Abstraktive Erkenntnis gibt diese Evidenz der Existenz eines kontingenten Dinges nicht, abstrahiert also von diesem Problem. Das bedeutet also, daß unsere Erfahrungen mit intuitiven Erkenntnissen über die (Nicht-)Existenz rein zufälliger Dinge anfangen. Nur intuitiv haben wir die Dinge konkret vor uns und ist es möglich “evidente Sätze bezüglich zufälliger Sachverhalte” (Imbach 1981: 233) zu bilden. Diese Evidenz fehlt bei abstraktiver Erkenntnis. Auf diese beiden Erkenntnisweisen werde ich im Rahmen der Mauthnerschen Sprachskepsis noch näher eingehen (vgl. Wilhelm von Ockham 1984: 147ff.).

[22]       So stellt Mauthner fest, daß die Deontologisierung von Gattungs- und Artnamen zum Zusammensturz von Anselm von Canterburys (1033-1109) “Gebäude des ontologischen Gottesbeweises” (Wb I/2: 422) führen mußte. Dem höchst Vollkommenen inhäriert grundsätzlich auch der begriff der Existenz, ohne den es nicht vollkommen wäre. Die Existenz Gottes ist aber nur mit der menschlichen Vernunft, also nicht ontologisch, zu begründen. Logisch ist dieser Beweis umstritten, wenn nicht falsch. Diese Falschheit besteht also darin, daß man nicht automatisch und zwingend von einem Begriff auf die objektive Existenz eines subjektiv Gedachten schließen kann. Mauthner würde hier die Substantialität von Gott als Grundproblem hervorheben.

[23]       Interessant ist in diesem Zusammenhang der Begriff “Psychologismus”, die Auffas­sung, daß die Psychologie als Grundwissenschaft logischer Vorgänge aufzufassen ist. Der Begriff kam erst um 1900 richtig in Schwung. Vor allem die logistischen, antipsychologisti­schen Auffassungen Gottlob Freges (1848-1925) und die psychologistischen des jungen Edmund Husserl (1859-1938), beide Zeitgenossen Mauthners, haben ihre Wirkung im Rahmen der Disziplinentrennung, der Autonomie der Philosophie, Logik, Psychologie und der Linguis­tik, nicht verfehlt. Wurde der Psychologismus von manchem Wissenschaftler, wie Frege, abschätzend beurteilt, Husserl stand ihm schwankend gegenüber, aber Mauthner bezeichnete ihn als einen Ehrentitel:

 

Mauthner suggested that a consistent Kantian epistemology should bear the title ‘psycholo­gism’as an ‘honorary title’. For Mauthner, Kant had shown ‘the anthropomorphism of every possible worldview’. And thus all normative questions had to go by the board: ‘Once Kant directed his critique against knowledge itself, all rules and dogmas failed, and one had to confine oneself to a mere description. The critique of knowledge became ... elementary psychology, and this critique might be given the honorary title of ‘psychologism’’                                                                        (Kusch 1995: 115)

 

Für Husserl und Frege war es wichtig, die Gedanken oder Objekte des Denkens und den subjektiven Vollzug des Denkens voneinander getrennt zu betrachten, damit die Frage zur Priorität der Logik oder der Psychologie sich wie von selbst auflöste. Für Mauthner war es, wie bereits im vorigen Kapitel dargelegt, von großer Bedeutung, die Priorität der verbalen Handlungen des Denkens/Sprechens nachzuweisen und diese von einer unerklärbaren objekti­ven Wirklichkeit abzugrenzen.

[24]       So findet man im Wb zum Thema ‘Anpassung’ die etymologische Erklärung dieses Begriffes und aus dieser Erklärung folgt, daß man wohl ‘Anpasssung’ für das Phänomen der Anpassung von Organismen an seiner Umgebung gewählt hat, weil diese Adaptation von lat. aptus, in guter Ordnung gefügt, geschickt, wohl angebracht, zweckdienlich, eine verstandesmäßige Erklärung ausklammerte -- also eher eine Frage der Bequemlichkeit! --; mit diesem inneren Zweck ist die Anpassung kaum erklärt, nur die Art und Weise, wie der Mensch über Anpassung -- und dasselbe gilt für Vererbung, wo eine Übernahme des juristischen Begriffs der Vererbung auf der Hand liegt -- denkt (vgl. Wb I/1: 49f.).

[25]       Diese Auffassung von der lebendigen Rede, dem gesprochenen Wort gegenüber dem geschriebenen, von den stets vorübergehenden Lauten, die jeweils die äußere Seite der subjek­tiven Weltansicht bilden und zum Ausdruck bringen (artikulieren), und außerdem das Denken gliedern, findet man bereits im sprachtheoretischen Werk Wilhelm von Humboldts (1767-1835). Humboldt hat sich zeitlebens darum bemüht, das Charakteristische an den einzelnen Sprachen der Erde in den Griff zu bekommen (vgl. Borsche 1981: 138; Vonk 1985). Nur so kann eine adäquate Beschreibung der Sprachträger, des Volkes oder aber der Nation, gegeben werden. Für Humboldt war das wahre Wesen der Sprache eben ihre Lebendigkeit, energeia, und kein totes Machwerk von Wörtern, ergon. Sprache ist grundsätzlich ein soziales Phänomen und die Daten der sinnlichen Erfahrung können mit Hilfe von (Sprach-)Zeichen andern vermittelt werden. Als praktisches Verständigungsmittel erfüllt die Sprache ihre Funktion ausreichend.

[26]       Bekanntlich hat sich der späte Wittgenstein der Philosophischen Untersuchungen zu dieser therapeutischen Aufgabe seiner Art und Weise zu denken, geäußert: “309. Was ist dein Ziel in der Philosophie? -- Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen” (Wittgenstein 1945: 378). Wörter haben keine festgelegten Bedeutungen, sondern diese hängen von prakti­schen Gebrauchsweisen ab -- obwohl viele Gebraucher sich dem Leimstock im Fliegenglas verschrieben haben und keinen Ausweg mehr sehen. Mauthner, wie später auch Wittgenstein, ist der Fremdenführer, der den Zuhörern klarzumachen versucht, in welcher Stadt oder in welchem Dorf bestimmte Begriffe verwendet werden oder nicht. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Bemerkung Wittgensteins über das Verfahren jener Führung. Man soll den Leuten zuerst das Wesentliche, die Hauptstraße, zeigen und nachher die Nebenstraßen. Für den Fremdenführer, der sich vor allem auch für Nebenstraßen interessiert, ist es erforderlich, daß er sich der Hauptstraße erinnert: “‘Die wirkliche Schwierigkeit der Philosophie ist eine Sache des Sicherinnerns’ ” (in: Schulte 1989: 136). Das Sicherinnern, nämlich an das sinnlich Wahrgenommene, ist ein Kernstück von Mauthners Sprachkritik. Wörter nämlich sind Zeichen für die “normalerweise täuschenden Eindrücke unserer Sinne, ‘Zufallssinne’, Zeichen von Zeichen” (in: Eisen: 1929: 4).

[27]       Hier ist vor allem auf Otto Neurath (1882-1945) hinzuweisen. Seine Auffassung eines enzyklopädischen, wissenschaftstheoretischen Holismus stellt Sätze, Satzklassen, Theorien und Modell-Enzyklopädien “in einem kohärenztheoretischen Begründungs- und Wahrheitszusam­menhangs” (Stadler 1997: 516) zur Debatte. Die Wahrheitsansprüche von wissenschaftlichen Behauptungen folgen demnach nicht aus einer Korrespondenz von Aussagen mit nicht-sprachlichen Gegenständen und Sachverhalten, sondern im Zusammenhang mit anderen Aussagen, Behauptungen usw. Gegen Moritz Schlick (1882-1936), Vorkämpfer der Korres­pondenztheorie, brachte Neurath folgende Einwände ein:

 

1. es gibt für das wissenschaftliche Sprechen keine absolute Gewißheit, da alle Realsätze, auch die Protokollsätze [eine haargenaue sprachliche Wiedergabe von unmittelbaren subjek­tiven Erfahrungen - fv], grundsätzlich geändert oder gestrichen werden können; 2. es gibt kein eindeutiges Kriterium der Wahrheit oder Verifikation, sondern nur ein komplexes, unüberschaubares und unabschließbares Zusammenspiel zwischen immer wieder renovierba­ren Wissensgebäuden und einzelnen Protokollsätzen, die wir zu ihrer Stützung hinzuziehen können; 3. nicht irgendein undurchführbarer Vergleich zwischen sprachlichen Aussagen und ‘wirklicher Welt’ oder irgendwelchen Erlebnissen charakterisiert den Empirismus, sondern sein Bestreben, die Sätze der Wissenschaft in kohärente Übereinstimmung zu bringen mit möglichst vielen Protokollaussagen, wobei es im Falle einer Nichtübereinstimmung einen Entscheidungsspielraum dafür gibt, was wir verändern oder streichen wollen, Teile des theoretischen Sprachsystems oder bestimmte Protokollaussagen; 4. Schlicks ‘Konstatierung­en’ [‘reine Aussagen über gegenwärtig Wahrgenommenes von der Form Hier jetzt so und so’ - fv] sind metaphysische Elemente, die aus dem Wissenschaftsbereich weggeräumt werden müssen.                                                                                                                                                                                    (Geier 1992: 121f.)

 

Neuraths Kohärenzprinzip, das die Gegenstandswelt als solche gleichsam ausklammert, oder wenigstens eine geringere Rolle zukommen läßt als Schlick, könnte man in gewissem Sinne ‘sprach­kritisch’ nennen. Mauthners Auffassung der Zufallssinne und des Wortaberglaubens, seine antimetaphysische Gesinnung und seine Skepsis hinsichtlich der Dingwelt sind kohärenztheore­tische Prinzipien. Die Sprache ist nicht imstande, eine adäquate Abbildung der konstatierten, adjektivischen Wirklichkeit zu geben. Die Sprache ist faktisch die einzige Wahrheitsstütze im menschlichen Leben. Zu Neuraths “Sprachkritik” vergleiche man auch Leinfellner (1995: 155f.). Sie sieht eine klare Verwandtschaft zwischen Mauthners und Neuraths Ansichten, weil auch “Neurath [...] vom Wort (besser: Lexem) ausgeht; daher betont Neurath immer wieder den Wert der Terminologie. Auch besteht Neurath, so wie Mauthner, auf dem sozialen Charak­ter der Sprache [wie übrigens auch der späte Wittgenstein der Philosophischen Untersuchung­en -fv] und der Unbestimmtheit der Bedeutung”. In Anlehnung an Mauthners Skepsis hinsicht­lich der Funktion des Denkens in den Wissenschaften sind auch die Theoretiker des Wiener Kreises davon überzeugt, daß in philosophischen Systemen das Denken ein überflüssiges Element ist. Das Mißtrauen gegenüber der natürlichen Sprache hat, wenn Denken und Sprache zwei Seiten einer Medaille sind, Folgen für die erkenntnistheoretisch, d.h. sprachkritisch begründete Kritik an der Funktion der Sprache für die Darstellung der Wirklichkeit (vgl. Leinfellner 1995: 156).